

Form folgt Farfalle – die Nudel wird zum Trendmotiv
Tomatenrot war 2023. Pilze davor. Diesen Sommer riecht's nach Semola – und wer glaubt, Pasta gehöre nur auf den Teller, hat die Milan Design Week verpasst.
Auf der diesjährigen Mailänder Designwoche stand ein Möbelstück, das aussah wie eine riesige Nudel. Artisia – Barillas Avantgarde-Label für 3D-gedruckte Pasta – zeigte gemeinsam mit dem Istanbuler Studio Yellowdot die Ausstellung «Edible Reveries» («Essbare Träumereien»). Die Prämisse: Was wäre, wenn Pasta nicht gegessen, sondern bewohnt wird?
Eine Nudel zum Sitzen
Studio Yellowdot entwarf dafür «Tattile» – eine Möbelkollektion aus 3D-gedruckten Stücken, die wie überdimensionierte Pasta-Formen wirken: ein Daybed, ein Schaukelstuhl, ein Sessel. Gedruckt wurde in einem Holzverbundwerkstoff, der matt, leicht unregelmässig und überraschend warm wirkt. Produziert hat die Stücke LaMàquina aus Barcelona, ein Spezialist für grossformatigen 3D-Druck, der unter anderem für Retailprojekte von Chanel oder Cartier arbeitet. Ich habe mich auf den Schaukelstuhl gesetzt, bevor ich wusste, was ich davon halten sollte. Das Material gab nicht nach, die Form aber schon.


Die Möbel sollen aber mehr als nur Sitzgelegenheiten sein. Sie sollen auch zeigen, wie man 3D-gedruckte Pasta anders erleben kann, weg vom klassischen Esstisch. Ein Ort, an dem Essen, Design und Interaktion zusammenkommen.
Die Linie als Ausgangspunkt
Den Ausgangspunkt bildete die Linie. «Uns hat die Idee einer einzigen, durchgehenden Linie fasziniert – genau wie bei der 3D-gedruckten Pasta selbst: Jedes Stück besteht aus über sechs Metern gepresstem Hartweizenteig», erklären Bodin Hon und Dilara Kan Hon, die Gründer des Studios. Ziel war nicht, eine Nudel einfach grösser zu machen, sondern ihre Eigenschaften neu zu denken: Kurven, Hohlstrukturen, die Logik der Form. Daraus entstand ein eigener, unverkennbarer Stil.
Die vertraute Pasta-Farbe spielt dabei eine eigene Rolle: Sie schafft eine emotionale Verbindung, noch bevor man das Möbelstück überhaupt berührt.

Komfort als Designprinzip
Dass die Stücke trotz ihrer Anmutung überraschend komfortabel sind, ist kein Zufall. «Berührung stand von Anfang an im Mittelpunkt», sagt das Studio. Die sanften Kurven und Vertiefungen nehmen den Körper intuitiv auf. Dort, wo man sich anlehnt, sitzt, ausruht.
Diese Idee stammt direkt von der 3D-gedruckten Artisia-Pasta selbst: Als Finger Food wird sie mit der Hand erlebt. Das Greifen der Nudel ist die erste Berührung. Das Studio wollte diese Idee weiterführen – als Einladung, die Stücke auch mit den Händen zu erkunden.
Auch die Oberfläche spielt eine Rolle: Die Linienstruktur des Drucks erinnert an Rillen, die beim Pasta-Machen entstehen. Eine Verbindung zwischen Hand, Material und Erinnerung.

Das Material selbst – ein Gemisch aus Sägemehl und PLA – verstärkt diesen Effekt. Matt, leicht unregelmässig, lebendig. «Es hat Wärme, Textur und subtile Unregelmässigkeiten, die man eher mit handgefertigten Objekten verbindet als mit industrieller Produktion», so das Duo. Technologie war für die beiden nie Selbstzweck: «Es ging uns nie darum, Technologie zu zeigen. Sie war einfach das Werkzeug, um eine sinnlichere Geschichte zu erzählen.» Das Studio vergleicht den Prozess mit dem Kochen: Im Hintergrund stecken viele Techniken, aber was bleibt, ist die sinnliche Erfahrung.
Pasta – mehr als ein Moment?
Nudeln als Formgeber und Motiv tauchen gerade auch an anderer Stelle auf: von Mosaikkacheln mit Makkaroni-Print bis zu Möbelgriffen in Orecchiette-Form. Ob daraus ein grösserer Trend wird, zeigt sich erst, aber die Anzeichen verdichten sich. Laut Architectural Digest wird die Nudelform zunehmend zum Muster. «Pasta ist die demokratischste Form von Kunst. Alle haben eine Erinnerung daran, alle haben eine Meinung dazu», wird darin eine Designerin zitiert.
Die Parallele zum Tomatenrot-Moment liegt auf der Hand. Auch damals war es mehr als eine Farbe – es war eine Haltung. Pasta bringt Ähnliches mit: Körperlichkeit, Nostalgie, ein leises Augenzwinkern. Und anders als eine Farbe lässt sie sich endlos variieren. Es gibt schliesslich über hundert Formen.
«Edible Reveries» bleibt eine der stimmigsten Interpretationen dieses Moments: ein Ort zum Verweilen zwischen Aperitivo und Designgeschichte.
Pasta für zuhause
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Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.
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