Hintergrund

Alle 15 Minuten ein anderer Preis: Warum ich mich beim Strom ins Abenteuer stürze

Bald wird es spannend, wenn die Stromrechnung ins Haus flattert. Seit Anfang des Jahres gibt es beim lokalen Netzanbieter dynamische Tarife. Ich habe Fragen, bevor ich da mitmache.

Die Zeiten des simplen Hoch- und Niedertarif sind vorbei. Die Zukunft gehört dem dynamischen Tarif. Damit kostet die Kilowattstunde, die ich für Waschmaschine, Fernseher und E-Auto brauche, mal mehr und mal weniger. Der Preis hängt davon ab, wie viel Strom dem Netzbetreiber gerade zur Verfügung steht und wie viel gerade wo gebraucht wird. Kurz gesagt: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Täglich neu und anders. Im 15-Minuten-Takt.

Eine Strombörse gibt es schon länger. Für die Schweiz wie auch für Europa werden dort viertelstündlich die Preise ermittelt und bekannt gegeben, die Energieversorger an die Erzeuger bezahlen müssen. Davon haben wir Verbraucherinnen und Verbraucher bisher wenig mitbekommen.

Nach und nach bieten Stromversorger nun aber einen dynamischen Tarif an. Ein wichtiger Grund: Der Umstieg auf erneuerbare Energien bedeutet für die bestehenden Netze aus dem Atomzeitalter Stress. Scheint zum Beispiel schweizweit die Sonne und produzieren die über 300 000 registrierten Solaranlagen grosse Mengen Strom, kommt das Netz an seine Grenzen. Auf der anderen Seite gibt es neue, grosse Verbraucher wie Elektroautos, deren Batterien in der Regel 50 kWh oder mehr aufnehmen können.

Die Politik und Netzbetreiber wollen, dass die Haushalte sich netzdienlicher verhalten, das reduziert die Kosten der Energiewende. Ein guter Anreiz sind dynamische Tarife. Um beim Beispiel oben zu bleiben: Wenn die Stromproduktion durch PV-Anlagen auf Hochtouren läuft, sinkt der Preis pro Kilowattstunde. Jetzt wäre also der richtige Zeitpunkt, den Akku im E-Auto zu laden. Je mehr Menschen das machen, desto geringer ist die Spitzenlast im Netz. Und dies ist der entscheidende Faktor für die Kosten des Netzausbaus.

Eigenverbrauch ist der Schlüssel

Diesmal bin ich kein First Mover. Ich habe es in der hektischen Vorweihnachtszeit schlicht versäumt, mich beim lokalen Strombetreiber, den Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) für den neuen Tarif anzumelden. Das Gute ist: Es ist auch nachträglich jederzeit möglich. Das EKZ prüft dann, ob die Bedingungen gegeben sind und wenn alles passt, ist unser Haushalt im neuen Tarif.

Es sollte alles passen: Auf dem Dach produziert eine PV-Anlage Strom. Es gibt einen Smartmeter im Haus, der den Stromverbrauch digital ans EKZ übermittelt. Mit einem Elektroauto haben wir einen flexiblen Grossverbraucher. Und am wichtigsten: Ich habe ein Energiemanagementsystem (EMS) installiert.

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    Wie der «Solar Manager» den Sonnenstrom im Haus verteilt

    von Martin Jungfer

Der Solar Manager, so heisst mein EMS, zeigt nicht nur an, wie viel Strom die PV-Anlage gerade liefert und wie viel im Haus verbraucht oder ans EKZ verkauft wird. Es steuert vor allem, welche Verbraucher wann Strom beziehen, zum Beispiel wann Wärmepumpe und Boiler für Heisswasser sorgen. Für die E-Autos kann ich mit dem Solar Manager festlegen, dass diese nur mit selbst produziertem Solarstrom laden sollen oder, falls die Sonne nicht ausreichend scheint, bis am nächsten Morgen alternativ mit Niedertarif-Strom bis zu 60 Prozent geladen werden.

Bereits heute ist im Solar Manager alles so definiert, dass wir möglichst viel des mit der PV-Anlage produzierten Stroms auch selbst verbrauchen. Was kommt auf mich zu, wenn sich der Strompreis künftig im Viertelstunden-Takt ändert? Das will ich vom Erfinder des Solar Managers wissen – und Hans Fischer gibt mir im Interview schon einmal beruhigende Antworten.

Lieber Hans, ich bin kurz davor, den Antrag zu unterschreiben, damit das EKZ unseren Haushalt künftig mit Strom aus dem dynamischen Tarif versorgt. Soll ich es wirklich tun?
Hans Fischer: Du bist fast ein bisschen spät dran. Denn für Menschen mit PV-Anlagen ist der dynamische Tarif vor allem zwischen Ende Herbst und Frühlingsbeginn spannend. In der Zeit produziert man weniger Strom vom Dach. Und da kann das EMS, also zum Beispiel unser Solar Manager, die Vorteile voll ausspielen.

Die da wären?
Ganz einfach: Den Strom dann beziehen, wenn er günstiger ist. Es kann sich sogar lohnen, dass man einen Batteriespeicher dann füllt, wenn der Strom besonders günstig ist.

So einen Speicher habe ich leider nicht. Würdest Du mir trotzdem immer noch zum dynamischen Tarif raten?
Ja, Du kannst auch ohne viel rausholen. Zum Beispiel beim Elektroauto: Wenn ich es abends an die Wallbox stecke und am Morgen gerne einen vollen Akku hätte, dann kann das EMS dafür die günstigsten Zeitfenster im Tarif raussuchen und laden. Dasselbe gilt auch für die Wärmepumpe. Dort bin ich sogar noch flexibler, weil die nicht wegfährt oder abgesteckt wird.

Dafür muss der Solar Manager aber die Preise im Voraus kennen.
Stimmt, und das ist auch gegeben. Der Stromanbieter publiziert am Vortag die Preise für die 15-Minuten-Intervalle des nächsten Tages. Damit kann der Solar Manager planen.

Muss ich mein Verhalten anpassen, wenn unser Haushalt mit einem dynamischen Tarif versorgt wird?
Nein, ich finde es falsch, wenn Du anfangen würdest, in 15-Minuten-Slots zu denken. Ein dynamischer Stromtarif ist vereinfacht gesagt von Maschinen für Maschinen. Das EMS liest die Tarife selbstständig ein und plant den Verbrauch gezielt. Dort, wo es etwas zu optimieren gibt, optimiert es. Trotzdem ist es sinnvoll, bei Sonnenschein am Mittag Geräte einzuschalten, die nicht mit dem EMS verbunden sind, Waschmaschinen oder Geschirrspüler zum Beispiel.

Ob und wie viel ich meine Stromrechnung senken kann, wollte ich von Hans Fischer ausserdem noch wissen. Wenn ich mich nicht komplett daneben benehme, wird es wohl sicher auf eine tiefere Stromrechnung hinauslaufen, sagt Hans. Unsinnig wäre es zum Beispiel, dem Solar Manager zu befehlen, das E-Auto ausgerechnet dann zu laden, wenn der Strompreis am höchsten ist. Wie viel ich einspare, hängt aber von vielen Faktoren ab. Prognosen seien schwierig. In Deutschland, wo es dynamische Tarife schon etwas länger gibt, fällt die Stromrechnung durchaus 40 Prozent tiefer aus, wenn Speicher, Wärmepumpe und Elektroauto clever zusammenspielen.

Bei mir in der Schweiz wird mich die Solar-Manager-App wird auf dem Laufenden halten. Es gibt dort ein Widget, das aufgrund der Verbrauchs- und Tarifdaten Einsparungen in Echtzeit zeigt.

Hier sind die Stromeinsparungen beispielhaft zu sehen. Die App gibt auch Tipps, wie sich noch mehr sparen liesse.
Hier sind die Stromeinsparungen beispielhaft zu sehen. Die App gibt auch Tipps, wie sich noch mehr sparen liesse.
Quelle: Solar Manager

Lohnt sich bald ein Batteriespeicher im Keller?

Zum neuen Jahr hat das EKZ die garantierte Einspeisevergütung reduziert. Im Klartext: Ich muss damit rechnen, dass ich pro Kilowattstunde, die die PV-Anlage produziert und die wir im Haushalt nicht selbst verbrauchen, deutlich weniger bekomme. Bisher waren es etwa 15 Rappen. Neu werden nur noch 6 Rappen garantiert. Auch hier spielt künftig der Markt und dynamisiert meine Einnahmen – vorerst gibt es einen Preis pro Quartal. Im Sommer, wenn die Sonne oft und lang scheint, werde ich kaum etwas verdienen mit dem Strom, den ich ins Netz speise. Im Winter dagegen kann es mehr sein. Die Politik berät gerade darüber, dass auch die Einspeisung von Strom ins Netz durch Private und Unternehmen weiter dynamisiert wird, also auch hier viertelstündlich andere Rückvergütungen gelten.

Noch ist es nicht so weit. Und trotzdem stelle ich mir die Frage, ob sich der Kauf eines Batteriespeichers lohnt. Immerhin investieren grosse Konzerne gerade viel Geld in Grossspeicher, weil sie verstanden haben, dass Strom zur handelbaren Ware geworden ist. So entsteht in Gurtnellen eine 100-Megawattstunden-Anlage, zwischen 2028 und 2030 könnten Swissgrid und BKW Grossbatterien mit einer Gesamtkapazität von über 1600 Megawattstunden in Betrieb nehmen. Entsprechende Machbarkeitsstudien sind in Arbeit.

So viel Platz wie es dafür braucht, habe ich weder im Keller noch im Garten. Hausbatterien haben in der Regel eine Kapazität zwischen fünf und 20 Kilowattstunden und passen an die Wand in der Garage oder im Keller.

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Zwar sind die Anschaffungspreise zuletzt stark gesunken, aber ein No-Brainer in Sachen Amortisation sind die Speicher längst nicht. Die Installation kostet auch etwas und nach etwa 15 Jahren ist bei einem Lithium-Ionen-Speicher das Ende der Lebensdauer erreicht. Am einfachsten ist derzeit die Nachrüstung mit diesem Speicher. Den könnte ich einfach in die Steckdose stecken und der Solar Manager übernimmt die Arbeit.

Ich werde wohl trotzdem erst einmal ein paar Monate Erfahrungen mit dem dynamischen Tarif sammeln. Mit den Daten sollte ich dann hoffentlich eine ordentliche Amortisationsrechnung erstellen können.

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Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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