Mit alten Hörspielen durch die Zeit reisen

Mit alten Hörspielen durch die Zeit reisen

Natalie Hemengül
Zürich, am 28.04.2021
Einmal wieder Kind sein und dem Alltag entkommen? Kein Ding, du brauchst bloss eine Zeitmaschine.

Nur einen Knopfdruck entfernt liegt eine andere Welt. Auch sie ist rund. Dreht sich gelegentlich. Es ist ein Ort, an dem die Witze flach, das Gelächter laut und die Naivität geradezu so groteske Ausmasse annimmt, dass selbst das Disneyland hinter einem dunklen Schatten verschwindet.

Das CD-Hörspiel aus meinen Kindertagen.

Als kleines Mädchen hatte ich panische Angst vor der Dunkelheit. Schlafenszeit war der Horror. Ich fühlte mich alleine. Meine Eltern setzten auf Hörspiele. Von da an begleiteten mich mal Papa Moll und seine Familie in den Schlaf, dann der rothaarige Kobold Pumuckl. Die Diddl-Maus und Bibi Blocksberg schauten auch ab und zu vorbei. Ich war in guter Gesellschaft.

Irgendwo auf dem Weg ins Jetzt habe ich die Angst vor der Nacht verloren. Ebenso meine Gutenachtgeschichten.

In Zeiten wie diesen, wo die Realität eine gute Imagekampagne vertragen könnte, schaue ich gerne zurück und höre mir bewusst die Geschichten an, die mich an eine sorglosere Zeit erinnern. Ein paar meiner Hörspiele habe ich zum Glück aufbewahrt, andere wiederum stolz auf dem Kinderflohmarkt verkauft. Für mich damals ein symbolischer Schritt Richtung Erwachsensein. Hätte ich gewusst, dass auch Erwachsene hin und wieder gerne Kind sind, ja gar Kind sein müssen, hätte ich alle behalten. Ausnahmslos. Heute streife ich durch die Brockis und klappere Wiederverkaufsplattformen ab, stets auf der Suche nach meinen alten Freunden. Ich trage Hörspiel für Hörspiel, Erinnerung um Erinnerung zusammen. Spotify? Ja, ich weiss. Aber wieso sich in einem neuen Betonblock treffen, wenn das alte Baumhaus noch steht?

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Mittlerweile sind es eher die helllichten Tage, die mir Angst einflössen. Dann reicht das Gefühl einer angeknacksten CD-Hülle in meiner Hand und ich spüre wieder diese Vertrautheit, die sich wie eine tröstende Decke auf mich legt.

Ich drücke Play.

Während ich Diddls hoher Mäusestimme dabei lausche, wie er ein gut gemeintes Käse-Wortspiel nach dem anderen raushaut und mithilfe der Zickzack-Zeitmaschine in einer geheimen Höhle die magischen Käsesteine des legendären Mumienkäsekönigs Camembert findet, schiele ich auf meinen CD-Player. Mir wird klar, dass auch ich im Besitz einer Zeitmaschine bin.

Und ich weiss, es ist alles okäse.

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Editor, Zürich
Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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