
Mein erster Galaxus-Beitrag würde heute im Lektorat durchfallen
Vor zehn Jahren veröffentlichte ich meinen ersten Galaxus-Beitrag über skurrile Crowdfunding-Projekte. Er verliert den Fokus, urteilt vorschnell und endet mit einer Kaufaufforderung. An drei Fehlern zeige ich, was ich heute beim Schreiben anders mache.
«Also, greif zu!» Mit diesen drei Worten endet mein erster Beitrag für Galaxus. Heute würde mir dieser Satz spätestens im Lektorat um die Ohren fliegen. Vor zehn Jahren ging er noch durch.
Am 1. September 2016 begann ich als Praktikant bei Galaxus. Ich hatte gerade mein Studium beendet und noch nie journalistisch gearbeitet. Zwei Wochen später ging «Die 4 skurrilsten Crowdfunding Projekte» online.
An seine Entstehung erinnere ich mich kaum. Ich weiss nicht einmal mehr, ob die Idee von mir kam. Ich wollte etwas machen und griff zu irgendeinem Thema. Crowdfunding klang gut genug.
Heute löst der Text bei mir trotzdem keine reine Fremdscham aus. Dafür ist der Rückblick zu nostalgisch. Wir bauten die Redaktion gerade erst auf und wussten noch nicht, welche Rolle redaktionelle Beiträge in einem Onlineshop spielen können. Also probierten wir aus und schauten, was funktioniert – und was nicht.
Nach wenigen Absätzen ist die Nostalgie vorbei. Der Text ist lang und sagt erstaunlich wenig. Drei Fehler stechen besonders heraus.
Fehler 1: Der fehlende rote Faden
Nach vier skurrilen Projekten wäre der Beitrag fertig. Mein damaliges Ich sieht das anders. Ohne Vorwarnung folgen sechs Produkte aus unserem Shop und danach drei weitere Kickstarter-Empfehlungen. Aus den vier Projekten im Titel werden dreizehn. Weshalb? Ich weiss es nicht mehr. Clickbait aus heutiger Sicht – und nicht einmal besonders guter.
Der Beitrag will Liste, Schaufenster und Kaufberatung gleichzeitig sein. Eine Liste braucht keine grosse These. Sie sollte aber ihr eigenes Versprechen halten. Diese hier tut es nicht. Zwischen den Teilen gibt es kaum eine Verbindung. Ein Schluss fehlt.

Heute würde ich bei vier absurden Kampagnen bleiben. Oder fünf: Lesende lieben ungerade Aufzählungen. Die Shopprodukte und Empfehlungen flögen raus. Stattdessen würde ich mit allen vier Beispielen derselben Frage nachgehen: Weshalb sind Menschen bereit, selbst offensichtlichen Unsinn zu finanzieren?
Früher sah mein Lead so aus:
Auf Kickstarter investieren Leute ihr Geld in alles Mögliche. Hier ist eine Auswahl von 4 skurrilen Projekten, welche über Crowdfunding versuchten erfolgreich zu sein. Zudem präsentieren wir dir 3 Projekte, für welche es sich lohnt, Geld auszugeben.
Heute würde ich ihn so formulieren:
Ein Mann sammelt 55000 Dollar, weil er Kartoffelsalat machen will. Ein anderer lässt einen Piloten eine Frage in den Himmel schreiben. Vier Crowdfunding-Projekte zeigen, wie bereitwillig das Internet selbst die absurdesten Ideen finanziert.
Damit wäre nach drei Sätzen klar, worum es geht. Mein damaliger Lead braucht dafür deutlich mehr Wörter und verspricht trotzdem zwei verschiedene Beiträge.
Fehler 2: Ich urteile, statt zu recherchieren
Am deutlichsten zeigt sich meine damalige Arbeitsweise beim Fidget Cube. «Was kann es? Nichts. Wofür ist es zu gebrauchen? Keine Ahnung.» Das ist eine Pointe. Eine Erklärung ist es nicht.
Hilft er tatsächlich? Und braucht es dafür einen eigenen Plastikwürfel? Das wären die spannenden Fragen gewesen. Ich stelle keine davon. Stattdessen erkläre ich das Produkt direkt für nutzlos.

Auch bei den Zahlen bin ich ungenau. Ich schreibe, der Hersteller habe mehr als vier Millionen Dollar «eingenommen» und über eine Viertelmillion Würfel «verkauft». Dabei lief die Kampagne noch. Die vier Millionen waren Zusagen, keine Einnahmen. Woher die Anzahl verkaufter Würfel stammt, lässt sich im Text ebenfalls nicht nachvollziehen.
Heute würde ich das Produkt zuerst beschreiben, die Begriffe sauber trennen und jede Zahl belegen. Der Absatz könnte so aussehen:
Auf Sechs Seiten bietet der Fidget Cube Schalter, Tasten, Räder und einen kleinen Joystick für unruhige Hände. Nach Angaben der Entwickler soll er Menschen helfen, ihre Nervosität zu kanalisieren und sich besser zu konzentrieren. Ob es dafür einen eigenen Würfel braucht, bleibt fraglich. Die Nachfrage ist trotzdem da: Bereits mehr als vier Millionen Dollar wurden zugesagt, obwohl die Kampagne noch über einen Monat läuft.
Ich bleibe skeptisch, aber die Skepsis ersetzt die Fakten nicht, sondern ergänzt sie. Am Ende sagten knapp 155 000 Unterstützende insgesamt 6,47 Millionen Dollar zu. Das bestätigen die Projektseite und ein damaliger Forbes-Bericht. So viel zu «Was kann es? Nichts.»
Fehler 3: Plötzlich werde ich zum Verkäufer
Noch problematischer als der Themenwechsel ist der Ton. Ich stelle mehrere Crowdfunding-Produkte als überzeugende Innovationen dar. Auch den Wasserstrahlschneider und die Kamera-Fernbedienung lobe ich. Getestet habe ich keines dieser Produkte.
Beim letzten Gadget gebe ich jede journalistische Zurückhaltung auf und fordere die Leserschaft direkt zum Kauf auf.

Gerade weil ich für einen Händler schreibe, muss ich Einordnung und Verkauf sauber trennen. Ich kann ein Produkt spannend, praktisch oder sein Geld wert finden. Dann muss ich erklären, wie ich zu diesem Urteil komme. Eine Kickstarter-Seite zusammenzufassen und anschliessend zum Kauf aufzufordern, reicht nicht.
Heute würde der Text zurückkommen
Die Anforderungen und Abläufe waren damals andere. Viele Regeln, die heute selbstverständlich sind, entstanden erst mit der Zeit. Heute lesen zwei verschiedene Personen jeden Text, bevor er online geht. In der ersten Runde prüfen wir Inhalt, Struktur und Story. Mein alter Beitrag käme wohl schon mit der Frage zurück: Was willst du hier eigentlich erzählen?
Danach prüft eine zweite Person Rechtschreibung, Satzbau und Verständlichkeit. Sie würde unter anderem die fehlenden Bindestriche bei «Crowdfunding-Projekte», «VPN-Router» und «Kamera-Fernbedienung» markieren.
Beim Gegenlesen dieses Rückblicks stellte mir Kollegin Stefanie Lechthaler genau dieselbe Frage. Sie hatte recht: Auch dieser Text wollte zunächst zu viel auf einmal. Zehn Jahre später brauche ich die Frage also noch immer. Der Unterschied ist, dass sie heute vor der Veröffentlichung kommt.

Nicht nur ich habe mich verändert. Die Redaktion ist in diesen zehn Jahren von vier auf über dreissig Personen gewachsen. Mit dem Team entwickelten sich auch unsere Ansprüche und Abläufe. Perfekt werden unsere Texte dadurch nicht. Aber bevor eine Idee online geht, müssen wir erklären können, was wir damit erzählen wollen.
Ganz fremd ist mir der Autor nicht
Trotzdem erkenne ich mich in dem alten Beitrag wieder. Seltsame Produkte interessieren mich noch immer. Ich schreibe weiterhin direkt, mag kurze Sätze und vertrete gern eine klare Meinung. Selbst die Freude an einem Kartoffelsalat für 55 000 Dollar ist geblieben.
Was heute anders ist: Ich recherchiere zuerst und setze dann die Pointe. Bevor ich losschreibe, frage ich mich: Worin steckt die eigentliche Geschichte? Welche Fakten tragen mein Urteil? Was kann ich weglassen? Das hätte meinem ersten Beitrag gutgetan.

Würde ich ihn heute nochmals veröffentlichen? Nein. Löschen möchte ich ihn trotzdem nicht. Er zeigt mir, wie ich damals schrieb und was heute zwischen einem spontanen Einfall und der Veröffentlichung passiert.
Auf die Frage «Was willst du hier eigentlich erzählen?» hätte ich vor zehn Jahren wohl geantwortet: Ich wollte einfach etwas machen. Heute wäre mir das zu wenig. Die Frage ist nach zehn Jahren noch dieselbe. Heute muss ich sie beantworten, bevor der Text online geht.
Was würdest du an deiner Arbeit von vor zehn Jahren heute anders machen?
Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen













