Ramon Schneider
Meinung

Im Spiel gelten Regeln – in der Realität Ausnahmen

Im Spiel sind Regeln unantastbar. Im echten Leben gelten sie nur, solange sie niemandem mit Einfluss wehtun.

Wer ein Brettspiel spielt, akzeptiert Regeln. Denn ohne Regeln gibt es kein Spiel. Sie liegen offen vor allen, gelten für alle gleich und lassen keinen Interpretationsspielraum nach Status oder Sympathie. Genau das macht ein Spiel fair und überhaupt erst möglich.

Wird im Spiel geschummelt, kippt die Situation sofort. Nicht, weil jemand verliert, sondern weil der gemeinsame Rahmen zerstört wird. Der Regelbruch ist sichtbar, eindeutig und nicht verhandelbar. Man hält an, klärt, korrigiert oder bricht ab. Fairness ist hier keine abstrakte Idee, sondern eine funktionale Voraussetzung. Ohne sie gibt es kein Spiel, sondern Chaos.

Freiheit entsteht durch Begrenzung

Im Spiel empfinden wir Regeln nicht als Bevormundung, sondern als Bedingung. Sie ermöglichen Entscheidung, Risiko, Strategie und Scheitern. Erst weil die Grenzen feststehen, wird jede Handlung bedeutungsvoll. Niemand empfindet das als ungerecht.

In Brettspielen sind Regeln nicht nur bekannt, sie sind überprüfbar. Wer bei Monopoly zusätzlich Geld aus der Bank nimmt, wer bei Catan Ressourcen falsch zählt oder bei einem Kartenspiel eine Karte zu viel behält, verschafft sich einen Vorteil, der nicht vorgesehen ist. Der Effekt ist unmittelbar: Spannung verschwindet, Misstrauen entsteht, das Spiel verliert seinen Sinn.

Spiele erlauben Risiko, Bluff, Täuschung oder aggressive Züge, aber nur innerhalb klar definierter Regeln. Mut ist Teil des Spiels, Betrug nicht. Diese Trennung ist nicht moralisch, sondern mechanisch. Gerade sie macht Spiele interessant. Man darf viel, aber nicht alles. Freiheit entsteht nicht trotz, sondern durch Begrenzung.

Wenn Regeln Macht verwalten

Im echten Leben funktionieren viele Systeme genau umgekehrt. Regeln sind hier oft nicht dafür da, Fairness zu sichern, sondern Macht zu verwalten. Sie sind komplex, schwer zugänglich und voller Ausnahmen. Nicht alle sollen sie gleich gut verstehen, und nicht alle können sie gleich gut nutzen. Wer über Geld, Einfluss oder juristische Expertise verfügt, bewegt sich sicher durch diese Strukturen, ohne je offen gegen Regeln zu verstossen.

Wenn Konzerne Gewinne dorthin verschieben, wo kaum Steuern anfallen, heisst das Optimierung. Wenn wenige Anbieter ganze Märkte dominieren, gilt das als unternehmerischer Erfolg. Wenn Wohnungen leer stehen, während Wohnraum knapp ist, wird das als legitime Investition verteidigt. Regelbruch verschwindet hinter Fachbegriffen, Grauzonen und jahrelangen Verfahren.

Auffällig ist nicht nur, dass Regeln unterschiedlich wirken, sondern dass genau das akzeptiert wird. Während im Spiel jede Runde ein gemeinsames Interesse an Fairness teilt, bleiben reale Systeme oft gerade deshalb stabil, weil sie unfair sind. Wer profitiert, blockiert Veränderung. Wer verliert, scheitert an mangelnder Macht.

Wenn Aussteigen keine Option ist

Der Vergleich mit Spielen ist vielleicht deshalb so unangenehm, weil er etwas offenlegt, das wir lieber ignorieren. Spiele sind freiwillig. Man kann aussteigen, abbrechen, neu anfangen. Das echte Leben bietet diese Option nicht. Niemand kann sich dem Wohnungsmarkt entziehen, politischen Entscheidungen ausweichen oder Infrastruktur ignorieren, die nicht für alle mitgedacht ist.

Gerade weil es kein Entkommen gibt, wiegen unfaire Regeln hier schwerer. Und gerade deshalb ist es bequem, sie als unveränderlich hinzunehmen. Nicht, weil sie alternativlos wären, sondern weil ihre Veränderung Interessen verletzen würde.

Was Spiele sichtbar machen

Brettspiele sind kein Abbild der Realität. Aber sie machen etwas sichtbar, das wir im Alltag gern verdrängen. Dass Regeln nur dann tragen, wenn sie für alle gelten. Und Systeme nicht daran scheitern, dass Fairness unmöglich wäre, sondern daran, dass sie unerwünscht ist.

Titelbild: Ramon Schneider

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Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.


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