Klang Games
Hintergrund

Das deutsche Millionenprojekt «Seed» will Simulatoren revolutionieren

Debora Pape
19.5.2026

Mit mehr als 80 Millionen Euro Budget baut das Berliner Studio Klang Games an «Seed» – einer gigantischen Online-Gesellschaftssimulation ohne NPCs. Dieses Jahr startet es in den Early Access.

Hast du schon von dem MMO-Spiel «Seed» des Berliner Studios Klang Games gehört? Wahrscheinlich nicht. Noch fliegt das Game weitgehend unter dem Radar, doch das Team dahinter hat große Pläne. Nach mehr als zehn Jahren Entwicklung soll «Seed» in diesem Jahr in den Early Access starten. Ich erkläre dir, was du darüber wissen musst.

«Seed» lässt sich am ehesten als Online-Lebens- und Gesellschaftssimulation beschreiben. Stell dir «The Sims» vor, aber als MMO-Game und ohne NPCs. Die Welt ist persistent, das heißt, die simulierten Charaktere – sogenannte Seedlinge – leben und arbeiten auch weiter, wenn ihre Spielerinnen und Spieler ausgeloggt sind.

Die zweite Besonderheit von «Seed» ist der Simulationsaspekt: Die Aktionen der Spielerinnen und Spieler, «Cultivators» genannt, bestimmen die sozioökonomischen Rahmenbedingungen. Ohne Zusammenarbeit geht nichts und Demokratien sind genauso möglich wie ein Diktator, der weitere Wahlen verhindert.

Und last – but not least! – kommt noch KI ins Spiel. Für lebendige Konversationen und einige Überraschungen soll ChatGPT sorgen. Durch die KI kannst du in natürlicher Sprache deinen Seedlingen Befehle erteilen, Konversationen eine Richtung geben und über die Companion-App auf dem Smartphone mit ihnen chatten.

Ein großes Projekt, das (noch) kaum jemand kennt

Diese drei Besonderheiten zeigen: Klang Games hat ambitionierte Pläne. Doch Investoren glauben daran. Mehr als 80 Millionen Euro (umgerechnet 73 Millionen Franken) konnte das 2013 gegründete Studio für die Finanzierung einwerben. Mittlerweile arbeiten rund 90 Menschen an dem Spiel – und das alles, obwohl Klang Games seit rund zehn Jahren kein Game mehr veröffentlicht hat. Das soll sich bald ändern.

Seit geraumer Zeit lässt sich «Seed» unter NDA kostenlos als Closed Beta spielen. Im Sommer will Klang Games seine Spielwelt öffnen und sich in den Early Access wagen. Auf Steam wird «Seed» ab Herbst verfügbar sein, kündigt CEO Mundi Vondi auf einer Präsentation in Berlin an. «Die erste Seed-Keynote, das ist ein historischer Augenblick», sagt er lachend ins Publikum, das aus geladenen Journalisten und Content Creators besteht.

Ich bin eine davon. In der Präsentation stellen Vondi und einige seiner Mitarbeiter ihre Vision genauer vor.

Mehr Simulation als Spiel

Erste konzeptionelle Ideen für das Projekt reichen zurück ins Jahr 2010, erzählt Vondi. Zwei der drei Gründer arbeiteten zu dieser Zeit an «Eve Online». Das ist ein großes, aber nischiges Science-Fiction-Game, das aufgrund seiner Komplexität als «Excel-Tabelle mit Grafik» gilt. Die persistente Spielwelt mit hunderttausenden Spielern in einer gemeinsamen Welt und die dadurch entstehenden Allianzen und wirtschaftlichen Systeme dienten dem Trio als Inspiration für ihr eigenes Spiel.

Wenn Menschen in solchen Massen zusammenkommen und sich selbst organisieren, hat das Potenzial zur Analyse von gesellschaftlichen Strukturen. Hier lässt sich im Kleinen beobachten, wie ein Kollektiv auf Änderungen am Zusammenspiel aus Regierungsform und Marktmechanismen reagiert.

Bereits in einem frühen Stadium konnte das Team den Harvard-Professor Lawrence Lessig von ihrer Vision als Simulation für menschliche Gesellschaften überzeugen. Er berät die Entwicklerinnen und Entwickler bei der Gestaltung der politischen Details.

Für den Bau solcher Städte braucht es auch in «Seed» eine funktionierende Gesellschaft.
Für den Bau solcher Städte braucht es auch in «Seed» eine funktionierende Gesellschaft.
Quelle: Klang Games

Das Ziel von Klang Games ist es, einen Society Simulator «in großem Maßstab wie kein anderer» zu entwickeln. Auf der Website beschreibt Klang Games «Seed» als «tiefgreifende und bedeutungsvolle Erfahrung, die die Schönheit und die Herausforderungen der Realität in einer virtuellen Spielwelt voller Möglichkeiten» widerspiegelt.

Wie Vondi erklärt, simuliert «Seed» drei unterschiedliche Schwerpunkte. Und dabei zeigen sich tatsächlich starke Parallelen zu unserer Gesellschaft.

Lebenssimulation: Haus, Job und Familie

Im Zentrum steht dein Seedling. Du kannst bis zu zehn davon erstellen. Das Wohlbefinden der Seedlinge hängt von verschiedenen Eindrücken, Erfahrungen, Fähigkeiten und sozialen Kontakten ab. Das kennst du aus «The Sims» oder «RimWorld». Jeder Seedling hat einen persönlichen Terminkalender, den du mit verschiedenen Aktivitäten füllst und der seinen Tagesablauf bestimmt, wenn du nicht aktiv eingreifst.

Trotzdem brauchst du nicht untätig zuzuschauen, wie dein Seedling durch die Gegend schlendert. Du gibst vor, welche Interessen er verfolgt und hilfst ihm dabei, Freundschaften zu knüpfen. Du kannst deinem Seedling ein Haus bauen, es einrichten und ihn eine Familie gründen lassen. Und ja, dein Seedling kann mit dem Seedling eines anderen Cultivators ein Kind bekommen. Wer das Sorgerecht erhält, wird vor der Zeugung festgelegt.

Erst ein Date, dann ein gemeinsamer Mini-Seedling.
Erst ein Date, dann ein gemeinsamer Mini-Seedling.
Quelle: Klang Games

Eine Real-Life-Stunde entspricht im Spiel einem Tag. Dein Seedling hat eine Lebensspanne von etwa drei Monaten, erzählt mir ein Entwickler. Diese Zeit kannst du nutzen, um deinem Seedling ein schönes, virtuelles Leben zu bescheren.

Wirtschaftssimulation: Jemand muss Nägel herstellen

Aber wie finanzierst du dein glamouröses Haus? Das gesamte ökonomische Gefüge basiert auf Waren und Dienstleistungen der Spielerinnen und Spieler. In «Seed» kannst du, wenn du willst, ein eigenes Gewerbe gründen und selbst entscheiden, was dort produziert oder angeboten werden soll. Das kann eine Fabrik oder auch ein Nachtclub sein. Weil ein einzelner Seedling zu wenig Arbeitskraft für ein größeres Gewerbe hat, brauchst du weitere Angestellte. Dafür schreibst du Stellen aus und legst die durchzuführenden Tätigkeiten fest.

Über den Stellenmarkt kommen Seedlinge an die ausgeschriebenen Jobs und somit an Kaufkraft. Mit dem Geld bezahlen sie wiederum Waren und Dienstleistungen, sodass sich ein Kreislauf ergibt. Die Bezahlung für ausgeschriebene Stellen sowie Preise für Dienstleistungen hängen wie im echten Leben von Angebot und Nachfrage ab.

Ohne Arbeit gibt es kein Geld.
Ohne Arbeit gibt es kein Geld.
Quelle: Klang Games

Cultivators, die ein Gewerbe betreiben, tragen aktiv zu einer funktionierenden Gesellschaft bei. Doch das funktioniert nicht ohne Abstimmung: Wenn sich niemand bereit erklärt, in seinem Gewerbe einfache Eisennägel herzustellen, dann gibt es keine Nägel und niemand kann etwas bauen. Da kommt die Politik ins Spiel.

Politiksimulation: Augen auf bei der Wahl

Die Legislative, die wie alles andere auch von Menschen gebildet wird, kann beispielsweise bestimmte wirtschaftliche Zweige subventionieren und sie dadurch steuern. Die Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist das dritte Simulationsstandbein von «Seed». Und jeder Spieler und jede Spielerin ist Teil davon.

Alle Cultivators gehören ab der Charaktererstellung zu einer «Society», Einzelgänger gibt es nicht. Eine Society besteht aus einer Gruppe von mindestens drei Menschen, die zusammen von der grünen Wiese aus eine wirtschaftliche und politische Gemeinschaft aufbauen. Die zahlreichen Societies in «Seed» sind untereinander durch Handelsbeziehungen verknüpft. Jede Society entscheidet aber für sich selbst, wie sie ihr Zusammenleben gestaltet. Zunächst passiert das über die Wahl eines Bürgermeisters, der dadurch Privilegien erhält und weitere Ämter vergibt.

Doch «Seed» unterstützt auch Änderungen an der Regierungsform. Theoretisch kann eine gewählte Person so viel Macht an sich binden, dass sie weitere Wahlen verhindern kann. Eine demokratisch legitimierte Autokratie ist die Folge. Absetzen lässt sich ein solcher Diktator nicht, da «Seed» auf Gewalt verzichtet. Ein Putsch ist also nicht vorgesehen.

Um viele Seedlinge zu ernähren, braucht es viele Seedlinge.
Um viele Seedlinge zu ernähren, braucht es viele Seedlinge.
Quelle: Klang Games

Von der Regierung hängen nicht nur Steuersätze und Einrichtungen für das Gemeinwohl ab, wie Krankenhäuser und U-Bahn-Stationen, sondern auch ganz konkret die Vergabe und die Preise von Bauplätzen für dein Eigenheim, wie Vondi erklärt. Also Augen auf bei den Wahlen.

Durch KI soll sich das Spiel lebendiger anfühlen

KI ist bei vielen Entwicklerstudios sowie in der Spielerschaft verpönt. Doch für «Seed» ist sie ein Glücksfall, sagt Vondi. Das Experimentieren mit normalen Chatbots vor dem Launch von ChatGPT sei nicht besonders vielversprechend gewesen. Durch das LLM ChatGPT, das tief ins Spiel integriert ist, hätten sich neue Möglichkeiten ergeben.

Die KI beantwortet als sprechende Bedienungsanleitung nicht nur deine Fragen zum Spiel, sondern soll auch lebendigere Konversationen ermöglichen: Im Gegensatz zu «The Sims» stehen dir bei Gesprächen mit anderen Seedlingen nicht nur vordefinierte Dialogoptionen zur Verfügung. Stattdessen kannst du deinen Seedling genau anweisen, was er sagen, fragen oder tun soll.

Dadurch lässt sich ein Gespräch präziser steuern und für dich sollen sich viele Möglichkeiten zum Experimentieren ergeben. Im Gespräch kannst du, wie ein Entwickler während der Keynote zeigt, einen anderen Seedling um Hilfe bitten oder einen gemeinsamen Termin im Kalender anlegen. «Konversationen resultieren durch KI in Aktionen mit echtem Spielwert», sagt er.

«Seed» erinnert in der Vogelperspektive optisch an Spiele wie «RimWorld».
«Seed» erinnert in der Vogelperspektive optisch an Spiele wie «RimWorld».
Quelle: Klang Games

Wie spielt sich «Seed» bisher?

Während der kurzen Demo-Session in Berlin beschränken sich meine Eindrücke vor allem auf das Entschlüsseln des Interfaces und die Erkenntnis, dass «Seed» wenig überraschend ziemlich komplex ist. Zu Hause erstelle ich einen privaten Account im aktuellen Playtest: Ich will wissen, wie sich «Seed» spielt.

Auf der Website des Spiels logge ich mich mit meinem Discord-Account ein und bekomme dadurch für 90 Tage Zugang zum Spiel sowie ein «Seed Life». Damit kann ich meinen ersten Seedling erstellen. Dann trete ich einer der auf dem Start Screen empfohlenen, also aktiven und somit wohl erfolgreichen, Societies bei. Hier gibt es bereits einige Infrastruktur für die Gemeinschaft sowie ein paar erfolgreiche Gewerbe und Arbeitsplätze.

Bislang fühlt sich «Seed» eher wie ein Browser-Game an. Habe ich Zeit für das Spiel, begleite ich meinen Seedling, treffe einige Entscheidungen und lasse ihn Konversationen führen. Im Gegensatz zu «The Sims» dauert alles viel länger – kein Wunder, schließlich ist mein Seedling auch aktiv, wenn ich schlafe und arbeite. Bin ich an einem Abend noch komplett pleite, kann ich am nächsten Tag mit dem zwischenzeitlich verdienten Geld gut wirtschaften. Mein erstes Eigenheim habe ich nach ein paar Real-Life-Tagen fertig gebaut.

Voller Terminkalender: Mein Seedling hat zwei Jobs. Screenshot aus dem Beta Build.
Voller Terminkalender: Mein Seedling hat zwei Jobs. Screenshot aus dem Beta Build.
Quelle: Debora Pape

Hin und wieder schreibt mich mein Seedling an – sowohl im Spiel als auch auf der Companion App für Android oder iOS, die ich heruntergeladen habe. Die funktioniert, fällt aber wie das Spiel immer wieder durch Performance-Probleme auf. Trotzdem finde ich gut, dass ich unterwegs nachsehen kann, was mein Seedling aktuell tut, wie der Kontostand aussieht oder ob es unerfüllte Bedürfnisse gibt.

Besonders aussagekräftig waren die Chats – übrigens bisher wie das gesamte Spiel nur auf Englisch – mit meinem Seedling bisher nicht. So erzählt er mir, dass er die Sonne genießt oder gerne arbeitet. Auch ein erreichtes Fähigkeitenziel teilt mir mein Seedling mit. Stelle ich Fragen, antwortet er mir auf blumige Weise, die offenbar seinen Charaktermerkmalen entspricht.

So frage ich über die App, ob das Haus, das ich für ihn geplant habe, mittlerweile fertig gebaut ist. Seine Antwort: «Mein Haus? Ich bin obdachlos, weißt du. Wie eine wilde Blume unter dem offenen Himmel. Aber darin liegt ein gewisser Frieden, eine ruhige Weite». Ups. Ich habe zwar das Haus vorbereitet, aber meinen Seedling nicht als Bewohnerin zugewiesen.

Mein Zuhause ist bescheiden – aber es ist meins. Screenshot aus dem Beta Build.
Mein Zuhause ist bescheiden – aber es ist meins. Screenshot aus dem Beta Build.
Quelle: Debora Pape

Insgesamt ist der Einstieg in «Seed» nicht ganz einfach. Als Neuankömmling habe ich keine Ahnung, was ich tun soll, wenn ich in einer bestehenden Society starte. Also melde ich mich auf dem Seed-Discord-Server und stelle Fragen. Viele Fragen. Glücklicherweise sind die anderen Cultivators geduldig und geben gern Starthilfe.

Mein Eindruck von Seed

Die vorgestellte Vision für «Seed» finde ich hochinteressant. Die Simulationsaspekte sind genauso spannend wie die Idee, KI als Agent und Konversationsgehilfe einzubauen. Die Screenshots, die ich bisher gesehen habe, zeigen ein Spiel, das mit den Möglichkeiten von «The Sims» mithalten kann.

Meine eigenen Erfahrungen sind nicht ganz so hochglanzpoliert. Der schwierige Zugang zu den Spielmechaniken und das Spielgefühl – von der Soundkulisse bis zu Quality-of-Life-Problemen – hat noch viel Luft nach oben. Das passt aber zu einem Titel, der sich noch nicht einmal im Early Access befindet. Das Entwickler-Team implementiert stetig Updates und wenn «Seed» seine Versprechen erfüllt, könnte es ein wirklich großes Ding werden.

Titelbild: Klang Games

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Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.


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