Christian Walker
Hintergrund

Nach dem Beinahe-Ende: iRobot-Chef spricht über Fehler, Neustart und grosse Pläne

Lorenz Keller
17.3.2026

«Ohne Picea gäbe es heute kein iRobot mehr», sagt iRobot-CEO Gary Cohen. Im Interview erklärt er, welche Fehler der Saugroboter-Pionier gemacht hat, was sich durch die Übernahme ändert und welche Produkte noch in der Schublade warten.

iRobot-CEO Gary Cohen schaltet sich mit ein paar Minuten Verspätung in den Zoom-Call. Kein Wunder: Es reiht sich Besprechung an Besprechung. Der Chef des US-Unternehmens, das Saugroboter weltweit populär gemacht hat, ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Schliesslich muss er die Zusammenarbeit mit Picea, den neuen Besitzern aus China, aufgleisen und gleichzeitig die nächsten Generationen an Geräten planen.

Trotzdem nimmt er sich für meine Fragen eine Stunde Zeit – und zeigt sich offen und selbstkritisch. In der Branche ist das nicht selbstverständlich.

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    iRobot hat massive Probleme – und wird übernommen

    von Lorenz Keller

Nachdem iRobot mit Picea einen neuen Besitzer erhalten hat: Was verändert sich?
Gary Cohen: Eigentlich nicht viel. Für iRobot ist das vielmehr eine gute Gelegenheit, eine deutlich engere Verbindung zu Forschung und Entwicklung sowie zu den Innovationslaboren zu schaffen. Wir haben die Kontrolle von der Planung über die Fabrikation bis zum Vertrieb. Was sich also ändern wird: bessere Produkte, schnellere Markteinführung und mehr Innovation.

In welche Richtung gehen diese Innovationen?
Mein Ziel ist es, iRobot noch stärker auf die Wünsche der Konsumenten auszurichten – und auch Picea in diese Richtung zu entwickeln. Ich will, dass wir gemeinsam das Innovationstempo bei den Saugrobotern anführen. Viele Wettbewerber sind sehr Feature-getrieben. Wir können nun technisch mit der Konkurrenz mithalten – unterscheiden wollen wir uns durch die Marke und den Fokus auf die Konsumenten.

Der Amerikaner Gary Cohen ist seit 2024 Chef von iRobot.
Der Amerikaner Gary Cohen ist seit 2024 Chef von iRobot.

Hat sich die Strategie durch die Übernahme in irgendeiner Weise verändert?
Ich würde nicht sagen: nein. Sie ist konkreter und umsetzbarer geworden, weil wir nun wieder genug Ressourcen haben. Unser Ziel ist es nun, global wieder die Führungsposition zu übernehmen, neue Märkte zu erschliessen, in denen wir bisher nicht aktiv waren, und Marktanteile zurückzugewinnen, wo wir durch die gescheiterte Amazon-Übernahme an Innovationsdynamik verloren haben. Strategisch bleibt das Ziel also Marktführerschaft.

«Wir wollen global wieder eine Führungsposition übernehmen.»

In welche Produktkategorien oder Technologien wird iRobot künftig stärker investieren?
Wir wollen zunächst unser Kerngeschäft stärken und Marktanteile bei Saugrobotern zurückgewinnen. Gleichzeitig wollen wir aber auch innerhalb und ausserhalb des angestammten Bereiches expandieren.

Wie zum Beispiel…?
Wir beschäftigen uns bereits mit Rasenmährobotern und Poolreinigern. Zudem prüfen wir weitere vernetzte Geräte für den Innenbereich. Picea hat da bereits eigene Forschung betrieben: Sie produzieren selbst Sensoren, Kompressoren und Motoren. Von A bis Z können wir daher künftig viele dieser Bereiche selbst abdecken – sei es in Eigenentwicklung oder in Partnerschaft.

Warum hat das in den letzten Jahren nicht geklappt?
iRobot hatte immer schon zahlreiche innovative Ideen. Wer heute auf eine Techmesse geht, wird kaum einer Idee begegnen, an der wir nicht ebenfalls gearbeitet hätten. Wir haben es aber oft nicht geschafft, diese Visionen auch in Produkte umzuwandeln, die wir dann verkaufen konnten. Das Konzept für einen Saugroboter, den wir kürzlich in Japan lanciert haben, lag beispielsweise fast zehn Jahre in der Schublade. Das Team hat es nicht geschafft, die Idee zu einem fertigen Produkt weiterzuentwickeln. Eines meiner Hauptziele ist es, solche Konzepte nun schnell und effizient umzusetzen. Ein Beispiel sind auch die zahlreichen Rasenmäher-Prototypen, die wir im Lager haben. Ich setze alles daran, dass diese nun auch zu einem fertigen Produkt weiterentwickelt werden.

«Das Projekt für einen Mini-Saugroboter lag über zehn Jahre in der Schublade.»

Was ist das für ein Produkt, das iRobot in Japan lanciert hat?
Einen Mini-Roboter mit der Reinigungskraft eines grossen Modells, der vollständig auf die Bedürfnisse japanischer Haushalte zugeschnitten ist. Er ist ganz auf kleine Flächen und Wohnungen ausgerichtet und in vier Farben erhältlich, weil wir wissen, dass diese Zielgruppe Wert auf Design legt – ähnlich wie bei Küchengeräten. Wir haben sogar weitere Farbvarianten in der Pipeline. Wir sind überzeugt, dass dieses Produkt aber auch globales Potenzial hat, etwa für Studentenwohnheime, kleinere Apartments oder innerstädtisches Wohnen. Zuerst haben wir den Roboter aber einfach mal in Japan auf den Markt gebracht. Das zeigt auch eine Veränderung bei iRobot: Wir müssen nicht immer alles gleichzeitig machen oder in den USA beginnen. Wir wollen global agieren und Produkte dort einführen, wo die Nachfrage danach ist.

Der Roomba Mini kommt voraussichtlich nicht offiziell in die Schweiz.
Der Roomba Mini kommt voraussichtlich nicht offiziell in die Schweiz.

Was für neue Modelle kommen zu uns nach Europa?
Details kann ich noch keine nennen. Europa ist aktuell der Markt, der sich am schnellsten weiterentwickelt. Verantwortlich dafür ist der starke Wettbewerb und der wachsende Online-Handel. Wir haben bereits letztes Jahr eine neue Produktpalette mit LiDAR-Navigation und Multifunktionsgeräten lanciert, nachdem wir in diesen Segmenten mehrere Jahre kaum aktiv waren. Unsere Wettbewerber waren dort deutlich schneller. Da der europäische Markt rasant wächst, müssen wir hier mit neuen Produkten präsent sein. Wir werden dieses Jahr eine neue Generation von Saugrobotern bringen.

Was sollen die neuen Saugroboter besser können?
Stärkere Saugleistung, bessere Navigation und verbesserte Kartierung stehen im Zentrum. Wir wollen selbstreinigende Rollen auch ins mittlere Preissegment bringen. Premium-Funktionen wie ausfahrbare Wischmopps sollen auch in günstigeren Segmenten selbstverständlich werden. Gleichzeitig investieren wir stark in die App – nicht nur das Gerät selbst zählt, sondern auch die Benutzeroberfläche.

iRobot ist bekannt für den lokalen Kundendienst und den Service. Bleibt das bestehen?
Ja, das ist ein zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Reparatur, Service, Garantie, Ersatzteile und Kundendienst bleiben integraler Bestandteil unserer Strategie.

Viele Leute haben iRobot geschätzt, weil es kein chinesischer Anbieter ist. Wie sieht das nach der Übernahme aus?
Wir haben unseren Hauptsitz in Boston langfristig gesichert. Unsere Innovationslabore bleiben dort – in einem starken Robotik-Ökosystem mit dem Massachusetts Institute of Technology und anderen Universitäten. Alle Server für Europa und die USA stehen weiterhin in den USA. Marketing, Forschung und Entwicklung und Headquarters bleiben dort. Picea unterstützt ausdrücklich unsere Positionierung als amerikanisches und westliches Unternehmen und bleibt im Hintergrund.

«Alle Server für Europa und die USA stehen weiterhin in den USA.»

Sind auch Modelle ohne Cloud geplant?
Technisch ist das problemlos möglich. Man müsste jedoch Abstriche bei Funktionen machen. Zukünftig wird es vermutlich beides geben: hochvernetzte Geräte und einfachere Modelle ohne Cloud-Anbindung, die dafür deutlich weniger Features haben wie etwa Hinderniserkennung durch KI.

Was waren die wichtigsten Learnings der letzten Jahre?
Wir haben die Konkurrenz zu wenig ernst genommen und waren zu spät bei Technologien wie LiDAR-Scannern, Kombigeräten und Multifunktionslösungen. Unsere Produkte waren teilweise zu aufwändig konstruiert, zu teuer und an den Bedürfnissen der Konsumenten vorbei entwickelt. Zudem waren die Kosten für alles zu hoch. Mein Fazit ist daher: Konkurrenz ernst nehmen, für unsere Kunden entwickeln und das alles zu tieferen Kosten.

Wurden die Reaktionen auf die Übernahme unterschätzt?
Das Jahr war herausfordernd. Der spezielle Übernahmeprozess mit einer Insolvenzankündigung gemäss «Chapter 11» wird ausserhalb der USA oft missverstanden. Es war ein strategischer Schritt, um das Unternehmen zu stabilisieren. Ohne Picea gäbe es heute kein iRobot mehr. Die Konsumentinnen und Konsumenten blieben relativ loyal. Wenn wir wieder Produkte bringen, die begeistern, und diese entsprechend bewerben, wird die Marke Roomba weiterhin stark bleiben.

Gary Cohen ist seit Mai 2024 CEO von Roborock. Er übernahm das Amt von Firmengründer Colin Angle, der nach der gescheiterten Übernahme durch Amazon zurücktreten musste. Seither hat Cohen das Unternehmen massiv restrukturiert und neu aufgestellt. Im Dezember 2025 gab er bekannt, dass der chinesische Hersteller Picea iRobot übernimmt. Picea hat bereits vorher die iRobot-Modelle gefertigt. Gary Cohen ist seit 25 Jahren Spezialist für Turnarounds und Firmensanierungen. Er war unter anderem CEO beim Uhrenhersteller Timex und beim Autozubehör-Hersteller Qualitor Automotive.

Titelbild: Christian Walker

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