Wir bauen uns einen 4500 Franken Race Chair, der rüttelt

Philipp Rüegg
Zürich, am 08.05.2019
Ein anständiges Lenkrad mit Pedalen gehört zur Standardausstattung jedes Renngame-Fans. Aber nicht jeder hat auch den passenden Schalensitz mit einer 3000 fränkigen mechanischen Rüttelplattform – wir schon.

«Holy shiiiit». Wenn du das erste mal zu schnell in eine Kurve rast und über den Pistenrand rutschst, dann zeigt die Next Level Racing Motion Platform V3 , was in ihr steckt. Dann rüttelt es dich so stark durch, dass du die Sicherheitsgurte am Rennsitz plötzlich doch nicht mehr ganz überflüssig findest.

Die Motion Platform ist eine Erweiterung für Renn- oder Flugsimulation-Setups. Sie sorgt dafür, dass du jede Unebenheit, jeden Gangwechsel und jede Kollision spürst. Das 25 Kilogramm schwere Gerät wird unter dem Rennsitz montiert. Die Möglichkeit, so ein Gerät zu testen, lass ich mir nicht entgehen. Als Kollege Simon Balissat – selbsternannter Race-Experte – davon Wind bekommt, will er ebenfalls mitmachen. «Darum kümmere ich mich, ist ja wohl klar oder? Ist der Sitz schon da? Bauen wir ihn gleich zusammen?» Da sein Kopf bei der blossen Andeutung, ich könnte das eigentlich auch alleine, rot anläuft, hol ich ihn ins Boot, respektive ins Rennauto.

Um die Motion Platform gebührend zu testen, organisieren wir ein passendes Lenkrad und Pedalen dazu. Simon entscheidet sich für das Thrustmaster T-GT. Ein Fanatec wär ihm lieber gewesen, aber das haben wir leider nicht im Sortiment. Ist wohl auch besser so. Simon ist so schon ganz hibbelig vor lauter Vorfreude. Den Sitz haben wir wie die Plattform von Next Level zur Verfügung gestellt bekommen. Das komplette Setup kostet über 4500 Franken. Für den Preis könntest du dir auch ein Occasion-Auto kaufen. Aber damit kannst du nicht mit 300 km/h waghalsige Überholmanöver machen ohne saftige Bussen zu kassieren.

Es wäre eigentlich ganz einfach...

Kann ja nicht so schwierig sein.
Kann ja nicht so schwierig sein.

Als es darum geht, die drei riesigen und sauschweren Pakete ins Studio zu hieven, ist Simon plötzlich verhindert. Vermutlich will er seine manikürten Finger nicht schmutzig machen. Freundlicherweise willigt Raphael Knecht ein, beim Aufbau des Sitzes zu helfen. Zum Glück. Alleine, wäre ich vermutlich ausgerastet – also noch mehr als ohnehin schon. Eigentlich wäre der Sitz und die Motion Platform schnell zusammengebaut. Aber leider ist die Anleitung zu ungenau und gibt an einigen Stellen schlicht falsche Anweisungen. Nachdem wir die ersten Teile des Sitz montiert haben, heisst es beim nächsten Schritt, dass wenn wir den Sitz in Kombination mit der Motion Platform benutzen, andere Teile hätten verwenden sollen. Also dürfen wir wieder alles auseinanderschrauben und von vorne beginnen. Lässig. In den über zwei Stunden, die wir für den gesamten Aufbau benötigen, müssen wir mehrmals Dinge ab- und wieder anschrauben. Zum Glück ist die Zeitrafferaufnahme ohne Ton, sonst würden dir die Ohren wackeln von unserem Gefluche.

Der Sitz wackelt leider auch ohne Plattform

Zum Schluss montieren wir das Lenkrad und die Pedale am Racing Chair. Ein optionaler Schaltknüppel kann auf mehrere Arten montiert werden. Entweder direkt neben dem Lenkrad oder auf Hüfthöhe und sowohl links wie rechts – je nachdem, ob du eher Flugsimulationen spielst oder Renngames. Wie bei einem echten Auto kann die Sitzposition mit einem Hebel unter dem Sitz nach vorne oder hinten verstellt werden. Die Fussauflage kann ebenfalls angepasst werden. Die Höhe des Lenkrads kann mit Handschrauben justiert werden. Das Lenkrad wirkt etwas klapprig auf dem dünnen Stängelchen, auf dem es befestigt ist. Auch der Rest des Sitzes fühlt sich mehr nach VW Polo als Audio R8 an. Aber schliesslich interessiert uns primär die Motion Platform und nicht der Sitz.

Die Halterung für das Lenkrad könnte massiver sein.
Die Halterung für das Lenkrad könnte massiver sein.

Auf Anhieb funktionierts selten

Die Motion Platform wird mit einem gewöhnlichen PC-Netzkabel mit Strom versorgt und verbindet sich per USB-Kabel mit dem PC. Für die volle Funktionalität benötigt das Gerät Telemetriedaten. Das heisst, ein Spiel liefert Infos über Strecke, Bodenbeschaffenheit, Fahrzeug etc. und die Plattform produziert daraus realistische Bewegungen – zumindest sollte sie das. Bis das wirklich funktioniert, braucht es nämlich meistens etwas länger.

Rund 40 Spiele werden aktuell unterstützt. Dazu gehören unter anderem «Project Cars», «Forza Motorsport 7» oder «Assetto Corsa Competizione». Was der Gurken-Titel «The Crew» unter den ganzen Schwergewichten verloren hat, weiss ich nicht. Was ich weiss, ist, dass ich es unbedingt ausprobieren muss.

Die Software bietet zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten.
Die Software bietet zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten.

Um ein Spiel mit der Plattform zu spielen, muss zuerst die Next Level Racing Software installiert werden. Danach folgt ein kurzes Firmware-Update und dann kann es losgehen. Einfach in der Manager Software das Spiel auswählen, Profil aktivieren und Spiel starten. Im Idealfall funktioniert die Plattform dann ohne weitere Eingriffe. In der Realität braucht es meistens etwas mehr Feintuning. Wir haben «Project Cars» 1 und 2, «Forza Motorsport 7», «Assetto Corsa Competizione», «The Crew» und «Need for Speed Most Wanted» ausprobiert. Auf Anhieb funktioniert gerade mal «Assetto Corsa Competizione». Dort zickt dafür das Lenkrad und das obwohl es das einzige Spiel ist, welches das Thrustmaster T-GT nativ unterstützt.

Wenns läuft, dann läufts

Bei meinem ersten Feldversuch stehen aus irgendeinem Grund mindesten fünf Personen um den Sitz herum. In unserem Büro hat es sich natürlich herumgesprochen, dass wir im Keller ein 4000 Franken teures Rennsetup testen. Ich lass mich davon nicht beirren. Ich drücke das Gaspedal bis zum Anschlag und rase in «Assetto Corsa Competizione», das ich nie zuvor gespielt hatte, mit einem Affenzahn über den Asphalt. Ich will die Motion Plattform gleich mal ein bisschen fordern. Jede noch so kleine Lenkbewegung gibt mir der Sitz sofort zu spüren. Ich fühle richtig die Kraft des Fahrzeugs. Mit meinem Bleifuss und eher dürftigen Race-Sim-Erfahrungen überschätze ich bereits die erste Kurve und lande im Kiesbett. Es holpert und es rüttelt. Herrlich. Ich fühle mich wie ein Kind im Autoscooter und muss laut lachen.

Fast wie auf der Achterbahn.
Fast wie auf der Achterbahn.

Vier Fünftel der Zuschauer teilen meine Begeisterung. Nur Simon schnaubt wie ein gereizter Stier und rauft sich die Haare. «Spinnsch?! Du kannst doch nicht mit Automatik fahren. Und wie rast denn du in die Kurve? Bremst du etwa beim Lenken? Dammi Siech. Da kann ich nicht zuschauen.» Unsere mangelnde Ehrerbietung vor Racing-Sims bringt ihn zur Weissglut und uns noch mehr zum lachen. Bevor sein Kopf explodiert, überlasse ich ihm den vorgewärmten Sitz. Er passt ohnehin besser in die Zielgruppe, die sich so ein Gerät kaufen würde. Während er seine ersten Aufwärmrunden dreht, wirft er mit einem Stapel Fachbegriffen um sich, die keiner von uns versteht und vermutlich zur Hälfte erfunden sind. Langsam macht sich auf Simons Gesicht ein fettes Grinsen breit. Die Motion Platform transformiert Renngames zu einem viel intensiveren Erlebnis. Das beweisen die grossen Schweissflecken unter Simons Armen. Kein Wunder, schliesslich gibt nicht nur das Lenkrad kräftig Gegensteuer. Es benötigt einiges an Kraft, die Ideallinie zu fahren, während es ihn hin und her schüttelt.

Der Sitz hat einen erstaunlich grossen Bewegungsradius.
Der Sitz hat einen erstaunlich grossen Bewegungsradius.

Nach «Assetto Corsa Competizione» probieren wir «Project Cars 2» aus. Das klappt, nachdem wir in den Spieloptionen die Telemetriedatenübertragung zulassen. Ohne bleibt der Sitz still. Danach wird auch «Project Cars 2» zu einem völlig neuen Erlebnis. Weniger Erfolg haben wir mit «Forza Motorsport 7». Das will auch nach etlichen Versuchen und Workarounds nicht mit der Plattform funktionieren.

Aus Neugier starte ich noch «The Crew». Das Spiel wirkt neben all den Simulationen völlig fehl am Platz. Immerhin, die Motion Platform funktioniert auf Anhieb. Anders sieht es mit dem Lenkrad und den Pedalen aus. Das Gaspedal wird überhaupt nicht erkannt und Bremse und Kupplung sind vertauscht. Damit fährt es sich erwartungsgemäss besch...eiden. Die Plattform kommt in Verbindung mit dem völlig arcadigen Gameplay überhaupt nicht auf Touren.

Zum Schluss installiere ich noch «Need for Speed Most Wanted». Das wird zwar nicht offiziell unterstützt, aber mittels Standard-Profil soll ja jedes Spiel funktionieren. Das Profil ist in wenigen Minuten erstellt. Wenig überraschend macht es dann auch nicht viel her. Der Sitz dreht sich lediglich in die entgegengesetzte Richtung wie du fährst. Und zwar so extrem, dass «Need for Speed Most Wanted» kaum mehr spielbar ist. Gebe ich Gas, schiebt sich der Sitz so weit nach hinten, dass ich kaum noch den Bildschirm sehe. Und lenke ich nach Links und rechts, wirft es mich fast aus dem Sitz. Es fühlt sich mehr nach Betrunkenen-Simulator als Rennsim an. Natürlich lässt sich dieses Profil wie alle anderen bis zum Abwinken feintunen. Dann hätte ich aber mehr Zeit darin investiert als ins Spiel selbst. Das ist nämlich ziemlich schrottig.

Fazit: Teuer, sperrig, aber geil

Das ganze Setup benötigt ordentlich Platz.
Das ganze Setup benötigt ordentlich Platz.

Die Next Level Motion Platform V3 ist eine geniale Erweiterung für einen Rennsitz. Das Erlebnis ist ähnlich berauschend wie wenn du zum ersten mal von einem Gamepad auf Lenkrad und Pedalen mit Force Feedback wechselst. Es ist anstrengender, aber um ein vielfaches intensiver. Mit der Plattform wirst du nicht unbedingt zum besseren Fahrer, aber du hast garantiert mehr Spass dabei – und kommst mehr ins Schwitzen. In Kombination mit VR-Brille wird es noch heftiger. Für das ultimative Setup hätten wir uns ein besseres Lenkrad und einen stabileren Sitz gewünscht.

Zwei Sachen sind verbesserungswürdig. Zum einen die unvollständige Anleitung, die einen relativ einfachen Prozess unnötig in die Länge zieht. Zum anderen das Herumspielen mit den Einstellungen bis die Plattform mit gewissen Spielen funktioniert. Für den stolzen Preis von über 3000 Franken hätte ich etwas mehr Plug‘n’Play erwartet. Wenn die Motion Platform V3 aber läuft und du den nötigen Platz hast, uuuuuu Baby, dann geht es ab.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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