Küchengeräte mit Touchbedienung treiben mich in den Wahnsinn

Küchengeräte mit Touchbedienung treiben mich in den Wahnsinn

Simon Balissat
Zürich, am 24.08.2021
Endlich habe ich in der neuen Wohnung einen Induktionsherd und damit die direkte Kontrolle über die Hitze in der Pfanne. Theoretisch. Denn die empfindliche Touchbedienung ist die miserabelste Küchenerfindung aller Zeiten.

«Piep, Piep, Piep», warnt mich mein Herd wie eine tickende Zeitbombe. Schon wieder hat er sich automatisch deaktiviert. Nichts geht mehr. Dabei habe ich lediglich einen Pfannendeckel angehoben, wobei mir etwas Kondenswasser auf das Touch-Bedienelement getropft ist. Also alles mit einem Lappen trocken wischen und dann in einem mehrstufigen Prozess sämtliche Kochplatten neu einschalten. Für jede Platte berühre ich das Touchpad mindestens dreimal. Dann habe ich entweder die Stufe 1 oder die Stufe 9. Will ich eine Stufe dazwischen, muss ich mich «durchklicken». Bei einem Drehregler wäre das genau ein Arbeitsschritt gewesen. Das ist vor allem eines: schlechtes Design.

Touchscreens haben in der Küche nichts verloren und gehören abgeschafft. Ob beim Herd, beim Ofen oder bei der Spülmaschine, sie sind frustrierend und bringen keinen Mehrwert.

Touchscreens sind zu kompliziert

Einschalten, Platte auswählen, Platte auf die gewünschte Stufe einstellen und dann auf die nächste Platte wechseln. Das sind mindestens drei Arbeitsschritte zu viel. Das Pastawasser ist in der Hektik längst übergelaufen, die Sauce angebrannt. Mit einem klassischen Drehknopf brauche ich genau einen Arbeitsschritt. Noch abgefahrener ist der Touchscreen am Ofen. Konnte ich früher die Temperatur und dann den Modus mit zwei Drehknöpfen einstellen, muss ich mich heute durch Untermenüs quälen, vorbei an Lachsrezepten und Selbstreinigungsprogrammen, bis ich den Ofen auf 180 Grad Ober- /Unterhitze eingestellt habe.

Touchscreens sind zu fehleranfällig

Kochen ist nie eine sterile Angelegenheit. Mehl, Salz, Fett und Wasser verteilen sich über dem Herd, auch bei der reinlichsten Person landet nicht alles im Topf. Zu viel für die Touchbedienung. Entweder verselbstständigt sich das Gerät wie der Bordcomputer HAL 9000 bei «2001: A Space Odyssey» oder aber es verweigert jegliche Eingabe. Das verwundert mich am meisten. Testen die Küchenhersteller ihre Geräte nicht im Einsatz? Spätestens im Praxistest müsste man den Entscheid der Touchbedienung doch überdenken. Sieht vielleicht toll aus, so eine flache Oberfläche, brauchbar ist sie nicht.

Touchscreens sind zu umständlich in der Reinigung

Ich habe noch bei jeder Reinigung aus Versehen drei Herdplatten angeschaltet oder beim Ofen ein Muffinprogramm aktiviert. So toll eine flache, glatte Oberfläche zu reinigen ist, so schnell wird die auch dreckig. Forensiker hätten die hellste Freude an den Fingerabdrücken auf meinem Ofen. In der Küche sollte aber das Kochen an erster Stelle stehen, danach erst das Putzen.

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Die Lösung all der Probleme ist der gute alte Drehknopf. Der ist genauer, weniger fehleranfällig und einfach zu putzen. Was mich am meisten ärgert: dass sich die Geschichte wiederholt. Schau dir mal dieses Gerät an, ein Minimoog Synthesizer aus den 70ern. Was fällt auf?

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Richtig! Es sind alles Drehknöpfe!

Dieser Synthesizer aus den 80ern sieht da ganz anders aus. Von Drehknöpfen gibt es beim Yamaha DX7 keine Spur, digitale Tasten waren der letzte Schrei und sollten die Zukunft sein.

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Und jetzt ein Modell aus dem Jahr 2021.

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Voll mit Drehknöpfen.

Weil das einfacher, intuitiver und schneller in der Bedienung ist. Leider scheint es aber keine Synthesizer-enthusiastische Küchenentwickler zu geben, sonst hätte die Touchbedienung den Weg in die Küche nie gefunden. Mir bleibt die Hoffnung, dass das Umdenken noch stattfindet. Denn Touchscreens haben in der Küche definitiv nichts verloren.

Bild Minimoog von glacial23, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Bild Yamaha DX7 von deepsonic from Switzerland, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

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Simon Balissat
Simon Balissat

Teamleader Editorial, Zürich

Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

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