Ein Designpreis für jeden Scheiss?

Ein Designpreis für jeden Scheiss?

Michael Restin
Zürich, am 05.03.2019
Wenn ich zwischen «total praktisch» und «geht so, sieht aber besser aus» wählen muss, ist der Fall klar. Her mit dem schöneren Ding! Entsprechend schiele ich auf Design-Awards und stelle fest: Inzwischen hat fast alles (s)einen Preis.

Was ist besser als ein Designerstück? Ein ausgezeichnetes Designerstück. Wenn jede 08/15-Untertasse mit dem hochtrabenden Designer-Zusatz geadelt wird (irgendjemand hat sie ja entworfen), ist es gut, sich mit einem offiziellen Award von der Masse abheben zu können. So ein Winner-Hinweis wertet jede Verpackung auf.

Im besten Fall überzeugt auch der Inhalt auf den ersten Blick und lässt erahnen, dass da jemand mit etwas mehr Hirnschmalz und Liebe zum Detail zu Werke gegangen ist als der Durchschnitt. Sagen wir mal, wie bei diesem Stuhl. Drei Lehnen aus einem Guss, entworfen von Philippe Starck, inspiriert durch Klassiker von Charles Eames, Arne Jacobsen und Eero Saarinen. Dafür gibt’s Applaus, den «Red Dot Design Award» und den «Good Design Award». Alles okay, nachvollziehbar, keine weiteren Fragen.

Masters Sedia (Grau)
Stuhl
245.–
Kartell Masters Sedia (Grau)

Obwohl: doch. Was ist so eine Auszeichnung noch wert, wenn sie sich auf jedem zweiten Produkt befindet? Wenn Reiseadapter, Feuerlöscher und WC-Bürsten serienweise geadelt werden, entsteht bei mir das Gefühl: Für jeden Scheiss gibt’s einen Preis. Oder gleich mehrere.

Ich durchsuche unser Sortiment und finde unter anderem einen Sicherheitsschuh der Marke Uvex, der drei Jahre lang fast so viele Titel wie Roger Federer eingesammelt hat: Focus Open 2013 Silver, Reddot Design Award Winner 2013, Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2014, German Design Award Winner 2015.

Dazu Luftbefeuchter, Luftreiniger, Luftnummern ohne Ende. Für die Dinger gilt offensichtlich: Je grösser der Klotz in der Wohnung, desto wichtiger ist ein Award. Damit kannst du dich dann trösten, wenn das Gerät in der Ecke steht und doch irgendwie stört. ## Beispiele gefällig? Alles ausgezeichnet!

World to Europe (Schuko, CH, UK, AUS, IT, USA, 3-Pol. EU)
Reiseadapter
18.80
q2power World to Europe (Schuko, CH, UK, AUS, IT, USA, 3-Pol. EU)

Wieso, weshalb, warum all diese Produkte Preisträger sind? Keine Ahnung. Steht selten dabei. Wer braucht schon Begründungen, wenn er mit einem Award werben kann. Beim Venta Luftwäscher LP60 heisst es in der Herstellerbeschreibung schlicht:

«Und sein Design? Hat einen Preis verdient: Das Gerätedesign des LP60 wurde mit dem reddot award 2017 ausgezeichnet.»

Der Preis als Selbstzweck. Ich habe das lange nicht hinterfragt, sondern auf all die schönen Logos geblickt und anerkennend genickt. Bei mir hat die Masche also funktioniert. Nicht, dass in meiner Wohnung zehn Luftbefeuchter rumstehen würden. Da konnte ich mich bislang gut beherrschen. Aber bei dem einen oder anderen Produkt habe ich dank seines Awards schon genauer hingeguckt.

Preis? Verdächtig!

Stutzig wurde ich, als ich kurz nacheinander zwei «ausgezeichnete» Produkte in die Finger bekam, die sich ebenfalls mit dem Red Dot Design Award schmücken dürfen. Der Preis wird jährlich in den Bereichen Produktdesign, Kommunikationsdesign und Designkonzepte vergeben und breitet sich aus wie die Masern.

Allein in der Kategorie Produktdesign kannst du dich im Jahrgang 2018 durch 1795 Gewinner klicken, die von einer Jury aus 39 internationalen Experten gekürt wurden. Rote Punkte überall. In meinem Fall zum Beispiel auf der Verpackung der «Skinners». Einem Socken-Schuh-Hybriden, der nicht unbedingt durch seine Schönheit besticht, dafür aber ziemlich praktisch ist.

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Natürlich sollen auch neue Ansätze und innovative Lösungen prämiert werden, beim Produktdesign geht es schliesslich nicht nur um die Äusserlichkeiten. Einverstanden. Trotzdem macht mich der rote Punkt etwas ratlos, denn eine Begründung dazu finde weder auf der Verpackung noch im Netz. Und nüchtern betrachtet sind es Socken, die aussehen, als wäre man damit durch feuchten Teer gelaufen.

Design oder nicht Design, das ist hier die Frage

Preisträger unter sich: Die Tratac Active Roll und die Skinners.
Preisträger unter sich: Die Tratac Active Roll und die Skinners.

Ähnlich geht es mir mit der Tratac Active Roll. Himmel, es ist und bleibt eine Faszienrolle! Ein Stück schwarzer Kunststoff mit Rillen und Vibrationskern. Das gibt’s auch von Blackroll und anderen Marken, die nicht nur hohle Rollen verkaufen wollen. Eine angenehme Sache, ja. Aber weder Weltsensation noch einmalige Innovation. Was hat sich die Red-Dot-Jury dazu für Gedanken gemacht? Auf Nachfrage bekomme ich die beiden Begründungen geschickt.

«Die Sockenschuhe Skinners zeichnen sich durch einen hohen Tragekomfort aus und eignen sich dank ihres widerstandsfähigen Materials für Indoor- wie Outdoor-Sportarten.»

Trägt sich gut, drinnen wie draussen. Interessant. Und was macht die Tratac Active Roll so besonders? Als Antwort erhalte ich zwar nicht die Laudatio zur Wunderrolle, sondern zum ebenfalls prämierten Active Ball desselben Herstellers. Bei all den Awards kann man schon mal was verwechseln. Aber das ist bei der Begründung auch egal.

«Auf hohe Benutzerfreundlichkeit und Zuverlässigkeit hin konzipiert, besticht auch die Silikonschicht des Active Ball in funktionaler wie haptischer Hinsicht.»

Echt jetzt? Ein Produkt, das benutzerfreundlich und zuverlässig sein soll? Das liest sich für mich nicht so, als hätte die Jury über Tage und Wochen mit sich gerungen, um schlussendlich zu dieser Erkenntnis zu kommen. Dass die Begründungen zu älteren Preisträgern wie den Skinners (2017) und der Active Roll (2016) online nicht mehr zu finden sind, hat auch einen Grund: «Einige Preisträger entscheiden sich nach einem Jahr gegen eine Verlängerung der Präsentation.» Kein Wunder, denn die kostet.

Alles nur gekauft?

Die Preisträger müssen selbst einen ordentlichen Preis berappen. Wer ein Produkt einreichen will, zahlt dafür aktuell zwischen 300 (early bird) und 510 Euro (Latecomer). Im Falle einer Auszeichnung kommen nochmal zwischen 4000 und 6000 Euro dazu. Nicht als Preisgeld. Sondern an Kosten, um Teil der Marketingmaschinerie zu werden und im Jahrbuch, online und im Red Dot Design Museum in Essen (6 Euro Eintritt) vertreten zu sein.

Ähnlich läuft es beim iF Design Award und wahrscheinlich auch sonst überall. Schlussendlich ist mir das auch egal. Und für Hersteller wie Award-Industrie rechnet es sich sicher. Was sind schon ein paar Tausender in Relation zur Werbewirkung? Win-win. Wer da nicht mitmacht, ist selber schuld. Aber wenn auf jedem zweiten Produkt ein Award klebt, wenn der Preis zum Selbstzweck wird und wenig bis gar nichts hinter der Begründung steckt, geht für mich etwas Wertvolleres verloren: die Glaubwürdigkeit.

Wie denkst du über Designpreise?

  • Die sind mir völlig egal. Ich bin meine eigene Jury.
    66%
  • Her damit! Ich suche gezielt nach ausgezeichneten Produkten.
    4%
  • Mir ist bisher gar nicht aufgefallen, dass jedes zweite Produkt einen Award gewonnen hat.
    28%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Das Glück ist flüchtig, also bleibe ich in Bewegung. Auf dem Bike, am Ball (Grösse und Farbe egal) und bei allem, was der Fantasie zweier Kinder entspringt. Ich liebe es, meinen Spieltrieb auszuleben und Zufällen eine Chance zu geben. Denn wenn der Weg das Ziel ist, dann soll es ein schöner sein.

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