Meinung

Drittes Kind: Ja oder nein? Eine Entscheidungshilfe für Eltern

Annalina Jegg
29.09.2022

Für viele Eltern ist nach dem zweiten Kind Schluss, manchmal schon nach Kind dem ersten. Oder habt ihr euch bei der Frage nach einem dritten Kind schon dafür entschieden? Super! Es gibt nämlich gute Gründe für ein drittes Kind, aber auch einige dagegen. Wir haben uns bei Expertinnen schlau gemacht.

Wie viele Kinder willst du? Diese Frage kann ich für mich nicht abschließend beantworten. Eins, zwei oder keins? Ich weiß es nicht. Als ich jünger war, habe ich immer Folgendes geantwortet: Zwei, und zwar ein Mädchen und einen Buben. Das ist eine Antwort, die viele (Bald-)Eltern sicher so oder so ähnlich geben würden. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir die Familien in meinem Umkreis anschaue: Ich kenne kaum Familien mit mehr als zwei Kindern, die meisten haben zwei, manche eins.

Mein Gefühl ist das eine, ein Blick auf Zahlen das andere. So bestätigt zwar der statistische Bericht 2021 über «Familien in der Schweiz»: Die Mehrheit der Frauen am Ende des gebärfähigen Alters (ca. 50 bis 59 Jahre) hat zwei Kinder, nämlich 39 Prozent von ihnen. Doch auch drei oder mehr Kinder sind mit 23 Prozent gar nicht so selten. Ebenso viele, also auch 23 Prozent, haben sich ganz gegen Kinder entschieden, während die Ein-Kind-Familie bei 15 Prozent der Frauen Lebenswirklichkeit ist.

Das war nicht immer so, weiß Lebensberaterin Katharina Weiner. «Früher sind wir in Großfamilien mit vielen Kindern aufgewachsen, aber die Rahmenbedingungen sind heute ganz andere. Wir erleben jetzt die dritte Generation an Eltern, die sich selbst neu entdeckt. Vieles wurde und wird ausprobiert, jede Familie ist ein Unikat. Noch nie hatten wir so viel Freiheit, Entscheidungen zu treffen.» Fakt ist: Die Entscheidung «Drittes Kind Ja oder Nein?» zu treffen, ist keine einfache – und Tipps, die andere Menschen geben, können immer nur Anstöße für die Paar-Beziehung sein. «Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass manche glauben zu wissen, was für andere gut ist. Jede Familie weiß für sich, was am besten ist und sollte sich nicht von anderen beirren lassen.» Niemand muss sich rechtfertigen für noch ein Kind mehr.

Familienberaterin Katharina Weiner, zugleich Leiterin von familylab Österreich, versucht das an dieser Stelle. Und ich rufe auch Familiencoach Linda Syllaba an sowie zwei andere Mütter, letztere stammen aus meinem Bekanntenkreis. Alle Frauen nähern sich den Fragen an, warum gerade die Entscheidung über das dritte Kind so herausfordernd sein kann und welche Erfahrungen Eltern womöglich helfen können.

Was ändert sich mit dem dritten Kind?

Kurz gesagt: viel. «Die gesamte Dynamik in der Familie ändert sich mit jedem weiteren Kind», sagt Familiencoach Syllaba. «Wir Menschen bilden gerne Zweiergrüppchen und bei drei Kindern ist immer eines übrig.» Das muss natürlich nicht passieren, kann aber – und dann wieder und wieder – zu Konflikten unter den Geschwistern führen. Außerdem müssen gemeinsame Aktivitäten an drei Kinder angepasst werden, eventuell ein neues Auto oder sogar eine neue Wohnung her. Das verlangt Eltern einiges an Geduld, Energie und auch Organisationstalent ab.

«Und wir dürfen nie vergessen: Wir alle sind verschiedene Persönlichkeiten – auch unsere Kinder», sagt Weiner. Gut möglich, dass die ersten beiden Kinder super easy zu handhaben waren als Baby – und das dritte nun völlig anders wird und somit die Eltern das erste Mal richtig herausfordert. Genauso gut können aber das erste, das zweite oder beide so anstrengend gewesen sein, dass danach die Lust auf ein drittes Kind weg ist. Tatsache ist aber so oder so: Wir wachsen an unseren Aufgaben.

Woher weiß ich, ob es der richtige Moment ist?

«Das weiß man nie», sagt Syllaba. Und rät Eltern darum: «Gehen Sie in sich und fragen Sie Ihre innere Stimme.» Fragen Sie sich: Hab ich das Gefühl, dass ein drittes Kind in meinem Leben vorgesehen ist oder geht's mir um etwas anderes? Syllaba warnt: «Oft versuchen Eltern über Kinder Verbindlichkeit zum Partner aufzubauen, das funktioniert aber nicht.»

Ein drittes Kind sollte jedenfalls nicht zu einem Projekt werden, von dem das Glück der Familie oder der Mutter abhängt. Denn wie es letztlich wirklich zu fünft sein wird, kann niemand im Vorhinein wissen.

Was tun, wenn Partner nicht das gleich wollen?

Eltern sind natürlich nicht immer einer Meinung. Was, wenn einer noch ein Kind möchte und die andere nicht? Was, wenn die Vorstellung, eines Tages zu fünft zu sein, bei einem Elternteil große Vorfreude auslöst, beim anderen aber arge Existenzängste? Lebens- und Familienberaterin Katharina Weiner rät: «Stellt euch beide dem Thema offen und ehrlich. Es ist besser im Vorfeld über Gedanken und Sorgen zu sprechen und am Partner interessiert zu sein, als es drauf ankommen zu lassen.»

Was dabei helfen kann: Werdet euch bewusst, wie ihr als Paar mit eurem ersten «Kind» – nämlich eurer Paarbeziehung – in der Zwischenzeit umgeht. Oft verlieren sich Eltern im Elternsein und vergessen eines: Der Ursprung ihrer Familie liegt in ihrer Beziehung. «Überprüft darum immer wieder, wie es dir und deinem Partner als Paar miteinander geht. Gibt es noch gemeinsame Aktivitäten ohne Kinder? Gibt es genug Zeit miteinander, um sich auszutauschen, abseits der Kinderfragen?»

Drittes Kind: Ja oder nein? So haben sich zwei Mütter entschieden

Für Susanne G. war die Entscheidung für ein drittes Kind eine Bauchentscheidung. «Ich hatte immer die Wunschvorstellung, einmal drei Kinder zu haben. Diese Vorstellung hat sich nach jedem Kind mehr verfestigt. Wobei vom Verstand her ein drittes Kind doch eher Wahnsinn ist.» Und das lässt sich nicht wegdiskutieren: Finanziell, zeitlich und logistisch sind Mehr-Kinder-Familien eine echte Herausforderung. Die größte Herausforderung sei es, Familienaktivitäten zu finden, bei denen für alle etwas dabei ist. Denn der Altersabstand zwischen dem ältesten mit sieben Jahren und dem jüngsten, einem Zweijährigen, ist recht groß.

Zugleich hat sich das als Vorteil herausgestellt, sagt Susanne: «Zwischen Kind 1 und 3 ist viel weniger Eifersucht und Rivalität da als zwischen Kind 1 und 2. Somit ist das für Kind 1 nochmal eine ganz andere wertvolle Geschwistererfahrung.»

Drei Kinder sind anstrengender als zwei – dafür sind die Eltern bei Kind Nummer 3 oft viel entspannter. Schließlich haben die zwei Vorgängerkinder bereits wirkungsvolle Vorarbeit geleistet. Was noch wichtiger ist: Susanne und ihr Mann haben die Entscheidung für das dritte nie bereut und möchten ihr Nesthäkchen keinesfalls missen. «Wie die Uroma gesagt hat: Das hat euch noch gefehlt – im positiven Sinn.»

Noch nicht gefallen ist die Entscheidung bei Katharina R. und ihrem Mann: «Wir haben schon über ein drittes Kind nachgedacht. Vor allem mein Mann, weil er unbedingt einen Bub möchte.» Katharina ist Mama von zwei kleinen Mädchen – dabei darf es für sie selbst erstmal bleiben: «Ich würde es aktuell weder körperlich noch psychisch schaffen, ein drittes großzuziehen.» Denn ihre beiden Mädels halten sie ordentlich auf Trab: «Andere haben ruhige Kinder, die den halben Tag schlafen und sich leicht beruhigen lassen – wir nicht. Wir haben aktive Quengel-beschäftige-mich-Kinder.» Auch die Nächte sind noch lange nicht ruhig mit den beiden Kleinen, die jetzt drei und ein Jahr alt sind. «Ich habe jetzt schon kaum Zeit für mich», sagt Katharina. Ein weiterer Grund, der für sie und ihren Mann gegen die Erweiterung ihrer Familie spricht: die kleine Wohnung.

Ganz ausschließen will Katharina ein drittes Kind trotzdem nicht: «Jetzt sage ich zwar: Nein. Für die nächsten zwei Jahre bleibt es dabei auf jeden Fall. Danach sehen wir weiter.» Und Susannes Fazit? «Drei Kinder sind auf jeden Fall ein Abenteuer. Jetzt, wo auch die Babyjahre des Kleinsten vorbei sind, würde ich dieses Abenteuer sogar jederzeit weiterempfehlen.»

Zwei Mütter, zwei Meinungen – jede Familie verbindet die Überlegung zu noch einem Kind mit unterschiedlichen Themen. Familienberaterin Katharina Weiner bringt es auf den Punkt: «Ein drittes Kind ist und bleibt letztlich eine sehr individuelle Entscheidung, für die es kein Patentrezept gibt.»

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Annalina Jegg
freie Autorin

Mich buchstabiert man so: Aufgeschlossen, Nachdenklich, Neugierig, Agnostisch, Liebt das Alleinsein, Ironisch und Natürlich Atemberaubend.
Schreiben ist meine Berufung: Mit 8 habe ich Märchen geschrieben, mit 15 «supercoole» Songtexte (die nie jemand
zu lesen bekam), mit Mitte 20 einen Reiseblog, jetzt Gedichte und die besten Beiträge aller Zeiten! 


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