«Handmodeln ist ein Knochenjob»
PortraitFashion

«Handmodeln ist ein Knochenjob»

Vanessa Kim
Zürich, am 09.10.2020
Bilder: Thomas Kunz
Mit ihren Massen 85-69-90 ist Charline Muse zu dick für den Laufsteg. Wie sie ihren Traum vom Modelsein dennoch verwirklichen konnte, erzählt die Französin im Interview.

Die Fashionbranche ist ein hartes Pflaster. Wer es als Model zu etwas bringen will, muss nicht nur die Ellbogen ausfahren, sondern auch verzichten. Jedes zusätzliche Gramm auf der Waage entscheidet über Top oder Flop. Wer nicht dünn genug ist, wird nach Hause geschickt. So ergeht es Charline Muse, als sie sich trotz ihrer Traummasse bei Pariser Modelagenturen vorstellt. «Melde dich, wenn du zehn Kilogramm abgenommen hast», sind nur einige der fiesen Kommentare. Statt sich davon entmutigen zu lassen, nimmt sie die Zügel selbst in die Hand – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Erfolg. Heute arbeitet die Französin mit der langen Wallemähne als Mannequin und Illustratorin in Paris.

Auf deiner Homepage beschreibst du dich als «eine hinterhältige Katze, die auf den Dächern von Paris lebt». Wie darf ich das verstehen?
Charline Muse: Ich bin keine verrückte Katzen-Lady, falls du das meinst (lacht). Ich bin mit Katzen aufgewachsen, das hat mich geprägt. Heute sind sie für mich ein Totem. Vor sechs Jahren habe ich den Mode- und Aktfotografen Martial Lenoir kennen und lieben gelernt. Wir waren eine Zeit lang ein Paar. Zu meinem Geburtstag hat er mir ein Shooting auf den Dächern von Paris geschenkt. Ich durfte als Catwoman posieren. Das war eine aufregende Erfahrung für mich, da es mein erstes professionelles Fotoshooting war. Auf meinem Lieblingsbild bin ich zwar alleine zu sehen, im Hintergrund tummelten sich aber hunderte Schaulustige, die aus den Fenstern starrten. Man sieht nicht jeden Tag eine halbnackte Frau auf einem Dach posieren.

«Lulu Wondercat». Bild: Martial Lenoir und Lulu Inthesky
«Lulu Wondercat». Bild: Martial Lenoir und Lulu Inthesky

Wie ging es weiter?
Die Bilder sind so schön geworden, dass wir eine ganze Serie zum Thema Katzen gemacht haben: «Wondercat». Ich wurde unter anderem in Shibari-Manier und zusammen mit Nacktkatzen inszeniert. Diese Tiere sind unglaublich: Wenn du sie im Arm hältst, sind sie unfassbar niedlich. Gleichzeitig wirkt ihr Furcht einflössender Blick abschreckend.

Meinst du mit Shibari die japanisches Folterkunst?
Ja, ich bin ein Fan dieser Kunstform. Bei dieser Fesseltechnik wirst du zu einer menschlichen Skulptur. Wenn ich gefesselt bin, schwebe ich für einen kurzen Moment. Dabei kann ich jede Bewegung meines Körpers kontrollieren. Ich praktiziere Shibari als Model. Für mich ist das eine Darbietung. Wenn ich gefesselt bin, hänge ich für drei bis sechs Minuten in den Seilen. Mehr geht nicht, da es mir sonst das Blut abschnüren würde. Weil alles ganz schnell gehen muss, überlege ich mir die Posen bereits vor dem Shooting. Bei dieser Bildstrecke hatten wir innerhalb von zwei Tagen 20 Bilder im Kasten. Eines meiner Lieblings-Shootings.

«Rope me - The Black Session». Bild: Martial Lenoir, Lulu Inthesky und Shibari.Study via @charlinemuse
«Rope me - The Black Session». Bild: Martial Lenoir, Lulu Inthesky und Shibari.Study via @charlinemuse

Wie kam deine Modelkarriere ins Rollen?
Ich wollte Anfang 20 unbedingt modeln. Da ich für den Laufsteg nicht mager genug bin, haben mich die Modelagenturen mit den Worten «Wir nehmen dich auf, wenn du zehn Kilogramm abgenommen hast» wieder nach Hause geschickt. Ich war sehr traurig, konnte daran aber nichts ändern. Ich war zwar dünn, aber nicht dünn genug, um in Designer-Klamotten zu passen. Mit 26 Jahren nahm ich mir einen Sommer lang Zeit, um mit Amateurfotografen zusammenzuarbeiten. Da sie am Anfang ihrer Karriere standen , waren sie mit viel Leidenschaft bei der Sache und menschlich.

Wie meinst du das?
Bei einem Vogue-Shooting wirst du wie ein Gegenstand behandelt. Am Set haben alle Allüren. Das Modemagazin hat ein Programm, das von A bis Z durchgetaktet ist. Da bleibt keine Zeit für Zwischenmenschliches. Normalerweise verlasse ich ein Set mit neuen Kontakten. Das war bei meinem Vogue-Shooting nicht der Fall. Die Stimmung war vor Ort dementsprechend angespannt.

Ich habe dich vorher unterbrochen…
Hmmm… (überlegt). Nach besagtem Sommer modelte ich nebenbei weiter. Ich bin hauptberuflich Illustratorin. Im Herbst lernte ich auf Facebook Martial Lenoir kennen. Mit ihm machte ich mein erstes Nackt-Shooting. Obwohl ich während meines Grafikdesign-Studiums Geld als Aktmodell verdiente, war es etwas völlig anderes, wenn du dich plötzlich auf Fotos nackt siehst. Das sind zwei Paar Schuhe. Da Martial unglaublich nett und professionell war, fühlte ich mich sofort wohl. Einige Monate später wurden wir ein Paar. Ich verdanke ihm viel. Wir haben oft zusammengearbeitet. Er hat mir gezeigt, wie ich richtig posieren und mit Fotografen interagieren und sprechen muss.

Heute arbeitest du hauptsächlich als Handmodel. Wie kam es dazu??
Während des besagten Sommers habe ich beim Posieren oft meine Hände eingesetzt. Alle sagten mir, dass sie wunderschön seien. Da Handmodels rar und deshalb sehr gefragt sind, legte ich mir eine Casting-Mappe für meine Hände zu. Schöne Hände alleine genügen aber nicht. Du musst auch wissen, wie du sie natürlich einsetzt. Diese Gabe habe ich scheinbar (lächelt). Wenn du einen Gegenstand hältst, musst du ihn inszenieren. Das ist gar nicht so einfach, wenn du dafür nur deine Hände zur Verfügung hast und dabei von einer 20-köpfigen Entourage angestarrt wirst.

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Und dann?
Ich schickte die Bilder an diverse Agenturen und bekam durchs Band positive Rückmeldungen. Eine Woche später war ich mit sechs weiteren Mädels an einem Casting für die Vogue. Ich bekam den Job. Mein Traum ging in Erfüllung. Hartnäckigkeit zahlt sich eben doch aus. Danach folgten Shootings für Luxusmarken wie Dior, Chanel und Cartier. Ein Jahr später hatte ich mein erstes Video-Shooting. Das was gar nicht so einfach. Dort muss alles stimmen, weil du bei Videos nicht mit Photoshop tricksen kannst. Zudem musst du mit deinen Händen quasi eine Geschichte erzählen. Hierbei kommen mir meine Klavier-Skills zugute. Es kommt aber auch vor, dass ich ein Hand-Double bin. Einmal durfte ich für die Kosmetikmarke Clarins die Hände einer bekannten chinesischen Schauspielerin sein.

Welcher Part deines Jobs gefällt dir besonders gut?
Ich liebe Herausforderungen. Normalerweise mache ich während eines Shootings simple Dinge, wie Parfümflakons oder Schmuck halten. Das ist manchmal etwas eintönig. Bei einem Video-Shooting des Beautylabels Lancôme konnte ich so richtig performen, da sich die Produkte bewegten . Dafür musste ich sie den ganzen Tag von oben ins Bild halten. Das war anstrengend, hat aber Spass gemacht, da ich mitwirken durfte.

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Kannst du unserer Community in Zeiten von Desinfektionsmitteln und Co. Tipps für trockene Hände geben?
Ich benutze regelmässig Organic-Produkte und -Öle wie zum Beispiel Olivenöl. Vor einem wichtigen Shooting oder wenn meine Hände mal besonders trocken sind, trage ich mit einer Bürste Kokosnussöl auf und massiere es in die Haut ein. Das Ganze lasse ich rund 60 Minuten einwirken. Danach sind meine Hände butterweich. Schöne Hände sind ein echter Fulltime-Job (lacht).

Wie meinst du das?
Meine Hände sind mein Kapital. Wenn ich Geschirr spüle, muss ich Putzhandschuhe anziehen. Wenn die Sonne scheint, trage ich langärmlige Oberteile. Sichtbare Venen, Sommersprossen und Wunden sind ein No-Go. Die Finger müssen lang und proportional sein, die Nägel gepflegt. Ich darf mich an der Sonne nicht bräunen, da ich sonst die Kategorie (Hautfarbe) wechseln muss. Beim Bräunen bleibt zwischen den Fingern ein weisser Zwischenraum zurück. Auch der ist tabu.

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Fährst du denn nie ans Meer?
Doch, aber selten. Wenn ich am Strand bin, verwende ich eine Sonnencreme mit extra hohem Lichtschutzfaktor, trage einen Hut mit grosser Krempe und sitze unter einem Sonnenschirm. Einmal war ich bei 32 Grad Celsius im Schatten in Vollmontur an einem Festival. Alles musste bedeckt sein. Ich trug sogar lange Handschuhe. Die Leute haben mich verwundert angestarrt (lacht ansteckend laut). Wenn ich diesen Aufwand nicht betreibe und mit gebräunter Haut oder Sommersprossen auf den Unterarmen und Händen an einem Set aufkreuze, kann es sein, dass ich nach Hause geschickt werde. Das ist auf Dauer ganz schön anstrengend. Ich liebe meinen Job. Wenn ich nicht so angefressen wäre, würde ich mir das Ganze nicht antun.

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Vanessa Kim
Vanessa Kim

Editor, Zürich

Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt.

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