Von Mode- zu Sterbewelten

Von Mode- zu Sterbewelten

Pia Seidel
Zürich, am 11.02.2020
Bitten Stetter entwirft jahrelang unbekümmerte Mode. Dann wird ihre Mutter krank. Seither designt sie Dinge, die Menschen auf dem Sterbeweg würdevoll begleiten sollen.

Wie ein Krankenhaus und Technoclub zugleich. So fühlt sich dieser neonbeleuchtete Ausstellungsraum an. Ich schaue auf ein kühles Metallgestell, gleich daneben steht ein Krankenbett. Daran hängen zwei Bildschirme: Der eine zeigt Bilder von Toilettenstühlen, Erwachsenenwindeln und Pillendosen. Der andere Beissringe, Lätzchen und Mobiles. Die bunte, schöne Welt von Neugeborenen trifft auf die lieblose der Senioren. Das widerspiegelt den gesellschaftlichen Umgang mit dem Leben und dem Tod perfekt.

Bitten Stetter möchte mit ihrer Ausstellung «DEATHign your final life», in der sich alles um die letzte Reise dreht, genau auf diesen Kontrast aufmerksam machen. Die diplomierte Schneiderin und Kuratorin kehrt der Mode den Rücken zu, als ihre Mutter todkrank wird. Sie will kein Teil der übersättigten Bekleidungsindustrie mehr sein. Sie will etwas bewirken und richtet ihren Fokus auf die Palliativpflege. Als Professorin des Studiengangs Trends & Identity an der ZHdK widmet sie ihre Dissertation «Things of Dying» – Sterbedingen.

Der unabdingbare Tod

Die letzte Lebensphase ist die einzige, die in unserer westlichen Welt noch tabuisiert wird. Das zeigt sich in der begrenzten Auswahl und der Ästhetik von Sterbedingen. «Es gibt zahlreiche Baby-Strampelanzüge. Aber nur eine Art von Pflegehemd, das weder qualitativ noch optisch speziell ist. In diesem Bereich herrscht eine regelrechte Design-Wüste», bemerkt Bitten. Als ich kurz darauf durch unser Sortiment stöbere, sehe ich, was sie meint: knapp 50'000 Babyartikel und rund 150 Senioren-Alltagshilfen finde ich, darunter einen einzigen WC-Stuhl.

Ein Toilettenstuhl dient bettlägerigen und körperlich eingeschränkten Menschen. Er ist meist mobil und kann direkt neben dem Bett benutzt werden.
Ein Toilettenstuhl dient bettlägerigen und körperlich eingeschränkten Menschen. Er ist meist mobil und kann direkt neben dem Bett benutzt werden.

Die Vielfalt im Design beginnt mit der Geburt und hört bei der Silver Society auf. Erst nach dem Tod gibt es zahlreiche Möglichkeiten, eine Beerdigung oder ein Grab persönlich zu gestalten. «Eine Skinny Jeans deutet darauf hin, dass den Trägern ihr Aussehen wichtig ist und sie einen gesunden Lifestyle haben. Denkst du aber an Erwachsenenwindeln, oder betrachtest du einen Toilettenstuhl aus Metall und Kunststoff, tun sich Horrorbilder auf», sagt Bitten.

Gestaltungslücken

Obwohl Bitten auf der letzten Reise ihrer Mutter emotional involviert ist, legt sie ihre Profession nicht ab. Sie stellt fest, dass es in der Pflege nicht nur an Schönheit, sondern auch an den gewissen Dingen fehlt. Auch Kleinigkeiten fürs Wohlbefinden wie wie Grusskarten mit einem geeigneten Spruch gibt es nicht. Geburtstags- oder Trauerkarten findest du hingegen en masse. «Der medizinische Bereich ist zwar technisch weit entwickelt, aber Erkenntnisse zum Effekt von Design fehlen», sagt Bitten.

Besonders am Toilettenstuhl zeigt sich, dass wir statt Fort- sogar Rückschritte im Design von Sterbedingen machen. Er dient als WC-Ersatz, wenn körperlich eingeschränkte Menschen den Weg zum Badezimmer nicht alleine bewerkstelligen können. Pflegende stellen ihn bei Bedarf ans Bett, um den Betroffenen auf den Stuhl zu helfen. Aus institutioneller Sicht erfüllt der WC-Ersatz alle Ansprüche: Er ist höhenverstellbar, besitzt schwenkbare Armlehnen und ist aus wasserabweisendem Material. Einige Modelle besitzen Rollen. Alle Varianten haben in der Sitzfläche ein Loch. Es wird oft von einer gepolsterten Auflage verdeckt. Darunter befindet sich ein Eimer, der sich von Pflegenden herausnehmen lässt, um die Fäkalien auszuleeren.

Aus menschlicher Perspektive aber wirkt er steril, kühl und stillos. Das liegt vor allem an der fehlenden Farbe und dem unangenehmen am Körper klebenden Kunststoffbezug. Heitere Pastelltöne wie Lavendel oder Zitronengelb sind keine Option. «Die Auflagen gibt es in einem kühlen Blau, Schwarz oder etwas freundlicherem Grau. Weiss wäre zu empfindlich. Rot zu knallig. Weil Farbe an Zeitgeist- und persönlichen Geschmack gebunden ist, ist die Auswahl in Institutionen reduziert», erklärt Bitten.

“ Ich bin davon überzeugt, dass uns die letzte Lebensphase auch Angst macht, weil sie so hässlich ist. ”
Bitten Stetter
Bitten Stetter in ihrem Büro an der Zürcher Hochschule der Künste. Hier lehrt sie in der Fachrichtung Trends & Identity und im MA Design.
Bitten Stetter in ihrem Büro an der Zürcher Hochschule der Künste. Hier lehrt sie in der Fachrichtung Trends & Identity und im MA Design.

Das war nicht immer so. In den Diashows der Ausstellung sind auch schöne Entwürfe von alten Designs zu sehen. Die ersten Nachtstühle aus dem frühen 20. Jahrhundert sind aus Holz und aufwendig verziert. Sie haben einen geschlossenen Kasten, der eine Öffnung auf der Oberseite und einen Klappdeckel besitzt und wurden damals im Kurbereich eingesetzt. Erst später, als die Innentoilettenspülung möglich wird, braucht man sie im Kurbereich und Krankenhäusern für körperlich eingeschränkte Patienten. Langsam verschwinden sie aus den eigenen vier Wänden und verlieren ihr persönliches Aussehen.

Für Pflegeinstitutionen mussten Toilettenstühle kostengünstiger, stapelbar und hygienischer sein. Obwohl es heute längst möglich ist, einen hygienischen Stuhl ähnlich wie einen WC-Sitz aus Holz herzustellen, macht das keiner. Bei ihrer Recherche findet Bitten lediglich einen Designer, der einen modernen Nachtstuhl fürs Camping entwickelt hat. Dabei hat das Design von Gegenständen und Möbeln einen direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden.

Fehlendes Design führt zu Krisen

Design von Gegenständen und Möbeln hat einen direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden. «Ich habe eine Krise erlebt, die immer wieder aufgetaucht ist», erzählt Bitten. «Wenn der Mensch und sein Bewegungsradius sich einschränkt, dann hortet man die Sachen auch im Bett. Dann kommen die Pflegenden für tägliche Arbeiten am Pflegebett. Sie räumen die Sachen raus und vergessen diese teilweise aufgrund des hohen Arbeitsvolumens wieder zurückzulegen. Das führt dazu, dass der Mensch keinen Zugriff mehr auf seine Habseligkeiten hat.»

Der physisch unerreichbare Nachttisch wird ähnlich wie der WC-Stuhl zum Symbol des Autonomieverlusts. Beide Sachen erfüllen pflegebedürftige Menschen mit Scham. Der Stuhl, weil er der Notdurft dient. Der Tisch, weil er dazu zwingt, jedes Mal aufs Neue um Hilfe zu bitten.

Die Trendexpertin hält regelmässig Vorträge über «Care Futures» und spricht über neue Handlungsräume von Design im Spannungsfeld von Krankheit, Sterben und Gesundheit.
Die Trendexpertin hält regelmässig Vorträge über «Care Futures» und spricht über neue Handlungsräume von Design im Spannungsfeld von Krankheit, Sterben und Gesundheit.

Aus der Not heraus bringt Bitten einen banalen Fahrradkorb von Zuhause mit, den sie am Bett befestigt. Er ist in Reichweite und verschiebbar. «Interessant war an diesem Objekt, dass es zum Kommunikationsmittel wird», erläutert Bitten. Pflegende bezeichnen ihn als Koffer, den Patienten fürs Lebensende packen. Deshalb läge darin ihrer Meinung nach auch so viel Krimskrams. Die Objekte sind einerseits funktional, andererseits kommunizieren sie nonverbal. «Der Fahrradkorb ist zwar nicht besonders sinnlich, aber er steht dafür, dass jemand an mich und meine Situation denkt. In jedem Auto gibt es einen Getränkehalter. Warum fehlen hier solche simplen Dinge?»

Um die palliative Pflege zu verbessern, setzt sich Bitten kritisch mit Lebensstilen am Lebensende auseinander und befragt dafür Pflegende.
Um die palliative Pflege zu verbessern, setzt sich Bitten kritisch mit Lebensstilen am Lebensende auseinander und befragt dafür Pflegende.

Ich merke im Verlaufe des Gesprächs, wie betroffen die Designerin ist. Sie spricht ruhig, ab und zu versagt ihre Stimme am Ende eines Satzes komplett. «Was mir vor allem fehlt, sind Bilder von gemeinsamen Momenten, in denen von alten Zeiten gesprochen und am Bett gelacht wird. Dabei finden wir selten solch einen ruhigen und entschleunigten Ort wie ein Krankenzimmer.»

End-of-Life-Bag

In der «DEATHign your final life»-Ausstellung befragt Bitten die Besucher, was sie in die wenigen Quadratmeter mitnehmen würden. Ich brauche ungefähr fünf Minuten, bis ich meine Gedanken sammle und meine Antwort auf das leere Blatt Papier zeichne. Sicher bin ich mir bei meiner Auswahl nicht. Über die Frage, was ich in meinen Koffer für die letzte Reise packen würde, habe ich bisher nie nachgedacht.

«Die Auseinandersetzung mit dem Lebensende ist die mit einem unsichtbaren Lebensstil. Wir kennen ihn nicht, weil wir ihn nicht an uns heranlassen», sagt Bitten. Deshalb beschäftigt sie sich mit der letzten Lebensphase. Im Rahmen ihrer angewandten Dissertation geht sie an den Ort des Geschehens: auf Palliativstationen. Dort beobachtet sie die Umgebung sowie das Personal. «Pflegende improvisieren täglich, versuchen fehlende "Palliative Care"-Objekte spontan zu kreieren – trotz Zeit- und Ressourcenmangel. So schaffen sie schönere Atmosphären. Dabei bleibt das Wissen über das "was gut tut" meist in der Institution. Es wird nur in akuten Krisen mit Angehörigen und nahestehenden Personen geteilt.» Zum anderen besucht sie Pflegemessen, recherchiert im Internet und nutzt museale Datenbanken.

«Gutes» Sterben

«Zukünftig möchte ich mit meinem Label Final Studio Kooperationen eingehen, um Dingen wie dem Toilettenstuhl ein Redesign zu geben», sagt Bitten. «Der Toilettenstuhl ist mit Scham behaftet. Es kostet Überwindung, ihn zu benutzen. Der kühle Plastikbezug macht das Ereignis nicht besser. Deshalb untersuche ich, wie Wärme erzeugt werden kann, um den Gang angenehmer zu gestalten.»

Bitten hat bereits einen Prototyp für eine Schnabeltasse designt. Sie soll Menschen dazu einladen, Fürsorge zu leisten: «Weil Betroffene nicht wissen, was sie für ihre schwerkranken Angehörigen machen sollen, sitzen viele ratlos am Bett. Einst waren sie Krankheitsmanager und die ganze Zeit am Machen. Ab dem Moment, wo es nichts mehr zu tun gibt oder sie denken, dass es nichts mehr zu tun gibt, kommt Design ins Spiel», meint Bitten.

“ Etwas Schönes und Nützliches kann aus Krisen helfen. Getränke oder einem Mundbefeuchtungsstäbchen ermöglichen soziale Interaktionen. ”
Bitten Stetter

Die Sterbedinge sollen auch Wissen vermitteln. «Ich glaube, dass das Design dieser Dinge einen wichtigen Beitrag leistet, damit wir die Angst vor unserer Sterblichkeit verlieren. Wenn uns etwas keine Angst mehr macht, hören wir auf, es zu tabuisieren.» Bitten wichtig, dass wir beginnen, uns mit dieser Lebensphase auseinanderzusetzen. «Wenn wir unser Lebensende früher planen, ohne akut betroffen zu sein, ermöglicht das ein angenehmeres Sterben.»

Ein personalisierbares Sterbeding: Die Schnabeltasse dient pflegebedürftigen Erwachsenen. Gegenwärtig gibt es sie nur als Plastikbecher mit Schnabelaufsatz. Bitten Stetter designt sie aus Porzellan.
Ein personalisierbares Sterbeding: Die Schnabeltasse dient pflegebedürftigen Erwachsenen. Gegenwärtig gibt es sie nur als Plastikbecher mit Schnabelaufsatz. Bitten Stetter designt sie aus Porzellan.

Bitten scheint sich auch selbst ein Redesign gegeben zu haben. Anders, als ich es von jemandem erwarte, der sich einst im oberflächlichen Fashion-Business bewegt hat, ist Bitten kein bisschen eitel. Sie trägt zurückhaltende Kleidung und verhält sich vor der Kamera unseres Fotografen Thomas Kunz schüchtern. Einzig ihre grosse Brille im Retrostil fällt auf. Sie lässt Bittens Augen doppelt glänzen, wenn sie darüber spricht, was ihr das Design von Sterbedingen bedeutet: «Ich glaube an die lindernde und tröstende Wirkung einer liebevollen Gestaltung des Krankseins.»

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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