Keystone / Delbridge Langdon Jr
Hintergrund

Fender lässt die Stratocaster urheberrechtlich schützen

David Lee
3.6.2026

Fender will Stratocaster-Kopien verbieten und hat vor einem deutschen Gericht einen Erfolg erzielt. Bei vielen Gitarrenherstellern hagelt es Abmahnungen. Doch über die Tragweite des Gerichtsentscheids herrscht Unklarheit.

Sie ist wohl die berühmteste, sicher aber die meistkopierte E-Gitarre der Welt: die Fender Stratocaster. Jimi Hendrix, Eric Clapton, Mark Knopfler (Dire Straits), John Frusciante (Red Hot Chili Peppers), David Gilmour (Pink Floyd) und unzählige weitere Gitarristen machten die Stratocaster zu einem der wichtigsten Symbole der Rock-Musik.

Leo Fender entwickelte die Stratocaster bereits 1954. Rechtlich geschützt ist seither der Name Stratocaster, nicht aber die Bauform der Gitarre. Schon seit über 50 Jahren gibt es zahlreiche Nachahmer – sie bauen Instrumente, die aussehen wie eine Stratocaster, dürfen sie aber nicht so nennen.

Der Firma Fender waren diese Plagiate schon lange ein Dorn im Auge. Bis Ende der 70er-Jahre unternahm der Konzern jedoch nichts dagegen. Seit 1982 stellt Fender unter der Marke Squier selbst günstige Kopien her, um den Nachahmern das Wasser abzugraben. 2009 versuchte Fender in den USA, die Bauformen der eigenen Gitarre und Bässe schützen zu lassen – und blitzte damit ab.

Squier Classic Vibe '50s Stratocaster HT (E-Gitarre, Bone, Maple, Poplar)
Gitarre
CHF445.70

Squier Classic Vibe '50s Stratocaster HT

E-Gitarre, Bone, Maple, Poplar

Neues Urteil in Deutschland

Doch im Dezember 2025 hat das Landgericht Düsseldorf Fender in einer Klage recht gegeben. Es verbot dem chinesischen Hersteller Yiwu Philharmonic Musical Instruments, in Deutschland Stratocaster-Kopien zu verkaufen. Bei Zuwiderhandlung drohen Strafen.

Interessanterweise ging es dabei nicht um Markenrecht, sondern um Urheberrecht. Das Gericht befand die Bauform einer Stratocaster als «herausragende geistige Schöpfung»:

«Die Gestaltung als Körper ohne Kanten verleiht der ‹Stratocaster› weiche Rundungen, die die Assoziation an einen weiblichen Rumpf bestehend aus Hüfte, Taille und Armen wecken.» Die Strat beuge sich «wie eine zur Seite geneigte Tänzerin», es wird eine picasso-artige Gestaltung herbeifantasiert, mit einer linken Vorderseite «anmutend wie ein nach hinten gekipptes Becken».

Diese Sichtweise ist mindestens so originell wie die Bauform – und dem US-amerikanischen Gerichtsurteil diametral entgegengesetzt. Dieses hielt die Bauform für zu generisch, als dass sie Fender schützen könnte. In den Anfängen war die Bauform zwar neuartig, aber damals hatte Fender nie den Versuch gemacht, sie zu schützen. In der Folge wurde die Stratocaster-Form bei unzähligen Marken gebräuchlich und völlig normal. Jahrzehntelang haben Hersteller in allen möglichen Qualitäts- und Preisklassen Gitarren im Stil der Stratocaster verkauft.

Die gängigsten Korpusformen für E-Gitarren.
Die gängigsten Korpusformen für E-Gitarren.

Wie wild ist das ganze?

Fender ging es offensichtlich darum, einen Präzedenzfall zu schaffen. Der kleine Händler, um den es konkret ging, ist nicht das Problem.

Es gibt viele Anbieter wie Yiwu. Aber auch renommierte und bekannte Marken stellen Stratocaster-ähnliche Gitarren her. PRS zum Beispiel baut die Silver Sky, eine sehr erfolgreiche Strat-ähnliche Gitarre nach den Vorstellungen von John Mayer. Suhr bietet ähnlich aussehende Gitarren wie Fender und übertrifft die Qualität des Originals nach Meinung vieler. Der grosse deutsche Händler Thomann verkauft unter der Eigenmarke Harley Benton Stratocaster-Kopien zu extrem günstigen Preisen.

John Mayer mit der PRS Silver Sky.
John Mayer mit der PRS Silver Sky.
Quelle: PRS

Das Urteil gilt nur für den Absatzmarkt Deutschland, aber als Präzedenzfall könnte es auch einen Einfluss auf den übrigen EU-Raum haben. Fender selbst schreibt in einer Pressemitteilung, das Urteil erzeuge einklagbare Rechte gegen alle Gitarren mit Stratocaster-Bauform, die in Deutschland oder der EU hergestellt, verkauft oder verteilt werden. Ob das stimmt, ist allerdings fraglich. Denn es handelt sich um ein Versäumnisurteil: Die angeklagte Firma Yiwu ist nicht zur Gerichtsverhandlung erschienen und hat auch im Vorfeld nicht reagiert. Laut Gerichtsurteil verfügt sie nicht einmal über eine zustellbare Postadresse. Es ist ein Anbieter, der über die Plattform Aliexpress nach Deutschland liefert.

Dadurch war es für Fender relativ leicht, Recht zu bekommen. Es war keine Verteidigung da, die Gegenargumente hätte ins Feld führen können. Der Kläger musste seine Behauptungen nicht beweisen. Es reichte, dass die Klage zulässig und in sich schlüssig war.

Bei Gerichtsfällen gegen grosse Hersteller dürfte das anders sein. Diese werden sich zu verteidigen wissen. Ob das Urteil dann gleich ausfällt, ist höchst zweifelhaft. Denn Gegenargumente gibt es genug. Das wichtigste: Die Bauform ist seit vielen Jahrzehnten de facto ein Industriestandard. Da sich Stratocaster-Gitarren sehr leicht in ihre Einzelteile zerlegen lassen – zum Beispiel ist der Hals angeschraubt – gibt es einen florierenden Markt für Bau- und Ersatzteile. Nicht nur, aber auch von der Firma Fender.

Aggressive Abmahnungen

Fender scheint jedoch entschlossen, aufs Ganze zu gehen. Über ein Anwaltsbüro hat der Traditionshersteller an alle möglichen Hersteller Abmahnungen verschicken lassen. Der in der Branche gut vernetzte YouTuber Phillip McKnight machte dies öffentlich. Die Abmahnungen verlangen, nicht nur die Produktion der betroffenen Gitarren sofort einzustellen, sondern auch bereits verkaufte Gitarren zurückzufordern und zu vernichten.

Gegenüber dem Magazin GuitarWorld beschwichtigte Fender dann, dass man nur exakte Kopien bekämpfe. Es gehe nicht darum, jede Art von «Double Cut»-Gitarren zu unterbinden.

Was eine exakte Kopie genau ist, wurde im Gerichtsurteil nicht definiert – es behandelte nur den konkreten Verstoss des kleinen Händlers. Bislang war der Unterschied zwischen legalen und illegalen Kopien klar. Denn die Form der Kopfplatte – der oberste Teil der Gitarre, der die Saitenmechanik enthält – ist im Gegensatz zum Korpus von Fender geschützt. Hersteller wie Suhr oder PRS verwenden deshalb eine andere Form. Der vom Landgericht Düsseldorf verklagte Aliexpress-Händler übernahm jedoch auch die Kopfplatte vom Original. Dies ist bereits mit dem bestehenden Markenrecht illegal. Fender hätte für den Stopp gar keine Urheberrechtsklage auf die Korpusform erheben müssen. Ein weiteres Indiz, dass es Fender darum geht, Stratocaster-Kopien im grossen Stil zu unterbinden.

Fenders Verhalten könnte zum Bumerang werden

Zahlreiche Musik-Youtuber, etwa Gitarrenlehrer und -tester, haben Fenders Verhalten in deutlichen Worten verurteilt. Ein Shitstorm überzieht die sozialen Medien, der Image-Schaden ist jetzt schon beträchtlich. PRS hat bestätigt, eine Abmahnung bekommen zu haben, aber damit nicht einverstanden zu sein. Thomann will bislang nichts öffentlich sagen. Man darf aber annehmen, dass sich das Musikhaus nicht so leicht einschüchtern lässt, denn es ist der grösste Musikhändler der Welt. Seine Harley-Benton-Gitarren sind bislang immer noch erhältlich, auch in Deutschland.

Damit legt sich Fender mit der halben Gitarrenbranche an und das auf einer ziemlich wackligen juristischen Grundlage. Letztlich versucht Fender, jetzt etwas urheberrechtlich zu schützen, was vor 72 Jahren geschaffen wurde und seit 50 Jahren ein Industriestandard ist. Ich gehe davon aus, dass juristisch das letzte Wort noch nicht gesprochen ist – und hoffe es auch.

Titelbild: Keystone / Delbridge Langdon Jr

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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