
Hintergrund
Zwischen Kopfschmerzen und Ekstase: brillenloses 3D-Gaming mit dem Legion 9i
von Martin Jud

Ab den 6. Februar kommt «Princess Mononoke» zum ersten Mal in die Deutschschweiz – so gross, so klar und so eindringlich, wie es der Film verdient: IMAX-remastered. Anlass genug, sich einem Werk zu nähern, das keine einfachen Antworten kennt.
Wenn man «Princess Mononoke» zum ersten Mal sieht, glaubt man, den Film schnell einordnen zu können. Ein Naturfilm, heisst es dann. Ein Umweltmärchen. Wald gegen Industrie, Götter gegen Gewehre, Tradition gegen Fortschritt. Eine dieser Geschichten, in denen irgendwann klar ist, wer auf der richtigen Seite steht.
Doch genau diese Erwartung unterläuft der Film von Anfang an. Und wie.
Nach einer erfolgreichen Aufführung im vergangenen Jahr in Genf kommt «Princess Mononoke» am 6. Februar nun endlich auch in der Deutschschweiz an. Und zwar so, wie man ihn hier bislang noch nie sehen konnte: IMAX-remastered und in 4K-Auflösung.
Möglich wird diese exklusive Vorpremiere dank einer Kooperation zwischen Digitec Galaxus, The Ones We Love, Frenetic Film und Pathé Schweiz. Hier geht’s zu den Tickets:
Freitag, 6. Februar: 19:15, JA/de: Spreitenbach | Mall of Switzerland | Westside
Samstag, 7. Februar: 14:00, JA/de: Spreitenbach | Mall of Switzerland | Westside
Sonntag, 8. Februar: 14:00, DE: Spreitenbach | Mall of Switzerland | Westside
Sonntag, 8. Februar: 17:00, JA/de: Spreitenbach | Mall of Switzerland | Westside
JA/de = Japanischer O-Ton mit deutschen Untertiteln.
DE = Deutsche Synchronisation.
Aber dieser Text soll kein blosser Reminder für den Vorverkauf sein. Er ist eine Annäherung an einen der grossen Filme von Hayao Miyazaki – und Teil einer Reihe von IMAX-Wiederaufführungen, mit denen wir Filmklassikern künftig bewusst Raum geben wollen. Wer darüber auch in Zukunft informiert bleiben möchte, findet ganz unten die Möglichkeit, mir als Autor zu folgen.
So. Genug Ankündigungen. Lehnt euch jetzt zurück. Vielleicht legt ihr im Hintergrund ein paar Takte von Joe Hisaishis unvergesslicher Musik auf, um euch dann genüsslich auf die folgenden Zeilen einzulassen.
Vorsicht: Spoiler.
Flüche. Magie. Kräfte, die nicht von aussen kommen, sondern aus einem selbst. Seit Menschen Geschichten erzählen, erzählen sie von Dingen, die sich festsetzen und nicht verschwinden. Etwa von Wut, die zu lange gärt. Von Angst, die sich verhärtet. Von Verletzungen, die nicht heilen, sondern weiterarbeiten – leise, zäh und unerbittlich.
In der japanischen Mythologie sind diese Geschichten keine blosse Fantasie. Sie sind Bilder. Versuche, etwas Unsichtbares greifbar zu machen. Hass zum Beispiel. Hass ist kein kurzer Gefühlsausbruch, keine Emotion, die kommt und geht. Hass ist ein Zustand, ähnlich einer toxischen Kraft, die sich einnistet, wächst, Beziehungen vergiftet, Landschaften verformt und irgendwann ganze Welten zerstört.
Je länger man diesen Hass gewähren lässt, desto stärker wird er. Und desto schwerer wird es, ihn je wieder loszuwerden.

Hass. Ist es das, worum es in «Princess Mononoke» geht? Schliesslich beginnt dessen Geschichte genau hier. In einem mythischen Japan, an der Schwelle zwischen Naturgesellschaft und beginnender Industrialisierung. Einer Welt, die vom Shinto geprägt ist – dem «Weg der Götter» –, in der Berge, Wälder und Tiere von sogenannten Kami bewohnt sind: Göttliche Geisterwesen, die mit der Welt leben, leiden und verletzt werden können.
Im Zentrum steht allerdings Ashitaka, ein junger Prinz, der sein Dorf verlassen muss, nachdem er einen Dämon getötet hat und dabei selbst verflucht worden ist. Sein Arm trägt nun eine Kraft in sich, die ihm übermenschliche Stärke verleiht, ihn aber langsam von innen zerfrisst. Ein Zeichen dafür, dass der Hass, der den Dämon hervorgebracht hat, nicht einfach verschwindet, wenn man ihn bloss mit roher Gewalt zu besiegen versucht.
Im Gegenteil.

Auf der Suche nach dem Ursprung dieses Hasses gerät Ashitaka in einen Konflikt, der sich jeder einfachen Lesart verweigert.
Da ist der Wald, bevölkert von eben jenen Kami in Gestalt von Wölfen, Wildschweinen und dem rätselhaften Waldgeist, die um ihr Überleben kämpfen. Und da sind die Menschen von Iron Town, angeführt von Lady Eboshi, die den Wald roden, um Eisen zu gewinnen und damit eine Gemeinschaft zu schützen, die sonst keinen Platz in dieser Welt hat. Dazwischen steht San, das sogenannte Wolfsmädchen, zwischen den Welten gefangen, voller Wut, voller Schmerz – und bereit, für den Wald zu sterben.
Ashitaka gehört zu keiner dieser Seiten. Er kämpft nicht für den Wald gegen die Menschen, und auch nicht für die Menschen gegen den Wald. Sein Ziel ist ein anderes, beinahe anmassend schlichtes: herauszufinden, ob es einen Weg gibt, dass alle weiterleben können, ohne sich gegenseitig zu vernichten.
Ashitaka ist dabei kein Held, wie man ihn aus klassischen Abenteuergeschichten kennt. Er will nichts erobern, nichts beweisen, nichts richtigstellen. Er trägt keinen inneren Mangel mit sich herum, den er überwinden muss, um am Ende das Böse zu besiegen. Und was ihn antreibt, ist auch nicht Ehrgeiz. Es ist Verantwortung. Genau deshalb wirkt er auf den ersten Blick fast unzeitgemäss.
Denn Ashitaka weiss, dass er wohl sterben wird: Der Fluch in seinem Arm ist kein dramaturgischer Countdown, der ihn zu grossen Taten antreibt, sondern eine permanente Erinnerung daran, wie nah Gewalt und Kontrollverlust beieinanderliegen. Jedes Mal, wenn er kämpft, spürt er, wie leicht es wäre, dieser Kraft nachzugeben. Wie verführerisch sie ist. Wie effizient und endgültig.
Die Entscheidung, die er immer wieder neu treffen muss, ist deshalb keine heldische Pose, sondern eine Haltung: nicht aus Hass zu handeln. Nicht aus Rache. Nicht aus dem Bedürfnis heraus, jemandem etwas heimzuzahlen, selbst wenn einem zuvor sehr wohl Unrecht getan wurde. Ashitaka greift nur ein, wenn es nicht mehr anders geht, und selbst dann so wenig wie möglich. Er weiss, was passiert, wenn man diesen Schritt einmal zu weit geht.
Er trägt die Konsequenzen bereits in sich.

Gerade deshalb steht er zwischen allen Fronten. Für die Menschen ist er verdächtig, weil er den Wald versteht. Für die Götter ist er fremd, weil er ein Mensch ist. Und für San ist er eine Provokation, weil er sich weigert, Partei zu ergreifen. Aber Ashitaka ist kein Vermittler mit Lösungen. Er ist ein Spiegel. Einer, der sichtbar macht, wie verhärtet alle bereits sind und wie furchtbar schief alles zu gehen droht, selbst wenn sich das Handeln beider Seiten von innen heraus noch so logisch anfühlt.
Die Parallelen zur heutigen Gesellschaft, vergiftet von ihrer Streitlust und einer kompromisslosen Diskussionskultur, die kein gegenseitiges Verständnis duldet, sind so augenscheinlich wie schmerzhaft. Auch Ashitakas Wunsch nach Frieden wird belächelt. Abgetan. Missverstanden. Er wirkt geradezu naiv in einer Welt, die gelernt hat, dass Gewalt funktioniert. Doch genau hier liegt die eigentliche Botschaft von «Princess Mononoke»:
«To see with eyes unclouded by hate.»

Mit Augen zu sehen, die nicht vom Hass getrübt sind … Was das wohl bedeuten mag? Darüber habe ich lange nachgedacht. Bedeutet es, keine Wut zu spüren? Kein Leid? Keine Grenzen zu ziehen? Hm. Wohl kaum. Das wäre zu einfach. Und schier unmöglich. Ich glaube viel eher, es bedeutet, den eigenen Schmerz nicht zum Massstab für alles andere zu machen. Nicht jeden Schlag als Freipass zu verstehen, zurückzuschlagen. Und nicht jedes Unrecht sofort in eine Identität zu verwandeln.
Mehr noch: Mit Augen zu sehen, die nicht vom Hass getrübt sind, heisst für mich, demjenigen zuzuhören, der einem geschadet hat. Nicht um ihm recht zu geben, sondern um zu verstehen, warum er glaubt, im Recht zu sein. Es heisst für mich, innezuhalten in dem Moment, in dem alles danach schreit, sich zu verhärten. Und es heisst, mich zu fragen, ob der nächste Schritt wirklich schützt – oder nur auflädt.
Mit Augen zu sehen, die nicht vom Hass getrübt sind – da bin ich mir jetzt ziemlich sicher – heisst, sich selbst nicht zu vergiften. Da sind wir wieder; beim Hass als toxischer Zustand, der nichts anderes tut, als zu zerstören.
Ashitaka hat das alles längst erkannt. Er sieht den Wald sterben – und erkennt trotzdem die Angst der Menschen. Er sieht die Gewalt der Menschen – und erkennt den Schmerz der Götter. Er sieht den Kreislauf des Hasses und entscheidet sich gerade deshalb nicht für die bequemste Wahrheit, sondern für die schwierigste: dass mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren können, ohne dass eine davon ausgelöscht werden muss.
Und so zwingt uns «Princess Mononoke», diese Innenperspektiven auszuhalten. Er nimmt uns die bequeme Empörung. Er verweigert das einfache Etikettieren anderer Meinungen und erinnert uns daran, dass Klarheit nicht darin liegt, recht zu haben, sondern darin, Hass nicht zum eigenen Kompass zu machen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum «Princess Mononoke» bis heute so nachhallt. Denn wie schön wäre es, wenn wir es alle tun könnten: «To see with eyes unclouded by hate.»
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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