Hintergrund

Schwache Blase, schwacher Beckenboden: Was dazu führt und was hilft

Annalina Jegg
26.09.2022

Blasenschwäche betrifft nur alte Menschen? Nein. Besonders Frauen leiden schon in jungen Jahren unter Harninkontinenz. Wir haben bei einer Urologin und einer Physiotherapeutin nachgefragt: Was hilft wirklich, wenn die Schließmuskeln nicht mehr tun, was sie sollen?

Es ist der berühmte Trampolinmoment, den viele Frauen erleben – und das noch Jahre nach der Geburt ihrer Kinder. Denn ist mit einem Kind auch ein Trampolin in den Haushalt eingezogen und hüpft Mama dann auf der elastischen Matte, passiert‘s: Es tröpfelt unten, vollkommen unkontrollierbar kommt es zum Harnverlust. Irgendwie peinlich, gilt doch Blasenschwäche als etwas, das eigentlich nur Seniorinnen betrifft. Menschen wie die grauhaarige Lady aus der TV-Werbung, die für Inkontinenz-Vorlagen wirbt.

Dabei kann Inkontinenz platt gesagt jeden treffen: Männer machen eher im Alter Bekanntschaft damit, wenn eine vergrößerte Prostata auf die Blase drückt. Frauen betrifft Blasenschwäche früher, eben etwa nach einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren, aber auch Sportlerinnen. «In Österreich sind beinahe eine Million Menschen von Harninkontinenz betroffen, also nahezu jeder zehnte Einwohner», sagt die Wiener Urologin Natalia Swietek. In der Schweiz sind es Schätzungen zufolge ca. 500 000 Menschen.

Die Blase: Da spielt ein komplexes Team mit

Vor dem Blick auf die Inkontinenz aka Blasenschwäche, lohnt es sich, sich die gesunde Blasenfunktion anzuschauen. In die Blase passt gut ein halber bis dreiviertel Liter hinein, dabei passt sich der elastische Hohlmuskel der Blasenwand dem Volumen an. Ist die Blase voll, müssen wir. So weit, so bekannt.

Doch im Hintergrund wird die Blase durch ein ausgefeiltes System von Nerven in der Blasenwand, im Rückenmark und im Gehirn gesteuert – sozusagen die Dirigenten. Diese sind verantwortlich für das Zusammenspiel des Orchesters: Die Blasenwandmuskulatur mit der innere Blasenschließmuskel, der unwillkürlich gesteuert wird und der äußere Blasenschließmuskel, der von uns willkürlich gesteuert wird und Teil des Beckenbodens ist. Apropos Beckenboden: Dieser ist ein dreischichtiges System aus Muskulatur und Bindegewebe und dient unter anderem als Stütze für die Blase. Zugleich aber verschließt der Beckenboden die Harnröhre beziehungsweise sorgt durch Entspannung für das Leeren der Harnblase.

Sobald Urin in die Blase läuft, sind beide Schließmuskel geschlossen. In der Blasenwand sitzen Spannungsrezeptoren – und melden ans Rückenmark «Es füllt sich». Das Gehirn bleibt da noch außen vor. Erst wenn die Blase halb voll ist, gibt das Rückenmark die Info ans Hirn weiter, wir spüren das erste Mal leichten Harndrang. Reagieren wir nicht darauf, entspannt und dehnt sich die Blase weiter, während der innere und äußere Blasenschließmuskel ihre Anspannung verstärken. Sobald die Blase gut gefüllt ist, klopft das Rückenmark wieder beim Hirn an – und wir begeben uns langsam Richtung WC. Unser Hirn gibt den bewussten Befehl «Bitte öffnen», woraufhin sich der innere Schließmuskel entspannt, die Blasenwandmuskulatur zusammenzieht und sich der äußere Schließmuskel öffnet. Bei einer Blasenschwäche ist dieses höchst komplexe Zusammenspiel gestört.

Zwei häufige Formen von Blasenschwäche: Drang- und Belastungsinkontinenz

Es gibt verschiedene Formen von Blasenschwäche, am häufigsten sind aber die Dranginkontinzenz und die Belastungsinkontinzenz: 90 Prozent der Betroffenen leiden an einer der beiden.

Dranginkontinenz wird auch als Reizblase bezeichnet. Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen in Europa kennen sie, meist ältere Männer. Eine Dranginkontinenz entwickelt sich oft infolge einer gutartigen Prostatavergrößerung, kann aber auch durch Nervenerkrankungen oder Hormonveränderungen entstehen. Auch Stress, Ärger oder Ängste können an der Entstehung der Inkontinenzform beteiligt sein.

Reizblase bedeutet: Die Spannungsrezeptoren an der Blase reagieren überaktiv, vermutlich aufgrund eines Ungleichgewichts in der Blasensteuerung. «Bereits geringe Harnmengen rufen einen starken Reiz und verstärkten Harndrang hervor», sagt Urologin Swietek. Bekommt das Hirn einen übertriebenen Harndrang gemeldet, folgt der Reflex der Blase, sich zu entleeren. Und das, noch bevor Betroffene das WC erreicht haben.

Belastungsinkontinenz hingegen betrifft häufig Frauen, besonders Schwangere bzw. junge Mütter und Frauen in den Wechseljahren. Hormonelle Umstellungen «verändern das Bindegewebe, die Muskulatur und die Innervation des Halteapparates im kleinen Becken», sagt Expertin Swietek. Doch auch Sportlerinnen in intensiven Sportarten wie Ballett, Turnen, Trampolinspringen, Gewichtheben oder Ballsport können betroffen sein. Bei ihnen sind die Gründe für Inkontinenz allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Bei einer Belastungsinkontinenz sind die Muskeln des Beckenbodens geschwächt. Betroffene verlieren Urin beim Niesen, Husten, bei schwerem Heben oder eben bei Tätigkeiten wie Trampolinspringen, die den Druck im Bauchraum kurzfristig erhöhen. Diesem Druck kann der schwache Beckenboden nichts entgegensetzen.

Therapie bei Inkontinenz: Wie funktioniert's?

Für beide Formen der Inkontinenz gibt es vielversprechende Therapiekonzepte. «Bei der Belastungsinkontinenz ist Beckenbodentraining das Mittel der Wahl», sagt Urologin Swietek. Dieses Training übernehmen Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die mit ihren Händen an Muskeln und Faszien der Betroffenen arbeiten und sie zu Übungen anleiten. «So können Spannungen beseitigt, die Wahrnehmung geschult und Bewegungsabläufe gelernt werden», sagt Physiotherapeutin Franziska Malle. Sie arbeitet viel mit Visualisierungen und Assoziationen: «Wir wissen aus der Muskelphysiologie, dass mehr Muskelaktivität erreicht wird, wenn sich der Betroffene vorstellen kann, was er anspannt.» In einem ersten Schritt zeigt sie ihren Patientinnen darum ein Anatomiemodell des Beckens inklusive der Muskulatur. So lernen diese, was der Beckenboden ist, welche Organe er beheimatet und wie seine drei Schichten aus Muskulatur und Beckenboden mit der Blase zusammenhängen. Wie komplex also das System ist, das die Blasenfunktion orchestriert.

Die Übungen lassen sich dann kombinieren mit Biofeedback, Elektrostimulation und Vaginalkonen (kleine Gewichte für die Vagina, ähnlich wie Liebeskugeln). Beim Biofeedback lernen die Patient:innen, unbewusst ablaufende Prozesse im eigenen Körper gezielt wahrzunehmen und zu beeinflussen – in diesem Fall die Muskeln des Beckenbodens gezielt anzusteuern. Mit Elektrostimulation kann man zudem die Muskeln durch elektrische Impulse stimulieren.

Bei der Dranginkontinzenz wiederum stehen verhaltenstherapeutische Maßnahmen im Vordergrund, wie das Reduzieren reizender Stoffe. Nikotin und Koffein sind zwei solcher Kandidaten. Mit dem sogenannten Toilettentraining lernen Betroffene das Harnlassen nach der Uhr. Auch bei der Dranginkontinenz können Elektrostimulation, Biofeedback und Beckenbodengymnastik sinnvoll sein. «Häufig werden zusätzlich Medikamente eingesetzt, sogenannte Anticholinergika, durch die sich der Blasenmuskel nicht mehr so stark zusammenzieht», sagt Swietek.

Was stärkt den Beckenboden sonst noch?

Der erste Ansprechpartner bei Verdacht auf Blasenschwäche ist deine Hausärztin oder dein Gynäkologe. Tatsache ist: Ganz ohne Anleitung durch Fachleute geht es nicht, den Beckenboden wieder zu stärken. Aber natürlich gibt es einfache Übungen, die das Physiotherapie-Training auch zuhause unterstützen. Zum Beispiel:

  • Beim Wasserlassen eine aufrechte Körperposition mit leichtem Hohlkreuz einnehmen
  • Durch mehrfaches Beckenkippen Restharn aus der Blase befördern – nicht mitpressen!
  • Beim Husten oder Niesen die Beine überkreuzen, um den Schließmuskel zu unterstützen. Oder: Sich zur Seite zu drehen, um den Druck auf den Bauchraum zu mindern.
  • Tagsüber maximal acht Mal auf die Toilette gehen, nachts einmal. Denn: Je öfter man die Blase entleert, desto öfter muss man. Und erreicht die Blase nie ihre maximal Füllmenge, schrumpft sie, wird weniger dehnbar – und meldet, siehe Reizblase, verfrühten Harndrang. Zwischen den einzelnen Klo-Gängen sollten drei bis vier Stunden liegen.
  • Trotzdem genug trinken! Eine Flüssigkeitszufuhr von mindestens zwei Litern am Tag braucht der Körper.
  • Beim Wasserlassen nicht den Strahl unterbrechen: Das bringt die Blasensteuerung durcheinander und schwächt zugleich den Blasenverschluss.
Bild: shutterstock

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Annalina Jegg
Autorin von customize mediahouse

Mich buchstabiert man so: Aufgeschlossen, Nachdenklich, Neugierig, Agnostisch, Liebt das Alleinsein, Ironisch und Natürlich Atemberaubend.
Schreiben ist meine Berufung: Mit 8 habe ich Märchen geschrieben, mit 15 «supercoole» Songtexte (die nie jemand
zu lesen bekam), mit Mitte 20 einen Reiseblog, jetzt Gedichte und die besten Beiträge aller Zeiten! 


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