Es werde Strom auf der Alp
Es werde Strom auf der Alp
Reportage

Es werde Strom auf der Alp

Aurel Stevens
Zürich, am 06.06.2019
Das ist die Geschichte, wie ich einen Artikel geschrieben habe, der mich an einen total anderen Ort geführt hat. Wie ich die Ehre der Firma verteidigen will und ziemlich weit gehe, um jemandem weiterzuhelfen.

Manchmal läuft es ulkig. Da schreibe ich einen Artikel über eine grottige Powerbank aus Italien und zwei Wochen später stehe ich auf einer Alp. Und das kam so.

Die Vorgeschichte

Kürzlich habe ich aufgeschrieben, dass ich vor einiger Zeit in den Ferien eine Fake-Powerbank erworben hatte, die nicht ansatzweise lieferte, was versprochen wurde. Und du deshalb beim Kauf von Elektronik auf zweifelhaften Marktplätzen Vorsicht walten lassen solltest:

Was steckt in der *Trash-Powerbank** vom Strassenmarkt?
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Die Kommentarspalte wurde rege genutzt. Auch von User Bachmatte. Bachmatte hatte einen grossen, ziemlich teuren Akku für den Outdoor-Einsatz bei uns gekauft und war damit gar nicht zufrieden:

“ Ich habe bei Galaxus einen Goal Zero Yeti 400 Lithium gekauft um auf der Alp einen Kühlschrank zu betreiben. Der Kühlschrank läuft bei vollständig aufgeladenem Yeti nicht. Nach den Angaben von Kühlschrank und Yeti sollte das aber funktionieren. Auf mein Telefon bei Galaxus bekam ich zur Antwort, ja draufschreiben können die da ja was sie wollen. Kommt dazu, dass wenn ich den Yeti zurückschicke muss ich, obwohl der nicht so funtioniert wie versprochen wurde, mindestens 10 % vom Preis (990.-) bezahlen. Also nicht nur auf dem Flohmarkt aufpassen, sondern auch bei Galaxus ”
User Bachmatte

Der Kommentar kam spät und versteckt, aber er hat meine Aufmerksamkeit erregt. Alp. Akku. Kühlschrank. Dieses Problem interessiert mich. Obendrein behauptet Bachmatte, dass die Spezifikationen unserer Produkte das Blaue vom Himmel versprechen.

Quatsch! Challenge accepted.

Das Problem

Mich interessiert das. Was genau hat Bachmatte bei uns bestellt? Einen stromsparenden Kühlschrank mit Gefrierfach von Kibernetik und ein für den Outdoor-Einsatz gedachtes Akkupack mit 220-Volt-Stromanschluss von Goal Zero.

Beides sind solide Produkte. Der Yeti 400 liefert 300 Watt, in der Spitze sind laut Manual kurzzeitig gar 1200 Watt erlaubt. So viel benötigt ein A++-Kühlschrank niemals. Warum können die beiden Produkte nicht miteinander?

Ich gehe der Sache mit dem Stromverbrauch nach.

Moderne Kühlschränke benötigen erstaunlich wenig Strom. Gut isolierte Kühltruhen kann man vom Stromnetz trennen, der Inhalt ist noch 24 Stunden später gefroren. Das von Bachmatte gewählte A++-Modell braucht im Schnitt 135 kWh Energie pro Jahr.

Will ich die benötigte Leistung in Watt berechnen, muss ich durch 365 Tage und durch 24 Stunden dividieren. Das sind im Fall des Kibernetik KSG118L03 135000 Wh / 365 / 24 = 15.4 Watt. Das ist ja nichts! Das müsste der Yeti 400 mit seinen 300 Watt doch locker packen?

Auf der Rückseite des KSG118L03 steht auf einer Etikette, dass der Kühlschrank 80 Watt benötigt. Das ist viel mehr als der durchschnittliche Verbrauch (15.4 Watt). Gemeint ist damit die Leistung des Kompressors. Der Kompressor ist eine Art Pumpe und verrichtet die Kühlarbeit. Er ist das Bauteil im Kühlschrank, das massiv Strom verbraucht. Er springt an und *brrrrrrrrrrrmm* surrt leise, solange das Thermometer im Kühlschrank einen Schwellwert (meist 4° – 6°) übersteigt.

Aber auch die 80 Watt des Kompressors müsste der Yeti 400 stemmen. Wo liegt das Problem?

Ich rufe bei der Coldtec AG an, welche die Kibernetik-Kühlschränke seit 2018 vertreibt. Ein sehr kompetenter Herr vom Support erklärt mir: «Als Faustregel benötigen Kühlschränke im Anlauf etwa vier- bis fünfmal mehr Leistung als im Betrieb.» Das wären dann 400 Watt – also mehr als die Dauerleistung des Yeti, aber weniger als die erlaubte Stromspitze von 1200 Watt. Wie lange denn der Anlauf dauert, will ich wissen. «Einige Sekunden», sagt der Support.

Mein nächster Anruf gilt Goal Zero in Houston, Texas. Vom Kundendienst will ich wissen, wie lange genau der «surge» von 1200 Watt, die maximal erlaubte Leistung während einer kurzen Zeit, beim Yeti 400 dauern dürfe. «Two seconds», weiss Nick vom Goal-Zero-Support wie aus der Pistole geschossen.

Problem gefunden: Zwar verbraucht der Kühlschrank im Schnitt erstaunlich wenig Energie: Eben 15.4 Watt. Aber die Stromspitze, wenn der Kompressor beim Einschalten anläuft, überfordert den Yeti 400. Das ist fies. Von den Produktdaten her glaubt man auf den ersten Blick, dass die Batterie den Kühlschrank locker antreiben kann.

Mir ist jetzt klar, warum das nicht funktioniert.

In der Zwischenzeit interessiert mich wirklich, was Bachmatte genau vorhat auf der Alp. Eine mögliche Lösung habe ich schon im Kopf.

Die Kundin

Ich rufe Bachmatte an. Bachmatte heisst Karin und schildert mir die Situation. Karin ist Sennin auf einer Alp. Dort oben zu sein bedeutet, dass sie zwar mit dem Auto ins Dorf fahren kann, um rasch einzukaufen. Zurück auf der Alp muss ein Klumpen Fleisch sofort für die ganze Woche vorgekocht werden. Lebensmittel muss Karin rasch verarbeiten. Deshalb möchte sie sich den kleinen Luxus eines Kühlschranks leisten.

Sie habe die Batterie zu Hause – sie ist zum Zeitpunkt des Telefonats noch nicht auf der Alp – vollständig geladen. Radio laufe und Mixer auch. Sie habe den Kühlschrank zu Hause extra am Stromnetz «vorgekühlt». Doch wenn sie den anschliesse, leuchte am Yeti 400 ein rotes Licht auf und er piepse. Deshalb habe sie telefonisch unseren Kundendienst kontaktiert, um eine Rücksende-Etikette zu erhalten. Sie sollte ein Ersatzgerät zugeschickt bekommen, und wenn das nicht funktioniere, dann solle sie das Gerät zurückschicken. Dann seien 10 % des Kaufpreises fällig, wird ihr beschieden.

Hat sich zu Recht gewehrt: Karin alias Bachmatte.
Hat sich zu Recht gewehrt: Karin alias Bachmatte.

Karin beschwert sich, dass sie im guten Glauben die richtigen Produkte gekauft hat und jetzt 10 % bezahlen muss. Dazu kurz: In der Schweiz gilt im Gegensatz zu Deutschland kein Widerrufsrecht. Zwar handhabt es der Handel meist kulant – aber wenn’s hart auf hart kommt, heisst es in der Schweiz: Gekauft ist gekauft. Das hier ist für mich ein klarer Fall: Aufgrund der Produktdaten hätte ich wie Karin erwartet, dass der Yeti 400 mit dem Kühlschrank funktioniert. Ich finde, hier müssen wir kulant sein.

Plötzlich im Support: Ich.
Plötzlich im Support: Ich.

Bevor ich unserem Kundendienst dreinrede, will ich genau verstehen, was Karin eigentlich will. Ich will ihr Problem lösen. Es ist ja doof, wenn sie einen Kühlschrank hat, aber ohne Batterie nicht benutzen kann. Ich will von ihr wissen, wie sie die Batterie aufladen will. Mit einem Solarpanel? «Nein, mit einem Stromgenerator», sagt Karin. Morgens und abends laufe die Melkmaschine einige Stunden, gleichzeitig soll der Generator die Batterie laden.

Der Dieselgenerator stellt sich als 16 kW-Monster mit 400-Volt-Ausgang heraus, das gross wie eine Badewanne ist. 220 Volt macht er so nebenbei.
Der Dieselgenerator stellt sich als 16 kW-Monster mit 400-Volt-Ausgang heraus, das gross wie eine Badewanne ist. 220 Volt macht er so nebenbei.

Rund um die Uhr soll der Dieselgenerator nicht laufen, deshalb die Stützbatterie für den Kühlschrank. Wenn der kleine Yeti 400 den Kühlschrank nicht antreiben kann, dann sicher der grosse Bruder. Darf ich vorstellen? Der Yeti 1000.

1500 Watt Dauerleistung und 3000 Watt Spitze. Bäm! Das Problem ist nur, dass das Ding mit 2290.– Franken leicht teurer als der Yeti 400 für 990.– ist...

Der Kundendienst

Meine erste Station ist Pascal Biri. Er ist der verantwortliche Einkäufer für die Produkte von Goal Zero. Ich schildere ihm die Lage und dass ich der Kundin helfen möchte. Auch Pascal ist der Meinung, dass die grössere Variante, der Yeti 1000 den Kühlschrank problemlos mit Strom versorgen wird. Ob ich der Kundin ein gutes Angebot unterbreiten dürfe, frage ich Pascal. «Klar. Dafür will ich aber einen Bericht», sagt Pascal. Super – das will ich ja auch!

Ich telefoniere nochmals mit Karin. Sie ist einverstanden, dass ich ihr den grösseren Yeti organisiere. Einziges Problem von Karin: «Am Freitag kommen die Kühe! Ich bin dann schon auf der Alp oben.»

Also gut: Aurel wird den 18-Kilo-Klotz auf die Alp schleppen.

Der einzig realistische Termin ist Donnerstag – wegen Auffahrt ein Feiertag. Kollege David Lee ist ein Wandervogel und will mich glücklicherweise mit seiner Fotoausrüstung begleiten.

Jetzt klinke ich mich beim Kundendienst in den Fall ein. Ich will ja nur was ganz Kleines!

  • bitte erstattet der Kundin den kompletten Betrag für den Yeti 400 zurück
  • bestellt für die Kundin einen Yeti 1000
  • schickt der Kundin eine neue Rechnung
  • schickt die Batterie nicht zur Kundin, sondern in den Shop nach Zürich
  • circa 25 weitere kleine Dinge, die ich hier nicht auch noch erwähnen kann

Kristian Tadic von Customer Care, du bist mein persönlicher Held! Du hast mein Anliegen sofort verstanden und hast mir unbürokratisch weitergeholfen. Ohne dich wäre ich aufgeschmissen gewesen. Du hast mit dem Warenlager und der Retourenabteilung alles souverän organisiert. Danke, Kristian!

Es ist jetzt Dienstagabend und in der Theorie ist alles eingefädelt. Wenn alles klappt, kommt die Batterie noch rechtzeitig auf die Alp...

Die ersten Zweifel

Am Mittwoch hole ich den Yeti 1000 im Shop in Zürich ab und packe ihn aus. Schliesslich will ich da oben nicht mit einem halbvollen Akku auftauchen. Er ist zu 47 % geladen. Zum Glück: Das Aufladen dauert gemäss Manual 18 Stunden. Bleiben also noch etwa 10 Stunden. 1045 Wattstunden (Wh) speichert das Monster. Umgerechnet auf Smartphone-Akkus oder Powerbanks (3.6 Volt) sind das 290 400 mAh. Da kann ein Telefon einige Male dran saugen.

Die Sache mit der Energie ist aber trügerisch. Zur Erinnerung: Der Kühlschrank zieht im Schnitt 15.4 Watt. Was auf den ersten Blick nach sehr wenig tönt, sind auf 24 Stunden gerechnet 370 Wh. Der Yeti 1000 mit 1045 Wattstunden kann den Kühlschrank rein rechnerisch zwei Tage und 19 Stunden versorgen.

Leider kommt am Ende meist weniger raus: Der Yeti ist auf 12 Volt ausgelegt. Hängt ein 12-V-Verbraucher daran, liefert er seine 1045 Wh. Bei der Transformation in andere Spannungen (5 Volt am USB-Port, 220 Volt an der Strombuchse) treten Verluste auf. Lädst du ein Smartphone am USB-Port auf, gehen etwa 10 % verloren. Beim Hochtransformieren auf 220 Volt sieht es ähnlich aus. Ich rechne mal mit 940 Wh, das wären etwa zweieinhalb Tage. Immer noch ok.

Mehr Sorgen macht mir die lange Ladezeit von 18 Stunden. Während zweieinhalb Tagen oder 60 Stunden muss der Stromgenerator 18 Stunden laufen, um den Ladestand zu halten. Über sieben Stunden pro Tag. Das kann es nicht sein. Ein Solarpanel muss her.

Ich fasse das Goal Zero Boulder 100 ins Auge. Es kostet 284.– Franken. Solarpanels kriegt man heutzutage auch billiger, aber für eine qualitativ hochwertige Plug-and-Play-Lösung geht der Preis in Ordnung.

Es gibt eine zweite, günstigere Lösung: ein zweites Netzteil. Eingänge haben die Yetis genug und ein zweites Netzteil würde das Problem auch erschlagen. Statt 18 Stunden würde das Laden nur noch 9 Stunden dauern. Die 4 – 5 Stunden, welche die Melkmaschine – und damit der Stromgenerator – täglich läuft, würden sehr bequem reichen, weil der Yeti täglich 3.5 Stunden dranhängen müsste, um den Ladestand zu halten.

Aber das ist irgendwie bekloppt. Die Alp-Saison von Mai bis Ende September ist genau diejenige Jahreszeit, wo Sonnenenergie im Überfluss vorhanden ist. Es wäre eine Sauerei, das Solarpanel nicht mindestens auszuprobieren. Zumal die Yetis genau deswegen einen Inverter eingebaut haben.

Als ich an der Geschichte schreibe und ich zu dieser Erkenntnis gelange, ist es zu spät. Weder Panel noch Verlängerungskabel noch Netzteil bekomme ich mittwochs vor Auffahrt um 15 Uhr noch geliefert. Mist!

Ein Lichtblick ist hingegen, dass Filiz vom HR mich und den Yeti spontan mit dem Auto bis vor die Haustüre fährt. Danke, Filiz!

Die Alp

Am Auffahrts-Donnerstag machen David und ich mich auf den Weg in die bernische Gemeinde Saanen, wo die Alp von Karin zu finden ist. Im Gepäck habe ich den Yeti 1000 – und ein schlechtes Gewissen. Weil ich bereits weiss, dass wir noch nicht die finale Lösung dabei haben.

Ich habe versprochen, mich persönlich darum zu kümmern. Also bringen wir mal den ersten Teil des Materials hoch. Und rekognoszieren. Wie sieht der Stromgenerator aus? Liegt die Alp an einem sonnigen Ort, wo ein Panel überhaupt Sinn macht?

Karin kommt uns an der Haltestelle des Postautos «cho reiche»¹. Die Fahrt hoch auf die Alp dauert eine gute Viertelstunde. Während des Hochfahrens sehe ich schon Karins Problem. Ihr Telefon – ein uraltes Samsung Galaxy S5 mit einer martialisch dick gummierten Schutzhülle – hängt sie sofort am Auto an. Das Handy zu laden ist für Karin ziemlich umständlich. Ein Punkt für den Yeti.

Blick auf die «Gastlosen» von der oberen Staffel aus.
Blick auf die «Gastlosen» von der oberen Staffel aus.

Als wir auf gut 1400 Metern über Meer ankommen, erschlägt mich die Aussicht. Ganz vergessen, wie schön die Schweiz ist. Ich habe mir ein Hüttlein vorgestellt, doch die Alp ist riesig. Am Freitag treffen hier 20 Kühe ein, ein paar Tage später noch mehr. Dann die «Guschteni»² und zuletzt die Kälber. Rund 80 «Kühe» und zwei Stiere werden sich zuletzt da oben tummeln. Momentan ist da nur Furbo, der uns wild wedelnd empfängt.

Furbo hilft beim Zusammentreiben der Kühe.
Furbo hilft beim Zusammentreiben der Kühe.

Aber hier werden sich Karin, ein Käser und eine Stiftin nur während 2 – 3 Wochen aufhalten, erfahren David und ich. Sobald der Schnee weiter oben geschmolzen ist, geht’s auf die «obere Staffel»³. In einem erneuten Alpaufzug werden die Tiere gegen Ende Juni auf die höher gelegene Alp geführt. Erst dort oben wird dann Käse hergestellt, Gruyère, Vacherin und Alpkäse. Darum setzt Karin auf eine mobile Stromlösung, obwohl eine Festinstallation langfristig billiger wäre.

Auf der oberen Staffel liegt der Schnee am Auffahrts-Donnerstag noch mannshoch.
Auf der oberen Staffel liegt der Schnee am Auffahrts-Donnerstag noch mannshoch.

Mal schauen, ob das läuft. Ich packe den voll aufgeladenen Yeti 1000 aus und hänge den Kühlschrank an. Karin ist nicht sicher, ob das laufen wird. Ich schon, hab es schliesslich durchgerechnet. Natürlich läuft der Kühlschrank 1A. Während des Mittagessens beichte ich Karin, dass es mit dem Akku noch nicht ganz erledigt ist.

Der Yeti 1000 packt den Kühlschrank locker.
Der Yeti 1000 packt den Kühlschrank locker.

Karin hat in der Zwischenzeit auf zalp.ch ein Inserat für einen Occasions-Gaskühlschrank gesehen. Sie ist plötzlich unsicher, ob die Batterielösung wirklich das Richtige ist. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ich bin nicht als Hausierer von Galaxus-Produkten hier. Ich will für Karin die beste Lösung. Wenn sie den Yeti nicht will, würde ich den ganzen Kram rückabwickeln. Und mir von all den Helfern in Zürich eine Ohrfeige abholen.

Ein moderner Gaskühlschrank benötigt rund 12 Gramm Gas pro Stunde, etwas mehr als 250 Gramm in 24 Stunden. Pro Monat geht also eine 7.5-Kilo-Flasche Gas für 40 Franken (ohne Depot) drauf. Während des Sommers auf der Alp würden 150 – 200 Franken anfallen. Nach fünf Jahren wären Gaskühlschrank und Gas teurer als der Yeti. Die Lithium-Zellen des Yeti sollten bei 4 – 5 Monaten Betrieb im Jahr 10 Jahre durchhalten (und können separat ausgetauscht werden). Langfristig kommen die beiden Lösungen wohl in etwa gleich teuer.

Ihr Handy, ihre Powerbank und ihre Taschenlampe könnte Karin am Gaskühlschrank nicht laden, am Yeti schon. Karin schwankt. Den Ausschlag gibt dann ihr elektrisches «Ankefässli»⁴, mit dem Karin aus abgeschöpftem Rahm Butter machen will. Das wäre schon praktisch, wenn sie das einfach einstecken und laufen lassen könnte, findet sie. Karin will den Yeti behalten. Glück gehabt: das wäre zu dumm gewesen, den Yeti wieder zurück nach Zürich zu schleppen.

Das Ankefässli Modell «Heidi» von der Zimmermann AG in Horw benötigt 130 Watt. Keine Herausforderung für den Yeti.
Das Ankefässli Modell «Heidi» von der Zimmermann AG in Horw benötigt 130 Watt. Keine Herausforderung für den Yeti.

Karin ist einverstanden, es mit dem Solarpanel zu versuchen. Das Wetter hier oben sei meist gut, sagt sie. Sehr gut! Ich sage ihr, dass es für sie erledigt ist. Es kommen keine weiteren Kosten. Für mich ist das ab jetzt Ehrensache. Das Panel leg ich ihr kostenlos drauf. Wer das bezahlen wird, ist mir in diesem Moment egal. Im Notfall ich.

Glossar

Es gäbe noch etliche Wörter mehr. Allerdings habe ich die älteren Berner Oberländer gar nicht erst verstanden.

¹ cho reiche: abholen

² Guschteni: jährige Kühe, die noch nie gekalbt haben

³ untere und obere Staffel: viele Alpwirtschaften arbeiten nach dem Zweistaffel-Prinzip. Die Gründe dafür sind einerseits, dass das Klima optimal genutzt wird, ein weiterer, dass so mehr Gras für das Vieh zur Verfügung steht

Dr. Johann Carl Lübeck, Erfurt 1812: Ökonomisches Lexikon über alle Gegenstände.
Dr. Johann Carl Lübeck, Erfurt 1812: Ökonomisches Lexikon über alle Gegenstände.

⁴ Ankefässli: Beim Käsen wird Rahm abgeschöpft. Das Ankefässli ist ein Behälter mit einer Art Schwingbesen, mit dem aus dem Rahm Butter geschlagen wird

Nochmal auf die Alp

Am Samstag 1. Juni hole ich das Panel und ein neun Meter langes Verlängerungskabel im Shop ab. Am Sonntag machen meine Tochter und ich, das 100-Watt-Solarpanel unter dem Arm, nochmals einen Ausflug in die Berge. Karin holt uns freundlicherweise wieder von der Postauto-Haltestelle ab. Oben angekommen packe ich das Panel und die Verlängerung aus und verkable alles.

Karin stellt meiner Tochter die Kühe vor.
Karin stellt meiner Tochter die Kühe vor.

Es ist ein sonniger Tag mit wenigen Wolken. Das 100-Watt-Panel liefert als Spitzenwert 70 Watt. Schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, fällt die Leistung auf 20 Watt. Aber – warum liefert das 100-Watt-Panel nicht 100 Watt? Die Leistung von Solarpanels wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, etwa Breitengrad, Temperatur, Höhe und die Länge der Verkabelung.

  • Am Äquator (Breitengrad 0) strahlt die Sonne im Sommer senkrecht auf die Erde, darum ist die Energieausbeute pro Fläche dort am grössten. Je näher an den Polen (90. Breitengrad), desto weniger Energie pro Fläche. In der Schweiz sind wir bei 47° etwa in der Mitte.

  • Solarpanels wandeln deutlich weniger Energie in Strom um, je heisser sie sind. Die Angabe bezieht sich jeweils auf 25° Celsius. Pro Grad mehr beträgt der Verlust zwischen 0.2 und 0.3 %, pro Grad weniger steigt die Effizienz um denselben Wert. Das Panel auf der Alp wird an der prallen Sonne geschätzte 45 Grad heiss und verliert so zwischen 4 und 6 Prozent.

Auf 1700 Metern ist meine Tochter im siebten Himmel: Nochmal Schnee!
Auf 1700 Metern ist meine Tochter im siebten Himmel: Nochmal Schnee!
  • Je höher die Photovoltaik-Anlage, desto geringer die Verluste. Weiter oben schwirren weniger Aerosole in der Luft herum und die Atmosphäre ist dünner – die Energieausbeute ist höher. Aus dem gleichen Grund kriegst du in den Bergen viel schneller einen Sonnenbrand als in der Stadt. Ein Pluspunkt für das Solarpanel.

  • Das 9-Meter-Verlängerungskabel sorgt für einen Spannungsabfall von 2 – 4 %.

  • Der Yeti hat nur einen PWM- und keinen MPPT-Laderegler verbaut (den kann man optional dazukaufen). Der PWM-Regler kann nicht optimal auf schwankende Spannungen reagieren und es gehen nochmals 10 – 15 % verloren.

Die 100 Watt bringt das Panel also nur am Äquator in grosser Höhe bei sehr niedriger Luftfeuchtigkeit und kühler Umgebung, etwa in den Bergen der Atacama-Wüste in Chile. Die 70 Watt im Berner Oberland gehen völlig in Ordnung.

Das Solarpanel bei der Arbeit.
Das Solarpanel bei der Arbeit.

Über den Tag verteilt wird das Panel an einem sonnigen Sommertag (8 Stunden × 50 Watt) 400 Wattstunden liefern. Das reicht locker aus, um den Ladestand des Yeti zu halten. Auch wenn es mal etwas weniger sein sollte, zusammen mit dem Stromaggregat wird der Yeti von nun an immer voll sein.

Das Setup auf der Alp:

Gedanken zum Abschluss

Ich habe da oben viel gelernt. Nicht nur über Kühe. Das Wichtigste: Menschen wie Karin, die länger off the grid leben, diversifizieren bei der Energie. Fürs Käsen wird mit Holz geheizt. Der Boiler wird mit Holz erhitzt. Der Stromgenerator wird mit Diesel angetrieben. Gekocht wird mit Gas. Die zuverlässige Alltagslampe ist ebenfalls gasbetrieben.

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Der Yeti ist nur ein kleines Puzzleteil im Energiemix auf der Alp. Er bedient Komfort-Funktionen wie den Kühlschrank oder ein Smartphone, Powerbank und Akkus zu laden. Rückblickend ist das alles recht schnell und abenteuerlich gelaufen. In Anbetracht der Umstände bin ich mit dem Setup ganz zufrieden. Es ist nicht ganz billig, aber die Plug-and-Play-Lösung läuft problemlos.

Im Sommer dürfen David und meine Familie Karin und die Kühe nochmals besuchen gehen. Das ist doch das Beste: Wenn aus einem grantigen Userkommentar eine Freundschaft entsteht.

Britney.
Britney.

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Aurel Stevens
Aurel Stevens
Chief Editor, Zürich
Ich bändige das Editorial Team. Hauptberuflicher Schreiberling, nebenberuflicher Papa. Mich interessieren Technik, Computer und HiFi. Ich fahre bei jedem Wetter Velo und bin meistens gut gelaunt.

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