Wir schreiben Geschichte – Kapitel 1
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Wir schreiben Geschichte – Kapitel 1

Carolin Teufelberger
Zürich, am 26.11.2020
Ein Krimi, zwei Autorinnen. Kollegin Natalie und ich schreiben eine Kurzgeschichte und wechseln uns dabei Kapitel für Kapitel ab. Diese Woche: Ein poetischer Sonnenstorenweber, ein Mordanschlag und ein Trockenfutter-Automat, der bittere Erinnerungen weckt.

Was bisher geschah

Im Intro-Artikel haben euch Natalie und ich die Regeln zu unserer neuen Serie erklärt und euch über Genre, Zeit und zu integrierendes Produkt abstimmen lassen. Deshalb schreiben wir nun jeden Donnerstag abwechselnd an einem Krimi in der Gegenwart. Im ersten Kapitel als Produkt dabei: ein Trockenfutter-Automat.

Ephraim spürt seine Hände kaum mehr. Schnitte und Schwielen zieren seine schleifpapierraue Haut. Heute hat er sechs Sonnenstoren gefertigt. Bald werden sie über Balkonen von Leuten hängen, die der orange-braunen Stoffe überdrüssig wurden. Tag für Tag kreuzen sich die feinen Garne zum Metrum seiner Emotionen und werden zu Werken seiner persönlichen Wahrheit. Aufträge nimmt er keine entgegen. Künstler können keine Dienstleister sein.

In leicht gebückter Haltung trottet er zum Kühlschrank in der Ecke seiner Werkstatt und nimmt sich ein alkoholfreies Bier. Dem Alkohol hat er vor Jahren abgeschworen, unfreiwillig. Den Geschmack mag er noch immer, Süssgetränke oder gar Wasser sind kein würdiger Ersatz. Sein Blick fixiert die fertigen Storen.Ein sanftes Lächeln überkommt seine Lippen. Die Stoffe erzählen seine Geschichte.

Verloren neben einem Werkzeugregal steht ein noch halb gefüllter Trockenfutter-Automaten. Auch nach all den Wochen bringt er es nicht übers Herz, die Sachen von Hannibal zu entsorgen. Der Kangal war ihm im türkischen Hinterland über den Weg gelaufen, als er in einem Dorf nahe der syrischen Grenze die alte aramäische Webekunst erforschte. Mit dem Schiff vom Bosporus bis Venedig, dann per Anhalter über Berge und durch Täler zurück nach Hinterpagig. Nie mehr ist Hannibal von seiner Seite gewichen. Bis zu dem einen Moment. Dem Moment, der Ephraim einsam machte.

Alleine war er in seinem Leben oft. Als Kind gab’s deswegen beinahe täglich Heringsfilet aus der Dose. Als Jugendlicher wandte er sich der Lyrik zu, statt Mädchen zu küssen und über die Stränge zu schlagen. Als Erwachsener kamen die Storen dazu. Seither verbringt er die Tage in der kühlen Werkstatt. Was andere abwertend als Loch bezeichnen, ist für ihn ein Ort der Geborgenheit. Seine Gedanken leisteten ihm Gesellschaft, Menschen konnten das nie. Sie sind kaum mehr als Statisten in einem Film, der in seinem eigenen Kopf spielt.

Aber nun ist Hannibal weg. Das erste Mal spürt er Sehnsucht nach einem anderen Lebewesen. Und er spürt Wut und Zorn auf den Menschen, der ihm seinen hündischen Freund nahm. Bis heute kennt er den Namen des Täters nicht, weiss nicht, wie er aussieht. Die Polizei ist ratlos. Niemand kann ihm helfen. Und das, obwohl mit Hannibal auch ein hochrangiges Mitglied der Bündner PdA sein Leben liess. Der Mann wollte gerade Ephraims Werkstatt betreten und für die Parteizentrale neue Sonnenstoren kaufen, als die Nagelbombe hochging. Eine politisch motivierte Tat, Terror, mutmassen die Medien. Das physische Manifest eines verzweifelten Kapitalisten, der das Enden dieser Wirtschaftsform nicht ertrug, wird spekuliert. Hannibal war zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Kollateralschaden. Ein unschuldiges Opfer eines Aktes in einem asymmetrischen Krieg.

Politik interessiert Ephraim nicht, für ihn ist die Tat persönlich. Wie sehr sie sein Herz trübt, ist an seinen Storen abzulesen. Schwarz, purpur, schiefergrau, mitternachtsblau. Diese Farben sind seit Wochen Ausdruck seiner inneren Qualen. Das psychotische Dauerweben führte keineswegs zur Trauerbewältigung. Im Gegenteil, mit jeder Masche festigte sich sein Rachebedürfnis. Heute hat Ephraim einen Entschluss gefasst. Das erste Mal werden die Tore seiner Werkstatt verschlossen bleiben. Morgen geht er los, zu Fuss. Sein Ziel ist unbekannt, die Farbe seiner Mission klar: blutrot.

Fortsetzung folgt am 3.12.2020.

Stimme jetzt ab

Welches Produkt soll Natalie in den nächsten Teil der Geschichte einbauen?

  • Reiseadapter
    9%
  • Löschflugzeug der Feuerwehr
    36%
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    54%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Abstimmen kannst du bis zum 29.11.20 um 23:59 Uhr. Das Produkt, das zu diesem Zeitpunkt die meisten Votes hat, wird im nächsten Teil in die Geschichte eingebaut. Folge dem Thema «Serie» hier oder uns als Autorinnen, um keine Folge zu verpassen.

Hier findest du die nächsten Kapitel

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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