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Schadet das Smartphone deinem Kind?

Wäre es dir am liebsten, deine Tochter hätte noch nie von YouTube gehört? Medien, mit denen wir nicht selbst aufgewachsen sind, verunsichern Eltern mehr als andere. Was du über den Umgang deines Kindes mit digitalen Medien wissen musst.

Früher, als es keine Smartphones und kein YouTube gab, da mussten sich Eltern auch nicht sorgen, die Medien könnten dem Nachwuchs schaden. Oder? «Eltern haben sich immer schon Sorgen gemacht, wenn es um Kinder und Medien geht», stellt die Medienpädagogin Eveline Hipeli richtig. Die Ängste, die einst Mütter von bücherverschlingenden Söhnen plagten, kommen Müttern deshalb auch heute bekannt vor: Was, wenn mein Kind sich zu sehr isoliert? Was, wenn es von Dingen erfährt, die nicht für sein Alter gedacht sind? Was, wenn seine Fantasie verlorengeht?

Nur geht es heute nicht mehr um Bücher. Während die Ängste gleichbleiben, hat sich das Medium, das sie auslöst, immer wieder verändert. Erst war es das Buch, dann das Radio, später der Fernseher und schliesslich Computer, Internet und Smartphone. All das bedeutet nicht, dass Eltern ihre Kinder nicht im Umgang mit digitalen Medien begleiten sollen. Diese Unterstützung ist wichtig und richtig. Dass es viele Eltern lieber sehen, wenn die Tochter Hörspielen lauscht, statt am Tablet schlechtgelaunte Vögel durch die Luft schiesst, heisst nicht: Hörspiele sind gut und Games sind schlecht. «Wie wir ein Medium bewerten, hat viel mit den eigenen Kindheitserfahrungen zu tun», sagt Hipeli, die an der Pädagogischen Hochschule Zürich lehrt.

Smartphones, Sucht und Stereotypen

Eine aktuelle Studie über die Bedeutung digitaler Medien für 4- bis 7-Jährige zeigt: Kinder spielen immer noch am liebsten so, wie Kinder schon immer gespielt haben. Sie zeichnen und basteln, jagen mit Freunden Fussbälle durch den Park, spritzen sich im Nichtschwimmerbecken nass und verbringen Zeit mit Puppen und Spielzeugdinosauriern. Natürlich finden sie auch die ganze Bandbreite an Medien faszinierend: Sie hören gerne Musik und Geschichten, sehen sich Bilderbücher und Trickfilme an, spielen Games. Wenn sie sich vor den Bildschirm setzen, dann meistens also nicht aus Langeweile, wie manche Erwachsenen befürchten, sondern aus Lust und Neugier.

Die Forscherinnen und Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW haben untersucht, was Eltern am meisten Sorgen macht bei den digitalen Medien: Häufig ist es die Angst, dass Kinder im Internet etwas sehen könnten, dass sie verstört oder verängstigt. Gerade YouTube verunsichert Mütter und Väter, weil Kinder dort unbegrenzt Videos vorgeschlagen bekommen. Manche Eltern ärgern sich auch über die starren Rollenbilder, die in einigen Trickfilmen vermittelt werden. Ein Verbot solcher Filme hält Eveline Hipeli jedoch nicht für sinnvoll. «Kinder sollen auch mal Filme schauen oder Games spielen dürfen, die Eltern nicht für besonders pädagogisch wertvoll halten», sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Die Inhalte sollten aber altersgerecht sein, Väter und Mütter sollten zudem das Gespräch mit den Kindern suchen: Du darfst die Tochter ruhig darauf hinweisen, dass die Prinzessin den Drachen auch selbst besiegen könnte, statt den Auftritt des Prinzen abzuwarten.

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Eltern fürchten zudem, dass Tablet und Smartphone zur Sucht werden könnten. Viele Mütter und Väter stellen fest, dass sich Kinder oft nur schwer von Angry Birds oder Bob dem Baumeister lösen. Je öfter sie am Bildschirm sitzen, desto öfter scheinen sie danach zu verlangen. Damit verbunden ist auch die Sorge, dass Kinder vereinsamen, zu wenig Bewegung haben oder ihre Kreativität versiegt. Wenn es um Sucht geht, sei die Frage «Warum spielt mein Kind?» aber wichtiger als «Wie lange spielt mein Kind?», sagen Experten. Macht das Gamen dem Kind Spass und fordert seine Geschicklichkeit und Konzentration heraus? Oder spielt es, weil es sich langweilt, oder, gerade bei einem älteren Kind, weil es traurig ist und sich abzulenken versucht? Verbringt es seine Freizeit mit ganz unterschiedlichen Aktivitäten oder sitzt es immer häufiger nur am Computer?

Jeder Familie ihre Regeln

Die meisten Familien in der Schweiz haben Regeln für den Medienkonsum der Kinder. Das zeigt auch die Studie der ZHAW. So sind digitale Geräte wie Smartphone oder Laptop normalerweise nicht einfach zugänglich. Die Kinder müssen fragen, ob sie sie benutzen können. Meistens dürfen sie sie zudem nur zu bestimmten Zeiten und für eine festgelegte Dauer gebrauchen. Das kann eine halbe Stunde unter der Woche sein, nachdem die Hausaufgaben gemacht sind, aber auch ein ganzer Disneyfilm am Sonntagnachmittag. Experten halten sich zurück mit allgemeingültigen Richtlinien. Wie viel Bildschirmzeit zu viel ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Gibt es eine Balance zwischen digitalen Aktivitäten und anderen Freizeitbeschäftigungen? Wie reagiert das Kind auf die Inhalte? Kommt anderes zu kurz? Gibt es einen Austausch in der Familie darüber, was die Kinder am Bildschirm sehen?

Generalverbote bewirken das Gegenteil

Fernsehen und Internet ganz zu verbieten, ist hingegen keine gute Idee – da sind sich Fachleute einig. Erstens weichen Kinder so irgendwann einfach zu Freunden aus; und dort haben Eltern erst recht keine Kontrolle, was sie sich ansehen. Zweitens: Gerade, weil viele Games und Videokanäle so gemacht sind, dass dein Kind ewig weiterspielen und weiterschauen könnte, muss es den Umgang damit üben. Es sollte lernen, ein Spiel auch dann wegzulegen, wenn es noch sechsunddreissig Levels mehr zu absolvieren gäbe. Es sollte wissen, dass nicht alles wahr ist, nur, weil es am Fernsehen läuft.

Eveline Hipeli sieht hier klar auch die Schule in der Pflicht. Schon im Kindergarten könnte sie mit einfachen Mitteln an das Thema heranführen, meint Hipeli. Ein selbst aufgenommenes Video zum Beispiel zeigt Kindern anschaulich: «Es sieht jetzt zwar tatsächlich so aus, als hätte die Filzeule das Brötchen auf dem Pult gegessen. Dabei wissen wir doch, dass wir jeweils einen Bissen genommen haben, wenn die Kamera nicht lief.» Es ist ein erster, kritischer Blick hinter die Kulissen der Medienwelt. Und der kann nicht früh genug kommen.

User
Journalistin und Mutter von zwei Söhnen, beides furchtbar gerne. Mit Mann und Kindern 2014 von Zürich nach Lissabon gezogen. Schreibt ihre Texte im Café und findet auch sonst, dass es das Leben ziemlich gut mit ihr meint.
uemityoker.wordpress.com

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