Mit dieser Maschine wirst du zur Maschine
News & TrendsSport

Mit dieser Maschine wirst du zur Maschine

Patrick Bardelli
Zürich, am 15.10.2019
Bilder: Thomas Kunz
Die Beinpresse von morgen gibt es schon heute. Sie wurde von der Firma Dynamic Devices AG unter dem Markennamen «ddrobotec» in Zürich und Japan entwickelt. Ich konnte sie ausprobieren und einen Blick in die Zukunft des Krafttrainings werfen.

Never skip leg day. So lautet eine der vielen goldenen Regeln des Krafttrainings. Vernachlässige nicht deine Beinmuskulatur. Aber wer sitzt schon gerne in der Beinpresse und drückt mit schmerzverzerrtem Gesicht tonnenweise Gewichte vor sich her? Die Zukunft dieser Workouts soll spielerisch, verletzungsfrei und dank KI-Technologie vor allem effizienter sein als heute.

Krafttraining für Spitzensportler und die anderen 99 Prozent

Seit zehn Jahren entwickelt die Dynamic Devices AG Produkte für den Sportmarkt. Auf ihren Geräten haben schon Mitglieder der Schweizer Ski-Nationalmannschaft Quadriceps und Hamstring weltcuptauglich gemacht. Nur die wenigsten fahren das Lauberhorn in Wengen oder die Streif in Kitzbühel allerdings rennmässig hinunter. Da wir aber alle in einer Welt mit Gravitation leben, sind wir auf gesunde, kräftige Muskeln angewiesen. Ausserdem werden wir immer älter. Um auch mit 85 noch selbständig von der Toilette aufzustehen, brauchen wir eines: Kraft.

Dr. Max Lungarella von Dynamic Devices erklärt die Funktion der Beinpresse.
Dr. Max Lungarella von Dynamic Devices erklärt die Funktion der Beinpresse.

Robotergestützte Workouts

«Wie bringen wir Menschen zum Krafttraining, die damit bisher nichts am Hut hatten?» Diese Frage haben sich Max Lungarella und sein Team 2014 gestellt. «Unser Ziel lautete: ein System zu entwickeln, das spielerisches, einfaches Krafttraining mit hoher Qualität ermöglicht.» Das Konzept für die neuartige Beinpresse wurde im Anschluss unter anderem mit der ETH Zürich entwickelt. Max Lungarella lächelt und sagt: «Das Hirn von ETH-Sportphysiologe Marco Toigo steckt in unserer Beinpresse. Er hat uns bei der Entwicklung des Geräts unterstützt.»

Das Herzstück der Beinpresse bilden zwei künstliche Muskeln. Es handelt sich um Antriebselemente, die mit Luftdruck kontrahieren. Sie verhalten sich wie richtige Muskeln. Die Kunst besteht in der Regelung dieser Systeme. «Dies ist ein komplexer Prozess. Wir haben zehn Jahre gebraucht, um die Funktion dieser Soft Robotic Elements zu perfektionieren», erklärt Max Lungarella.

Zehn Jahre Forschung stecken in den zwei unscheinbaren schwarzen Schläuchen.
Zehn Jahre Forschung stecken in den zwei unscheinbaren schwarzen Schläuchen.

Hinzu kommt eine Software, die über eine App einfach zu steuern ist und personalisierte Trainingspläne ermöglicht. Auf meinen Einwand, dass dies heute Standard sei und jedes zweitklassige Gym mit personalisiertem Training werbe, holt Max einmal tief Luft und legt dann los: «Nehmen wir an, du leidest an einer Nervenkrankheit. Zum Beispiel Neuropathie. Dann gehst du vermutlich zu einem Neuro-Physiotherapeuten. Der kennt sich zwar mit deiner Krankheit aus, hat in der Regel aber wenig Ahnung von Krafttraining. Idealerweise wüsste er jedoch, was sowohl ein Sportwissenschaftler als auch ein Mediziner wissen. Solche Therapeuten sind dünn gesät. Und hier kommt unser System ins Spiel. Wir entwickeln beispielsweise spezifische Trainingspläne für Patienten mit neurologischen Erkrankungen und helfen mit, dass diese Menschen wieder gehen können.»

Er hat gleich noch ein konkretes Beispiel aus einem anderen Bereich: «Wir wurden von einem Physiotherapeuten in der Schweiz angefragt, der eine spezifische Muskel-Therapie für Senioren ab 75 auf unserer Beinpresse anbieten möchte. Wir speisen also den entsprechenden, auf unseren umfangreichen Daten basierenden Plan in die Cloud ein und dieser steht anschliessend all unseren Kunden weltweit zur Verfügung. Ein Physiotherapeut in Japan, der mit unserem Gerät arbeitet, muss nicht mehr recherchieren, wie er seinen 80-jährigen Patienten behandeln soll. Er hat eine Behandlung, die von einem Schweizer Spital validiert ist, sofort zur Verfügung. Das ist 21st Century Workout und geht für mich in Richtung Demokratisierung von Knowhow.»

Ein robotergestütztes Workout.
Ein robotergestütztes Workout.
Und seine unmittelbare Auswertung.
Und seine unmittelbare Auswertung.

Krafttraining für Spitzensportler oder Golden Agers, aber auch therapeutische Anwendungen für Senioren oder Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Alles ist möglich. Ich schwinge mich auf eines dieser futuristischen Möbel und probiere es selbst aus.

Spielerisch anstrengend

Ich absolviere diverse Workouts mit dem rechten, dem linken und beiden Beinen. Dabei überwinde ich Widerstand, wirke Widerstand entgegen oder halte ihn in Position. Meine Beinmuskulatur arbeitet also konzentrisch, exzentrisch und isometrisch. Du kennst das vielleicht von deinem eGym im Fitness-Studio. Du führst den Punkt nach oben, nach unten oder hältst ihn in der Mitte. Das habe ich früher auch gemacht, bin von einer Maschine zu nächsten gehetzt und hatte am Ende des Workouts jeweils keine Ahnung, ob das nun effizient war oder nicht.

Ganz anders hier: Schon nach wenigen Minuten weist mich Max beispielsweise darauf hin, dass ich mein linkes Knie untersuchen lassen solle. Da stimme etwas nicht. Mit rechts erreiche ich bei einer der Übungen etwa 1 500 Watt, links ist nach gut 1 200 Watt Schluss. Die blaue (linkes Bein) und rote (rechtes Bein) Kurve sollten parallel verlaufen. Tun sie bei mir aber nicht. Nun habe ich nicht nur den diffusen Schmerz im Knie, der mich seit einigen Wochen begleitet, sondern endlich auch den Beleg blau auf schwarz, dass was nicht stimmt. Hallo Doc, mach schon mal einen Termin klar, ich komme.

Viele Zahlen: eine Erkenntnis.
Viele Zahlen: eine Erkenntnis.

Ansonsten funktioniere ich scheinbar noch ganz ordentlich. Max macht jedenfalls einen zufriedenen Eindruck und zum Schluss lässt er mich auch noch im Game-Modus Silberkugeln einsammeln und als Pinguin den Hang hinabcarven. Nach rund einer halben Stunde habe ich das Trainingsprogramm beendet, schwinge mich beschwingt von der Beinpresse und muss mich hinsetzen. Okay. Es ist zwar spielerisch, aber trotzdem anstrengend.

Mit der silbernen Kugel Punkte sammeln.
Mit der silbernen Kugel Punkte sammeln.
Mit dem Pinguin Ski fahren.
Mit dem Pinguin Ski fahren.
Ganz ohne Anstrengung geht's dann doch nicht.
Ganz ohne Anstrengung geht's dann doch nicht.

Und was kostet der Spass?

Dynamic Devices produziert unter dem Brand «ddrobotec» zwei Modelle in Serie. Das kleinere «Pro»-Modell ist geeignet für die Anwendung in Arztpraxen, für E-Sports-Athleten, für ältere Semester und Kinder. Es kostet gemäss Lungarella rund 70 000 Franken. Das grössere «Elite»-Modell, auf dem ich trainiert habe, kostet zirka 90 000 Franken. Es wurde für die neuro-athletische Konditionierung, Leistungssteigerung, interaktive Diagnostik und Trainingsprogramme für den Spitzensport-Bereich konzipiert. Zu den Kunden von Dynamic Devices zählen unter anderen der Redbull-Konzern und der Japanische Ski-Verband. Und wenn er auf die Schnelle 90 000 locker machen könnte, auch Patrick Bardelli.

Meine Texte gibt's gratis und zwar genau hier. Einfach im Autorenprofil mit dem linken Bein konzentrisch auf «Autor folgen» klicken und nichts mehr verpassen.

23 Personen gefällt dieser Artikel


Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Senior Editor, Zürich
Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren