Sind Hifi-Kopfhörer die besseren Gamer-Headsets?

Sind Hifi-Kopfhörer die besseren Gamer-Headsets?

Philipp Rüegg
Zürich, am 11.04.2019
Wieso kaufen wir Kopfhörer von Herstellern, die auf Peripherie spezialisiert sind, statt von renommierten Audiospezialisten? Ich mach den Vergleich zwischen dem Astro-A50-Headset und den Studiokopfhörern Beyerdynamic DT880 Pro – mit Fokus auf Surround Sound.

«Vergiss die ganzen Gamer Headsets. Wenn du Wert auf guten Sound legst, kauf dir richtige Hifi-Kopfhörer.» Diesen Satz habe ich in den letzten Jahren immer wieder gehört, wenn ich mich mit der Sound-Thematik in Games auseinandergesetzt habe. Auch die digitec-Community bläst ins gleiche Horn wie ich beim Test der neuen Logitech-Headsets festgestellt habe. «Das ultimative Sounderlebnis hat man mit der Creative Soundblaster AE5 und einem Beyerdynamic DT 770 oder 990», schreibt User Schmisi. Irgendwas muss also dran sein.

Zwar bin ich mit meinem Astro A50 äusserst zufrieden, aber das Wissen, dass der Sound noch viel besser klingen könnte, nagt an mir. Darum mache ich den Test aufs Exempel. Die Kollegen vom Category Management haben freundlicherweise bei Beyerdynamic angefragt und mir ein paar schicke Kopfhörer besorgt. Eigentlich wollte ich nur ein Modell und zwar den DT 880, dessen Name im Internet am meisten gefallen ist. Beyerdynamic hat mir jedoch gleich drei Modelle zukommen lassen. Den DT 880 Pro, ein MMX 300 und ein Custom Game.

Kopfhörer
DT 880 PRO (Over-Ear, Grau)
203.–
Beyerdynamic DT 880 PRO (Over-Ear, Grau)

Da es mir explizit um den Vergleich mit Hifi-Kopfhörern geht, fokussiere ich mich im Test auf den DT 880 Pro (250 Ohm).

Die Wahl der richtigen Kopfhörer

Auf dem Papier sind Kopfhörer von Audio- und Peripherie-Herstellern sehr ähnlich. Schalldruckpegel, Frequenzbereich, Treibergrösse sind auf beiden Seiten in verschiedenen Ausführung zu finden. Den erster Unterschied gibt es bei der Impedanz (Ohm). Während Headsets in der Regel irgendwo zwischen 16 und 80 Ohm liegen, kannst du Studiokopfhörer mit bis zu 650 Ohm kaufen. Kopfhörer mit einer grösseren Impedanz liefern höhere Auflösungen und können theoretisch den besseren Klang erzeugen. Sie benötigen aber oft Verstärker mit darauf ausgelegter Leistung. Smartphones oder Onboard-Soundkarten sind für solche Kopfhörer meist zu schwach. Hier kommt ein DAC (Digital-Analog-Konverter) ins Spiel. Dazu mehr im nächsten Punkt.

Was die Spezifikationen nicht verraten, ist, wie die Lautsprecher (Treiber) genau aufgebaut sind. Hier gibt es weit mehr Unterschiede als die Grösse (40 mm, 50 mm etc.) und da ist dann auch mein Latein erschöpft. Aber darum mache ich ja auch den Hörtest.

Professionelles Testsetup.
Professionelles Testsetup.

Wo sich Gaming-Kopfhörer von Hifi-Kopfhörer ausserdem Unterscheiden ist bei den Funktionen: Makro-Tasten, Fernbedienung, RGB-Beleuchtung, Abmischung von Game- und Chat-Sound etc. suchst du vergeblich. Wenn das Geld, das durch das Weglassen dieser Features gespart wird, in die Qualität der Lautsprecher fliesst, ist mir dieser Tausch recht.

Eine wichtige Frage ist auch: offen oder geschlossen. Kopfhörer mit offener Bauweise werden gerne in Studios eingesetzt und sollen den natürlichsten Klang liefern. Dafür hörst du aber auch jedes Geräusch von aussen. Wenn du dich damit im Zug abkapseln willst – Fehlanzeige. Geschlossene Systeme dichten den Bereich zwischen Ohr- und Treiber besser ab und sorgen damit für einen stärkeren Bass. Dafür ist auch der Anpressdruck auf den Kopf grösser.

Lass dich von der Bezeichnung «halboffen» nicht täuschen. Mit dem DT 880 Pro hörst du alles um dich herum.
Lass dich von der Bezeichnung «halboffen» nicht täuschen. Mit dem DT 880 Pro hörst du alles um dich herum.

Der DT 880 Pro ist halboffen, was ein Kompromiss aus beidem ist. Allerdings kann ich mir gar nicht vorstellen, wie Kopfhörer noch offener sein können. Habe ich die Dinger auf, höre ich jedes Wort um mich herum. Keine Spur von Isolation gegen Aussen. Vom Tragekomfort sind sie ausgezeichnet, da sie relativ wenig Druck auf den Kopf ausüben. Die Velours-Polster streicheln sich fast so geschmeidig wie ein flauschige Katze.

Kopfhörerverstärker oder lieber Onboard-Sound?

Die einfachste Methode ist es, den Kopfhörer direkt am Mainboard anzuschliessen. Was früher als absolutes No Go war, ist heute Gang und Gäbe. Die Soundchips sind deutlich besser geworden und klingen nicht mehr wie aus einer Mülltonne. Falls deine Kopfhörer wie meine Astro A50 per USB oder Toslink angeschlossen werden, übernimmt aber sowieso der Chip im Kopfhörer die Audioverarbeitung.

Der SoundblasterX G6 ist eine USB-Soundkarte und Kopfhörerverstärker in einem.
Der SoundblasterX G6 ist eine USB-Soundkarte und Kopfhörerverstärker in einem.

Schliesst du die Kopfhörer hingegen analog per 3.5-mm-Kabel an, dann kommt die Onboard-Soundkarte zum Einsatz. Je nachdem, wie viel Ohm die Kopfhörer besitzen, ist hier bereits Schluss mit Lustig. Selbst die besten Mainboards haben zu schwache Audioverstärker verbaut, um anspruchsvolle Kopfhörer mit hoher Impedanz anzusteuern. Der Sound ist dann sehr leise.

Anspruchsvolle Gemüter greifen darum zu einer Soundkarte (intern oder USB), die aus DAC und Verstärker besteht. Prinzipiell macht dieses Upgrade aus drei Gründen Sinn. Erstens, um wie oben erwähnt, Kopfhörer mit mehr Ohm anzutreiben. Zweitens, weil die Soundverarbeitung besser sein soll. Drittens, weil Soundkarten und DACs oft eine virtuelle Surround-Funktion besitzen. Ich hab zum Creative Sound BlasterX G6 gegriffen, weil das Teil im Internet in den Himmel gelobt wird. Und das Internet lügt bekanntlich nie.

Soundcheck: DAC vs. Onboard-Sound

Um die Soundqualität zu vergleichen, lasse ich meine Referenz, das Astro A50, gegen das Beyerdynamic 880 Pro antreten. In mehreren Testszenarien wechsle ich so schnell es geht, zwischen den Geräten hin und her. Da ich dafür immer erst die Windowseinstellungen ändern muss, vergehen jeweils ein paar Sekunden. Das soll laut meinem audiophilen Kollegen Aurel Stevens bereits ausreichen, dass sich das Gehirn nicht mehr an der vorherigen Klang erinnern kann. Ich kann dir aber jetzt schon verraten, dass der Unterschied sehr wohl hörbar war.

Onboard-Soundkarten sind längst nicht mehr so schlecht wie ihr Ruf.
Onboard-Soundkarten sind längst nicht mehr so schlecht wie ihr Ruf.

Zuerst vergleiche ich aber den DAC mit meinem Mainboard, um zu testen, ob der Verstärker wirklich was bringt. Ich besitze ein Gigabyte Z270X-Gaming 5, das auf den Audiochip Sound Blaster X-Fi MB5 setzt.

Testsetup * Beyerdynamic DT 880 Pro * Alle Soundeffekte deaktiviert * Stereomodus * Neutraler Equalizer * Gleiche Musik-Auswahl (Google Music 320kbits) * Gleiche Spiele-Auswahl («Overwatch», «Apex Legends», «The Division 2», «Battlefield 5», «Doom») * 7.1-Testaudio von «Soma»

Das erste, das auffällt, ist, dass das Mainboard zu wenig Spannung für den 250-Ohm-Kopfhörer liefert. Der Sound ist auf der maximalen Stufe zu leise. Das Problem umgehst du, indem du dir beispielsweise ein Modell mit 32 Ohm holst. Aber auch fernab der Lautstärke schneidet der Sound BlasterX G6 hörbar besser ab. Bei Musik fällt es am deutlichsten auf. Mit der Onboard-Karte klingt es, als ob ein leichter Nebel über der Musik hängt. Sobald ich auf den DAC wechsle, lichtet er sich und der Sound ist klar und kräftig.

Auch bei der «Soma»-Demo, wo sich der Spieler durch schummrige Gänge bewegt und aus allen Ecken unheimliche Geräuschen kommen, klingt der Sound mit dem DAC räumlicher und knackiger.

Mit seinen 250 Ohm ist der Beyerdynamic DT 880 Pro nicht der ideale Kopfhörer für den Vergleich mit einer Onboard-Karte. Dafür ist der Sound zu leise. Dennoch ist der Unterschied zum Sound BlasterX G6 klar bemerkbar. Ich muss aber auch sagen, dass der Onboard-Chip einen guten Job macht. Wer nie den Direktvergleich macht, wird auch kaum was auszusetzen haben.

Soundcheck: Beyerdynamic 880 Pro vs. Astro A50

Testsetup * Einmal mit und einmal ohne Soundeffekte * Neutraler Equalizer * Gleiche Musik-Auswahl (Google Music 320kbits) * Gleiche Spiele-Auswahl («Overwatch», «Apex Legends», «The Division 2», «Battlefield 5», «Doom») * 7.1-Testaudio von «Soma» * Testsounds für Frequenzbereich, Treiber, Dynamic Range etc.

Ohne zusätzliche Audio-Effekte (DTS:X etc.) klingt der DT 880 Pro quer durchs Feld klarer und präziser. Der Klang vom Astro A50 ist leicht verklärt und Richtungswechseln sind weniger fliessend vom einem Ohr zum andern. In «Apex Legends» ist der Qualitätsunterschied besonders auffällig. Dort klingt der DT 880 Pro, als ob er mit einer höheren Bitrate gefüttert wird.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die halboffene Bauweise. Der Sound klingt damit tatsächlich sehr luftig – fast zu sehr. Da ich auf kräftige Bässe stehe, vermisse ich den Wumms, wenn ich in «Apex Legends» eine Wingman abfeuere oder in «The Division 2» mit einer Shotgun die Strasse aufmische. Zeit, am DAC rumzuschrauben.

Da ich den Astro A50 fast ausschliesslich mit aktivierten Raumklangfunktion DTS Headphone:X 2.0 betreibe, mache ich einen zweiten Vergleich mit Audio-Effekten. Beim Sound BlasterX G6 stelle ich in der Sound-Blaster-Connect-Software Surround auf 40/100, Crystalizer auf 50/100 und den Bass auf 50/100. Ausserdem aktiviere ich den 7.1-Modus.

Die Soundblaster-Connect-2-Software hilft beim Feintunen der Kopfhörer.
Die Soundblaster-Connect-2-Software hilft beim Feintunen der Kopfhörer.

Damit kommt der DT 880 Pro so richtig auf Touren. Beim Anfang der «Soma»-Demo umhüllt mich eine Klangkulisse aus tropfendem Wasser und unheimlichem Rauschen. Das Öffnen der schweren mechanischen Türen gibt ein befriedigendes «Katschung» von sich. Als ich auf die A50 wechsle, denke ich erst, ich hab die falsche Datei erwischt. Wo ist das Wasser, wo das Rauschen? Beim zweiten Hinhören ist es da, aber es vermischt sich zu stark mit dem Rest der Geräusche. Auch die Türen klingen beim Öffnen völlig unspektakulär.

Das gleiche Bild ergibt sich bei den Testspielen. Der DT 800 Pro liefert ein komplexeres und klareres Klangbild ab als der Astro A50. Dort rumst es zwar dank der geschlossenen Bauweise und DTS:X mehr, aber ich merke klar, wie ich mehr Begeisterung verspüre bei den Kopfhörern von Beyerdynamic. Das Klangbild ist grösser und vielfältiger, während sich beim Astro A50 Geräusche teilweise überlagern.

Da mir Beyerdynamic mit dem MMX 300 noch ein Gamer-Headset mitgeschickt hat, hab ich auch dort reingehört. Es verfügt ebenfalls über geschlossene Bauweise und liefert für mich persönlich die beste Mischung aus Klang und Bass von den dreien.

Soundcheck: Surround Sound

Die DT 880 Pro klingen besser, aber wie steht es um die Surround-Fähigkeit? Da Hifi-Kopfhörer keine eigene Software besitzen, musst du dir mit externen Mitteln behelfen. Bei mir übernimmt diese Aufgabe ebenfalls der Sound BlasterX G6. Schliesse ich die Kopfhörer mit dem 3.5-mm-Kabel an, kann ich in den Einstellungen zwischen Stereo, 5.1 oder 7.1 wählen. Schliesse ich die Kopfhörer dagegen am Mainboard an, sind sie lediglich Stereo. Den virtuellen Surround kannst du mit verschiedenen Programmen erzeugen. Windows bietet Windows Sonic for Headphones an. Für 10 Franken kannst du Dolby Atmos freischalten. Razer bietet Razer Surround und dann gibt es da noch Hesuvi, das aus einer Sammlung verschiedener Surround-Sound-Algorithmen besteht. Eine besonders ausgeklügelte Software, die aber etwas mehr Kenntnisse verlangt.

Die Software Hesuvi macht jeden Kopfhörer Surround-fähig.
Die Software Hesuvi macht jeden Kopfhörer Surround-fähig.

Alle Varianten klingen überraschend gut. Mit allen hüllt dich der Sound ein und kriegt deutlich mehr Volumen. Alle schwächeln jedoch, wenn es darum geht, Geräusche direkt hinter dir zu simulieren. Für meine Ohren klingt es dann meist wie von vorne, einfach leiser. Einen Effekt wie mit Lautsprechern, wo ich mich bei lauten Geräuschen hinter mir instinktiv umdrehen will, um nach dem Rechten zu sehen, habe ich nur einmal erlebt: und zwar in «The Division 2». Ich war mitten in einem Feuergefecht, als ich das Gefühl hatte, da ist doch was hinter mir. Im nächsten Moment sehe ich, wie einer dieser Suicide Bomber von hinten in mich reinrennt und sich in die Luft jagt. In diesem Moment hat der Surround einwandfrei funktioniert.

Genauso wie beim Klang des Headsets kommt es auch beim Surround auf die persönliche Präferenz an. Mein Favorit wäre Hesuvi, wenn die Einrichtung und die Bedienung nicht etwas umständlich wären. Die Software bietet definitiv am meisten Einstellungsmöglichkeiten. Ich bleibe bei Sound Blaster Connect, da ich mir damit zusätzliche Programme spare und das Resultat in etwa gleich gut ist.

Mikrofon

Wenn du kein Mikrofon nachrüsten willst, kannst du auch zum Beyerdynamic MMX300 greifen.
Wenn du kein Mikrofon nachrüsten willst, kannst du auch zum Beyerdynamic MMX300 greifen.

Etwas, das ich bisher nicht angesprochen habe, ist das Mikrofon. Ein entscheidender Grund, warum man sich ein Headset kauft. Hifi-Kopfhörer wie der DT 880 Pro besitzen keines. Allerdings gibt es praktische Ansteckmics wie das Antlion Modmic. Das klebst du an der Ohrmuschel an und das zusätzliche Kabel führst du am bestehenden Kopfhörerkabel entlang. Alternativ benutzt du ein Tischmikrofon. Die Qualität des Modmic ist den digitec-Usern zufolge erstklassig.

Fazit: Wenn du es mal gehört hast, gibt es kein zurück

Für mich ist die Sache klar. Hifi-Kopfhörer sind die besseren Gamer-Headsets. Das Beyerdynamic 880 Pro klingt eindeutig besser als meine treuen Astro A50. Es ist, als ob ich vorher einen Schleier über den Ohren gehabt hätte. Besonders in Verbindung mit dem DAC von Creative drehen die Kopfhörer so richtig auf. Auf Surround Sound muss man auch nicht verzichten, weil die Software dafür ohnehin mit allen Kopfhörern verwendet werden kann.

Mein neues Lieblingssetup: Sound BlasterX G6 zusammen mit dem MMX 300.
Mein neues Lieblingssetup: Sound BlasterX G6 zusammen mit dem MMX 300.

Zwischen dem Astro A50 und dem DT 880 Pro mit DAC liegen für meine Ohren aber nicht Welten. Besonders wer nie den Direktvergleich macht, wird auch kaum was zu Meckern haben. Der Unterschied ist aber eindeutig da und für mich gibt es kein Zurück mehr. Wenn du wie ich auf kräftigeren Sound und Bässe stehst, dann empfehle ich den Griff zum Beyerdynamic MMX 300. Das hat ausserdem ein integriertes Mikrofon. Das Headset sitzt zwar etwas fester, aber der Sound ist genau nach meinem Geschmack.

Gaming-Headset oder Hifi-Kopfhörer?

Welche Kopfhörer benutzt du zum Zocken?

  • Gaming-Headset
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  • Hifi-Kopfhörer
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  • Monitor/TV-Lautsprecher
    1%
  • Lautsprecher-System
    7%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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