Honigkuchenland für Hobbypiloten: Alpha und Bravo von Honeycomb
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Honigkuchenland für Hobbypiloten: Alpha und Bravo von Honeycomb

Simon Balissat
Zürich, am 28.12.2021

Ein Start-up aus Kalifornien hat mit hochwertigen Steuereinheiten für Flugsimulatoren den Markt aufgemischt. Honeycomb Alpha und Bravo waren im Sommer lange ausverkauft. Ist der Hype gerechtfertigt?

Anflug auf Samedan, leicht zu tief. Etwas mehr Schub für Auftrieb, wobei jetzt der Groundspeed mit 90 Knoten wieder viel zu hoch ist. Shit. Habe ich die Landeklappen draussen? «LANDING GEAR! LANDING GEAR! LANDING GEAR!» meldet sich die Roboterstimme im Cockpit. Zu spät. Crash auf Runway 21. Ich habe den Schalter für das Fahrwerk nicht betätigt. Mein stündiger Flug von Zürich ins Engadin endet im Desaster. Das Fliegen nehmen dir das «Alpha» Steuerhorn und der «Bravo» Schubregler von Honeycomb nicht ab. Das ist nach wie vor höchster Stress. Dank authentischer Steuerung aber auf die bestmögliche Art.

Die zwei Controller ergänzen sich (fast) perfekt. «Alpha» steuert das Flugzeug und die Elektronik und lässt mich im Cockpit umherschauen. «Bravo» sorgt für Schub, den Autopiloten und das Fahrwerk und hat sieben Kippschalter, die ich frei belegen kann. Mein einziges Problem ist, dass ich keine Pedale für das Seitenruder besitze. Honeycomb komplettiert im Frühjahr 2022 das ABC mit den «Charlie» Ruderpedalen. Für meinen Einsatz habe ich das Seitenruder auf einen der zwei horizontalen Schalter auf der rechten Seite des Steuerhorns gelegt. Nicht wirklich praktisch, aber für die Navigation am Boden reicht es.

Die Hardware

Was Honeycomb hier liefert, ist höchste Qualität. Die Gehäuse sind zwar aus Kunststoff, wirken aber solider als alles, was ich bisher an Gamecontrollern testen durfte. Nicht zuletzt, weil die Platte und die Klammern für die Montage am Tisch aus Metall sind. Hier verrutscht nichts und es bricht auch nichts ab. Alternativ lassen sich die Controller auch mit einem gigantischen Saugnapf am Tisch befestigen. Durchdachtes Design zieht sich auch bei den Geräten durch, die sehr solide gebaut sind und sich butterweich steuern lassen.

Der Widerstand der Schubregler lässt sich durch ein Rad auf der rechten Seite festlegen. Damit ist das Problem von zu locker oder zu fest sitzenden Reglern elegant gelöst. Die Kippschalter der beiden Einheiten schalten mit einem befriedigenden «klack» um, der Schalter für das Fahrwerk ebenfalls. Auch die Tasten für den Autopiloten sind sehr befriedigend zu drücken. Weniger toll finde ich die Drehregler für den Autopiloten, die aus Plastik sind, den «Zündschlüssel» und den Regler für die Klappen. Komplett missraten ist das Trimmrad, das sich viel zu leicht drehen lässt und auch softwareseitig unbrauchbar ist, dazu später aber mehr.

Das Setup für Doppelpropeller (l.) und Vierstrahler
Das Setup für Doppelpropeller (l.) und Vierstrahler

Die Konfigurationen

Das «Alpha Flight Yoke» orientiert sich stark an einer Cessna 172 und macht damit wenig falsch. Fest angeschriebene Knöpfe für Batterie, Alternator, Avionics und die verschiedenen Lichter und ein Drehregler als «Zündschlüssel» sind sinnvoll, auch wenn du einen Grossteil davon nach dem Start nie mehr betätigst. «Immersion» ist das englische Zauberwort, das mit «Eintauchen» sinngemäss ins Deutsche übernommen wurde. Vier Knöpfe und ein kleiner Joystick stehen bereit, dazu kommen zwei horizontale und zwei vertikale Buttons, die sich zum Beispiel zur Trimmung eignen.

Funktionsvielfalt am Steuerhorn, hier zum Beispiel die Buttons für die Trimmung
Funktionsvielfalt am Steuerhorn, hier zum Beispiel die Buttons für die Trimmung
Jedes Licht hat einen Schalter
Jedes Licht hat einen Schalter

Natürlich sind aber alle Schalter und Knöpfe frei belegbar. Richtig individuell lässt sich der «Bravo Throttel Quadrant» konfigurieren. Dank verschiedener Aufsätze ist von der einmotorigen Propellermaschine bis zum vierstrahligen Airliner mit Luftbremse und Umkehrschub alles möglich, was das virtuelle Pilotenherz begehrt.

Die Bedienung

Yoke und Schubregler funktionieren nach der Installation der Treiber in einer Grundkonfiguration, wobei die Kippschalter am Schubregler redundant mit den Kippschaltern für die verschiedenen Beleuchtungen am Flugzeug sind. Die solltest du also als Erstes umprogrammieren. In meinem Fall habe ich unter anderem die Parkbremse, die Taschenlampe und den Yaw Damper darauf belegt. Danach musst du für jede Flugzeugart ein eigenes Setup abspeichern, also beispielsweise für Einpropeller, Zweipropeller, Zweistrahler und Vierstrahler. Hier habe ich bemerkt, dass das Trimmrad sehr eigenartig konfiguriert ist, nämlich als Taste und nicht als Achse. Damit ist eines der wichtigsten Werkzeuge im virtuellen Flugzeug unbrauchbar.

Ich dreh am (Trimm-)Rad

Ein kurzer Exkurs zur Funktion des Trimmrads: Das Trimmrad dient dazu, das Flugzeug in der Luft stabil zu halten, damit es nicht ohne mein Zutun steigt oder sinkt. Steigen und Sinken steuerst du im Normalfall nämlich nicht über das Yoke (also das «Lenkrad»), sondern über die Leistung des Motors. Bei mehr Schub steigt das Flugzeug, bei weniger Schub sinkt es. Den Punkt, an dem das Flugzeug weder steigt, noch sinkt sondern einfach geradeaus fliegt, steuerst du in einem echten Flugzeug meistens über das Trimmrad – ein stufenloses Rad, das die Nase nach unten oder nach oben korrigiert. Nun ist beim «Bravo Throttle Quadrant» das Trimmrad als Knopf konfiguriert und nicht als Joystickachse. Das führt dazu, dass bei jedem Drehen mehrfach ein Tastensignal gesendet wird, welches der Flugsimulator nicht richtig versteht. Konkret heisst das: beim Trimmen passiert zunächst gar nichts. Drehe ich fester, trimmt das Flugzeug dann zu stark.

Ich habe diverse Internethacks ausprobiert, die alle nicht zum Erfolg geführt haben. Ich habe aufgegeben und die Trimmung schliesslich auf die Buttons am Yoke belegt. Bei Einproppellermaschinen und Zweistrahler habe ich ausserdem einen der ungebrauchten Schubregler zweckentfremdet und trimme nun so. Nicht ganz realistisch, aber es funktioniert. Ob Honeycomb oder Microsoft eine Softwarelösung für das Problem finden, ist fraglich. Selbst wenn es eine Lösung gäbe, ich würde das Rad dennoch nicht benutzen. Das Rad hat zu viel Spiel und lässt sich zu locker drehen. Damit steht es im krassen Kontrast zur sonst grundsoliden Verarbeitung der restlichen Komponenten.

Das Rad des Anstosses
Das Rad des Anstosses
Der billig wirkende Zündschlüssel am Alpha Yoke
Der billig wirkende Zündschlüssel am Alpha Yoke

Fazit

Der Hype ist gerechtfertigt: Honeycomb hat mit dem «Alpha Yoke» und dem «Beta Throttle Quadrant» abgeliefert. Egal ob Cessna, Learjet oder A320, fast jede Flugzeugart lässt sich reibungslos steuern. Das hat seinen Preis. Wer beide Geräte kauft, muss einen halben Tausender hinblättern. Damit sind die Honeycomb Geräte im oberen Segment, dort aber ausser Konkurrenz in Sachen Vielfalt. Einzige Kritik ist das Trimmrad, das unbrauchbar ist und der Zündschlüssel, der klapprig wirkt. Bisher bin ich mit einem Joystick mit Schubregler geflogen, was vor allem bei Militärflugzeugen seinen Reiz hat. Für zivile Luftfahrt ist Honeycomb dank der vielen authentischen Knöpfe und verschiedenen Konfigurationen die attraktivere Lösung. Die virtuellen Flugzeuge lassen sich viel präziser steuern, Starts und Landungen sind damit ein Kinderspiel, sofern du nicht von A bis Z alles verkackst. Runway 21 in Samedan lässt grüssen. Wer noch in hochwertige Ruderpedale investiert, ist für sämtliche Situationen gerüstet.

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Simon Balissat
Simon Balissat

Editor, Zürich

Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

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