Unsinnig? Plattenspieler im Design einer Fender-Gitarre

Unsinnig? Plattenspieler im Design einer Fender-Gitarre

David Lee
Zürich, am 30.09.2021
Das Fender-Logo prangt jetzt auch auf einem Plattenspieler. Passt das? In gewisser Weise schon. Denn Fender lebt heute vor allem von seinem legendären Ruf und der Tradition. Der Firmengründer war allerdings ganz anders drauf.

Fender, die legendäre Gitarrenmarke, und Mofi Electronics, der etwas weniger legendäre Hifi-Hersteller, haben gemeinsam einen Plattenspieler entwickelt. Es ist im Prinzip ein Mofi-Plattenspieler im Fender-Design.

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Der Farbverlauf heisst Sunburst und wird seit Jahrzehnten bei Fender-Gitarren und -Bässen verwendet. Der Plattenspieler ist sogar aus dem gleichen Holz wie viele Gitarren: Eschen, die im Sumpf wachsen und deren Holz dadurch besonders leicht ist. Bei einem Plattenspieler wäre das nicht nötig, da der ja nicht um den Hals gehängt wird, aber es musste wohl einfach möglichst Fender-like sein.

Ein Fender Precision Bass mit Sunburst-Lackierung.
Ein Fender Precision Bass mit Sunburst-Lackierung.

In Anlehnung an den Fender Precision Bass von 1951 heisst der Plattenspieler PrecisionDeck. Er kostet 3495 US-Dollar und wird in den USA hergestellt. Die Stückzahl ist auf 1000 limitiert.

In gewisser Weise passen die beiden Marken zusammen. Vinyl ist retro, und Fender ist es auch. Schliesslich hat Leo Fender sowohl den Precision Bass als auch die beiden Gitarren Telecaster und Stratocaster bereits in den 1950er-Jahren erfunden. Die teuren Fender-Modelle werden wie das PrecisionDeck in den USA hergestellt.

Andererseits passt es aber auch nicht. Ein Plattenspieler muss nicht wie eine Gitarre aussehen und auch nicht dessen Holz haben. Die Zusammenarbeit macht das Produkt vielleicht schöner, aber nicht besser.

Zudem ist es nicht Sunburst und Sumpfesche, was Fender zu einer legendären Marke macht. Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Firmengeschichte.

Warum Fender legendär ist

Firmengründer Leo Fender baute ursprünglich preisgünstige Gitarren, die sich einfach zusammenschrauben und zwecks Reparatur auseinandernehmen liessen. Er war weder Musiker noch Instrumentenbauer, sondern Radioelektriker. Und genau so baute er seine Gitarren. Im Gegensatz zu Gibson, wo klassischer Instrumentenbau betrieben wurde, schraubte Fender einfach alle Teile auf einen Holzblock. Dass man diese Schrauben und Platten sieht, war ihm vermutlich egal. Das Zeug musste funktionieren, günstig und leicht wartbar sein.

Der Mofi-Plattenspieler ist das Gegenteil von Leo Fenders ursprünglicher Intention. Dieser Plattenspieler ist sozusagen klassischer Instrumentenbau. Ein wunderschönes Liebhaber-Objekt, kein praktisches Gebrauchsteil.

Pragmatisch bediente sich Fender der Dinge, die gerade verfügbar waren. Lackiert wurde zum Beispiel mit Autolack. Darum haben die alten Gitarren die gleichen Farben wie die damaligen Ami-Schlitten von Cadillac, Buick & Co.

Eine Stratocaster in der Farbe Miami Blue
Eine Stratocaster in der Farbe Miami Blue
Ein Buick in einer sehr ähnlichen Farbe. Bild: Shutterstock
Ein Buick in einer sehr ähnlichen Farbe. Bild: Shutterstock

Für den Steg – dort, wo die Saiten am unteren Ende aufliegen – benutzte Fender für seinen ersten Bass und seine erste Gitarre die gleichen Metallteile. Das war praktisch und günstig, aber alles andere als optimal. Denn bei der Gitarre müssen dadurch zwei Saiten auf die gleiche Halterung gespannt werden. Dadurch lässt sich nicht jede Saite individuell in ihrer Länge justieren, was aber nötig wäre, um die Gitarre perfekt zu stimmen.

Steg mit Saitenreiter bei einem Bass ...
Steg mit Saitenreiter bei einem Bass ...
... und bei einer Telecaster-Gitarre. Die Halterung muss für zwei Saiten herhalten. Immerhin werden hier modifizierte Reiter verwendet, die die falsche Stimmlage weitgehend ausgleichen.
... und bei einer Telecaster-Gitarre. Die Halterung muss für zwei Saiten herhalten. Immerhin werden hier modifizierte Reiter verwendet, die die falsche Stimmlage weitgehend ausgleichen.

Leo Fender improvisierte. Er hat die E-Gitarre revolutioniert, weil er von einem fremden Fach kam und so einen anderen Blickwinkel hatte. Er war das, was man heute einen Disruptor nennt.

Gerade weil Fender keinen besonderen Wert auf die Ästhetik legte, sahen seine Gitarren besonders aus. Und so wurde das Aussehen dieser Instrumente zur Legende.

Legendär wurden die Instrumente aber vor allem dadurch, dass sie von unzähligen berühmten Musikern verwendet wurden. So ist im Lauf der Zeit aus einer Billigmarke eine Edelmarke geworden. Ein regelrechter Kult.

Dabei verwendeten die Musiker Fenders Geräte oft anders, als es von ihm beabsichtigt war. Kreativ eben. Der Bassverstärker Bassman wurde hauptsächlich als Gitarrenverstärker eingesetzt, die Gitarrenverstärker absichtlich zum Scherbeln gebracht. Die Verdrahtung der Gitarren wurde modifiziert, um den Sound zu verändern. Die Gitarren wurden tiefer gestimmt. Und so weiter.

Die Auswüchse des Retro-Kults

Dieses Lebendige, dieses kreative Improvisieren und Modifizieren, ist irgendwann erloschen. Fender hat im Lauf der Jahrzehnte einen Wandel durchgemacht. Heute steht die Marke nicht mehr für Innovation, sondern für Tradition. Alles soll möglichst so sein wie früher.

Die Leute wollen das Original. Sie wollen genau die Gitarren, mit denen Jimi Hendrix, Eric Clapton, Mark Knopfler oder Keith Richards spielten. Entweder aus Nostalgie, oder um möglichst ähnlich zu klingen. Oder beides.

Daher baut Fender, nebst modernisierten Varianten, auch Instrumente, die den ursprünglichen Modellen möglichst nahe kommen. Das geht so weit, dass selbst offensichtliche Schwächen der alten Gitarren beibehalten werden. So werden noch heute Saitenhalter mit zwei statt einer Saite gebaut. Dabei hat Leo Fender hat diese Schwäche bei allen späteren Gitarren behoben. Doch zahlreiche Fender-Fans wollen den Telecaster-Steg genau so haben wie damals.

Fender verkauft unter der Bezeichnung «Relic» neue Gitarren, deren Korpus abgewetzt ist. Diese Gitarren sehen ab Werk bereits so aus, als hätten sie 60 Jahre auf dem Buckel. Und nicht wenige Leute behaupten, dass diese Abnutzung den Klang der Gitarre verbessert. Auch die Verwendung der alten Nitro-Lackierungen soll den Klang näher ans Original bringen. Wie übrigens auch die schlecht stimmbaren Saitenhalter.

Sieht aus wie von 1951, ist aber neu: Eine Fender Heavy Relic Telecaster.
Sieht aus wie von 1951, ist aber neu: Eine Fender Heavy Relic Telecaster.

Noch ein Beispiel für das Anbeten der Vergangenheit: Jimi Hendrix benutzte eine Fender Stratocaster für Rechtshänder, weil es kaum Linkshändermodelle gab, und musste die Saiten verkehrt herum aufspannen. Die Mechanik, die Anordnung des Tonabnehmers und die Drehknöpfe – alles war verkehrt. Heute verkauft Fender Gitarren, mit denen Rechtshänder so verkehrt spielen können wie damals Hendrix. Also einfach eine Linkshändergitarre? Nein. Regler und Kabelbuchse sind für Rechtshänder angeordnet.

Hendrix selbst war mit seiner Notlösung unzufrieden und besorgte sich später eine Linkshändergitarre von Gibson. Mit dieser völlig anderen Gitarre klang er – Überraschung – immer noch zu hundert Prozent wie Jimi Hendrix.

Der Mofi-Plattenspieler passt zum heutigen Unternehmen Fender. Es passt zum Kult, zur Legende. Nicht aber zum Pionier und Erfindergeist Leo Fenders. Und auch nicht zu den kreativen Künstlern, die Fenders Geräte oft sehr anders benutzen als es von ihm vorgesehen war – und die Marke dadurch erst legendär machten.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

Audio + Heimkino

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