Macht Auto fahren blöd?

Macht Auto fahren blöd?

Patrick Bardelli
Zürich, am 04.06.2019
In meinem Quartier sind die Verkehrstafeln oft mit Stickern vollgeklebt. Neulich habe ich mir einen dieser Kleber genauer angeschaut. Da steht, dass Auto fahren blöd macht.

Das ist jetzt aber nicht nett. Als Autofahrer wäre ich beleidigt. Bitte beachte den Konjunktiv. Denn ich fahre nicht Auto. Ergo bin ich nicht blöd. Falls die These auf den Stickern tatsächlich zutrifft. Macht Autofahren wirklich blöd? Und wenn dem so ist, warum verkaufen wir bei Galaxus dann neuerdings Autos? Das würde ja bedeuten, dass wir dich für blöd verkaufen.

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Glänzende Augen, feuchte Hände

Ich habe keinen Führerausweis. Habe ihn nie gemacht. Mit 18 Jahren gibt es für meine Kumpels nur noch dieses eine Thema: Der Führerausweis, das Billett, der Lappen oder wie immer du das Stückchen Papier nennen willst. Mit glänzenden Äuglein und schwitzigen Händchen fallen Sätze wie: «Nach der Fahrprüfung geht’s ab, dann heisst es nur noch fahren, fahren, fahren. Und dann klappt es sicher auch mit einer Freundin.» Autos und Mädchen – der feuchte Traum 18-jähriger Jungs.

Und die immer gleichen Gespräche rund um Theorieprüfung, Lernfahrausweis, Fahrstunden und so weiter. Man(n) ist monothematisch unterwegs. Und ich? Träume auch von Mädchen, natürlich. Aber das Autofahren scheint nicht in meiner DNA verankert zu sein. Es interessiert mich schlicht nicht. Ich will nicht wissen, wer wann wo wie und warum Vortritt hat. Bremsweg berechnen? I don’t care. Ich empfinde in diesen Blechdosen kein Gefühl von Freiheit. Ich bin Jäger und Sammler und gehe zu Fuss. Oder nehme das Tram. Da hat's auch Mädchen.

Autofreie Familie

Heute fahren sie alle, die Kumpels von damals. Ich gehe noch immer zu Fuss oder nehme das Tram. Und mir fällt auf, dass dies in meiner Familie Standard ist. Nur mein Vater war Autofahrer. Mit den Mädchen wollte es bei ihm trotzdem nie so richtig klappen. Aber das ist eine andere Geschichte. Meine Mutter, meine Schwester, ihre beiden erwachsenen Kinder – allesamt Fussgänger. Und es geht noch weiter. Meine Frau oder der Lebenspartner meiner autofreien Nichte? Du ahnst es: Keiner fährt Auto, niemand hat den Führerschein. Wir sind eine weitgehend autofreie Familie. Zufall? Planen tut man sowas jedenfalls nicht.

Stehen, fahren, stehen

Der ÖV in der Schweiz gehört mit zum Besten, was dieses Land zu bieten hat. Und meine gesamte Familie lebt in der Stadt. Wir brauchen kein Auto um von A nach B zu kommen. Ohne geht's leichter und in der Regel auch schneller. Es müssen ja nicht gleich die Inline-Skates her, um dies zu beweisen:

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Macht Auto fahren blöd? Naja, wenn ich mir das Video im Beitrag oben anschaue ... Sorry Simon, nicht persönlich nehmen. Du kannst nichts dafür, das Auto ist schuld.

Habe ich vorhin geschrieben, dass Autos heute alle fahren? Falsch. Sie alle stehen. Oder fahren im Kreis auf der Suche nach einem Parkplatz. Dann steht das Auto beim Büro oder der Wohnung als überteuertes Altmetall sinnlos in der Gegend rum. Eine Stunde pro Tag wird es zwischen Wohn- und Arbeitsort hin und her bewegt, 23 Stunden steht es. Wie würden unsere Städte wohl aussehen, wären sie nicht permanent zugeparkt? Wie würde es sich ohne Verkehr anhören, wie riechen? Irgendwo habe ich mal gelesen, nach dem Eigenheim sei das Auto der wichtigste Gegenstand von Herr und Frau Schweizer. Ich habe bis heute nicht begriffen, wieso. Macht Auto fahren blöd? Ich denke nicht. Es ist auf lange Sicht wohl eher umgekehrt.

Nur Blöde fahren (noch) Auto

Egal, ob Zürich, Basel oder Genf, unsere Städte sind alle gleich. Sie wurden für Autos gebaut, nicht für Menschen. Der Verkehr muss fliessen und steht trotzdem still. Das macht keinen Sinn. Wir müssen Stadt neu denken, wir müssen Mobilität neu denken. Bevölkerungsexplosion, Dichtestress, mobile Gesellschaft, Klimawandel – ich glaube, wir müssen wohl zuerst das Denken neu denken. Dann den Rest.

Du teilst meine Meinung überhaupt nicht? Sehr gut! Dann folge hier auf gar keinen Fall meinem Autorenprofil.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Senior Editor, Zürich
Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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