PortraitSerie

Autismus: «Mein Gehirn ist anders verdrahtet»

Thomas Balmer
Zürich, am 15.03.2021
Grace ist Autistin, könnte täglich ein Müsli aus Paracetamol essen und hätte dennoch ständig Kopfschmerzen. Nein, sie ist nicht krank. Autismus ist keine Krankheit.

Grace und andere Menschen aus dem Autismus-Spektrum verarbeiten Sinneseindrücke anders. Anders als neurotypische Menschen, die so heissen, weil deren neurologische Entwicklung mit dem übereinstimmt, was die Meisten als normal betrachten. Normal in Punkto sprachliche Fähigkeiten und soziale Kompetenzen.

Zugegeben, in einer Welt, in der Schüler*innen bei Mathematikaufgaben das Alter eines Kapitäns ausrechnen müssen, auf dessen Schiff sich 27 Schafe und 10 Ziegen befinden, erscheint «normal» ein eher schwieriges Wort.

Für Grace heisst das jedoch, dass sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung Mühe hat, Reize zu verarbeiten: Auf Lärm reagiert sie oft überempfindlich. Licht kann sie überfordern. Gerüche auch. Reizüberflutung durch zu viele Bilder, Geräusche, Gerüche oder Ähnlichem ist darum keine Seltenheit. Unwichtige Reize kann sie nämlich nicht filtern – noch etwas, das sie von neurotypischen Menschen unterscheidet. In ihrem Kopf entsteht stattdessen ein Chaos aus Eindrücken und Gefühlen.

Ihre Reaktionen: Stress, Angst, Kopfschmerzen und eine steinerne Müdigkeit.

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Ständig.

Die Hand voller Asse, doch die Welt spielt Schach

Ohne Filter zu leben, führt allerdings auch zu einer Art von Superkräften. So kann sich Grace Autonummern merken wie Rain Man (Ja, auch er ist Autist) aus dem gleichnamigen Film. Oder diese eine kleine Meise im Baum, direkt an der Hauptstrasse, ganz leise vor sich hinzwitschernd. Während alle anderen nur den donnernden Strassenlärm hören, hört Grace auch die Meise. Ganz für sich allein freut sie sich über ihr Lied. Dann setzen die Kopfschmerzen wieder ein.

Dafür kennt sich Grace in fremden Grossstädten aus wie eine Einheimische. Sie hat schliesslich Bilder im Internet gesehen und war mal kurz bei Google Maps, um sich eine Übersicht zu verschaffen.

Die Ressourcen von Autisten scheinen unermesslich.

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Menschen mit Autismus sind zudem oftmals Meister*innen der Optimierung und Tarnung. Autismus ist nämlich eine Beeinträchtigung, die, anders als eine körperliche Behinderung, auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. So kämpft sich Grace durch den ÖV-Stadtjungel mit Hilfe von Noise-Cancelling-Kopfhörern. Sie trägt stets ein Stimming-Werkzeug zum Stressabbau auf sich und hat über die Jahre gelernt, wie sich neuronormative Menschen verhalten, um dieses Verhalten zu adaptierten.

Auch dann, wenn sie anders fühlt.

Was können wir tun, damit Menschen mit Autismus sich in unserer Gesellschaft Wohlfühlen?

Wie so oft, wenn es um uns Menschen geht, gibt es auch hier keine allgemeingültige Antwort. Denn Autismus ist ein Spektrum. Das bedeutet, dass autistische Menschen sich nicht nur von neurotypischen Menschen unterscheiden, sondern auch sehr voneinander. Es gibt folglich nicht die eine autistische Person.

Für Grace jedoch gilt: Ein ruhiger Rückzugsort, um sich vor Reizüberflutung zu schützen, ist stets hilfreich. Eine Partie Schach dient der guten Stimmung. Zumindest ihrer. Nicht der ihrer Schachgegner*in. Denn Gnade kennt Grace keine.

Schach und Matt.


Grace dokumentiert ihr Leben als Autistin hier. Vertiefte Informationen zum Autismus-Spektrum für Angehörige, Betroffene und Interessierte sind hier zu finden.

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Thomas Balmer
Thomas Balmer
Teamleader Social Media & Content Distribution, Zürich
Mag lange romantische Spaziergänge zum Kühlschrank.

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