«Ich habe eine Weile lang nur von Knäckebrot gelebt»
Portrait

«Ich habe eine Weile lang nur von Knäckebrot gelebt»

Carolin Teufelberger
Zürich, am 29.05.2020
Bilder: Thomas Kunz
Darmkrankheiten werden in der Gesellschaft immer häufiger. Dennoch redet kaum jemand darüber: zu gross das Tabu, zu eklig das Thema. Falsch, findet Vivien und redet über ihren ganz persönlichen Leidensweg mit colitis ulcerosa.

«Sorry, ich muss heute passen, ich habe Bauchweh.» So verschiebt Vivien jahrelang Verabredungen. Auf Verständnis trifft sie damit kaum. So ein bisschen Bauchschmerzen seien doch kein Hindernis, das gehe wieder vorbei. «Bauchweh war in meinem Fall aber ein Euphemismus für schlimme Krämpfe und Durchfall. Darüber redet man aber nicht – vor allem nicht als Frau.»

Knäckebrot-Diät

Bauchweh habe Vivien schon immer gehabt, die wirklichen Darmprobleme seien aber erst mit Beginn der Coiffeurlehre aufgetaucht, erzählt sie auf ihrem grossen Balkon mit Blick auf die Bündner Berglandschaft. «Egal, wohin ich ging, musste ich erst die WC-Situation für mich klären: Ist das Klo isoliert? Ist die Wohnung hellhörig?» Bei jedem Schluck, bei jedem Bissen ist die Angst im Kopf dabei, gleich wieder mit akutem Durchfall aufs WC rennen zu müssen. Unterdrücken oder Wegdenken funktioniert nicht. Wie sie täglich stundenlang Kunden die Haare schneiden konnte, ohne sich etwas anmerken zu lassen, sei ihr heute ein Rätsel. «Es wurde so schlimm, dass ich eine Weile nur noch Knäckebrot gegessen habe. Das konnte ich bei mir behalten.» Da das auf Dauer aber kein Zustand ist, lässt sie sich von einem Arzt untersuchen. Das Reizdarmsyndrom wird diagnostiziert. Eine Diagnose nach dem Ausschlussprinzip, da es keinen Test für den sicheren Nachweis gibt. Mit Tabletten in der Hand geht sie wieder nach Hause.

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Zuhause, das ist Chur. Seit einigen Jahren lebt die gebürtige Davoserin mit ihrem Freund dort. Er kennt die Darmprobleme von Vivien, das war aber nicht immer so. «Am Anfang unserer Beziehung habe ich immer so getan, als würde ich ein Bad nehmen, um in Ruhe meinen Darm zu entleeren», erzählt Vivien. Der Tabuisierung des Stuhlgangs sei Dank. Vor allem für viele Frauen ist es schwierig, das Kind beim Namen zu nennen, geschweige denn öffentlich «gross» zu gehen. «Wir Frauen werden mit dem Gedanken sozialisiert, stets puristisch, rein und wohlduftend zu sein. Da passt der Stuhlgang nicht ins Bild.» Diese Scham führt zu Stress und zur Unterdrückung der normalen Darmaktivität. «Ich bin mir heute sicher, dass der Kopf eine riesige Rolle spielte und noch immer spielt.»

Mit Tabletten gegen die Angst

Durch die verschriebenen Reizdarmmedikamente gelingt es Vivien, die Angst vor einem plötzlichen Schub loszuwerden. «Die Tabletten haben gewirkt. Ich konnte alles essen, was ich mag: Pasta, Fajitas, Kartoffelsalat – und zwar ohne die schmerzhaften Begleiterscheinungen.» Ihr Kopf habe sich entspannt, ihr Leben normalisiert. Nach gut einem Jahr setzt sie die Tabletten wieder ab. «Ich habe sie nicht mehr richtig vertragen. Ich fühlte mich dauernd voll und aufgebläht», sagt Vivien. Die Reizdarmsymptome bleiben aus, der Kopf bleibt entspannt. Bis sie sich einen Darminfekt einfängt. «Ich hatte wahnsinnige Schmerzen und begann, aus dem After zu bluten.» Wie Nasenbluten im Darm beschreibt sie das Symptom. Sie fährt ins Spital, bekommt sofort eine notfallmässige Darmspiegelung. «Das war das erste Mal, dass sich jemand meinen Darm richtig angesehen hat.» Die Diagnose ist klar: Colitis ulcerosa, eine chronische Dickdarmentzündung. «Das war ein grosser Rückschlag, es lief doch gerade alles so gut!», sagt die Coiffeuse.

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Wieder werden ihr Tabletten verschrieben, diese müssen nun aber im Kühlschrank gelagert werden. «Mein Freund und ich hatten damals eine Reise nach Bali geplant. Wie sollte ich die Medikamente unterwegs kühl lagern?», fragt sich Vivien. Aus der Not heraus und auf Anraten ihres damaligen Chefs meldet sie sich bei einer Alternativmedizinerin. «Ich habe die Praktiken der Alternativmedizin immer belächelt, aber ich wollte ihnen eine faire Chance geben.» Den Termin verlässt sie mit einem Zettel voller Lebensmittel, die sie nicht mehr essen dürfe. Mais, Hefe, Fleisch, alle Mehlsorten und Äpfel sind nur einige Beispiele.

Horizonterweiterung durch Einschränkung

Vivien nimmt die Ernährungsumstellung zum ersten Mal ernst, begibt sich ins Internet und treibt sich auf Foren herum. Sie lernt Dinge über ihre Krankheit, über Ernährung, über Inhaltsstoffe und über Nahrungsmittel, die auch für sie bekömmlich sein sollten. Mit dem Zettel der Alternativmedizinerin bewaffnet, geht sie ins Reformhaus. «Dort habe ich mich mit allerlei Dingen eingedeckt, von denen ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte.» Vivien kocht mehr, experimentiert mit Rezepten und hat damit bei ihrem Darm Erfolg. Keine Krämpfe mehr im Unterbauch, kein plötzlicher Durchfall, kein Heulen, keine Embryostellung auf dem Badezimmerboden mehr. «Bald habe ich auch wieder Nahrungsmittel, die eigentlich für mich gestrichen waren, gegessen. Ich habe gelernt, auf meinen Darm zu hören und merke, ob mir etwas gut tut oder nicht.» Deshalb verzichtet sie noch immer weitestgehend auf Gluten, isst aber wieder Fleisch. «Erst durch die Einschränkung meiner Krankheit wurde mir die Vielfältigkeit von Lebensmitteln bewusst.»

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Ein Blog für darmfreundliche Rezepte

Während sie das alles erzählt, kocht sie «Smoked Linsenbolognese», ihr absolutes Lieblingsgericht, seitdem sie auf Fajitas verzichten muss. Schwierig ist das Gericht nicht, die Zutatenliste ist kurz: Eine Zwiebel, ein Rüebli, rote Linsen, Smoked-Paprika-Gewürz, ein bisschen Rotwein, Wasser und Sugo. «Viele Leute denken, es sei wahnsinnig kompliziert, darmfreundlich und – wie in meinem Fall – glutenfrei zu kochen.» Solche Gespräche führt sie immer wieder bei der Arbeit. Kunden erzählen ihr von «Bauchweh», Vivien bietet Hilfestellung. Das gefällt ihr so gut, dass sie einen eigenen Blog «foodsensitivien» gründet. Dort lassen sich Hilfsbereitschaft und Kreativität perfekt vereinen. Sie kauft sich eine Kamera, macht sich über Foodfotografie schlau und beginnt, ihre gekochten Rezepte zu fotografieren. «Mein erstes Bild war viel zu kühl, wahnsinnig blaustichig, weil ich das Bild auf meinem Handy bearbeitet und vergessen habe, den Blaufilter zu deaktivieren», erinnert sich Vivien. Unterdessen hat sie sich autodidaktisch so viel mehr beigebracht, dass sie sich sicher genug fühlt, vor ein paar Wochen an einer von digitec ins Leben gerufenen Foodfoto-Challenge auf Instagram teilzunehmen. «Obwohl ich für eine Bloggerin gar nicht übertrieben Social-Media-affin bin, hat mich der Ehrgeiz gepackt, ein subjektiv gutes Foto zu teilen und zu hören, was andere darüber denken.» Aus ein bisschen Feedback zur Ästhetik ihrer Bilder wird ein ganzer Artikel zu den «hässlichen» Seiten ihres Darms. Was ein Foto und ein wenig Recherche zur Person alles auslösen können.

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Die 25-Jährige hat sich bewusst dazu entschieden, ihren Blog optisch ansprechend zu gestalten und ihren Leidensweg dort nur peripher zu behandeln. «Ich glaube, dass Leute eher gewillt sind, ihre Ernährung zu überdenken, wenn sie sich vom Essen optisch angesprochen fühlen.» Über Symptome und Ursachen ihrer colitis ulcerosa redet sie meist nur im eigenen Umfeld. Noch immer empfindet sie dem Thema gegenüber Scham, was «völlig kontraproduktiv und dumm ist», wie sie sagt. Darüber zu reden, sei befreiend für Geist und Darm. Je länger sie erzählt, desto entspannter und offener wird sie – auch in ihrer Wortwahl. Während die glutenfreien Spaghetti köcheln, geht’s bildlich um Darm- und Magenspiegelungen, Abführmittel, Durchfall, Verstopfungen und nächtliche WC-Gänge im Klassenlager. Ganz ohne Euphemismen, ganz ohne Stigma. Eigentlich macht nichts mehr Sinn, als während des Essens über den Darm zu reden. «Die beiden hängen physisch so eng zusammen, nur thematisch klafft noch immer eine riesige Kluft.» Vielleicht wird diese durch offene Gespräche mit Coiffeurkunden irgendwann überwunden.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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