Neun SUP-Details, die du kennen solltest
HintergrundSport

Neun SUP-Details, die du kennen solltest

Michael Restin
Zürich, am 21.08.2020
Bilder: Thomas Kunz
Was ein SUP wirklich taugt, ist für Laien schwer zu beurteilen. Von «Dropstitch» bis zu «geschweissten Rail Tapes» fliegt dir Fachchinesisch um die Ohren. Maurus Strobel, CEO von Indiana Paddle & Surf, hat mir wichtige Details gezeigt – und ein paar Marketingtricks entzaubert.

Stand-up-Paddle-Boards, die auf Seen allgegenwärtigen SUPs, sind von aussen betrachtet bunte Bücher mit sieben Siegeln. Ihr Innenleben versteckt sich unter Deck Pads und Logos, die auf den ersten Blick einen ordentlichen Eindruck machen. Doch die Preisspanne ist gross. Wofür zahlst du drauf und wann solltest du skeptisch werden? Maurus Strobel lebt als CEO von Indiana Paddle & Surf natürlich für seine Produkte, die hier als Referenz dienen. Er hat er mir einen Nachmittag lang viele Aspekte erklärt, die du kennen solltest – ganz egal, welches Board von welcher Marke es dir angetan hat.

Der Mann kennt sich aus: Maurus Strobel von Indiana Paddle & Surf.
Der Mann kennt sich aus: Maurus Strobel von Indiana Paddle & Surf.

Stichwort Dropstitch

Der Begriff steht für die Polyesterfäden im Inneren des Boards. «Die braucht es, damit es ein Brett und keine Wurst ist», sagt Strobel. Sie halten alles zusammen und müssen die exakt gleiche Distanz vom Ober- zum Unterdeck haben. Für eine gute Struktur müssen die Fäden nicht symmetrisch angeordnet sein, auf die Dichte kommt es an. Bei einem billigen Board wird unter anderem daran gespart. Sind es weniger Fäden pro Quadratzentimeter, ist das Board weniger steif. Es liegt nicht wie ein Brett auf dem Wasser, sondern biegt sich früher oder später bananenartig durch.

Auch eine Schlankheitskur tut dem Board nicht gut: Die Standard-Dicke beträgt sechs inch (15 cm), sie hat sich bewährt. Mit einem dünneren Board lässt sich auf Kosten der Steifigkeit ebenfalls elegant Material sparen. Bei Billigprodukten ist ausserdem die Gefahr grösser, dass die Polyesterfäden nachlassen oder sich mit der Zeit aus dem Textilmaterial lösen. Dieses «Fabric» muss dafür sorgen, dass die Polyesterfäden fest mit der PVC-Schicht verbunden sind.

Dropstitch-Fäden, Fabric und PVC – hier in der besonders leichten Variante «Woven Single Layer».
Dropstitch-Fäden, Fabric und PVC – hier in der besonders leichten Variante «Woven Single Layer».

Stichwort Fabric

Auch beim Textilmaterial gibt es unterschiedliche Qualitätsstufen. Wie in vielen Bereichen besteht die Kunst darin, es leicht und widerstandsfähig zu gestalten. Maurus Strobel erklärt mir die verschiedenen Materialien, die bei Indiana Paddle & Surf zum Einsatz kommen. Er zeigt mit das gröbere «Knitted», also gestricktes Fabric: «Du kannst dir vorstellen, dass in einem Strickpullover viel flüssiges PVC hängen bleibt.» Es brauche mehr Material und sei trotzdem günstiger als die gewobene Variante. Ins feinere «Woven» Fabric fliesst weniger PVC, es ist aktuell das leichteste auf dem Markt – und deutlich teurer in der Produktion.

Das «Knitted Fabric» sieht für ungeschulte Augen fast gleich aus, ist aber schwerer und günstiger.
Das «Knitted Fabric» sieht für ungeschulte Augen fast gleich aus, ist aber schwerer und günstiger.

Stichwort PVC

Der Kunststoff Polyvinylchlorid fliesst nicht nur ins Fabric, er bildet im Verbund mit ihm das Deck und ist für (aufblasbare) SUPs unverzichtbar. Die Begriffe Single Layer und Double Layer begegnen dir schnell, wenn du dich fürs Thema interessierst. «Doppelt hält besser» stimmt in diesem Fall, zwei Schichten PVC sind ein Qualitätsmerkmal und machen die Boards robuster. Zumindest in der Theorie. Natürlich gibt es verschiedene PVC-Qualitäten und Weichmacher, Farbstoffe und Verarbeitungsweisen, Fabriken und Qualitätskontrollen.

Kann ein Board nicht mit zwei Schichten aufwarten, werden manche Anbieter kreativ: «Da wird teilweise von Fusion-Material geschrieben, obwohl es ein normaler Single Layer ist», sagt Strobel.

Single Layer? Double Layer? Das ist hier die Frage.
Single Layer? Double Layer? Das ist hier die Frage.

Es gibt aber auch einen guten Grund, auf hochwertige einlagige Boards zu setzen. Die Nachfrage nach leichtem Material steigt. Bei Indiana wird sie mit der Feather-Linie bedient, die das leichtere und teurere woven Fabric mit einer dünnen PVC-Schicht kombiniert. «Das geringe Gewicht ist vor allem für Leute wichtig, die damit Reisen oder zu Bergseen wandern», sagt Strobel. Wer sein Board stundenlang auf dem Rücken schleppt, weiss jedes Kilo weniger zu schätzen.

Sofern das Gewicht für dich nicht der einzig seelig machende Faktor ist, bist du mit einem guten zweilagigen Board besser bedient. Die Schichten müssen natürlich miteinander verbunden werden. «Bei den Double Layer Boards gibt es einerseits 'Real Double Layer'», erklärt Strobel. «Die zweite PVC-Schicht wird dabei auf das Ober- und Unterdeck des halbfertigen Boards aufgeklebt. Das ist eine sehr robuste, aber auch schwere Variante.»

Wenn von «Pre-Laminated oder Fusion Double Layer» die Rede ist, steckt ein anderes Verfahren dahinter: «Zwei Schichten PVC werden schon in der Dropstitch-Fabrik mit ganz viel Druck und Temperatur verbunden. Das ergibt eine ideale Kombination aus Gewicht und Steifigkeit.»

Stichwort Rail Tapes

Ober- und Unterdeck werden von den Dropstitch-Fäden zuammengehalten. Um ein Board daraus zu machen, braucht es die «Rail» genannten Seitenwände, die durch Tapes gebildet werden. Es gibt sie ebenfalls in einfacher oder mehrfacher Ausführung. Die Rail Tapes müssen viel aushalten und genau wie das Deck flexibel genug sein, um das Board gut aufrollen zu können. Wenn dein Brett in der Sonne schmort – was es nicht unnötig sollte – ist das ein Stresstest fürs Material. Geplatzte Nähte sind ein Problem und Billigprodukte häufiger davon betroffen.

Die Rail Tapes werden geschweisst oder geklebt. Ein Punkt, bei dem auch gerne geschummelt wird, da sich geschweisst hochwertiger anhört. «Da versuchen manche, die Kunden ein bisschen zu verarschen», sagt Strobel. «Bei uns sind beide Rail Tapes geklebt, weil wir so vertwistete Boards verhindern können.» Auf den ersten Blick sei das durch die extrem dünne Leimschicht schwer zu beurteilen. Spätestens im UV-Licht sehe man eine gelbliche Spur. «Den Kontaktkleber drückst du nach dem Trocknen mit hoher Temperatur einmal richtig an, dann hält das bombenfest», erklärt er. «Und damit du sicher nicht zu wenig hast, leimst du einen oder zwei Millimeter zu viel.» Hauptsache, das Board hält dicht.

Leimspuren musst du mit der Lupe suchen, sie sind aber kein schlechtes Zeichen.
Leimspuren musst du mit der Lupe suchen, sie sind aber kein schlechtes Zeichen.

Wenn Boards als doppellagig beworben werden, lohnt sich ein kritischer Blick auf die Details. Unter Umständen bezieht sich das Verkaufsargument nur auf die Rail Tapes, nicht auf die Lagen im Ober- und Unterdeck.

Stichwort Deck Pad

Rutschfest und bequem soll der Bereich sein, in dem du dich auf dem Board bewegst. Ob er das wirklich ist, merkst du oft erst nach einigen Stunden. Eine grobe, rautenförmige Struktur ist ungünstig, sagt Maurus Strobel: «Der Diamond oder Square Cut ist gut fürs Wellen abreiten, da brauchst du maximalen Grip. Wenn du zwei Stunden auf dem SUP stehst, hast du das Muster im Fuss, da schlafen dir die Füsse rein.» Auf dem SUP sei weniger mehr. «Wir nehmen vier Millimeter dickes EVA und pressen mit einer schweren Stahlrolle eine sehr angenehme Crocodile-Skin-Prägung drüber.»

Auf Deck Pads mit einer feinen Struktur steht es sich auf Dauer angenehmer.
Auf Deck Pads mit einer feinen Struktur steht es sich auf Dauer angenehmer.

EVA ist ein weicherer Kunststoff, der zum Beispiel auch zur Dämpfung in Schuhsohlen verwendet wird. Manchmal zeigt sich auf Deck Pads ein kleiner Schönheitsfehler: Wenn bei der Herstellung ein Staubkorn zwischen Brett und Pad gelangt, kann sich der Klebstoff verflüchtigen und eine Blase bilden. Ein optisches Problem, das mit Spritze und Kanüle behoben werden kann, indem man die Gasblase abzieht.

Der Rand des Deck Pads ist bei Indiana im 45-Grad-Winkel angeschnitten, damit du nicht daran hängen bleibst.
Der Rand des Deck Pads ist bei Indiana im 45-Grad-Winkel angeschnitten, damit du nicht daran hängen bleibst.

 Stichwort Finne

Einsteiger-Modelle sind häufig mit einer Steckfinne ausgestattet, bei der ein Plastikbolzen mit einer Schnur an der Finne baumelt, der zur Befestigung seitlich eingeschoben wird, bis er einrastet. «Der Wasserwiderstand der dünnen Schiene ist sehr klein, das ganze Finnensystem sehr leicht und praktisch», sagt Strobel. Beim SUPen gibt es nur geringe Querkräfte auf die Finne, sie muss also nicht so viel aushalten.

Variabler und weit verbreitet ist die US-Finbox, bei der eine Schraube mit Plättchen für den Halt sorgt. Sie sitzt fest, ist aber etwas fummelig in der Handhabung und leicht zu verlieren. Dafür bist du mit diesem System flexibel und hast eine grosse Auswahl, was das Material angeht. Anfänger profitieren zum Beispiel von einer langen Finne mit grosser Fläche. «Leute, die technisch nicht so gut paddeln, können damit fahren, ohne die ganze Zeit Kurven zu machen», sagt Strobel.

Die Hyperflow-Finne aus Spritzguss mit dem «Smart Finbolt».
Die Hyperflow-Finne aus Spritzguss mit dem «Smart Finbolt».

US-Finnen passen auch in Indianas zweiteilige Split-Finbox, die das Zusammenrollen des Boards erleichtert. Und der hauseigene «Smart Finbolt» lässt sich über ein kleines Kunststoffrad festschrauben. Das ist praktisch, sorgt aber für etwas mehr Widerstand im Wasser und sammelt unter Umständen Ballast auf: «Wenn es im Wasser viel Seegras hat, bleibt es eher daran hängen», sagt Strobel. Für Normalnutzer überwiegen die Vorteile der einfachen Handhabung. Wem die Performance über alles geht, der ist mit der kleinen klassischen Schraube besser bedient. Von FCS gibt es auch Finnen mit Schnellverschluss, die einfach in die US-Finbox eingerastet werden können.

Stichwort Leash

Nicht bei allen Board-Sets ist eine Leash im Lieferumfang und bei manchen ist eine sehr einfache Variante dabei. Die Leine, die dich mit dem Board verbindet, solltest du auf dem See immer anlegen. «Das ist wirklich wichtig», sagt Strobel. «Die Bretter haben über 300 Liter Volumen und sind sehr leicht. Wenn du mitten auf dem See ins Wasser fällst, kommst du bei starkem Wind nicht mehr hinterher.» Empfehlenswert ist eine Coil Leash, die sich telefonkabelartig in die Länge ziehen lässt und dir auf dem Board nicht ständig im Weg ist. «Am besten machst du sie unter der Kniekehle fest, damit sie nicht im Weg ist und du gut rumlaufen kannst», rät Strobel. Auf Flüssen kommt die Leash nicht ans Bein. Die Gefahr, damit hängen zu bleiben und unter Wasser gezogen zu werden, ist zu gross. Für diesen Einsatzbereich gibt es spezielle Quick-Release-Systeme, die mittels Hüftgurt getragen werden.

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 Stichwort Paddel

Oft unterschätzt, dabei sehr wichtig: ein anständiges Paddel. Im günstigen Segment kaufst du meistens ein Set, zu dem ein dreiteiliges Aluminium-Paddel gehört. Es wird zusammengesteckt, ist ausziehbar und für anspruchsvolle Paddler ein No-Go: «Aluminium-Paddel hassen wir», sagt Strobel. «Sie sind entweder zu heiss, zu kalt, oder saufen ab.»

Teure Modelle sind federleicht, sehr steif und aus Carbon. Ein weiterer Punkt, bei dem gerne gemogelt wird: «Dann hat das Paddel zum Beispiel nur ein Carbon-Design drauf und ist viel schwerer und weicher, weil mehrheitlich Fiberglas drin ist», erklärt Strobel. «Da wird im Netz knallhart gelogen, es werden Full Carbon Paddel für 69 Franken angeboten – das kriegen wir für so einen Betrag nicht mal produziert!» Für das Set-Paddel (zum Beispiel im «Family Pack») ist Indianas bevorzugte Lösung ein Fiberglas-Schaft und ein Blatt aus Spritzguss-Kunststoff.

Der Diagonalschnitt entlastet den Push-Pin des Paddels und die Führungsrille verhindert, dass der Griff sich verdreht.
Der Diagonalschnitt entlastet den Push-Pin des Paddels und die Führungsrille verhindert, dass der Griff sich verdreht.

Stichwort Handwerk

Ein SUP wird nicht vollautomatisch vom Fliessband gespuckt. «Das Dropstitch-Material kommt in tonnenschweren 300-Meter-Rollen», sagt Strobel. Nachdem die Grundform computergesteuert ausgefräst wurde, ist Handarbeit gefragt. Ober- und Unterdeck werden mit einem Rail Tape fixiert, das Board wird aufgepumpt und kontrolliert, ob es Twist hat oder nicht. «Bis das Board fertig gestellt ist, sind viele weitere handwerkliche Schritte nötig. Wenn jemand pfuscht, sehen die Bretter schlecht aus.» Ist das Material ebenfalls billig, wird aus einem vermeintlichen Schnäppchen schnell eine ziemlich teure Luftmatratze, die wenig Fahrspass bringt.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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