Kann Technologie mehr Sinnlichkeit bieten?

Kann Technologie mehr Sinnlichkeit bieten?

Pia Seidel
Zürich, am 27.05.2019
Bilder: Thomas Kunz
Vollautomatisierte Kaffeemaschinen degradieren dich zum Zuschauer und sind unspektakulär. Wie sie trotz Hightech eine sinnliche Erfahrung bieten können, zeigen die Entwürfe von neun Studierenden.
Aus der Serie: Slow Design Designer entwerfen absichtlich Dinge, die auf Technik verzichten oder Prozesse verlangsamen. Klingt absurd, soll aber nachhaltig sein und unser Wohlbefinden steigern. In meiner Serie beleuchte ich den Wohntrend «Slow Design» anhand aktueller Beispiele.

Welche Interaktionsformen sind dir wichtig? Solche, die von Technologien oder vom Menschen geprägt sind? Wenn es um Kaffee geht, kann ich diese Fragen leicht beantworten. Auch wenn es mittlerweile Kaffeevollautomaten gibt, bei denen ein Cappuccino nur einen Knopfdruck entfernt ist, schätze ich nach wie vor den analogen Weg zum Ergebnis.

In Mailand stiess ich auf Gleichgesinnte. Anlässlich der Milan Design Week verbrachte ich dort fünf Tage. «Buongiorno Pia, come stai?» – hörte ich jeden Morgen vom Barista der Espressobar, die ich täglich aufsuchte. Während ich meinen «Caffè» genussvoll im Stehen trank, tauschte ich mit ihm oder anderen Gästen ein paar Worte aus, bevor ich mich auf den Weg zum ersten «Fuorisalone»-Event machte.

Die Produktdesigner der Kunsthochschule Berlin-Weissensee teilen meine Freude am Slow Coffee. In ihrer Ausstellung «HighTech x HighTouch: Coffee», die während der Designwoche stattfand, widmeten sie sich der Kaffeekultur der Zukunft. Aktuell wird unsere moderne Gesellschaft von Effizienz geprägt: Egal, ob Coffee to go oder Kapselkaffee, Hauptsache es geht schnell. Weil die Designer befürchten, dass dabei sinnliche Erfahrungen verschwinden, haben sie Maschinen entwickelt, die aus Kaffeekonsum trotz Hightech wieder ein Erlebnis machen.

«Coffee to experience»

«Soyuz» von Thomas Heyder macht den gesamten Mahl- und Brühprozess sichtbar.
«Soyuz» von Thomas Heyder macht den gesamten Mahl- und Brühprozess sichtbar.
«Intuitive Lever» von Tilman Holz besitzt einen Hebel, der zur Aktion auffordert.
«Intuitive Lever» von Tilman Holz besitzt einen Hebel, der zur Aktion auffordert.

Jede einzelne der präsentierten Kaffeemaschinen fordert dich zum Handeln auf. Die Modelle kitzeln alle Sinne und fördern die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Die Kaffeemaschine «Soyuz» legt ihr Innenleben offen. Sie ist im Stil eines Raumschiffes gebaut und konzentriert sich auf das Wesentliche. Die offene Struktur ist nachvollziehbar und bringt Entertainment: Du kannst die Flüssigkeit in jeder Phase beobachten und dir so deine Wartezeit versüssen.

Für ein Spektakel sorgt auch das Kaffeeset «Bunaa». Es fördert deine manuellen Anstrengungen durch elektromechanische Elemente und sorgt für eine interaktive Kaffeezeremonie. Für mehr Sichtbarkeit leuchten beispielweise LEDs auf, um zu zeigen, welche Komponente gerade aktiv ist.

Die Kaffemaschine «Intuitive Lever» von Tilman Holz setzt auf einen Hebel, der das Kind in dir weckt: Er schreit förmlich danach benutzt zu werden. Durch Ziehen des Hebels bestimmst du den Mahlgrad und Stärke deines Kaffees. Für einen starken Kaffee brauchst du aber nur wenig Manpower. Alle weiteren Teile sind transparent, so dass du genau sehen kannst, wann Wartungsarbeiten notwendig sind und selbst Hand anlegen kannst.

«Niiir» nickt elegant mit dem Kopf, wenn er sich dem Becher nähert. Ist der Kaffee fertig, zieht die Maschine ihren «Schnabel» zurück und steckt ihn in die Brust. Dort reinigt er sich von alleine. Das Modell kann viele Kaffees gleichzeitig herauslassen. Das soll eine ungehinderte Konversation unter mehreren Personen fördern.

Ein Erlebnis: Das Tablett vom Set «Bunaa» hat eingebettete LEDs. Entwurf von Jacob Sasse.
Ein Erlebnis: Das Tablett vom Set «Bunaa» hat eingebettete LEDs. Entwurf von Jacob Sasse.
Simon von Schmudes Entwurf «Niiir» interagiert mit Tassen und bewegt sich elegant.
Simon von Schmudes Entwurf «Niiir» interagiert mit Tassen und bewegt sich elegant.

Kaffee komponieren

Warst du in einer Kaffeehauskette schon einmal von all den zahlreichen Angeboten überfordert? Oder verstehst du auch nicht, was der Unterschied zwischen «Tall» und «Grande» ist? Du bist nicht die oder der Einzige, der da vorne an der Reihe ins Schwitzen geraten ist. Auch dafür haben sich die Berliner Studenten ein Konzept überlegt, das den Fast-Coffee-Trend entschleunigen soll.

Hier setzt der «Coffee Composer» an: Er macht das Bestellen in der Öffentlichkeit wieder zum freudigen Erlebnis und senkt das Stress-Level. Wie bei einem Spiel setzt du deine Chips: Sie repräsentieren Zutaten, mit denen du dir deinen Kaffee selber kreieren kannst. Das Selbstbedienungskonzept schafft Transparenz und unterhält. Am Ende wird dir der zu bezahlende Preisauf die Tischfläche projiziert.

Der «Coffee Composer» lässt dich jedes Detail auswählen.
Der «Coffee Composer» lässt dich jedes Detail auswählen.
«Tokens» bestimmst du die Zutaten. Entwurf von Xinyue Yang und Antonia Nandori.
«Tokens» bestimmst du die Zutaten. Entwurf von Xinyue Yang und Antonia Nandori.

Mehr Freude am Entschleunigen

Die Prototypen von HighTech x HighTouch beweisen, dass wir zukünftig von smarten Objekten mehr Sinnlichkeit erwarten können. Bis sie auf dem Markt sind, bleibe ich bei meinem persönlichen Ritual. Zuhause besitze ich eine Siebträgermaschine mit Milchaufschäumdüse, die mich fordert. Während des Zubereitens wache ich langsam auf und erfreue mich am Ergebnis. Auch wenn mir das Milchschaummuster beim Cappuccino nur halb so gut, wie dem meines Mailänder Baristas gelingt – ich bleibe dran.

Mocca (1l)
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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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