Samsung Galaxy Buds: Unterwältigung als Ohrstecker

Samsung Galaxy Buds: Unterwältigung als Ohrstecker

Dominik Bärlocher
Zürich, am 22.03.2019
Apple soll sich warm anziehen, meint Samsung. Denn die Samsung Galaxy Buds sollen dem Platzhirschen der True Wireless In-Ear Headphones den Rang ablaufen. Gut möglich, dass die Buds das schaffen, aber es braucht noch etwas Arbeit.

Eigentlich sollten die In-Ear-Kopfhörer mit dem klingenden Namen Galaxy Buds aus dem Hause Samsung ja besser sein. Denn der südkoreanische Konzern hat im Jahre 2016 den Audio-Konzern Harman International Industries gekauft. Dieser hat bereits 1994 den anderen Audio-Konzern, der für die Buds relevant ist, namentlich AKG, gekauft.

Warum ist der Sound dann so schwach?

Vom Versuch, gegen Apple anzukommen

Es ist offensichtlich, dass Samsung mit den Galaxy Buds versucht, Apple Wasser abzugraben. Denn wo die AirPods – ebenfalls kabellos, ebenfalls in-ear – anfangs noch belächelt wurden, haben sie sich durch guten Sound und Kompaktheit sowie Nutzungskomfort breit eingebürgert. Natürlich will Samsung da ein Stück vom Kuchen. Wäre ja blöd, wenn nicht.

Kopfhörer sind das wohl wichtigste Überlebenswerkzeug im Pendlerdschungel. Denn der Alltag bombardiert uns alle zu einer gottlosen Zeit morgens, oft noch vor dem Kaffee, mit Lärm. Autos hupen, Trams quietschen, Leute sprechen. Fünf Minuten mehr Ruhe in der Welt draussen bevor der Alltag losgeht. Klingt doch gut? Kein Wunder, dass da Samsung auch mitspielen will. Wäre ja blöd, wenn nicht.

Eigentlich ist das Rezept für Pendler ziemlich einfach:

  • Gute Schallabdichtung gegen aussen
  • Guter Sound und hohe mögliche Lautstärke
  • Gute Akkulaufzeit
  • Schnelle Ladezeit

Die Ladezeit ist wirklich fix. Wenn ich das pillenförmige Case der Buds in einen USB-C Charger stecke, dann weiss ich ehrlich gesagt gar nicht, wie lange die Buds brauchen, um von null auf hundert zu kommen. Es geht verdammt schnell. Also, vor dem Meeting eingesteckt, nach dem Meeting voll. Die Specs der recht massigen Ohrstöpsel aber sprechen von einem 58mAh-Akku in den Buds selbst und 252mAh im Case. Das liefert dir etwa sechs Stunden Hörgenuss und etwas weniger Telefonie. Für Pendler absolut okay, denn laut Bundesamt für Statistik reist ein durchschnittlicher Schweizer Pendler 30.6 Minuten pro Weg, also 61.2 Minuten pro Tag. Da musst du die Buds so einmal die Woche aufladen. So plusminus.

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Das geht auch kabellos. Die Buds können nämlich, genau wie die Samsung Active Watch und die Smartphone-Serie unter dem S10-Banner, kabellos aufgeladen werden. Wenn du ein S10 hast, dann kannst du die Buds sogar kabellos am Handy aufladen.

Das klingt alles schon mal super. Mit dem kabellosen Laden hat Samsung die Nase vor Apple und das pillenförmige Case ist hübscher als die Zahnseidendose Apples. Dazu haben die Buds austauschbare Gummiaufsätze, damit dein Ohr nicht genau auf Apples Grösse gewachsen sein muss, damit dir die Stöpsel passen, selbst wenn Apple das erschreckend gut hingekriegt hat.

Was aber nicht so super klingt: Die Buds selbst.

Von instabil bis flach

Die Probleme mit den Galaxy Buds, alle zusammengenommen, sind keine Katastrophe. Sie zeugen einfach von einem unfertigen Produkt. Ein Update von Mitte März 2019 bringt eine stabilere Bluetooth-Verbindung, da diese vorher in geschlossenen Räumen okay, draussen aber etwas abgehackt war. Hoffentlich ist das jetzt besser. Scheint zumindest so.

Die Schallabdichtung gegen aussen ist nicht besonders gut
Die Schallabdichtung gegen aussen ist nicht besonders gut

Der Klang aber ist das, was die Buds zu einem Kopfhörer machen, den nur die gut finden werden, die keinen Anspruch an Kopfhörer haben. Sie dichten nicht besonders gut gegen aussen ab, du hörst also immer noch den Bürokollegen niesen oder die Gritte im 14er-Tram neben dir laut am Handy über irgendwelchen Stuss schwätzen. Muss das morgens um 6 Uhr 30 sein? Echt jetzt? Interessiert mich doch nicht, ob deine neue Haarfarbe total lange gebraucht hat. Ich will Kaffee.

Der Bass-Regler in der Samsung Wearable App mit Galaxy Buds Plugin
Der Bass-Regler in der Samsung Wearable App mit Galaxy Buds Plugin

Genau wie die grosse Konkurrenz von sagen wir mal Sony verlässt sich Samsung nicht auf einen Out-of-the-Box-Sound. Das heisst, dass du den Sound – Bass, Höhen und so weiter – in einer App konfigurieren und so den Sound auf dein Gehör optimieren kannst. Die App heisst neu Samsung Wearable statt Samsung Gear (Android mit Galaxy Buds Plugin und bei Apples Geräten gibt es keine App, das funktioniert auch ohne, bietet aber keine Zusatz-Features) und bietet dir eine Auswahl an Optionen, die dir den Sound aufs Ohr schneidern sollen. Im Wesentlichen ist das ein Drehregler, der von «Bass Boost» über «Dynamic» zu «Treble Boost» geht. Das Problem: Auch mit Bass Boost klingen die Buds schepprig flach. Wenn du, so wie ich, Bass magst, dann sind die Buds schon mal abgeschrieben. In meinen Ohren scheppert Liedfett mit «Kommst du mit?» vor sich hin und ich frage mich, ob die Tram-Haarfarben-Gritte nicht doch besser anzuhören wäre.

Aber den Komfort, den hat Samsung so richtig gut hingekriegt. Bereits nach wenigen Minuten fühle ich die Buds schon gar nicht mehr. Kein Wunder, denn ein Hörer wiegt 5.6 Gramm. Sie halten auch recht gut im Ohr und ich kann die Augen schliessen und mich ans Busfenster anlehnen, auf ein paar Minuten Schlaf und rechtzeitiges Aufwachen hoffen und die Zürcher Morgenstadt an mir vorbeiziehen lassen.

Etwas mühsamer wird dann die Bedienung via Gesten, die im Halbschlaf zugegebenermassen irrelevant ist. Die Buds sind berührungsempfindlich.

  • Einmal tippen: Play/Pause
  • Zweimal tippen: Nächster Track oder Telefonanruf annehmen/beenden
  • Dreimal tippen: Vorheriger Track
  • Lange antippen: Benutzerdefiniert/Anruf ablehnen

Das Problem: Play/Pause, also das Einmal-Tippen, ist extrem empfindlich. Du musst recht schnell doppelt oder dreifach tippen, damit das Kommando so wie gewollt ankommt. Entspannte Bedienung geht anders. Nett ist aber zu sehen, dass die Gesten sich einem markenübergreifenden Standard nähern. Die Gesten der Buds sind dieselben, wie du sie auf Microsofts Surface Headphones findest, so als Beispiel.

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Ich meine aber, dass viele dieser Probleme mit Software Updates gefixt werden können. Bass ist nicht nur Hardwaresache, die Verbindung ist bereits verbessert und die Tippgeschwindigkeit dürfte auch nur ein Wert in einer Programmzeile sein. Wenn Samsung das in den Griff kriegt, dann dürften die Galaxy Buds ernsthaft und nicht nur mit dem Preis den AirPods Konkurrenz machen. Aber so wie sie Mitte März 2019 daherkommen, sind sie für alle, denen Soundqualität völlig egal ist oder die ein markenpolitisches Zeichen setzen wollen. Sonst bist du kabellos schnell bei Over-Ears angelangt. Sonys WH-1000XM3 oder Microsofts Surface Headphones zum Beispiel. Oder die AirPods oder die Jabra Elite 65t, wenn es denn unbedingt In-Ears sein müssen. Die sind laut Quellen auch ganz gut.

Elite 65t (In-Ear, Schwarz, Kupfer)
Kopfhörer
139.–
Jabra Elite 65t (In-Ear, Schwarz, Kupfer)
AirPods (Earbud, White)
Kopfhörer
Gebraucht + Geprüft
180.19
Apple AirPods (Earbud, White)
Surface Headphone (Over-Ear, White, ANC)
Kopfhörer
226.–
Microsoft Surface Headphone (Over-Ear, White, ANC)
WH-1000XM3 (Over-Ear, Black, ANC)
Kopfhörer
Showroom
259.–
Sony WH-1000XM3 (Over-Ear, Black, ANC)

So. Fertig. Die ganzen Apps zur individuellen Soundeinstellung machen Audio Reviewern das Leben doch extrem schwer, oder?

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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