Zack Snyder's Justice League: Der Regisseur holt sich seine Vision zurück

Zack Snyder's Justice League: Der Regisseur holt sich seine Vision zurück

Dominik Bärlocher
Zürich, am 18.03.2021
Der Snyder Cut ist da. Er ist vier Stunden lang und gibt Fans genau das, worauf sie immer gehofft haben. Ein Universum das lebt, mit sympathischen Charakteren und ein Blick darauf, was ein Studio alles zerstören kann.

Wenn du dir «Zack Snyder's Justice League» ansiehst, dann hast du dir etwas vorgenommen. Der Film ist vier Stunden lang. Die Geschichte um die Liga der Gerechten gegen die Mächte des Planeten Apokolips ist nicht nur ein Film, sondern gleichzeitig ein Abgesang, eine Aufbäumung und eine Belohnung. Die Fans haben gekämpft. Dafür, dass Regisseur und Autor Zack Snyder die Chance bekommt, seine Vision des Films «Justice League» von anno 2017 zu verwirklichen.

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Die Version, die du damals im Kino oder seither auf Blu-Ray oder Netflix gesehen hast, wurde von Warner Bros., dem ausführenden Studio, nicht nur zurechtgestutzt, sondern mit Nachdrehs, einem neuen Regisseur und Reshoots im Schnitt zerfleddert, verhunzt und wieder zusammengestückelt. Das Resultat ist, natürlich, Quark.

Vier Stunden also. Vier Stunden der Wiedergutmachung. Vier Stunden Film, die du dir ansehen solltest.

Daher ein Review, das nie alle Nuancen und Aspekte des Films umfasst und versucht, Spoiler so weit wie möglich zu vermeiden. Das Problem mit den Spoilern ist, dass du einige Aspekte und Szenen bereits kennst, aber halt nicht in diesem Kontext.

Der rekontextualisierte Film

Du kennst die Szene, in der Wonder Woman die Terroristen im britischen Museum verprügelt. Du kennst die Szene, in der der wiederauferstandene Superman den Rest der Justice League angreift. Du kennst einiges am Film. Einfach nicht in diesem Kontext. Der Weg, wie wir zu Superman als Angreifer gekommen sind, ist ein anderer als der, den wir schon kennen. Das wird schon nach den ersten zehn Minuten des Films klar, in dem genau zwei Sätze gesprochen werden.

Einer davon «Alert the queen», ist die Krönung eines narrativen Aufbaus, den sich nur ein visueller Geschichtenerzähler ausdenken kann. Der Aufbau beginnt damit, dass Wonder Woman (Gal Gadot) Terroristen besiegt. Diese haben eine Bombe, die vier Blocks in Schutt und Asche legen kann, und Kinder als Geiseln. Wonder Woman kommt also und vereitelt den Anschlag, wird aber von der Explosion der Bombe getroffen. Sie übersteht das ohne weiteres. Sie ist ja Wonder Woman.

Aber Zuschauer haben eine Vorstellung davon, wie stark die Amazone Wonder Woman ist, da klar ist, wie stark eine Bombe ist. Vier Stadtblocks. Jeder weiss, wie gross das ist. Oder kann sich das plastisch vorstellen.

Steppenwolf hat ein neues Gesicht bekommen
Steppenwolf hat ein neues Gesicht bekommen

Dann taucht der neu designte Steppenwolf auf. Er will die Mother Box – eine Art hochintelligenter und fühlender Computer – der Amazonen. Diese aber beschützen die Mother Box seit Jahrtausenden und geben die nicht so einfach her. Im folgenden Kampf werfen die Amazonen mit Speeren, schlagen mit Schwertern zu und schiessen Pfeile in Steppenwolfs Brust. Der Gigant mit den Hörnern leidet, aber mäht eine Amazone nach der anderen mit seiner Axt nieder.

Wir wissen also genau, wie stark Steppenwolf ist. Nicht, weil er es überlebt, dass ihm die Amazonen einen ganzen Berg auf den Kopf werfen, sondern weil wir gesehen haben, wie stark eine einzige Amazone ist und uns von da her die Stärke des Bösewichts selbst zusammenreimen können. Wenn dann die Königin der Amazonen informiert werden soll über die Geschehnisse, dann wissen wir «Oh Mist, das ist nicht gut».

So erzählt Zack Snyder seine ganze Geschichte. Er nimmt etwas, das du kennst, eskaliert dann schnell und geschickt. Wir sehen in Echtzeit, wie der Flash (Ezra Miller) fallende Trümmerteile auffängt, bevor sie Unschuldige erschlagen. Wenn dann der prügelnde Superman (Henry Cavill) auf einmal locker mit dem Flash mithalten kann, wissen wir genau, wie schnell Superman ist.

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Das DCEU, mittlerweile offiziell von Warner Bros. begraben, fühlt sich lebendiger denn je an. Das macht die vier Stunden zu einem Erlebnis.

Ein Meisterwerk der Charakterisierung

Zack Snyder weiss genau, wer seine Helden sind. Wer ihre Familien sind. Und was sie alle ausmacht. Das spielt er in seiner Version von «Justice League» voll aus. Vor allem die Figur des Cyborg (Ray Fisher) wird vom motzenden Robotermann in einer Wohnung zu einem abgerundeten Charakter, der nicht nur eine tragische Vorgeschichte hat und sich in einem neuen Körper findet. Cyborg hat Humor, macht sein eigenes Ding und ist generell einer, der als Mensch existieren könnte.

Victor Stone alias Cyborg bekommt viel mehr Screentime
Victor Stone alias Cyborg bekommt viel mehr Screentime

Interessant auch, dass seine Fähigkeiten genauer umschrieben werden, was gleichzeitig seinen Vater Silas Stone (Joe Morton) als Charakter konkretisiert und festigt. Victor Stone, Cyborg, kann dank seinen biomechanischen Körperteilen auf jede Datenbank der Welt zugreifen und sie nach Belieben manipulieren. Was mich dazu verleitet, zu sagen, dass ich einen Cyborg-Solo-Film ansehen möchte, ist das Statement aus dem Munde Silas, dass die Schwierigkeit des Seins als Cyborg nicht ist, etwas nicht zu wissen oder zu sehen, sondern wegzuschauen.

“ The question... No, the challenge won't be doing it. It will be not doing. Not seeing. It is the burden of this responsibility that will define you and who you choose to be. ”
Silas Stone, Zack Snyder's Justice League, 2021

Gleich ergeht es dem Flash. Wir sehen ihn in Central City, auf Jobsuche, beim Essen, beim Besuch im Knast, wo sein Vater einsitzt. Auch Ezra Millers Figur lebt und ist nicht nur eine an die Leinwand geklatschte Billgversion einer Figur, die nur dazu dient, dann und wann etwas tollpatschiges zu machen oder ein lustiges Gesicht zu machen.

Jede Figur in «Zack Snyder's Justice League» trägt zur Story und zur Mission bei. Superman könnte nicht ohne das Zutun aller wieder erweckt werden. Steppenwolf hätte nie besiegt werden können, wenn die Helden der Gerechtigkeitsliga nicht zusammengearbeitet hätten.

Der Shot ist für den Trailer gemacht, wetten?
Der Shot ist für den Trailer gemacht, wetten?

Dieser Endkampf übrigens ist ein wahres Fest der Spezialeffekte und ein Wechselbad der Emotionen. Da Snyder seine Geschichte so dicht gewoben hat, so viele Momente der Menschlichkeit und des Humors hat einfliessen lassen, fühlst du in jeder Sekunde mit. Da du auch genau weisst, welcher Held was kann und wo seine oder ihre Grenzen liegen, weisst du genau, wo eine Situation von einem Kampf zu einem echten Problem wird.

Apropos Endkampf: Darkseid ist nicht der Endbösewicht. Steppenwolf ist und bleibt der Endgegner des Films. Aber: Die von Ciaran Hinds gesprochene CGI-Figur hat Motivation, ein Wesen und fühlt sich lebendig an. Steppenwolf kniet vor Darkseid, fürchtet ihn und will Aufmerksamkeit vom Herrscher des Planeten Apokolips. Dafür würde er alles tun, da er in der Vergangenheit irgendwann versagt hat und sich in die gute Gunst Darkseids zurückarbeiten muss.

Steppenwolf zeigt sogar Gefühle. Das macht ihn sympathisch.
Steppenwolf zeigt sogar Gefühle. Das macht ihn sympathisch.

Es tut gut, zu wissen, dass da eine Vision für den Film existiert hat, die Hand und Fuss hat. Es tut aber weh, zu sehen, dass diese Vision von einem Studio zerfetzt wurde. Dass ein Kreativkopf über Jahre hinweg – seit «Man of Steel» im Jahre 2013 in die Kinos kam – vom Studio und dann vom Publikum missverstanden wurde. Wie könnte es auch anders sein, wenn keiner weiss, was das Endgame des Universums ist?

Das Snyderverse hätte, wenn Zack Snyder freie Hand und vor allem Zeit gehabt hätte, dem Marvel Cinematic Universe paroli bieten können.

Das Mammutprojekt «Justice League»

Zack Snyder hatte eine Vision. Er kennt seine Helden. Er kennt sein Universum. Das Studio, Warner Bros., hat ihm einst zugesichert, dass er seine Vision verwirklichen dürfe. Durfte er nicht.

Das Resultat war cinematographischer Kehricht wie «Justice League», die Figuren in einem unausgegorenen Universum ohne Regeln, Struktur und Logik gezeigt haben. Dinge sind einfach so passiert, weil der Plot das gerade so vorgesehen hatte. Die Tonalität wechselte alle vier Szenen zwischen dem fröhlichen Klamauk eines «Avengers» und der düsteren Seriösität eines «Batman v Superman». Und dazwischen wurde Superman per CGI rasiert.

Das Snyderverse im Kopf Zack Snyders aber hatte all das, was es zum Erfolg gebraucht hätte. Es ist ein Universum, das easy der Konkurrenz von Marvel das Wasser reichen kann. Denn das Snyderverse kann nicht nur auf eigenen Beinen stehen, sondern brilliert auf seine ganz eigene Art. Dies, obwohl «Batman v Superman: Dawn of Justice» sehr schlecht gealtert ist, «Man of Steel» dafür aber umso besser. Denn das Snyderverse funktioniert, leider, nur im Rückblick. Als ich «Man of Steel» das erste Mal gesehen habe, war ich auch sauer darüber, dass Superman so gar nicht Superman ist und die Erzählstrukturen des Autors und Regisseurs fremd gewirkt haben. «Man of Steel» funktioniert auch erst im Kontext mit den anderen Filmen, was anno dazumal schlicht nicht gereicht hat. Natürlich hat dann Warner Bros. bereits bei der Produktion von «Batman v Superman» dreingefunkt und nach dessen Flop Zack Snyder die Regie entzogen, selbst wenn er noch in den Credits als Regisseur gelistet ist. Der tragische Tod seiner Tochter hat dann Snyder dann vollends den Willen genommen, seine Gerechtigkeitsliga zu beenden.

Humor ist auch im Film. Siehe den Fistbump am linken Bildrand.
Humor ist auch im Film. Siehe den Fistbump am linken Bildrand.

Der Snyder Cut ist das Machwerk, in dem er zeigen kann, was er eigentlich hat zeigen wollen.

Das Problem: Zack Snyder wollte noch viel zeigen, bekam aber nur diesen einen Film zugesprochen. Deshalb ist er vier Stunden lang. Er führt Figuren sauber ein, zeigt sie in ihrem eigenen Leben, bevor sie im Team gegen Steppenwolf antreten. The Flash und Cyborg bekommen ihren eigenen kleinen Mini-Film, Supermans Wiederauferstehung auch und Steppenwolf muss auch noch geprügelt werden nebst Aquamans Gesinnungswandel und Wonder Womans Terroristenstopperei.

«Zack Snyder's Justice League» ist gefühlte vier Filme in einem. Möglicherweise mehr.

Die Zeit ist aber nicht vergeudet, was das Anschauen des Films natürlich recht anstrengend macht. Vor allem, wenn dir nach zwei Stunden bewusst wird, dass du gerade erst in der Hälfte bist und der Apokolips-Plot gerade erst begonnen hat. Du bist bis dahin gut unterhalten, nachher auch noch. Aber es zieht sich hin. Denn wenn bei zwei Stunden alles noch etwas unzusammenhängend wirkt, dann laufen die Handlungsfäden – genau wie die Narrative des Snyderverse – am Ende zusammen. Es gibt nichts an diesem Film, das nicht irgendwie eine emotional zufriedenstellende Quittung erhält.

Ausser vielleicht das Ende. Denn das letzte Aufbäumen des Snyderverse ist nicht etwa ein klarer Abschluss aller Geschichten, ein Ende oder etwas, das dich zufrieden in die Welt entlässt. Das Ende ist ein Cliffhanger.

Darum sitze ich nach den vier Stunden da und denke mir nur eines: Wann kommt «Zack Snyder's Justice League 2»?

Wahrscheinlich nie. Schade.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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