Ein Hipstertrend aus Krisenzeiten

Carolin Teufelberger
Zürich, am 13.02.2020
Wurzelkaffee? Klingt erst einmal scheusslich – und aufwendig. Natalie und ich sind kurz davor, die Nerven zu verlieren, als wir aus den dreckigen Rüben doch noch eine Tasse braune Plörre hinkriegen. Ob sich’s gelohnt hat?

Chicorée liegt momentan präsent in jedem Gemüseregal. Ein heimisches Wintergemüse, das sich kalt wie auch warm zubereiten lässt. Die Wurzeln aber bekommt der Endkonsument kaum zu Gesicht. Dabei sollen dort die gesunden Stoffe schlummern. Inulin zum Beispiel hilft beim Aufbau einer gesunden Darmflora. Auch schmerzlindernde Eigenschaften soll die Wurzel besitzen und Thrombose sowie Bluthochdruck vorbeugen. Kein Wunder also, haben Health Influencer die Zichorie für sich entdeckt und brauen damit Tee und Kaffee. Koffeinfrei versteht sich.

So sieht die Wurzel frisch vom Bauern aus.
So sieht die Wurzel frisch vom Bauern aus.

Kollegin Natalie und ich sind dennoch skeptisch. Ob sich aus den dreckigen Wurzeln eines Ostschweizer Gemüsebauers eine leckere Brühe gewinnen lässt? Ich kann solchen Trends in der Regel nicht viel abgewinnen. Das Zeug mag gesund sein, schmeckt aber häufig ziemlich kacke. Ja, du bist gemeint Kale. Natalie mag im Gegensatz zu mir Kaffee lediglich im Verhältnis 1:100 mit Milch. Vielleicht findet sie im Zichorienkaffee doch eine Alternative? Oder ich werfe all meine Vorurteile über Bord und werde zum Gesundheitsjünger? Im Video findest du’s heraus.

Und so sieht sie kleingehackt und geröstet aus.
Und so sieht sie kleingehackt und geröstet aus.

Back to the roots

Übrigens ist der «Trend» nicht neu. Immer wenn Originalkaffee zur Mangelware wurde, mussten die Menschen auf pflanzliche Ersatzprodukte ausweichen. Wegen der napoleanischen Kontinentalsperre – einer Wirtschaftsblockade gegen Grossbritannien und dessen Kolonien – wurde der Bezug von «arabischem Kaffee» eingeschränkt. In Deutschland enstanden dadurch ganze Zichorienfabriken. Auch während und kurz nach dem Ende des Dritten Reichs war Bohnenkaffee kaum verfügbar, weshalb sich auf diversen Getränkekarten auf einmal «Deutscher Kaffee», ein Euphemismus für Kaffeeersatz, einen Namen machte. 1954 kam Caro-Kaffee auf den Markt. Der Instant-Kaffeeersatz aus Gerste, Roggen, Zichorie und Malz etablierte sich und ist bis heute im Handel erhältlich. Auch ich habe den Muckefuck früher bei Oma zum Kuchen getrunken, während die Erwachsenen koffeinhaltigen Kaffee schlürften.

Falls du jetzt Lust hast, auf den Gesundheitszug aufzuspringen und selber Zichorienkaffee herzustellen, findest du hier das Rezept zum Nachmachen.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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