HintergrundFamilie

Von wegen Geschwisterliebe!

Martin Rupf
Zürich, am 15.08.2022

Keine Beziehung dauert in der Regel länger als jene zu seinen Geschwistern. Doch diese ist nicht zwingend von Liebe geprägt, sondern Rivalität und Eifersucht können genauso präsent sein. Was sind die Gründe und wie gehen Eltern damit um? Eine Expertin gibt Auskunft.

Meine Schwester und ich: Vor 42 Jahren haben wir uns kennen, schätzen und lieb… stopp! Haben wir uns wirklich lieben gelernt – im platonischen Sinn natürlich? Ja, sie bedeutet mir viel. Und selbst wenn unser Kontakt heute nicht besonders eng ist, so freue ich mich doch immer, sie und ihre Familie zu sehen. Ob das meine Schwester auch so sieht? Ganz ungetrübt dürfte ihr Blick in die Kindheit nicht sein. Der Grund: Wohl nicht zuletzt meiner Eifersucht auf meine zwei Jahre jüngere Schwester geschuldet, liess ich manchmal keine Gelegenheit aus, sie zu piesacken. Tatsächlich können wohl viele Geschwister ein Lied davon singen, wie sie entweder ihre Schwester oder ihren Bruder plagten oder umgekehrt von diesen immer wieder schikaniert wurden. Da ist schon mal der Bruder «versehentlich» im Buggy die Treppe heruntergestossen worden, das geliebte Spielzeug war plötzlich nicht mehr auffindbar oder das Backstreet-Poster war wie von Geisterhand von der Wand heruntergerissen. Die Folge von Geschwistereifersucht sind Wutanfälle – Gemeinheiten oder aber Gleichgültigkeit können ebenso die Folge sein. Folgen, die vor allem Eltern im Auge behalten sollten. Maya Risch, Erziehungsberaterin und zweifache Mutter zweier Söhne im Teenageralter, verrät, was es mit der Eifersucht unter Geschwistern auf sich hat und ob es günstigere und ungünstigere Geschwisterkonstellationen gibt in Sachen Eifersucht.

Frau Risch, haben Sie Geschwister und wenn ja, wie lief das in Ihrer Kindheit ab?
Maya Risch: Ich habe eine drei Jahre jüngere Schwester. Ich erinnere mich gut, wie ich manchmal eifersüchtig war auf sie und wir deswegen auch immer mal wieder stritten. Auch erinnere ich mich gut daran, dass unsere Mutter die Auseinandersetzungen fast nicht ausgehalten hat und diese unterbinden wollte. Oft bekam ich dabei zu hören; «du bist doch die Grosse, sei doch bitte vernünftig». Das fand ich unfair und es hat meine Eifersucht eher befeuert. Ich hatte dadurch oft den Eindruck, meine kleine Schwester sei die Liebe und von mir wurde erwartet, lieb zu meiner Schwester zu sein. Doch es passierte dann eher das Gegenteil. Sodass ich meine Schwester nämlich öfters hinten herum zu plagen begann.

Wie ist Ihre Beziehung zu ihrer Schwester heute? Schwingt die Eifersucht bis heute nach?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir haben beide eine ziemlich unterschiedliche Lebensform gewählt. Wir pflegen Kontakt, auch wenn dieser heute nicht sehr eng ist.

Gibt es eigentlich günstigere und weniger günstigere Konstellationen, die sich auf die Ausprägung der Eifersucht auswirken?
Das ist eine gute Frage, und es wurde auch schon viel darüber geschrieben. So gilt etwa die allgemeine Meinung, dass die Eifersucht unter gleichgeschlechtlichen Geschwistern ausgeprägter ist als zwischen einem Mädchen und einem Buben oder aber auch, dass Geschwister mit einem kleinen Altersunterschied eifersüchtiger aufeinander sind.

Sie sagen es «gilt». Ihre Erfahrung ist also eine andere?
Ja. Ich glaube letztlich steht und fällt die Intensität der Eifersucht mit den Individuen und damit, wie ihr Umfeld mit ihnen interagiert. So hatte ein Freund von mir einen achtjährigen Sohn, als er eine Tochter bekam. Für diesen Sohn war es extrem schwer, neben sich plötzlich eine kleine Prinzessin zu haben – trotz des grossen Altersabstands.

Apropos Platz teilen. Wie wichtig ist es, das Erstgeborene auf die Ankunft seines Geschwisters vorzubereiten?
Diese Vorbereitung ist in der Tat sehr wichtig. Oft stellen Eltern an diese Vorbereitung grosse Ansprüche – auch an die Auffassungsgabe des Erstgeborenen. Wenn wir Eltern aber schon nicht wissen, wie sich die Ankunft des zweiten Kindes auf das Familienleben auswirken wird, wie soll dies dann ein Kleinkind einschätzen können? Wenn das Baby erst einmal da ist, empfiehlt es sich, das Erstgeborene in die Tätigkeiten zu integrieren – dass es also zum Beispiel auch mal bei der Pflege des Babys mithelfen darf. Aber Achtung: Wenn das Erstgeborene eventuell etwas grob zum Baby ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es eifersüchtig ist. Kleinkinder haben oft schlicht noch kein Gespür dafür, was zu viel ist und brauchen eine liebevolle Begleitung und eine Anleitung, wie sie mit dem Baby umgehen dürfen. Doch nicht nur die Eltern können einen Beitrag leisten, dass das Erstgeborene weniger eifersüchtig wird.

Mein kleines Geschwisterchen kommt schon bald (Sandra Ladwig)
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Mein kleines Geschwisterchen kommt schon bald (Sandra Ladwig)
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Sondern?
Auch das engere Umfeld. Indem man zum Beispiel als Besucherin nicht automatisch auf das Baby zusteuert und ihm die ganze Aufmerksamkeit schenkt, sondern sich vielleicht zuerst dem Erstgeborenen zuwendet. Wenn das ältere Geschwister Tag für Tag erleben muss, wie die ganze Aufmerksamkeit zum anderen Kind geht, ist es völlig normal, dass es sich in die zweite Reihe zurückgestellt fühlt.

In welchem Alter ist die Geschwistereifersucht in der Regel am deutlichsten ausgeprägt?
Das lässt sich nicht generell sagen. Nehmen wir meine beiden Söhne, die im Abstand von drei Jahren zur Welt kamen. Am Anfang hat sich der Ältere sehr gefreut und war sehr interessiert und liebevoll. Erst als der Kleine begonnen hat, zu gehen, hat sich Eifersucht beim Älteren bemerkbar gemacht. Der Grund: Der Ältere realisierte in diesem Augenblick, dass seine Autonomie, sein Raum – ja seine Spielzeuge – bedroht waren.

Maya Risch:«Herausfordernd wird es oft dann, wenn das Zweitgeborene plötzlich schneller, klüger oder mutiger. wird und somit die natürliche Rangordnung auf den Kopf zu stellen droht.»
Maya Risch:«Herausfordernd wird es oft dann, wenn das Zweitgeborene plötzlich schneller, klüger oder mutiger. wird und somit die natürliche Rangordnung auf den Kopf zu stellen droht.»

Woher kommt die Eifersucht unter Geschwistern überhaupt?
Da gibts natürlich ganz viele Gründe. Ganz konkret ist es auch eine Frage der Ressourcen der Eltern, die zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Kinder je nachdem in ganz anderen Situationen stecken und eventuell ganz unterschiedlich belastbar sind. Herausfordernd wird es oft dann, wenn das Zweitgeborene plötzlich schneller, klüger oder mutiger wird und somit die natürliche Rangordnung auf den Kopf zu stellen droht. Und natürlich ist es für das Erstgeborene immer eine extreme Umgewöhnung, wenn es plötzlich alle Ressourcen mit einem Geschwister teilen muss. Der verstorbene Familientherapeut Jesper Juul hat es mal so veranschaulicht: Stellen sie sich als Mann vor, ihre Frau bringt plötzlich einen zweiten Mann nach Hause und sagt: «Das ist der Peter, der wohnt ab jetzt hier. Ich habe euch aber beide gleich gern, heisse ihn also bitte herzlich willkommen.» Etwa so erleben Erstgeborene die Ankunft ihres Geschwisters.

Geschwister zanken sich regelmässig und das ist normal. Wieso ist ein gesundes Mass an Reibung und Rivalität gut für Geschwister?
Streit und Auseinandersetzungen – auch der Eifersucht geschuldet – sind eine grosse Chance für Geschwister. Nämlich, sich durchzusetzen zu lernen und Grenzen zu setzen. Seine Geschwister hat man sich nicht ausgesucht, die hat man einfach. Deshalb sollten Eltern auch nicht automatisch davon ausgehen, dass sich ihre Kinder besonders lieben sollen und werden. Aber gerade, weil die Geschwisterbeziehung einfach gegeben ist, erlaubt das den Geschwistern auch mal über die Grenzen zu gehen. Denn egal wie heftig der Streit oder die Auseinandersetzung war, die Beziehung hält trotzdem Bestand. Manchmal haben meine Jungs so heftig gestritten, dass mir das eigentlich zu weit ging. Wenn ich sie dann fragte, ob das noch ok sei, sagten sie oft «ja». Bei Jungs werden die Konflikte dabei oft physisch, bei Mädchen eher verbal ausgetragen. Gerade für mich, die mit einer Schwester aufgewachsen ist, ist und war es nicht immer einfach, richtig einzuschätzen, ob und wann ich bei einem Streit meiner Jungs eingreifen sollte.

Das führt zur Frage, wann es als Eltern angebracht ist, in einen Konflikt einzugreifen oder einem Eifersuchtsmuster entgegenzuwirken?
Wie überall in der Erziehung ist es zentral, die Dinge zu verbalisieren und zu benennen. Ich höre oft von älteren Menschen, aber auch Fachpersonen, dass es früher für die Eifersucht und viele andere Gefühle im Familienleben schlicht keine Worte gab. Anerkennen zu können, dass es Eifersucht unter Geschwistern gibt, ist schon ein grosser Schritt. Wenn Eltern sich dessen nämlich erst mal bewusst sind, merken sie, dass Sätze wie «lass doch den Kleinen» oder «stell dich nicht so an, die Kleine kann das doch auch» nicht zielführend sind.

Vergleiche dürften wohl sowieso ein No-Go sein, will man die Eifersucht unter seinen Kindern nicht befeuern?
Absolut. Vielmehr sollten Eltern versuchen, jedes Kind mit all seinen Stärken und Schwächen als Individuum wahrzunehmen und auf Vergleiche verzichten. Und auf noch etwas sollten wir Eltern verzichten.

Nämlich?
Versuchen, bei einem Streit oder einer Auseinandersetzung Schiedsrichter zu sein. Wir Eltern können bei keinem Streit wirklich objektiv sein. Denn wir sehen eigentlich fast nie alles, was einem Streit vorausgegangen ist. Vielmehr sind bei einem Streit oft beide Kinder in Not und wissen nicht mehr weiter. Dann macht es am meisten Sinn, sich ehrlich für die Kinder zu interessieren und Empathie für beide zu zeigen. Kinder brauchen Begleitung, um ihre starken Gefühle zu regulieren.

Haben Sie konkrete Tipps, was zu tun ist, wenn zum Beispiel ein Kind immer das Gefühl hat, es kommt zu kurz oder es bekomme immer das kleinere Stück vom Kuchen ab?
Kürzlich hat eine Grossmutter an einem Workshop von mir teilgenommen. Sie hat mir erzählt, dass ihr älterer Enkel eifersüchtig war auf den jüngeren und diesen nicht mit seinem Spielzeug spielen liess. Da habe sie den Grösseren zu sich genommen und ihn gefragt, was er denke, für welche Spielsachen er wohl schon zu gross sei und ob er eventuell teilen könne. Er habe dann einen Teil der Spielsachen in eine Box für den Kleineren getan. Was ich damit sagen will: Diese Grossmutter hat die Eifersucht ihres Enkels ernst genommen und ihn auf eine gute Weise abgeholt.

Also einfach mit den Kindern sprechen hilft?
Jein. Bei Eifersucht hilft logisches Argumentieren meistens nicht, da sind schlicht zu viele Emotionen im Spiel. Eifersucht ist immer subjektiv und emotional. Kürzlich habe ich einen schönen Witz dazu gehört. Eine Mutter teilt ein Stück Kuchen exakt in zwei gleich grosse Teile und gibt diese ihren zwei Buben. Da schreit der Ältere: «Das ist unfair, die beiden Stücke sind gleich gross.» Manchmal sind es vermeintlich kleine Sachen, welche Kinder eifersüchtig machen. So habe ich unseren Kleineren eine Zeit lang immer zuerst ins Bett gebracht. Der Ältere wurde deswegen eifersüchtig, konnte aber nicht sagen, was ihn störte. Erst, als wir ihn darauf ansprachen, sagte er, dass er sich wünsche, dass ich mich beim Zubettgehen zuerst um ihn kümmere.

Finden rivalisierende Geschwister in der Regel als Erwachsene zueinander? Oder anders gefragt: Kommt es oft vor, dass eine Eifersucht im Kindesalter sich negativ auf die Beziehung im Erwachsenenalter auswirkt?
Das kann tatsächlich passieren. Es kann Konstellationen geben, wo das eine Geschwister sich dauernd zweitrangig fühlt oder tatsächlich vernachlässigt wird und die Eltern nie etwas unternommen haben, diesem gefühlten Ungleichgewicht etwas entgegenzusetzen. Das kann in der Tat gröbere Verletzungen hinterlassen. Dann kann es vorkommen, dass sich die Geschwister für den Rest ihres Lebens aus dem Weg gehen, sobald sie können. Umgekehrt ist es auch nicht gut, wenn Eltern immer und überall beim kleinsten Anzeichen eines Streits einschreiten.

Weshalb?
Weil dies den Geschwistern verunmöglicht, eine eigene Beziehung untereinander aufzubauen. Denn wie oben bereits erwähnt, lernen die Kinder mit jedem Konflikt nicht nur etwas, sondern diese Konflikte und gemeinsamen Erlebnisse ermöglichen ihnen überhaupt, eine Beziehung zueinander aufzubauen.

Letzte Frage: Nicht selten bekommen Eltern von ihren Kindern den Satz «du hast mich ja doch viel weniger gern als mein Geschwister» zu hören. Was, wenn das sogar stimmt. Ich also zu einem meiner Kinder einen besseren Draht habe und das andere dies genau spürt?
Das kommt sogar öfters vor, als man denkt. Es ist aber gleichzeitig auch ein grosses Tabu, weshalb Eltern nicht gerne darüber sprechen. Denn wir Eltern haben den Anspruch, all unsere Kinder im gleichen Masse zu lieben.

Ich auch!
Wir alle tun das. Nur: Es ist erstens völlig normal, dass es Phasen gibt, in denen wir zu einem Kind einen besseren Draht haben als zum anderen. Das ging auch mir nicht anders. Es gab eine Zeit, da hatte ich zum einen Sohn weniger Verbindung, was mich traurig machte. Wichtig ist aber, das zu akzeptieren und nicht so zu tun, als sei diese Ungleichheit nicht vorhanden. Gerade weil das «weniger geliebte» Kind dies genau spürt, sollte man versuchen, mit ihm darüber zu sprechen. «Ja, ich fühle mich deinem Geschwister gerade näher, das ist auch für mich gerade sehr schwierig. Ich wünsche mir, dass auch unsere Verbindung wieder eine engere wird.»

Ein Grund sind Phasen sagen Sie. Der zweite Grund?
Es ist normal, dass es zwischen einem Elternteil und einem Kind auch eine stärkere Verbindung geben kann – diese nennt man intuitive Verbindung. Es ist ein Fakt, dass wir es mit den einen Menschen besser können als mit anderen. In einem Verein oder bei der Arbeit finden wir daran nichts Schlimmes. Wieso sollte das in einer Familie anders sein? Entscheidend ist, dass wir uns dessen bewusst sind und unser Verhalten auch diesem Umstand anpassen kann. Sprich; uns damit auseinandersetzen, wie wir mit dem Kind, zu dem wir weniger Verbindung spüren, wieder vermehrt in Beziehung gehen können.

Titelbild: Shutterstock

Maya Risch arbeitet als Familienberaterin, ist Familylab-Seminarleiterin und Waldkindergartenlehrperson. Sie lebt mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Zürich-Oerlikon.

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Zweifachpapi, nein drittes Kind in der Familie, Pilzsammler und Fischer, Hardcore-Public-Viewer und Halb-Däne. Was mich interessiert: Das Leben - und zwar das reale, nicht das "Heile-Welt"-Hochglanz-Leben.


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