Wir schreiben Geschichte – Kapitel 8
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Wir schreiben Geschichte – Kapitel 8

Natalie Hemengül
Zürich, am 14.01.2021
Ein Krimi, zwei Autorinnen. Kollegin Carolin und ich schreiben eine Kurzgeschichte und wechseln uns dabei Kapitel für Kapitel ab. Im letzten Teil unserer Serie bringt eine verhängnisvolle Liebschaft die Antworten, nach denen unser Protagonist sucht.

Im Intro-Artikel haben euch Carolin und ich die Regeln zu unserer neuen Serie erklärt und euch über Genre, Zeit und zu integrierendes Produkt abstimmen lassen. Deshalb schreiben wir nun jeden Donnerstag abwechselnd an einem Krimi, der in der Gegenwart spielt. Der Clou: Du kannst über Abstimmungen am Ende jedes Kapitels selbst ins Geschehen eingreifen. Als Leser oder Leserin entscheidest du nämlich, welches Produkt aus einer zufälligen Vorauswahl die Autorin in ihrer Fortsetzung sinnvoll unterbringen muss. Quasi als Mini-Challenge aus der Community.

Was bisher geschah

Ephraim ist einsam, seit sein Hund Hannibal bei einem Nagelbombenanschlag getötet wurde. Bei diesem Attentat auf seine Werkstatt kam auch der kantonale Parteipräsident der PdA, Xavier Ambühl, ums Leben. Auf Ermittlungsergebnisse von Kommissar Magenta und seiner Safttruppe wartet der Sonnenstorenweber vergeblich. Nach dem Fund einer beängstigenden Botschaft in seinem Briefkasten entwendet er bei seinem Besuch auf dem Polizeipräsidium heimlich ein Antragsformular zur Hausdurchsuchung, welches die Vermutung nahe legt, dass das Malergeschäft «Lack und Eder» etwas mit der Sache zu tun hat. Um sich Klarheit zu verschaffen, sucht Ephraim Eddie auf. Einen Jungen, der häufig bei den Eders herumlungert und der ein Gespräch zwischen Angred und Diethard Eder belauscht hat. Die Spur führt Ephraim in die Redaktion der Lokalzeitung «Kaff Aktuell», genauer zu Joachim Schüberle, dem Inhaber der Zeitung und ehemaligem Kapitalisten, nun aber Mitglied der «Partei der Arbeit». Dort erfährt er von der Rezeptionistin, dass der Kapitalist Diethard Eder seit einiger Zeit stiller Teilhaber der Zeitung ist und entdeckt einen Karton mit Flyern, die für Schüberle als kantonaler Parteipräsident werben. Das wirkt zunächst verdächtig auf Ephraim, doch die Erinnerung an ein Treffen der Anonymen Alkoholiker entlastet Schüberle in Ephraims Augen. Jede Spur führt zurück zu den Eders.

Alle bereits erschienenen Kapitel findest du ganz unten in diesem Beitrag zum Nachlesen.

Kapitel 8

Verhängnisvolle Liebschaft

Ephraim braucht frische Luft. In seinen trostlosen vier Wänden scheint es ihm unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Und auf einen klaren Gedanken ist er jetzt angewiesen. Schüberle und sein Käseblatt «Kaff Aktuell» könnten ihm dabei helfen, mit der örtlichen medialen Reichweite die Täter zu fassen. Er weiss nur noch nicht genau wie. Ephraim bleibt stehen und sieht sich zwischen den Büschen um, die den Kiesweg säumen. Seine Beine haben ihn in den Dorfpark getragen, wo er früher so oft mit Hannibal spazieren ging. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Eine panische männliche Stimme schneidet die Stille im Park. Eine weibliche Weinerliche gesellt sich dazu. Beide kommen Ephraim bekannt vor. Behutsam schleicht er ein paar Schritte weiter, um mehr als nur die Schatten zu sehen, die sich in der Abenddämmerung auf der Wiese abzeichnen. Das verräterisch knirschende Kies unter seinen Füssen verflucht er dabei innerlich. Im Schutz einer Eiche erspäht er die beiden. Oder besser gesagt die drei: Joachim Schüberle, wild gestikulierend und seine tränenüberströmte Empfangsdame Jennifer Bieri, die sich mit der einen Hand tröstend ein Nastuch unter ihre Nase hält und mit der anderen einen Kinderwagen wiegt. Ephraim belauscht die beiden, bis Schüberle die heftig schluchzende Jennifer einfach stehen lässt und in die Dunkelheit entschwindet. «Es ist doch auch dein Kind!», ruft sie ihm verzweifelt nach. Wer hätte das gedacht. Der Vorzeigejournalist und Vater einer vierköpfigen Familie hat eine Affäre. Besser gesagt hatte. Von der Zuneigung zu seiner Empfangsdame scheint nämlich ausser dem Kind im Kinderwagen nicht mehr viel übrig zu sein. Und um das will er sich nicht kümmern.

Am nächsten Tag, genau um neun Uhr früh, betritt Ephraim erneut die Redaktion des «Kaff Aktuell». Der Stuhl am Empfang steht leer. Im muffigen Büro trifft Ephraim auf einen sichtlich unausgeschlafenen Schüberle. Dunkle Augenringe säumen seinen Blick, während seine Lider auf halbmast stehen. Ephraim setzt sich unaufgefordert auf den Stuhl, auf dem er bereits einen Tag zuvor sass. «Sie müssen mir einen Gefallen tun», sagt Ephraim bestimmt und schildert Schüberle, was er am Abend zuvor im Park beobachtet hat. Joachim Schüberles Gesicht wirkt noch fahler als zuvor. Geheimes Wissen ist und bleibt das beste Druckmittel, denkt sich Ephraim.

«Ephraim, ich möchte Ihnen wirklich helfen. Es gibt da aber ein Problem. Sie sind nicht der Einzige, der mich erpresst. Diethard Eder, mein ehemaliger Schulfreund, weiss ebenfalls von meinem Seitensprung und dem Kind und hat damit gedroht, es meiner Frau zu erzählen. Seither macht er mir das Leben zur Hölle. Er hat sich nicht nur gegen meinen Willen in die Zeitung eingekauft, sondern mich auch zur kantonalen PdA-Präsidentschaftskandidatur gezwungen, damit ich seine Expansionspläne in Chur unterstütze. Er hat meinen Sinneswandel schamlos ausgenutzt. Nicht zuletzt, weil er mich dafür verachtet. Er glaubt, ich hätte ihn als Freund verraten», erklärt Schüberle kopfschüttelnd. «Ist er verantwortlich für die Nagelbombe?», stellt Ephraim Schüberle die Frage, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge brennt. «Ich weiss es nicht. Aber ich vermute es. Er meinte nur, ich solle seinen Anweisungen folgen, was die Kandidatur anbelangt. Um den Rest kümmert er sich dann. Ich habe ihn nie gefragt, was dieser Rest sein soll. Aus Angst.» Schüberle ist also mit aufrichtigen Absichten der Partei beigetreten, wird nun aber von Diethard instrumentalisiert. «Sie müssen für mich herausfinden, inwiefern Diethard in die Sache verwickelt ist. Schliesslich vertraut Diethard Ihnen – im Glauben, etwas gegen Sie in der Hand zu haben.» Einen zweiten Gefallen wird Ephraim später einfordern müssen.

Wieder zu Hause lässt Ephraim sein Smartphone nicht aus den Augen. Nicht einmal, während er den abgefallenen Filzgleiter an seinem Stuhl durch einen neuen ersetzt. Ein wackelnder Stuhl ist das Letzte, was seine Nerven jetzt brauchen können. Es klingelt. Am anderen Ende meldet sich ein atemloser Schüberle. «Diethard hat die Bombe in Auftrag gegeben. Bei wem wollte er mir nicht verraten. Was die Warnung in deinem Briefkasten anbelangt: Die hat Eddie dort platziert. Im Gegenzug hat er von Angred eine Büchse Frühlingsgrün geschenkt bekommen. Der arme Junge. Wusste nicht, was er da tut. Die Botschaft sollte davon ablenken, dass die Tat, wie von der Polizei angenommen, tatsächlich politisch motiviert war. Es sollte so aussehen, als ob das Attentat nur dir galt, um Kommissar Magenta auf die falsche Spur zu locken.» Erst jetzt holt Schüberle tief Luft. Einen Moment lang ist es still in der Leitung. «Hallo? Ephraim? Sind Sie noch dran?» Ephraim räuspert sich. «Ich bin noch da», antwortet er mit eisiger Stimme und legt auf. Kommissar Magenta hat also nichts mit dem Attentat zu tun. Dabei hätte Ephraim schwören können, dass dieser faule Sack knietief mit drin steckt.

Das Namensschild an der Haustüre von Kommissar R. Magenta ist kaum lesbar. Ephraims Finger verkrampft sich auf der Klingel. Er hört, wie jemand gemütlich zur Tür schlendert und durch den Spion späht. Die Türe öffnet sich einen Spalt. «Was willst du denn hier?», fragt Magenta sichtlich überrascht. Einen Augenblick später rutscht Ephraim auf dem abgewetzten Ledersofa nervös hin und her. Eine Wiederholung des «Tatort» flackert über den Fernseher und taucht Magentas schummriges Wohnzimmer in ein kühles Licht. Auf dem Couchtisch stehen fünf leere Bierdosen und ein Aschenbecher, den man bereits vorgestern hätte leeren sollen. Ephraim hält von dem Mann in der löchrigen Jogginghose nicht viel, reisst sich aber zusammen, um einen anständigen Ton anzuschlagen: «Ich weiss, dass Sie das Haus der Eders durchsuchen wollen. Ich muss wissen, weshalb.», lässt Ephraim die Bombe platzen. «Du Mistkerl, wusste ich's doch, dass ich den Antrag nicht verlegt habe. Du hast ihn einfach mitgenommen? Dafür könnte ich dich dran kriegen», bricht es aus Magenta heraus. «Das stimmt. Nur würden Sie mit Ihrem fahrlässigen Ermittlungsstil auch in den Fokus Ihrer Vorgesetzten geraten!» Der sichtlich angeheiterte Magenta knurrt geschlagen vor sich hin und beginnt melodisch zu lallen. «Gleich nach dem Attentat haben wir einen Zeugenaufruf gestartet. Eine Frau hat sich gemeldet. Sie habe gesehen, wie Diethard Eder ein paar Tage zuvor eine Kiste Nägel aus dem Laden in seinen Van getragen hat.»

Magenta öffnet ein neues Bier, ohne Ephraim eins anzubieten. Es war ohnehin das Letzte aus dem Sixpack. «Weisst du», fährt Magenta fort, «ich war früher wirklich gut in meinem Job. Inzwischen hat mich mein Instinkt verlassen. Genau wie meine Frau. Aber das ist eine andere Geschichte. Deshalb habe ich keinen neuen Antrag mehr gestellt. Die Fährte wäre bei meinem Glück ohnehin falsch gewesen», jammert Magenta und krönt seinen Monolog mit einem langgezogenen, tiefen Rülpser. «Was, wenn ich Ihnen sage, dass Sie ihr Instinkt in diesem einen Fall nicht trügt?», fragt Ephraim und ignoriert Magentas Unhöflichkeit.

Diethards Nasenlöcher sind gebläht und sein Kopf rhabarberrot, als er Schüberle die neueste Ausgabe des «Kaff Aktuell» auf das Pult knallt. «Was soll die Scheisse?», schnaubt Diethard, sichtlich bemüht, nicht zu brüllen. «Du druckst einen anonymen Leserbrief ab, der unser Geschäft und unser Expansionsvorhaben aufs übelste niedermacht? Ich habe Geld in dieses Blatt investiert. Geschweige denn dein dreckiges Geheimnis für mich behalten und dir den Weg frei gemacht für eine Parteipräsidentschaft. Weisst du, dass ich für das, was ich getan habe, ins Gefängnis kommen könnte? Und so dankst du es mir? Ich habe Nägel mit Köpfen gemacht. Echte Nägel! Mit echten Köpfen! Der Ambühl und dieser Kollateralschaden von Köter.»

«Diethard Eder, Sie sind hiermit verhaftet», durchdringt Magentas Stimme Schüberles Büro. Diethard Eder dreht sich um, seine Augen sind vor Schreck geweitet. Ephraims Plan, Diethard mit einem gefälschten Leserbrief aus der Reserve zu locken, ging auf. Kommissar Magenta, der den ganzen Morgen damit verbracht hat, Schüberle und sein Büro zu verkabeln, hat die ganze Szene aus der Besenkammer nebenan mitverfolgt. In Handschellen führt er Diethard Eder aus dem Gebäude hinaus auf den Parkplatz, wo Ephraim bereits wartet. Ihm huscht ein Lächeln über die Lippen. Das Erste seit Hannibals Tod. Jetzt können die Mühlen der Justiz mahlen. Wenn auch wie gewohnt ganz, gaaaanz langsam.

Das war der letzte Teil unserer Serie.

Alle bisher erschienenen Teile

Wir schreiben Geschichte – *Kapitel 1**
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Wir schreiben Geschichte – *Kapitel 2**
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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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