Ohne Kontaktlinsen ist dieser Anblick unbezahlbar
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Ohne Kontaktlinsen ist dieser Anblick unbezahlbar

Pia Seidel
Zürich, am 23.01.2021
Schönheit liegt im Auge des Betrachters und kann manchmal ziemlich verschwommen sein. Wer einen Sinn für kleine Alltagsfreuden hat, erkennt selbst in einem Tulpenstrauss aus dem Karton grosse Kunst.
Dieser Artikel erschien erstmals am 30.03.2020.

Eines meiner Lieblingsgemälde heisst «Tulpen». Es zeigt einen gelben Tulpenstrauss und stammt vom zeitgenössischen Künstler Gerhard Richter, der durch seine unscharfen Foto-Malereien bekannt wurde. Die Tulpen scheinen in einer klaren Vase auf einem Tisch zu stehen. Dahinter könnte ein Stuhl stehen. Durch die Verzerrung ist es schwer zu erkennen, um welche Dinge es sich handelt. Das macht für mich den Reiz des Bildes aus.

«Tulpen» von Gerhard Richter aus dem Jahr 1995.
«Tulpen» von Gerhard Richter aus dem Jahr 1995.

Wie bei den meisten seiner Fotomalereien hat Gerhard Richter das nasse Gemälde mit einem breiten Pinsel durchgestrichen. Diese Technik verzerrt das Motiv und wirkt wie ein Filter aus der Fotografie. Das Original habe ich zwar nie live gesehen, aber andere Werke Richters schon. Vor allen Gemälden hätte ich stundenlang verweilen können. Mich fasziniert die Art, wie die Unschärfe in seinen Bildern Raum für eigene Interpretationen lässt. Bemerkenswert ist auch, dass er mit einer Rakel oder mit einem Pinsel eine Malerei verwischt, die vorher einem Foto zum Verwechseln ähnlich sah.

Das Gemälde von Gerhard Richter, der als teuerste lebende Künstler der Welt gilt, werde ich niemals besitzen. Seine Bilder sind zweistellige Millionenbeträge wert. Normalerweise hole ich mir im Frühling zumindest frische Schweizer Tulpen vom Markt. Zum ersten Mal habe ich mir jetzt einen Strauss online bestellt, weil die Blumenläden und Märkte für die diesjährige Tulpensaison geschlossen bleiben werden.

Dass ich mir heute viele Dinge vor die Tür liefern lassen kann, ist zur Routine geworden. Meine Erinnerungen an all die Päckchen sind ähnlich verschwommen wie die Bilder des Künstlers. Als ich aber frische Tulpen zuhause empfange, ist etwas anders. Die Schnittblumen kommen in einem bunt bedruckten Karton an und liegen vor der Türe. Beim Öffnen sind sie unversehrt. Ein Packpapier hat den Strauss geschützt und ein feuchtes Tuch hat ihn frisch gehalten.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar
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Die Knospen sind noch geschlossen. Damit die Tulpen so lange wie möglich schön bleiben, ist eine Anleitung zur richtigen Pflege sowie eine «Portion» Schnittblumen-Nahrung mit dabei.

Nicht nur der Empfang, sondern auch den Strauss später auf meinem Tisch zu sehen, ist besonders. Und ohne meine Kontaktlinsen habe ich fast das Gefühl, vor Gerhard Richters «Tulpen» zu stehen.

Ein ähnliches Setting hilft, um die Illusion zu unterstützen.
Ein ähnliches Setting hilft, um die Illusion zu unterstützen.

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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