Hintergrund

Du hast Zahnschmerzen, aber es findet sich keine Karies? Das rät der Experte

Annalina Jegg
09.11.2022

Die Zähne tun weh, aber der Zahnarzt findet keine Ursache? Dann könnten es non-odontogene Zahnschmerzen sein – also Zahnweh, das nicht von Karies kommt. Was du dann tun kannst.

Es ist eigentlich ganz klar: Wenn du Zahnschmerzen hast, gehst du zum Zahnarzt. Ganz so einfach wie es scheint, ist es allerdings doch nicht, denn: «15 Prozent aller Patienten, die zu mir in die Praxis kommen, haben Zahnschmerzen», sagt der Saarbrückener Zahnarzt Dr. Horst Kares, Spezialist für Zahnschmerzen ohne sofort ersichtlichen Grund. «Aber nur bei etwas mehr als der Hälfte aller Zahnschmerzpatienten kommt der Schmerz auch wirklich von den Zähnen.» Das heisst, dass die andere Hälfte bei ein anderen Spezalistinnen oder Spezialisten Hilfe finden muss.

Es gilt, primäre und sekundäre Schmerzen zu unterscheiden

Zunächst eine wichtige Begriffsunterscheidung: Zahnschmerzen, die direkt von den Zähnen kommen, nennt man odontogene oder primäre Zahnschmerzen. Tun die Zähne weh, doch der Schmerz kommt ursächlich von woanders, handelt es sich um sekundäre oder non-odontogene Zahnschmerzen.

Bei primären Zahnschmerzen, die durch die Zähne selbst verursacht werden, kommt das Zahnweh meist von Karies oder einer Infraktion, also einem Riss im Zahn. Mit solchen odontogenen Zahnschmerzen kennen sich Zahnärzte und Zahnärztinnen gut aus. «Anders sieht das bei non-odontogenen Zahnschmerzen aus, denn die werden in der Ausbildung kaum thematisiert», sagt Kares. Eine Ausnahme davon gebe es in der Praxis: «Zahnärzte erkennen in der Regel non-odontogene Zahnschmerzen durch Nasennebenhöhlenentzündung, denn das ist sehr bekannt.» Allerdings liegen diese Zahnschmerzen nur auf dem zweiten Platz der häufigsten non-odontogenen Zahnschmerzen. Häufiger sind muskulär bedingte Zahnschmerzen. Und die werden laut Experte Kares oft nicht diagnostiziert.

Muskuläre Zahnschmerzen sind Ursache Nummer 1

Ein muskulärer Zahnschmerz ist Teil einer schmerzhaften Cranio-mandibulären Dysfunktion, kurz CMD. Cranium ist der lateinische Begriff für Schädel, Mandibula steht für Unterkiefer. Bei CMD handelt es sich also um einen Schmerz, der sich am ganzen Kopf und im Gesicht breit machen kann. Er entsteht durch Verspannungen der Muskelfasern in der Kaumuskulatur, auch Triggerpunkte genannt, die in die Zähne reinziehen. Solche non-odontogenen Schmerzen haben vor allem Menschen, die oft (im Schlaf) die Zähne zusammenbeißen oder mit den Zähnen knirschen.

Warum sich die verspannte Kaumuskulatur auf die Zähne auswirkt, ist leicht erklärt: Die Nerven für die Zähne und die Nerven der Kaumuskulatur liegen im zentralen Nervensystem nahe beeinander. Im Hirnstamm produzieren die Nerven für die verspannten Kaumuskeln derart viel Stress, dass freigesetzte Botenstoffe das benachbarte Neuron der Zähne mit reizen. Die Folge: Das Zahnneuron sendet nun das Signal «Zahnschmerzen». Das Problem: Patient oder Patientin kann nicht unterscheiden, woher der Schmerz wirklich kommt.

Weitere Ursachen

Weitaus seltener sind schmerzende Zähne aufgrund von Trigeminusneuralgie – einem stechenden Gesichtsschmerz – oder durch eine Reizung des Nervensystems. «Beides ist zum Glück relativ selten», weiß der Experte. «Doch wenn diese Schmerzen auftauchen, sind sie meist sehr schwierig zu diagnostizieren und schwierig zu behandeln, also sehr therapieresistent.»

Zu anderen möglichen Uraschen für Zahnschmerzen, die nicht auf Karies basieren, gehören: Migräne, Gürtelrose, Zysten, Mittelohrentzündung, psychische Ursachen, eine Fehlfunktion der Speicheldrüsen und Tumore.

Spezialist Kares weist auf einen weiteren wichtigen Zusammenhang hin, nämlich zwischen Herz und Zahn: «In etwa 16 Prozent der Fälle eines Herzinfarkts ist das erste Symptom Kieferschmerz. Hier handelt es sich um einen übertragenen Schmerz vom Herzmuskel in die Zähne und den Kiefer.» Eine Fehlbehandlung in diesem Fall könnte für den Patienten tödlich enden. Das passiert zum Glück sehr selten. Trotzdem verdeutlicht es: Arzt und Patient sollten genau hinschauen, wenn die Zähne weh tun – und es kein Karies ist. Gut zu wissen, aber was genau kann man als Patient oder Patientin eigentlich tun? Auf alle Fälle: den Schmerz beobachten, um dann gegenüber Arzt oder Ärztin darüber Auskunft geben zu können.

Welche Warnsymptome gibt es?

Fühlen sich sekundäre Zahnschmerzen anders an als Zahnweh von Karies? Nicht wirklich, sagt Dr. Kares: «Für den Patienten ist der Unterschied kaum zu spüren.» Jedoch gibt es aus zahnärztlicher Sicht Hinweise. Im Fachartikel «Vorschlag einer Klassifikation der Odontalgien» finden sich folgende «Schlüsselindikatoren für Zahnschmerzen, die auf nicht odontogene Schmerzquellen hinweisen»: Auftreten spontaner Zahnschmerzen an mehreren Zähnen, brennende, nicht pochende Zahnschmerzen, persistierende (andauernde) Zahnschmerzen, ausbleibender signifikanter Schmerzrückgang nach Lokalanästhesie, schwere Kopfschmerzen, regionale Parästhesie (Kribbeln, Taubheitsgefühle).

Zahnweh, das keine eindeutige Quelle hat, ist allerdings nicht nur für Patientinnen und Patienten schwer einzuordnen, sondern auch für die Fachleute. Dr. Jeffrey Okeson, Professor am «Orofacial Pain Center» der Universität Kentucky, schreibt in seinem Fachbeitrag «Non-odontogenic toothache»: «Nicht odontogene Zahnschmerzen können die diagnostischen Fähigkeiten des Arztes in Frage stellen.»

Was tun, wenn sich keine Ursache finden lässt?

Falls dein Zahnarzt oder deine Zahnärztin keine klare Ursache benennen kann und nicht weiter weiß, empfiehlt sich der Gang in eine spezialisierte Praxis. «In der Schweiz gibt es dafür zwei Experten auf dem Gebiet der non-odontogenen bzw. unklaren Zahnschmerzen: Prof. Dr. Jens Christoph Türp am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel (UZB) und Dr. Dominik Ettlin an der Universität Zürich», sagt Horst Kares.

Sollte sich herausstellen, dass den Zahnschmerzen neurologische Ursachen zugrunde liegen, etwa eine Trigeminusneuralgie, suchst du als nächstes eine neurologische Praxis auf. Wenn es HNO-ärztliche Faktoren sind, wie eine Nasennebenhöhlenentzündung, führt dich dein Weg zum HNO-Arzt, bei muskulären Verspannungen hingegen in eine orthopädische bzw. physiotherapeutische Behandlung.

Kannst du Zahnschmerzen selbst behandeln?

Bei der häufigsten Ursache für sekundäres Zahnweh – dem muskulären Zahnschmerz – kannst du tatsächlich mit Lockerungsübungen, Kiefergymnastik und Entspannungsübungen vorbeugen. Einerseits lässt sich durch gezielte Bewegung die Kaumuskulatur so behandeln, dass sie diese Schmerzen nicht auslöst. Andererseits können diese Übungen auch helfen, die schon verspannte Kiefermuskulatur wieder zu entspannen.

Und beim zweithäufigsten Zahnweh ohne primären Grund, den Nasennebenhöhlenentzündungen, empfehlen sich Nasenspülungen und das Kühlen des entzündeten Bereichs – plus natürlich der Gang zum HNO-Arzt, der noch andere Behandlungsmöglichkeiten anbieten kann.

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Annalina Jegg
Autorin von customize mediahouse

Mich buchstabiert man so: Aufgeschlossen, Nachdenklich, Neugierig, Agnostisch, Liebt das Alleinsein, Ironisch und Natürlich Atemberaubend.
Schreiben ist meine Berufung: Mit 8 habe ich Märchen geschrieben, mit 15 «supercoole» Songtexte (die nie jemand
zu lesen bekam), mit Mitte 20 einen Reiseblog, jetzt Gedichte und die besten Beiträge aller Zeiten! 


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