
Kritik
Ist eines der wichtigsten Fotos der Geschichte geklaut?
von Samuel Buchmann

Die Netflix-Doku «The Stringer» zweifelt an der Urheberschaft eines berühmten Kriegsfotos. Nun klagt der betroffene Fotograf den Streamingdienst wegen Verleumdung an.
Der Fotojournalist Nick Ut hat in Frankreich Strafanzeige wegen Verleumdung gegen Netflix und die VII Foundation eingereicht. Das berichtet das Branchenmagazin «PetaPixel». Anlass für die Klage ist die Dokumentation «The Stringer». Sie zweifelt Uts Urheberschaft des weltberühmten Kriegsfotos «The Terror of War» an und schreibt sie einem bis dahin unbekannten Freelancer zu.
Mit der Klage in Frankreich verschiebt sich der Konflikt von der öffentlichen Debatte in den Gerichtssaal. Ut wirft Netflix Frankreich und der VII Foundation vor, ihn als «schamlosen Lügner» darzustellen, der seine Karriere auf einem «gestohlenen» Bild aufgebaut habe. Seine Anwälte argumentieren, die Kombination aus investigativem Framing und dramaturgischer Zuspitzung in «The Stringer» zerstöre nachhaltig Uts Ruf, seine Integrität und sein humanitäres Vermächtnis.
Frankreich wurde einerseits als Gerichtsstand gewählt, weil Teile des Films dort produziert wurden, die Dokumentation in französischer Sprache verfügbar ist und die VII Foundation eine Niederlassung im Süden des Landes unterhält. Andererseits erlaubt das französische Kriminalgesetz es einer betroffenen Person, die mutmasslichen Täter ohne Voruntersuchung vor ein Strafgericht zu laden. Ut verlangt 100 000 Euro Schadenersatz sowie 20 000 Euro zur Deckung seiner Verfahrenskosten.

«The Terror of War» entstand 1972 und zeigt die damals neunjährige Phan Thi Kim Phuc nackt und schreiend auf einer Strasse. Das Bild wurde zum Symbol für die Grausamkeit des Vietnamkriegs, brachte Ut den Pulitzer-Preis und den World-Press-Photo-Award ein und begründete seine Karriere als erfolgreicher Fotograf. Über fünf Jahrzehnte galt seine Autorschaft als unstrittig.
«The Stringer» ist seit November 2025 auf Netflix verfügbar und zeichnet ein anderes Bild. Der frühere AP-Bildredaktor Carl Robinson behauptet, sein Chef Horst Faas habe ihn 1972 angewiesen, die Urheberschaft zu ändern. Der echte Autor sei ein Freelancer namens Nguyen Thanh Nghe. Forensische Analysen und eine 3D-Rekonstruktion sollen belegen, dass Ut zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht an der richtigen Position gewesen sei. Ausserdem stamme das Bild eher aus einer Pentax-Kamera als aus Uts Leica.

Die Reaktionen auf den Film fielen bereits nach seiner Premiere am Sundance Festival im Januar 2025 heftig aus. Die Nachrichtenagentur AP liess den Fall intern untersuchen. Die Analyse kam zum Schluss, dass es zwar Hinweise, aber keine ausreichenden Beweise gibt, um Ut die Urheberschaft abzuerkennen. AP hält deshalb weiterhin daran fest. World Press Photo suspendierte die Urheberschaft hingegen und schreibt sie aktuell niemandem zu.
In der Branche sorgte der Film für breite Kritik, weil er einseitig argumentiert, zentrale Zeitzeugen nicht zu Wort kommen lässt und auf emotionalisierte Inszenierung setzt. Mehrere beteiligte Personen sind inzwischen verstorben und können somit keine Gegendarstellung liefern. Im Zuge einer Solidaritätskampagne haben Hunderte Fotojournalistinnen und Fotojournalisten in einem offenen Brief an World Press Photo die Wiederherstellung von Nick Uts Urheberschaft gefordert.
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