Nachhaltigkeitsversprechen in der Denim-Branche
HintergrundFashion

Nachhaltigkeitsversprechen in der Denim-Branche

Vanessa Kim
Zürich, am 17.03.2021
Die Jeans ist nicht nur eines der beliebtesten Kleidungsstücke, sondern auch eines der gefährlichsten. Mit alternativen Herstellungsverfahren will die Textilindustrie das Image der Denim aufpolieren.

Die Denim hat von allen Kleidungsstücken die schlechteste Umweltbilanz. Der Einsatz von Chemikalien beim Anbau von Baumwolle und bei der Jeansproduktion selbst belasten die Umwelt nachhaltig. Hinzu kommt der hohe Wasserverbrauch der pro Hose rund 8000 Liter beträgt – zum Vergleich: ein Shirt aus Baumwolle benötigt etwa 2500 Liter.

Ja, die Modeindustrie ist durstig. Jedoch nicht nur nach Wasser, sondern auch nach Wissen, wie die Denim nachhaltiger wird. Da pro Jahr mehr als 1,8 Milliarden Jeanshosen verkauft werden, arbeiten Fashion Labels und Designer mit Hochdruck an umweltfreundlichen Alternativen und grünen Materialien.

Konsum ohne schlechtes Gewissen?

Der Vorteil einer Bio-Jeans ist nicht nur die Verwendung von Bio-Baumwolle, sondern eine nachhaltige und faire Produktion, die auch den Arbeitern*innen in Sachen Lohn und Herstellungsbedingungen zugutekommt. Für Bio-Baumwolle wird chemisch unbehandeltes Saatgut verwendet. Damit die Pflanze möglich schädlingsresistent ist, wird sie in Mischkulturen angebaut. Darum sind keine Pestizide nötig. Stattdessen setzen die Bauern auf natürliche Methoden wie Pflanzenjauchen oder Humus.

Baumwollpflanzen kurz vor der Ernte.
Baumwollpflanzen kurz vor der Ernte.

Aber auch bei den weiteren Produktionsschritten wie Bleichen, Färben und Veredeln werden bei einer nachhaltigen Denim auf Schadstoffe verzichtet. Ein Negativbeispiel, das hoffentlich schon bald der Vergangenheit angehört, ist die Veredelung mit dem Sandstrahler: Damit werden herkömmliche Jeans für den Stonewashed Look behandelt, um gebraucht und abgewetzt auszusehen. Hierfür wird Sand mit Hochdruck auf Hosen geschossen, damit sie ausbleichen. Der quarzhaltige Feinstaub ist für die Arbeiter*innen, die ohne Masken oder in Räumen ohne Lüftungen arbeiten, gesundheitsschädigend.

Um sicherzugehen, dass die Jeans deiner Begierde nachhaltig produziert wird, achtest du am besten auf allfällige Zertifizierungen oder fragst beim Hersteller nach. Grüne Labels legen ihre Produktionsprozesse transparent dar. Greenpeace warnt jedoch vor hauseigenen Bio-Gütesiegeln grosser Modeketten, da es sich hierbei häufig um Greenwashing handelt. Die Non-Profit-Organisation gibt hingegen grünes Licht für den Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN Best), «Made in Green» von Oeko-Tex und Global Organic Textile Standard (GOTS).

Mit Letzterem ist auch die Bio-Baumwolle der schwedischen Marke Nudie Jeans zertifiziert. Der grüne Brand produziert sein ganzes Sortiment unter fairen Bedingungen und legt grossen Wert auf transparente Produktionsprozesse. Weil eine Denim etwas Zeitloses ist, gibt es keinen Grund dafür, sie frühzeitig zu entsorgen. Um das zu verhindern, bietet das nordische Label einen besonderen Service an: kostenlose Reparaturen in sogenannten Repair Shops. Weil diese aber noch nicht in jedem Land vertreten sind, verschickt es bei Bedarf ebenfalls kostenlose Repair-Kits inklusive Begleitheft mit Nähanleitungen. Falls du dich dennoch an deiner Nudie Jeans sattgesehen hast oder sie dir schlichtweg nicht mehr passt, kannst du sie in einem der hauseigenen Shops abgeben. Dort wird sie entweder fachgerecht recycelt oder als Secondhand-Ware weiterverkauft.

Seit 2017 werden bei Nudie Jeans nicht nur die Jeansstoffe, sondern sämtliche Produktgruppen aus Bio-Baumwolle produziert. Bild: @nudiejeans
Seit 2017 werden bei Nudie Jeans nicht nur die Jeansstoffe, sondern sämtliche Produktgruppen aus Bio-Baumwolle produziert. Bild: @nudiejeans
Die Marke Mud Jeans verzichtet bei seinen Hosen auf Lederapplikationen, damit diese problemlos recycelt werden können. Der Logo-Print besteht aus veganer Farbe. Bild: @mudjeans
Die Marke Mud Jeans verzichtet bei seinen Hosen auf Lederapplikationen, damit diese problemlos recycelt werden können. Der Logo-Print besteht aus veganer Farbe. Bild: @mudjeans

Die niederländische Slow-Fashion-Marke Mud Jeans geht sogar einen Schritt weiter und vermietet ihre Hosen. Bei «Lease a Jeans» ist der Name Programm: Für rund 11 Franken pro Monat bist du dabei. Nach zwölf Monaten entscheidest du, ob du die Hose behalten willst oder nicht. Wenn nicht, tauschst du sie gegen ein anderes Modell ein, das wiederum monatlich etwa 10 Franken kostet. Rund 25 Prozent aller Mud-Jeans-Bestellung werden geleast. Das Programm ist ein cleverer und zugleich nachhaltiger Schachzug des Brands. Indem er Hosen vermietet, bleibt er im Besitz seiner Jeansfasern. So kann er gewährleisten, dass seine Jeans eines Tages nicht verbrannt, sondern zu einer neuen Denim verarbeitet werden – ein wohlüberlegtes Recycling-Konzept. Zurzeit tüftelt Mud Jeans zusammen mit der niederländischen Saxion Universität an einer Jeans, die zu 100 Prozent aus recyceltem Garn hergestellt wird. Zurzeit liegt der Anteil je nach Modell bei bis zu 40 Prozent.

Recycling vs. Upcycling

Nebst besagten Ansätzen steht bei Denim auch Upcycling hoch im Kurs. Alte Kleidungsstücke, die eigentlich hätten im Abfall landen sollen, werden dank Upcycling aufgewertet und wieder zu alten, neuen Lieblingsstücken. So wird beispielsweise aus einer Jeans eine Tasche. Diesen Trend hat auch die Modeindustrie erkannt. Immer mehr Designer springen auf diesen Zug auf und bringen Upcycling-Kollektionen auf den Markt.

Einer, der gekonnt auf das Dekonstruieren von Kleidungsstücken und das Wiederverwerten von Materialien setzt, ist der Westschweizer Mikael Vilchez. Mit seinem Modelabel «Forbidden Denimeries» macht der Designer auf die Missstände in der Denimproduktion aufmerksam: Die Jeans ist zu einem Symbol für verantwortungslosen Modekonsum geworden. Deshalb macht der 30-Jährige mit seinen Kleidungsstücken und Accessoires aus nachhaltigem Denim das Problem zur Lösung. Die Baumwolle, die er für seine Kreationen verwendet, wird unter nachhaltigen und fairen Bedingungen in Brasilien produziert und wird mit Regenwasser bewässert.

Zwei Varianten des «Blazer 20.1»: Einmal mit…
Zwei Varianten des «Blazer 20.1»: Einmal mit…
...und einmal ohne Alpaka-Wolle. Bilder: @forbiddendenimeries
...und einmal ohne Alpaka-Wolle. Bilder: @forbiddendenimeries

Anfang März präsentierte Mikael seine aktuelle Kollektion, für die er auf nachhaltige Kreationen aus Denim setzt. Darunter ein Blazer aus Alpaka-Wolle und Upcycled-Denim sowie ein Jeans-Anzug, den unter anderem Portraits von starken Frauen wie Marlene Dietrich zieren. Hierfür kam nicht etwa ein Farbdruck zum Einsatz, sondern eine Lasergravur, bei der Motive mit einem Laserstrahl in das Textil gebrannt wurden. Für seine Entwürfe setzt der Designer nicht nur auf nachhaltige Jeansstoffe, sondern auch auf recycelten Denim und Restbestände, die er umfunktioniert. Nebst seinen zeitlosen Kollektionen – für Trends hat der 30-Jährige nicht viel übrig – entwirft er auch auf Anfrage neue Kreationen aus alten Lieblingsstücken. Indem er alte Jeansteile dekonstruiert, schafft er daraus etwas Neues. Ein Unikat, das von seinem*r Träger*in wieder gerne getragen wird.

Färbe-Innovationen

Damit eine Jeans ihren typischen Blauton bekommt, wird Baumwollgarn mit synthetischem Indigopulver gefärbt. Indigo zählt zu den sogenannten Küpenfarbstoffen. Diese lassen sich nicht chemisch mit Textilfasern verbinden, sondern haften als unlösliches Pigment auf der Faseroberfläche. Weil diese Farbstoffmoleküle sich in Wasser nicht auflösen, müssen sie vor dem Färben «verküpt» respektive wasserlöslich gemacht werden. Hier kommen Chemikalien wie Hydrosulfit und Schwermetalle wie Blei oder Quecksilber zum Einsatz. So wird aus Indigo ein flüssiger Farbstoff, mit dem sich das Baumwollgarn schliesslich färben lässt. Die Krux: Bei diesem Vorgang gelangen die Chemikalien auf deine Jeans und später auf deine Haut, sondern auch Unmengen an verunreinigtes Wasser in die Natur.

Die Schweiz zeigt sich in Sachen Upcycling und in puncto nachhaltige Färbemethoden von ihrer grünen Seite. Die Firma Sedo Engineering mit Sitz im Wallis setzt beim Jeansfärben nicht auf Chemikalien, sondern auf Strom. Mit dieser Technologie werden beim Färben angeblich 90 Prozent weniger CO2 abgegeben und der Wasserverbrauch wird um 30 Prozent gesenkt. «Smart Leuco-Indigo wird in einem elektrochemischen Prozess aus Natronlauge, Indigo-Pigment, Wasser und Strom hergestellt. Bei diesem vollautomatischen Prozess wird der Leuco-Indigo produziert, dosiert und direkt in das Färbebad eingespeist», so Werner Volkaert, der Managing Director von der Sedo Engineering SA.

Gefärbtes Baumwollgarn. Bild: Sedo Engineering SA
Gefärbtes Baumwollgarn. Bild: Sedo Engineering SA

Einen alternativen Färbeprozess liefert Tinctorium. Das amerikanische Biotech-Unternehmen färbt Denim mit gentechnisch veränderten Bakterien und Mikroorganismen. Diese imitieren die Art und Weise, wie die japanische Indigopflanze «Polygonum Tinctorium» ihre Farbe herstellt und beibehält. Hierfür werden natürlich vorkommende Bakterien gezüchtet und so programmiert, dass sie einen Indigo-Vorläufer absondern. Dieser wird mit einem Enzym gemischt, aus dem eine flüssige Indigo-Lösung entsteht. Diese wird direkt auf Baumwollgarn aufgetragen und muss nicht vorab mit Giftstoffen verflüssigt werden.

Weder schön noch gesund für die Umwelt: der Destroyed Look.
Weder schön noch gesund für die Umwelt: der Destroyed Look.

Das Färben des Baumwollgarns ist das Eine. Für den Veredelungsprozess einer Jeans im Used oder Destroyed Look, kommen jedoch weitere Chemikalien zum Zug. Weshalb auch hier nachhaltige Ansätze gefragt sind. Einen liefert der amerikanische Technologieinnovator Clean Kore, der seit Ende Februar 2021 mit dem Schweizer Chemieunternehmen Archroma gemeinsame Sache macht. Die beiden Betriebe möchten Färbeprozesse künftig nachhaltiger machen. Clean Kore hat ein patentiertes Verfahren zum Aufhellen von Denim-Garnen entwickelt. Für helle oder weisse Abriebe, wie das beim Used Look der Fall ist, sollen in Zukunft keine Chemikalien wie Kaliumpermanganat, Chlor oder Sandstrahlen mehr nötig sein. Wie das künftig funktionieren wird, steht noch in den Sternen. Clean Kore will mit dieser Innovation bis zu 15 Liter Wasser pro Kleidungsstück einsparen. Das klingt zunächst nach wenig, macht aber immerhin den täglichen Wasserbedarf von fünf Personen aus.

Als Konsument*in hast du die Fäden in der Hand. Denn mit deinem Einkaufsverhalten bestimmst du selbst, wie gross dein ökologischer Fussabdruck ist respektive künftig sein soll. Indem du bewusster shoppst, deine Jeanshosen tot trägst und nicht frühzeitig entsorgst, leistest du einen kleinen, aber wichtigen Beitrag für die Umwelt.

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Vanessa Kim
Vanessa Kim
Editor, Zürich
Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt.

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