Siri Schubert
Produkttest

Der Scott Kinabalu Ultra: Ein Schuh, der ein paar Wünsche offen lässt

Die Kinabalu Ultra von Scott sollten das erfüllen, was ich mir für einen extra langen Lauf wünsche. Ganz zufrieden bin ich trotzdem nicht.

Wenn du gerne läufst, wirst du ihn kennen – den Motivationsschub, den neue Schuhe herbeizaubern. Als ich die neuen Trailrunning-Schuhe von Scott in der Hand halte, geht es mir genauso.

«Kinabalu Ultra» steht auf den Schuhen – sie sind also gemacht für lange Strecken. Passenderweise steht ein Langstreckenlauf von 33 Kilometern auf meinem Trainingsplan. Wenn das mal kein Match ist! Also Schuhe schnüren und los.

Mein erster Eindruck

Ich habe die Frauenversion des Schuhs vom Hersteller Scott erhalten. Auf den ersten Blick gefällt sie mir sehr. Ich mag das leichte Matryx-Obermaterial, das dünn und ein bisschen durchscheinend ist. Ausserdem gefällt mir die rosa-aprikot Farbgebung. Es gibt den Schuh aber auch in Blau.

Zudem bietet Scott eine Männerversion mit anderer Passform ebenfalls in verschiedenen Farben an.

Matryx-Gewebe wird inzwischen in vielen Laufschuhen auf unterschiedliche Art verarbeitet und gilt als robust und abriebfest. Im «Kinabalu Ultra» ist es so gewebt, dass es etwas dehnbar und relativ weich ist. Damit unterscheidet es sich von anderen Schuhen, bei denen Matryx starrer wirkt und teilweise an gestrickte Zahnseide erinnert.

Das Matryx-Material ist leicht und reissfest. Der Zehenschutz ist dünn und schlägt gewichtsmässig deshalb nur wenig zu Buche.
Das Matryx-Material ist leicht und reissfest. Der Zehenschutz ist dünn und schlägt gewichtsmässig deshalb nur wenig zu Buche.

Im Vergleich zur Männerversion bietet das Frauenmodell etwas mehr Raum für einen hohen Spann. Für mich passt das: Der Schuh umschliesst den Fuss, ist aber beim ersten Reinschlüpfen nicht zu eng.

Das geringe Gewicht ist ein weiteres Plus. 240 Gramm für den Damenschuh in Grösse 40 bei dicker Sohle ist ein guter Wert. Die Sohlenhöhe beträgt 39 Millimeter an der Ferse und 33 Millimeter am Vorfuss. Die Sprengung ist mit sechs Millimetern für einen Trailschuh im üblichen Rahmen.

Ganz schön üppig: Die Zwischensohle aus Schaumstoff zeigt sich wenig zurückhaltend.
Ganz schön üppig: Die Zwischensohle aus Schaumstoff zeigt sich wenig zurückhaltend.

Obwohl ich kein unbedingter Fan dicker Sohlen bin, greife ich für lange Läufe zwischenzeitlich gerne auf üppigere Polsterung zurück. Voraussetzung ist, dass ich das Bodengefühl nicht völlig verliere und der Schuh die richtige Balance zwischen stabil und bouncy hält. Also sich weder schwammig anfühlt wie ein Marshmallow, noch hart wie ein Autoreifen.

Die Aussensohle des «Kinabalu Ultras» mit dem Vier-Millimeter-Profil macht einen soliden Eindruck. Die Stollen stehen weit genug auseinander, sodass sich nicht sofort Matsch zwischen ihnen ansammelt.

In der Praxis: nicht alle Ansprüche erfüllt

Mein erster Lauf führt über Feld- und Waldwege, gespickt mit Blättern und rutschigen Stellen, über Schotterpfade und Asphalt. Die Strecke hat rund 550 Höhenmeter und ist technisch wenig anspruchsvoll.

Wenig Stabilität in der Ferse

Was mir schon nach wenigen Schritten auffällt: An der Ferse bietet der Schuh für meine Fussform wenig Halt. Ich rutsche auf und ab, was das gesamte Laufgefühl instabil macht. Um Abhilfe zu schaffen, nutze ich auch das oberste Loch für die Schuhbänder und binde sie in der sogenannten Marathonschnürung. Grosse Verbesserung bringt das nicht. Stattdessen einen Nachteil: Die Schnürung drückt nun etwas auf den Bereich zwischen Rist und Sprunggelenk. Nicht schlimm, aber spürbar.

Aus dem letzten Loch pfeife ich zwar nicht, aber bei den Schnürsenkeln brauche ich es für besseren Halt.
Aus dem letzten Loch pfeife ich zwar nicht, aber bei den Schnürsenkeln brauche ich es für besseren Halt.

Grund für das lose Gefühl ist zum einen die Passform. Läuferinnen und Läufer mit schmaler Ferse werden in diesem Schuh keinen perfekten Halt haben. Zum anderen ist die Zwischensohle an der Ferse nicht vertieft. Einige neuere Trailschuhe weisen dieses Feature auf, was für zusätzliche Stabilität sorgt. Gerade bei der üppigen Fersenhöhe des «Kinabalu Ultra» hätte ich mir das gewünscht, um die Gefahr des Umknickens zu mindern.

Die Ferse ist für meinen Fuss zu weit. Eine Strickgamasche vermisse ich ebenfalls.
Die Ferse ist für meinen Fuss zu weit. Eine Strickgamasche vermisse ich ebenfalls.

Ein Strickkragen, der das Eindringen von kleinen Steinen, Baumnadeln und anderem Unrat verhindert, wäre ebenfalls willkommen gewesen.

Zwischensohle mit hoher Festigkeit

Um den Belastungen eines mehrstündigen oder gar mehrtägigen Laufs standzuhalten, haben Ultra-Schuhe im Vergleich zu Trailschuhen im Allgemeinen eine festere Sohle. Das ist beim «Kinabalu Ultra» auch so. Allerdings ist die mit Stickstoff infundierte Schaumstoffsohle verglichen mit anderen Schuhen wie dem Norda 005 (mit Testbericht), dem Nnormal Kjerag (mit Testbericht) oder dem La Sportiva Prodigio Pro (mit Testbericht) um einiges härter. Er bietet weniger Rückfederung und auch das Bodengefühl bleibt buchstäblich auf der Strecke. Durch die Festigkeit ist der Schuh weniger bouncy und verspielt als andere Modelle. Allerdings verspricht er auch langlebiger zu sein, weil er sich bei jedem Schritt weniger stark verformt.

Richtig guter Grip: Die Aussensohle gibt guten Halt und Sicherheit.
Richtig guter Grip: Die Aussensohle gibt guten Halt und Sicherheit.

Durch den festen Schaum wird mein Fuss anders und auch stärker belastet als in den Schuhen, in denen ich sonst laufe. Nach dem ersten 33-Kilometer-Test habe ich den «Kinabalu Ultra» bei einem 27-Kilometer-Lauf mit rund 700 Höhenmetern und einem Acht-Kilometer-Tempolauf ebenfalls getragen. Jedes Mal spürte ich nach dem Training ein Ziehen in Ferse und Achillessehne, das ich von anderen Laufschuhen nicht kenne.

Selbst wenn ich den Lauf geniesse, so richtig wohl fühlen sich meine Füsse nicht.
Selbst wenn ich den Lauf geniesse, so richtig wohl fühlen sich meine Füsse nicht.

Für mich bedeutet das: Beim 50-Kilometer-Lauf, den ich für Mitte April geplant habe, werde ich die «Kinabalu Ultra» von Scott nicht an den Füssen haben. Die Kombi aus Höhe und Festigkeit funktioniert für mich nicht.

Sohlenhöhe, Balance und Rocker

Der Schuh sieht recht schlank aus. Optisch gefällt mir das. Doch es birgt auch einen Nachteil: Eine hohe, harte und vergleichsweise schmale Zwischensohle ist nicht besonders stabil. Ich würde den Schuh deshalb nicht für technisches Terrain mit Wurzeln und Steinen empfehlen, bei denen eine gute Balance wichtig ist.

Die hohe Verdrehungssteifigkeit ist für meinen Geschmack auch ein bisschen zu viel des Guten. Da der Fuss hoch auf der Zwischensohle sitzt, verhindert die Torsionssteifigkeit, dass er sich durch Biegung im Mittelfuss dem Gelände anpasst. Dadurch leidet die Balance.

Die Aufbiegung des Schuhs, der sogenannte Rocker, sorgt für angenehmen Vortrieb auf Waldwegen und Flow-Trails. Für technisches Gelände ist es mir etwas zu viel Führung.

Auf einfachen Waldwegen funktioniert der Vortrieb gut, bei technischeren Trails ist es mir etwas zu viel.
Auf einfachen Waldwegen funktioniert der Vortrieb gut, bei technischeren Trails ist es mir etwas zu viel.

Aussensohle bietet viel Grip

Die Aussensohle des «Kinabalu Ultra» ist der Star der Show. Wie schon die Aussensohle des Scott Supertrac RC 3 (hier der Testbericht) bietet auch diese Sohle aus dem Hause Scott sehr guten Halt – selbst auf feuchten Wegen. Die Stollen sind mit vier Millimetern nicht besonders hoch, aber bei meinen Testläufen im regenreichen Frühjahr boten sie genug Halt. Lediglich bei der Kombi aus abgefallenen Blättern und Matsch hatten sie keine Chance – doch hier würden die meisten Schuhe scheitern.

Fazit

Ein solider Ultra-Schuh mit ein paar Schwachpunkten

Der «Kinabalu Ultra» ist gut verarbeitet, leicht und mit angenehmem Obermaterial ausgestattet. Die Rocker-Geometrie mit Aufbiegung am Vorfuss sorgt für angenehmen Vortrieb auf einfachen bis mittelschweren Trails. Auch der Grip der Aussensohle überzeugt. Dennoch würde ich den Schuh aufgrund der hohen und relativ festen Zwischensohle nicht – oder zumindest nicht ohne Eingewöhnungszeit – für Läufe jenseits der Marathondistanz nutzen. Für Trainingsläufe auf kürzeren Distanzen bleibt er aber eine Option.

Der lockere Halt an der Ferse und das Fehlen eines Strickkragens, der das Eindringen von nervigen Steinchen verhindert, sind weitere Gründe, warum der Schuh mich nicht restlos überzeugt.

Pro

  • angenehmes, atmungsaktives Obermaterial
  • geringes Gewicht
  • guter Grip der Aussensohle
  • Rocker-Geometrie für Vortrieb
  • Zwischensohle langlebig

Contra

  • dichte, feste Zwischensohle mit wenig Rückfederung
  • lockerer Sitz an der Ferse
  • fehlender Strickkragen
Titelbild: Siri Schubert

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Forschungstaucherin, Outdoor-Guide und SUP-Instruktorin – Seen, Flüsse und Meere sind meine Spielplätze. Gern wechsel ich auch mal die Perspektive und schaue mir beim Trailrunning und Drohnenfliegen die Welt von oben an.


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