

Dieses Stickset zeigt: Billig muss nicht schlecht sein
Zehn Franken für ein Handwerk, das mich entspannt, meine Kreativität anregt und am Ende mit einem Täschchen belohnt. Wenn nur diese schwarzen Punkte nicht wären.
Fast zehn Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal eine Sticknadel in der Hand hielt. Mit dem Set von Creativ Company will ich den Wiedereinstieg wagen. Zehn Franken für ein altes Handwerk – ich bin dabei. Ob das ein guter Deal ist, zeigt sich bald.
Ich öffne das Set und finde eine bunte Auswahl: zwei Meter Garn, zwei Nadeln, einen Einfädler, ein kleines Necessaire zum Besticken und Gel zum Verkleben von überstehenden Fäden. «Nicht schlecht», denke ich mir.

Ich drehe die Tasche nach links und realisiere sofort, wie der tiefe Preis zustande kommt. Keine sauberen Saumabschlüsse und überhängende Fadenketten. Immerhin sitzt der Reissverschluss gut.

In der beigelegten Anleitung finde ich zwar Einiges zum Stickset, aber entgegen meiner Erwartung nichts über die Grundstiche oder andere Tipps zum Sticken. Schade – aber es klappt auch ohne.
Vorgedruckte Punkte auf dem Necessaire zeigen die Silhouette von Blumen. Sie vereinfachen mir den Einstieg, indem ich von Punkt zu Punkt sticke. In der Anleitung erkenne ich zwei Inspirationen, wie ich den Kulturbeutel besticken könnte. Die Vorlage ist kreativ, trifft aber nicht meinen Geschmack. Immerhin geben mir die Punkte eine Richtung vor, in der Umsetzung bin ich frei.

Ich starte mit dem Innern der Blüte. Dafür ziehe ich das gelbe Garn mit dem Einfädler durch die Spitze der beiden Nadeln. Das Ende der Schnur verknote ich. Beim ersten Versuch verfehle ich den schwarzen Punkt. Noch zwei weitere Male. Und dann: Treffer! Das Garn gleitet durch den Stoff.
Es geht los: Die Nadel beim ersten Punkt rein und beim nächsten wieder raus. Dann nochmals. Und nochmals. Und schon nach wenigen Nadelstichen wächst der erste Kreis im Zentrum der Blüte heran. Etwas chaotisch, aber ich sehe die Vision. Als Nächstes will ich die Blütenblätter sticken, und zwar mit lachsfarbenem Garn.
Dann das erste Missgeschick: Der Einfädler zerbricht.
Echt jetzt? Wer billig kauft, kauft… Du kennst das Sprichwort.

Mühselig flicke ich ihn, aber schon beim zweiten Versuch reissen die feinen Drähte erneut. Keine Chance gegen das dicke Garn. Glücklicherweise finde ich in meiner Nähkiste noch einen alten Einfädler. Also knüpfe ich einen Knoten ans Ende der Schnur und ergänze die Blüten mit einem klassischen Rückstich. So wie auf der Vorlage abgebildet.

Nach 15 Stichen strahlt sie mir entgegen. Meine erste Blume. Und die zerzausten Blätter finde ich sogar ganz hübsch. Nur die Markierungen, die ich nicht genau getroffen habe und neben dem Garn hervor schimmern, würde ich am liebsten wegwischen. Leider geht das nicht.
Mit dunkelgrünem Garn zaubere ich der Blume abschliessend einen Stiel. Dann wiederhole ich das Prozedere für die beiden Blumen links davon. Jetzt könnten die drei Blumen fertig sein. Aber nein: Um den Stiel der einen Blume schwirren noch unbestickte Punkte herum.
Wieso nur an dieser Stelle? Keine Ahnung.
Die Idee? Ich kann nur erahnen, dass ein wildes Stick-Chrüsimüsi (Kuddelmuddel) um die Blumen herum entstehen soll. So sieht es zumindest auf der Vorlage aus. Nicht mein Geschmack. Ich besticke die Blume deshalb mit grünen Stacheln.


Jetzt die Rückseite
Hinten erinnern mich die Umrisse der vorgezeichneten Blüten an Stiefmütterchen. Das inspiriert mich dazu, etwas Eigenes, Detailliertes zu kreieren. Ich orientiere mich zwar noch immer an den Punkten, aber diesmal fülle ich die Flächen komplett aus. Und noch wichtiger: Ich arbeite so, dass die schwarzen Punkte hinter dem Garn verschwinden.


Mein neuer Ansatz erfordert nicht nur mehr Geduld, sondern mehr Material. Die vielen Stiche lockern das Garn so stark auf, dass es in seine einzelnen Stränge zerfällt. Das erschwert das Sticken und die Flächen verschwimmen zu einer Oberfläche.
Und dann kommt es noch schlimmer: Der zweite Einfädler reisst. Ich kriege die Krise.



Mit Mühe und Not fädle ich das Garn wieder ins Nadelöhr. Ein Rückschlag, aber ich lasse mich nicht davon unterkriegen und wage mich sogar an zwei neue Stiche. Für den Stiel greife ich – passenderweise – zum Stielstich, die Bodenlinie deute ich mit einem Kettenstich an.


Die zweite Seite kostet mich zwar deutlich mehr Zeit, aber das Ergebnis spricht für sich. Ich bin zufrieden mit dem Täschchen. Wenn es nach mir ginge, wäre das Kunstwerk jetzt vollendet. Aber an zwei Stellen leuchten noch immer schwarze Punkte auf. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Mir kommt ein Gedanke: Statt der vorgedruckten Punkte könnte Creativ Company eine Schablone und einen Stift mitliefern, um eigene Vorlagen aufzuzeichnen. Dann könnte ich selbst entscheiden, wie wild ich mit dem Design gehen will.

Ein klebriges Ende
Letzter Schritt: Um die Garnenden zu sichern, verteile ich das mitgelieferte «Sticky Base»-Gel auf den Knoten und losen Fäden. Das fixiert sie und verhindert, dass die Stickereien mit der Zeit ausfransen. Am nächsten Tag ist die Masse ausgehärtet und hält das Garn, auch wenn ich daran herumziehe. Nicht schlecht.



Fazit
Ein günstiges Stickset für Einsteiger und Einsteigerinnen
Das Stickset eignet sich für solche, die ihre ersten Erfahrungen mit dem Sticken machen möchten, aber auf eine genaue Anleitung zu den Grundstichen verzichten können. Bis auf eine Schere wird alles Nötige mitgeliefert. Obwohl das Necessaires nicht besonders hochwertig verarbeitet ist, reicht die Auswahl an Garn, um ein tolles Ergebnis zu erzielen. Schade, dass sich die schwarzen Punkte, die als Orientierungshilfe dienen, nicht radieren lassen.
Auch wenn ich das eine oder andere am Set bemängle, kann ich nur sagen: Der Preis verzeiht in diesem Fall vieles. Schliesslich halte ich ein süsses, kleines Necessaire in den Händen, das ich selbst verziert habe. Und trotz der abgedruckten schwarzen Punkte kann ich meiner Fantasie freien Lauf lassen und die Stickereien nach meinem Geschmack gestalten.
Pro
- umfangreiches Starterset (Garn, Nadeln, Einfädler, Necessaire, Gel)
- vorgedruckte Punkte erleichtern den Einstieg
- günstiger Preis
- viel Gestaltungsfreiheit trotz Vorlage
Contra
- unsaubere Verarbeitung des Necessaires
- Anleitung erklärt keine Grundstiche
- vorgedruckte Punkte lassen sich nicht entfernen
- Garn zerfällt bei intensivem Sticken in Einzelstränge

Die Wände kurz vor der Wohnungsübergabe streichen? Kimchi selber machen? Einen kaputten Raclette-Ofen löten? Geht nicht – gibts nicht. Also manchmal schon. Aber ich probiere es auf jeden Fall aus.
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