Concerned Ape
Meinung

1000 Stunden in 10 Jahren: Was «Stardew Valley» für mich einzigartig macht

Julia Escher
26.2.2026
Bilder: Julia Escher

Es gibt Leute, die wechseln ihre Games so oft, als wären sie beim Speed-Dating. Dann gibt es Menschen wie mich, die mit ihren liebsten Videospielen Langzeitbeziehungen führen. Meine längste Lovestory: zehn Jahre und über 1000 Stunden mit «Stardew Valley»!

Am 26. Februar wird das Country-Life-RPG «Stardew Valley» zehn Jahre alt. Was als Herzensprojekt des Entwicklers Eric Barone (a.k.a. «Concerned Ape») begann, gehört heute zu den erfolgreichsten Games der Videospiel-Geschichte. Seit dem ursprünglichen Release auf PC hat sich das Spiel beinahe 50 Millionen Mal verkauft. Mittlerweile ist es auf praktisch allen Plattformen verfügbar.

Als Spielerin der ersten Stunde habe ich beinahe 1000 Spielstunden in das Game gesteckt. Wieso kehre ich immer wieder zu diesem Spiel zurück? Klar, es ist reizvoll, in eine (scheinbar) idyllische Welt zu entfliehen und sich bei anspruchslosen und zugleich befriedigenden Aufgaben auf dem Hof zu entspannen. Aber solche Games gibt es zuhauf. Was macht «Stardew Valley» zu mehr als einem cozy Farming-Simulator?

Herzblut in jedem Pixel

Die Entstehungsgeschichte hinter «Stardew Valley» sucht ihresgleichen: Inspiriert durch das Spiel «Harvest Moon» entschied sich Eric Barone, ein eigenes Game zu entwickeln. Von den Mechaniken, über die Figuren, bis hin zur Musik, jedes einzelne Element in «Stardew Valley» hat er eigenhändig gestaltet. Während der langen und oft schwierigen Entstehungszeit wohnte er bei seiner Partnerin, die beide durch zwei Jobs über Wasser hielt. Er gab seine Vision nie auf und schrieb mit seinem Megaerfolg ein Game-Märchen.

Der Entwickler Eric Barone hat Stardew Valley komplett alleine kreiert.
Der Entwickler Eric Barone hat Stardew Valley komplett alleine kreiert.
Quelle: Matthew Wordell, Treefort Music Fest / Flickr

Diese Hingabe ist in jedem Pixel spürbar und hat dazu geführt, dass «Stardew Valley» auch heute noch auf eine grosse und leidenschaftliche Community zählen kann. Diese nimmt einen wichtigen Platz in seinem Herzen ein – denn auch nach all diesen Jahren fügt Barone immer noch neue Inhalte hinzu, und zwar kostenfrei!

Mittlerweile hat Barone zwar ein Team um sich, damit er sich auf die Entwicklung seines neuen Spiels «Haunted Chocolatier» konzentrieren kann. Bei der Entwicklung aller neuen Updates zu «Stardew Valley» bleibt er jedoch involviert. Erst kürzlich hat Barone in einem grossen Interview mit IGN das neue Update 1.7. angekündigt. Am Tag des zehnjährigen Jubiläums soll verkündet werden, welche zwei neuen Heiratskandidaten dem Spiel im Rahmen des Updates hinzugefügt werden. Die Spekulationen in den Online-Foren laufen seither heiss.

Barone befürwortet ausserdem Fanprojekte, aus denen bereits zahlreiche Mods entstanden sind. Am bekanntesten davon ist wohl «Stardew Valley Extended (SVE)», welches zwei neue Farm-Maps, zahlreiche neue Gebiete, Gegenstände, Zwischensequenzen und Figuren beinhaltet. Als «Puristin» habe ich lange nur das Vanilla-Spiel gezockt. Letzten Herbst wurde ich dann doch neugierig und habe ein Spiel im SV Extended gestartet. Jetzt muss ich zugeben: Ich könnte nicht mehr zurückkehren zum Vanilla.

Sophia ist eine der neuen NPCs im Mod «Stardew Valley Extended».
Sophia ist eine der neuen NPCs im Mod «Stardew Valley Extended».

Freundschaften sind wichtiger als Produktivität

Der offensichtliche Reiz dieser Art von Farming-Spielen liegt darin, dass du in eine andere Welt abtauchen kannst, wo du deine romantische Vorstellung eines idealisierten und einfachen Landlebens verwirklichst. Doch «Stardew Valley» ist mehr als ein Farming-Game, bei dem du ein paar Pflänzchen hegst, Bäume fällst und Tiere streichelst. Hinter der hübschen Pixelgrafik verbirgt sich eine inhaltliche Tiefe, die das Spiel von anderen «Stardew-like» cozy Games heraushebt.

Eine der wichtigsten Mechaniken in diesem Spiel betrifft nicht etwa die Produktivitätssteigerung, sondern die Freundschaft. Jede Figur in Pelican Town – so heisst der Ort des Geschehens – bringt eigene Vorlieben, Probleme und Lebenserfahrungen mit. Diese werden aber erst zunehmend sichtbar, wenn man den Freundschaftswert steigert. Dazu kannst du sie zum Beispiel mit ihren Lieblingsgegenständen beschenken oder ihnen bei einem Anliegen helfen. Je besser du mit einer Person befreundet bist, desto mehr öffnet sich diese dir gegenüber. Dadurch erhalten die NPCs ein dynamisches Verhalten und charakterlichen Tiefgang.

Hinter dem ablehnenden Verhalten von Shane verbirgt sich etwa ein von Depressionen geplagter Mensch, der seine Sorgen im Alkohol ertränkt und mit Suizidgedanken kämpft. Das Spiel regt dazu an, hinter die Fassade eines Menschen zu blicken.

Mit Pizza lässt sich Shanes harte Schale ganz einfach knacken.
Mit Pizza lässt sich Shanes harte Schale ganz einfach knacken.

Für mich ist es diese Entwicklung der Figuren, die «Stardew Valley» von anderen Farming-Simulationsspielen abhebt. Es geht nämlich nicht primär um den Bauernhof oder Gewinnmaximierung – auch wenn man durchaus so spielen kann. Es geht darum, Menschen nicht aufgrund des ersten Eindrucks zu beurteilen. Das Spiel vermittelt eine zeitlose Botschaft, die auch nach zehn Jahren noch währt, nämlich den Wert von Gemeinschaft, Empathie und Hilfsbereitschaft.

Risse in der perfekten Oberfläche

Doch die Vielschichtigkeit von «Stardew Valley» beschränkt sich nicht nur auf die Charaktere. Die kleine ländliche Ortschaft Pelican Town leidet wirtschaftlich. Geldsorgen und Arbeitslosigkeit werden von verschiedenen Figuren immer wieder angesprochen. Der Dorfladen von Pierre kommt kaum über die Runden, seit die Kette Joja-Mart ihre Filiale eröffnet hat. Der Busbetrieb ist zum Erliegen gekommen, seither ist die Busfahrerin Pam arbeitslos und ersäuft ihre Sorgen im Saloon. Und die Mutter Jodi würde gerne gesünder für ihre Kinder kochen, kann sich aber nur die günstigen Waren aus dem Discounter Joja-Mart leisten.

Viele Menschen in Pelican Town haben Sorgen.
Viele Menschen in Pelican Town haben Sorgen.

Pelican Town, heute ein verschlafenes Dorf, betrieb zudem einst eine Mine, die mittlerweile stillgelegt wurde. Die Parallelen zur verbreiteten Armut in ländlichen Gebieten der USA seit dem Niedergang industrieller Wirtschaftszweige sind unschwer zu erkennen.

Das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land beginnt schon im Intro: Die Hauptperson gibt ihren seelenlosen Bürojob bei einem Grossunternehmen in der Stadt auf und zieht nach Pelican Town, um dort die verwahrloste Farm des verstorbenen Grossvaters wieder auf Vordermann zu bringen. Die Grundprämisse des Spiels geht den entgegengesetzten Weg der Abwanderung in die Stadt, «back to the roots». Immer wieder taucht die Stadt Zuzu City als Bezugspunkt auf und der junge Informatiker Sebastian träumt sogar davon, dorthin zu ziehen.

Vor dem Farm-Abenteuer arbeitete die Hauptfigur unter Bewachung in einem Grossraumbüro.
Vor dem Farm-Abenteuer arbeitete die Hauptfigur unter Bewachung in einem Grossraumbüro.

Diese Gegensätze zwischen rural und persönlich vs. städtisch und anonym kumulieren sich in einer Entscheidung, vor die ich als Spielerin gestellt werde. Trage ich zum Wiederaufbau des lokalen Gemeinschaftszentrums bei, was schlussendlich dazu führt, dass die Joja-Mart-Filiale eingeht? Oder investiere ich in eine Mitgliedschaft bei Joja-Mart, was dem kleinen Dorfladen erheblich schadet?

Die Welt von «Stardew Valley» ist eben nur auf den ersten Blick idyllisch. Wer genauer hinschaut, entdeckt die Risse in der perfekten Oberfläche.

Auch nach 1000 Stunden habe ich nie eine Joja-Mart-Mitgliedschaft gekauft. Nimm’ das, Morris!
Auch nach 1000 Stunden habe ich nie eine Joja-Mart-Mitgliedschaft gekauft. Nimm’ das, Morris!

Genau darin liegt für mich der Reiz von «Stardew Valley»: Es trifft die richtige Balance zwischen wohltuendem Eskapismus und authentischen Figuren. Es webt menschliche Gefühle wie Einsamkeit, Leistungsdruck oder Zukunftsangst in die Welt ein, ohne sie aufs Auge zu drücken.

Pelican Town ist nicht perfekt und bei Weitem nicht so harmonisch, wie es zunächst erscheint. Das macht die Welt interessant und lebendig. Denn perfekt ist auch im echten Leben nichts. Und an manchen Tagen blende ich das alles einfach aus, tauche ein in eine vertraute Welt, und streichle mein flauschiges Schaf.

It’s so fluffy!
It’s so fluffy!
Titelbild: Concerned Ape

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Ich habe vor 14 Jahren mit dem Stricken begonnen und liebe es, mit Fasern und Farben zu experimentieren. Wenn ich nicht gerade mit Wolle hantiere, bin ich am Gärtnern oder gehe meiner anderen grossen Passion nach: dem Lesen und Schreiben über chinesische (Kunst-)Geschichte. Du findest meine Strickprojekte auf Ravelry unter Julia-knitsalot. 


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