Garmin Overlander Navi im Test: Alte Hardware, tolle Software

Garmin Overlander Navi im Test: Alte Hardware, tolle Software

Dominik Bärlocher
Zürich, am 08.10.2019
Ergibt ein Navi im Zeitalter von Google Maps noch Sinn? Ja, wenn du entspannter ankommen willst. Musst du dafür knapp 700 Stutz liegen lassen? Nein, eigentlich nicht. Trotzdem: Ein Test eines nagelneuen GPS-Autonavigationssystems aus dem Hause Garmin.

Der Werbespot verspricht viel. Das Garmin Overlander Navigationsgerät soll dir die Welt öffnen. Kein Winkel soll dir verborgen bleiben. Nie sollst du dich verirren. Denn, so die Stimme aus dem Off in der Werbung, der Mensch ist nicht für Abschrankungen und Grenzen gemacht. Wir seien bestimmt dazu, zu entdecken.

Mit dem Statement zum Thema «entdecken» bin ich auf idealistischer Ebene höchst einverstanden. Geh mal aus deiner Komfortzone raus. Mach mal was, das du selbst nicht von dir erwartest. Da brauchst du nicht zwingend ein Navigationsgerät dazu, aber wenn deine Grenzfindung eine Autofahrt beinhalten sollte, dann kann es helfen. Gut, zurück zum Thema. Garmin Overlander. Ein Ding, das irgendwas zwischen Tablet und GPS ist.

Fahrzeug Navigation
648.–
Garmin Overlander (7")

Das robuste Mehrzweck-Navi für On und Offroad-Navigation in Europa, im Nahen Osten und in Nord- und Südafrika

Der Test bietet sich an, denn ich muss innerhalb weniger Stunden von Zürich nach München in ein Hotel kommen, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Grund dafür ist ein anderes Gerät, auf dem auch Android läuft.

Zum Glück habe ich ein Auto, das entsprechende Motorleistung bringt. Und das ich für immer in mein Herz geschlossen habe. Wer auch immer den Dodge Challenger kauft: Ich beneide dich. So fest.

Oder einen BMW 320d. Mit dem war ich schnell in Schweden. Auch ein ganz nettes Auto.

Auto
31 990.–B
BMW 320d Edition M Sport Automat 190PS (Diesel, Kaufen, 190PS)

Mit nur 4.6 Litern Durchschnittsverbrauch und starken 190 PS Leistung gehört der BMW 320d zu den effizientesten Fahrzeugen seiner Klasse. Eine Tankfüllung reicht dadurch für über 1000 km Fahrleistung. Zu den vielen Extras in diesem Modell gehören unter anderem das M-Sport-Paket mit 18 Zoll Felgen, heizbaren Vordersitze, der Tempomat, eine Parkdistanzkontrolle vorne und hinten, eine Rückfahrkamera sowie elektrisch verstellbare Vordersitze. Zudem lassen sich verschiedene Fahrmodi anwählen mit welchen sich das Fahrverhalten sportlich oder auch ökologisch einstellen lässt.

Ein Rat, bevor wir hier gross loslassen und du auf Reisen gehst. Bevor du das Overlander in Betrieb nimmst, lad es auf und lass ein Update aus dem heimischen WLAN drüber laufen. Das Map Pack Update ist aktuell 12GB gross und ein Software Update steht auch zur Verfügung. Da das Overlander sich nur mit 2.4GHz-Netzwerken verbinden kann, geht der Download der Karten ziemlich lange. Während ich das hier schreibe, noch vor dem München-Trip, macht das Overlander hinter mir ein Update. Mit 2.4 GHz und optimaler Netzwerkinfrastruktur kann ein WLAN Daten mit höchstens 600Mbps, also 75MB pro Sekunde, übertragen. Es würde im Idealfall 160 Sekunden dauern, die 12GB Daten herunterzuladen. Der Idealfall tritt nicht ein. Es dauert bedeutend länger.

Was steckt im Garmin Overlander?

Beim Aufstarten des Overlanders fällt mir auf, dass es sich nur wenig von einem handelsüblichen Tablet unterscheidet. Da ist das Case mit Shock Absorber, das dem ganzen einen etwas robusten Eindruck verleiht. Lustigerweise aber ist es nur IP5X zertifiziert. Das bedeutet, dass es nur teilweise gegen das Eindringen von Staub und Partikeln geschützt ist. Und das «X» bedeutet, dass es keinen besonderen Schutz gegen Feuchtigkeit aufweist. Das wohl darum, weil hinten ein grosser, offener Lautsprecher verbaut ist.

Der Lautsprecher ist der Grund, weshalb das Overlander nicht wasserdicht ist.
Der Lautsprecher ist der Grund, weshalb das Overlander nicht wasserdicht ist.

Sturzsicher sei es bis zu 26 Mal aus 1.20m Höhe, denn das Overlander ist MIL-STD-810 zertifiziert, was genau das aussagt. Unter anderem. Die Version des 810er-Tests wird nicht ausgegeben, aber ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass es sich um die Version G handelt, da F im Jahre 2008 für obsolet erklärt worden ist.

Sprich, da gibt es Tablets, die weit weniger kosten und weit stabiler sind. Bevor du jetzt aber einen Haufen Geld liegen lässt für ein Tablet, wart noch einen Moment und lies diesen Artikel zu Ende. Sobald wir mit dem Tech-Blabla durch sind, kommt das grosse «Aber».

Tablet
419.–
Samsung Galaxy Tab Active2 (8", 16GB, 4G, Schwarz)
Tablet
493.–
Cat T20 (8", 64GB, 4G, Black)

Wenn du eines willst, das genau so gross ist wie das Overlander, aber bedeutend mehr aushält, dafür dann aber doch einen Batzen mehr kostet, dann wäre dir das RugGear nahegelegt.

RG910 Tablet 16GB Black (8", 32GB, 4G, Schwarz, Gelb)
Tablet
779.–statt vorher 937.–1
RugGear RG910 Tablet 16GB Black (8", 32GB, 4G, Schwarz, Gelb)

Stellt sich die Frage, was denn überhaupt im Overlander steckt. Denn Garmin hält sich mit den vollständigen Specs zurück. Darum lasse ich mal CPU-Z über das Gerät laufen. CPU-Z liest die Specs des Geräts auf dem es läuft aus. AccuBattery tut dasselbe, aber spezialisiert sich auf den Akku des Geräts. Warum kann ich das? Android. Ein Android-Gerät ist und bleibt ein Android-Gerät. Egal, wie viel eigene Benutzeroberfläche ein Hersteller darüber programmiert.

  • CPU: ARM Cortex-A53 Quad Core mit je 1.43GHz, seit 2014 auf dem Markt
  • GPU: Mali-T720, seit 2014 auf dem Markt
  • Bildschirmauflösung 1024x600 Pixel
  • 2GB RAM
  • 56.2GB interner Speicher. Das bedeutet, dass da 64GB verbaut sind, aber du nur auf 56.2 zugreifen kannst, da der Rest vom System belegt wird
  • Android 6.0.1 mit Sicherheitspatch vom 1. Februar 2019
  • Akku: 1000mAh

CPU-Z wirft aber kein Detail aus, um welches System-on-a-Chip (SoC) es sich hier genau handelt, aber ich meine, dass es sich um ein MediaTek MT8735 handeln könnte, oder eine Variante dessen. Es ist sogar gut möglich, dass Garmin hier etwas selbst entwickelt hat. Die Specs stimmen nicht ganz mit allen mir bekannten SoCs aus dieser Zeit überein. Das WiFi-Modem des MT8735 kann zum Beispiel 5GHz, das Overlander aber nicht.

Die Hardware ist auf jeden Fall etwa fünf Jahre alt und verwirrend. Besonders der Akku scheint mir extrem schwach. Die Produktdaten auf Galaxus geben eine Akkulaufzeit von drei Stunden an, was mir etwas mager scheint. Aber die Zahl ist konsistent mit der Akkukapazität von 1000mAh. Zum Vergleich: Ein aktuelles Top-Smartphone, das Huawei P30 Pro, bringt es mit einer massiv höheren System- und Grafikleistung und einem 4200mAh-Akku auf eine Laufzeit von 2 Tagen und 4 Stunden, bevor die Akkuwarnung dazu rät, das Gerät bei 20% Akkustand aufzuladen. Android wäre dann aktuell übrigens bei Version 10.

Mobiltelefon
779.–
Huawei P30 Pro (128GB, Breathing Crystal, 6.47", Hybrid Dual SIM, 40MP)

Etwas modernere Hardware hätte dem Overlander nicht geschadet. Vor allem würde sich dann der Preis eher rechtfertigen. Ferner sind wir uns die etwas lahmende Performance von Navis gewohnt, aber muss das denn so bleiben? Ein Flaggschiff-Navi wäre doch perfekt gewesen, diesen jahrzehntelangen Trend zu beenden, oder?

Drive: Auf der Strasse

So lustig es auch sein mag, mit dem Navi rumzupfuschen und den Tablet-Aspekt des Geräts auszunutzen, es ist nicht das, wofür das Garmin Overlander gemacht ist und nicht, weshalb du dir den Kauf überlegst. Oder ihn gar gemacht hast. Wichtig ist, wie das Ding sich als Navigationsgerät bewährt. Die Karten, mit denen Garmin arbeitet, kommen von OpenStreetMap, einer Weltkarte, die von ihrem Aufbau her dem der Wikipedia folgt. Jeder kann sie editieren und korrigieren. Dafür ist ihre Nutzung frei und nicht an Agreements mit Giganten wie Apple oder Google gebunden.

Was? Nur 111 km/h? Der Challenger kann das besser.
Was? Nur 111 km/h? Der Challenger kann das besser.

Die Karten werden auf zwei Arten dargestellt. Der Drive-Modus ist dein klassisches Navi, wie du es von anderen Geräten her kennst und wie es auch Google Maps und Apple Maps anbieten.

  • Bildschirmelemente sind vergrössert dargestellt, damit du sie während der Fahrt erkennst
  • Raststätten und Parkplätze sind eingezeichnet
  • Korreliert Karten mit Strassenansicht und zeigt dir so die Tempolimiten an
  • Misst deine Geschwindigkeit
  • Hat eine Sprachausgabe

Der Drive-Modus ist das, womit der Overlander brilliert. Bei Navis stellt sich heute immer die Frage, wozu du dir eines zulegen sollst. Können Google Maps und die Konkurrenz von Apple nicht einfach das Navi ersetzen? Die Antwort liefert dir der Drive-Modus. Am besten erkläre ich dir das mit einem Vergleich.

  • Google Maps mit Google Auto sagt auf der Autobahn «Bei der nächsten Gabelung links halten»
  • Garmin Drive sagt «Bleib in einer der zwei linken Spuren und fahre an der nächsten Gabelung links nach Zürich»

Die Menge Daten, die Garmin Drive verarbeitet und dir als Fahrer weitergibt, ist unendlich viel komplexer und vor allem nützlicher. Wie oft habe ich das enttäuschte passiv-aggressive Jingle meines Android Autos gehört, als ich mal wieder die falsche Abbiegung genommen habe. Mit Garmin Drive ist das nie passiert. Denn ich muss nie den Gedanken «Meint sie jetzt diese Abzweigung oder die nächste?» fassen. Ich kann die Sprachausgabe mit den Wegweisern und Schildern und Strassenführung in der Realität korrelieren.

Nur alleine das beweist, dass Navis nicht tot sind und so schnell auch nicht sterben sollen. Wenn du viel Auto fährst in unbekannten Gefilden wie München, oder Schweden, oder so, dann wage ich zu behaupten, dass du ein Navi brauchst. Muss es das Overlander sein? Nein, nicht zwingend, aber Garmin Drive ist schon verdammt stark. Natürlich wäre es möglich, die Applikation in den Google Play Store oder den Apple App Store zu laden und dann für einen moderaten Preis die Daten auf Smartphones und Tablets zur Verfügung zu stellen, aber Garmin setzt offensichtlich auf eigene Hardware. Womöglich deshalb, weil das Navi noch weitere Sensoren verbaut hat, die unter anderem die Schräglage deines Autos ausgeben. Ist jetzt im Alltag nicht die nützlichste Funktion ever und alleine schon deshalb kein besonders stichhaltiges Argument für die eigene Hardware. Apropos Hardware: Ich empfehle den Garmin Lüftungshalter, denn an der Windschutzscheibe will ich so wenig wie möglich, das mir die Sicht versperrt.

Das einzige, das nervt, ist dass Madame Navi – es spricht standardmässig mit einer Frauenstimme – mir immer mal wieder mitteilt, dass sie die Kommunikation mit dem oder den Satelliten verloren hat. Das interessiert mich während der Fahrt nicht. Und wenn ich das Overlander zu Hause über Nacht auf dem Pult habe, dann erst recht nicht. Was soll ich mit dieser Ansage? Schnell den Satelliten neu starten? Einen anderen Satelliten in die Erdumlaufbahn schiessen? Easy, kein Problem. Mach ich mal kurz bei 100 im Gubrist-Tunnel, wenn da nicht gerade Stau ist. Madame Navi, reparier das und lass mich damit in Ruhe. Ich als Nutzer muss das nicht als gesprochene Information erhalten. Mit dieser Warnung steht Garmin nicht alleine da. Jedes Navi macht das. Google Auto auch. Warum? Hört mal auf damit.

Auch leicht lästig ist es, wenn Madame Navi sich auf eine Route eingeschossen hat. Es dauert relativ lange, bis sie sich umentscheidet. Ein Beispiel: die vernünftigste Route laut Garmin von Zürich auf die Schwägalp ist via Winterthur, Gossau. Wenn du aber via Ricken und Rapperswil wieder nach Zürich willst, dann ist Frau Garmin noch bis zum Rickenpass besessen davon, dass du umdrehst und via Gossau und Winterthur nach Hause fährst.

Explore: Wenn du angekommen bist

Irgendwann hat dann auch die netteste Fahrt ein Ende. Wenn du auf der offenen Autobahn Deutschland fährst, geht das meist schneller. Schade. Irgendwie auch wieder nicht. Am Ziel kannst du auf dem Home Screen auf «Explore» drücken. Dann werden dir interessante Punkte in der näheren Umgebung angezeigt. Tankstellen, Raststätten, Campingplätze, Sehenswürdigkeiten.

Explore scheint zwar nützlich, bringt im Alltag aber wenig bis gar nichts.
Explore scheint zwar nützlich, bringt im Alltag aber wenig bis gar nichts.

Ich bin etwas zwiegespalten. Ich sehe den Sinn dahinter. Explore ist praktisch, aber irgendwie überflüssig. Und es nimmt den Spass beim Exploring. Du kannst in deinem Auto sitzen, auf deinem Tablet rumdrücken und dann einfach zielgerichtet von A nach B gehen und voilà, Sehenswürdigkeit. Wo bleibt der Reiz im Entdecken einer neuen Stadt? Auf freier Wildbahn, so in der Wildnis, wie du sie im Werbespot zum Overlander siehst, kann ich mir vorstellen, dass du gerne wüsstest, wo deine nächste Campingmöglichkeit ist. Aber für den Grossteil der Nutzer ist Explore Spielerei und nicht notwendig. Und im Zweifelsfall ist Google da schneller.

Wieder die Frage nach dem Preis. Aktuell stehen wir im Review hier bei antikem Betriebssystem, alter Hardware, fehlender Wasserdichte und überragender Navigation. Jetzt kommen möglicherweise nützliche Umgebungsdaten dazu. Und dafür zahlst du 750 Franken.

Allein der Navigation wegen lohnt sich das. Stellt sich aber die Frage, ob das nicht günstiger geht. Antwort: Ja. Geht. Mit so ziemlich jedem anderen Garmin-Navi. Dem hier zum Beispiel.

Das hat zwar kein Android drauf, aber das Kartenmaterial, auf das das Navi zugreift, ist dasselbe.

Oder natürlich, du kriegst es irgendwie hin, die Navigationssoftware vom Overlander zu reissen. Ich schau mal…

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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