Das zweite Leben von Produkten kann viel schöner als das erste sein

Das zweite Leben von Produkten kann viel schöner als das erste sein

Pia Seidel
Zürich, am 08.03.2022
Bilder: Pia Seidel

Astrid Haury ist die Gründerin der Upcycling-Plattform «Trash2Treasure». Die Trendforscherin hat sich die Vergangenheit genauer angeschaut und ist von Abfällen als Rohstoff in der Gegenwart überzeugt.

Kosmetik hat immer ein Verfallsdatum. Dachte ich zumindest. Nehmen wir zum Beispiel einen herkömmlichen Nagellack. Er hält circa zwei Jahre, was er verspricht. Danach wird er zähflüssig oder sein Verschluss verklebt. Wenn er nicht verkauft wird, landet er in der Verbrennung. Warum eigentlich? Die Zukunfts- und Trendforscherin Astrid Haury kennt eine bessere Lösung. Sie will mit dem Start-up Trash2Treasure der farbigen Flüssigkeit und anderen Industrie-Kosmetikabfällen ein zweites Leben geben.

Für Astrid sind Möbel aus Europaletten erst der Anfang des Upcyclings im Produktdesign.
Für Astrid sind Möbel aus Europaletten erst der Anfang des Upcyclings im Produktdesign.

Astrid hat lange in der Kommunikations- und Innovationsabteilung der deutschen Kosmetikfirma Cosnova, zu der auch die Beauty-Brands Catrice und Essence gehören, gearbeitet. In einem internen Think-Tank befasste sie sich mit Art und Menge des Mülls, der in der Produktion des Unternehmens anfällt. Dabei stellte sie fest, dass die Detailliebe, die in die Herstellung eines Kosmetikprodukts gesteckt wird, an anderer Stelle fehlt. «Ich finde, ein Produkt sollte von der Idee über die Realisierung bis zum Ende des Lebenszyklus’ begleitet werden», erzählt mir Astrid im Gespräch, das wir remote durchführen, weil sie in Frankfurt sitzt – und ich in Zürich.

Schönheit im Kern: Make-up verschönert nicht nur die Hülle

Abgelaufener Nagellack wird für gewöhnlich weggeworfen und verbrannt. Er lässt sich anders als Beauty-Produkte in wiederverwertbaren Monomaterial-Verpackungen nicht recyceln. Die Komponenten, der Nagellack und das Glas, können nicht sauber voneinander getrennt werden, erklärt mir Astrid. Als der Sommer 2019 besonders schlecht ausfiel, blieben mehrere Millionen Nagellackfläschchen bei Cosnova liegen, die nicht vor ihrem Verfallsdatum verkauft werden konnten. Um das ganze Material dennoch zu retten, rief Astrid erstmals in einem Workshop ausgewählte Designer:innen und Produktentwickler:innen dazu auf, die Reste auf künstlerische Weise wieder- respektive weiterzuverwerten und dabei die Flaschen möglichst unverändert zu belassen.

Das Design des Berliner Duos von llot llov, ein Terrazzo, in den die Nagellackflaschen gepresst werden, überzeugte Astrid am meisten. Ihr gefiel die Tiefe in der Marmorierung, die durch Gläser und Lackreste entstand. Kurz darauf liess sie mit Cosnovas finanzieller Unterstützung eine über drei Meter lange Platte produzieren. «Anhand einer Platte kannst du erkennen, ob sich ein Material für die Produktentwicklung eignet, weil diese am meisten Widerstandskräfte aufbringen muss.» Und das tat sie. Aus der neuartigen Terrazzo-Platte ist später der Esstisch Bob entstanden, den ich am Salone del Mobile 2019 live bestaunen konnte.

Der Esstisch Bob besteht aus Lackresten und einer Sandmischung. Bild: Thomas Kunz
Der Esstisch Bob besteht aus Lackresten und einer Sandmischung. Bild: Thomas Kunz

Die farbenfrohe Marmorsandmischung kann individuell in der Küche, als Regal, Tisch oder vieles mehr eingesetzt werden. Neben der Einzelanfertigung Bob sind auch ein Couchtisch oder eine Lampe entstanden. Irgendwann möchte Trash2Treasure, kurz T2T, grössere Platten herstellen, damit das Produkt skalierbar wird; Sofern es wieder einmal zu hohen Stückzahlen abgelaufener Nagellackflaschen kommt. «Unternehmen haben oft das tolle Material und das Geld», meint Astrid. «Designschaffende haben die tollen Ideen. Nur kommen beide selten zusammen, weil sie nicht wissen, worüber sie sprechen sollen. Sie sollten sich mehr als Ökosystem verstehen.» Das Nagellack-Upcycling-Projekt hat einen Dialog eröffnet und den Startschuss für Trash2Treasure gegeben.

Im Designprozess zuerst rückwärts schauen

T2T sieht sich als Bindeglied zwischen Unternehmen und Kreativschaffenden. «Wir wollen dazu ermutigen, Industrieabfälle umzunutzen, weil sich ein umweltschonender Umgang mit vermeintlichem Müll sehr gut mit Schönem vereinbaren lässt», findet Astrid. Für die Expertin sollte das Credo von Produktentwickler:innen heute sein, «Punkte miteinander zu verbinden», wie es Steve Jobs einmal in Bezug auf Kreativität formuliert hat. Es gehe darum, «zuerst zurückzuschauen, um die Gegenwart zu gestalten».

«Wir wollen dazu ermutigen, Industrieabfälle umzunutzen, weil sich ein umweltschonender Umgang mit vermeintlichem Müll sehr gut mit Schönem vereinbaren lässt.»

Das Start-up verdient (noch) kein Geld mit seinen Upcycling-Projekten. Aktuell geht es für Astrid vielmehr darum, zu forschen und sichtbarer zu werden, um neue Partnerschaften zu finden. Deshalb hat das mittlerweile dreiköpfige Team beim letzten Salone einen weiteren Clou vorgestellt: Creamlight Cloud, eine Lampe aus 290 Lidschattenbehältern, die eigentlich im Müll gelandet wären, weil ihr Drehverschluss defekt war. «Normalerweise kann Glas gut eingeschmolzen werden, aber wir wollten zeigen, was sich daraus stattdessen machen lässt», erzählt Astrid.

Ein Eyeshadow-Glas, das eigentlich ein Abfallprodukt aus der Produktion ist..
Ein Eyeshadow-Glas, das eigentlich ein Abfallprodukt aus der Produktion ist..
... und was daraus werden kann: Scheinbar schwebende Lichtkörper.
... und was daraus werden kann: Scheinbar schwebende Lichtkörper.

Es ist erneut das Designduo von Llov Llot, das hinter der Lichtinstallation steckt. Je zwei Eyeshadow-Töpfchen aus Milchglas bilden zusammen ein dimmbares LED-Leuchtelement. Sie hängen an hauchzarten Koaxialkabeln. Ihr Mittelstück besteht aus eloxiertem Aluminium in Mattgold. Das Design ist derzeit ein Einzelstück. Auf Bestellung gibt es in limitierter Auflage eine kleinere Version. Mehr Rohmaterial ist nicht übrig geblieben, um weitere Modelle herzustellen. Dafür ist bereits die nächste Idee in der Pipeline. Die Taschen Trash'chen zum Beispiel. Sie bestehen aus nicht mehr verwendeten Werbebannern von Cosnova und dienen künftig als Kosmetiktasche, Clutch oder Federmäppchen. Sie sollen das erste kommerzielle Produkt sein, das T2T bald im eigenen Onlineshop verkaufen will.

Die beiden anderen T2T-Teammitglieder Laura (l.) und Anne (r.) bei der Präsentation von Creamlight Cloud.
Die beiden anderen T2T-Teammitglieder Laura (l.) und Anne (r.) bei der Präsentation von Creamlight Cloud.

Upcycling auf ein neues Level bringen

In Astrids Augen wird noch auf einem zu niedrigen Level über Nachhaltigkeit gesprochen. «Die Leute schauen nach Kreislaufsystemen und Recyclingmöglichkeiten, aber das reicht nicht aus, um die Dinge zu verändern. Wir sollten eine andere Wahrnehmung für Gebrauchtes schaffen, um den Wert eines Produktes zu erhalten.» T2T macht vor, wie das aussehen könnte, wenn durch die Zusammenarbeit von Industrie und Kreativen aus bereits vorhandenen Materialien wieder etwas Neues wird. «Beauty is much more beautiful, wenn wir sie auch in Abfall sehen,» ist Astrids Überzeugung.

«Wir sollten eine andere Wahrnehmung für Gebrauchtes schaffen, um den Wert eines Produktes zu erhalten.»

Für die Zukunftsforscherin sollte der Antrieb moderner Unternehmen sein, nachhaltige Produkte erschwinglich und attraktiv zu machen. Dabei können sie sich ein Beispiel an Astrid nehmen, die als ersten Versuch eine massive Platte hat produzieren lassen und sich von Anfang an der grössten Herausforderung gestellt hat. Wer weiss, was noch Schönes entstehen könnte, wenn wir, statt sie zu vernichten, den Dingen ein zweites Leben geben.

Wie Wolken: Die ehemaligen Eyeshadow-Gläser sind zufällig angeordnet, nur die Höhe steht fest.
Wie Wolken: Die ehemaligen Eyeshadow-Gläser sind zufällig angeordnet, nur die Höhe steht fest.

Was sind das für Menschen, die ständig auf der Suche nach besseren Designlösungen sind? Die einen neuen Stuhl oder Tisch entwerfen, obwohl es die schon zig tausendfach gibt? In dieser Serie stelle ich dir solche Menschen vor. Folge mir, um den nächsten Beitrag auf dem Schirm zu haben.

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Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
– Albert Einstein


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