Wie Luxusuhren den Schweizer Anarchismus ins Leben riefen
Hintergrund

Wie Luxusuhren den Schweizer Anarchismus ins Leben riefen

Carolin Teufelberger
Zürich, am 13.04.2021
Teure Uhren stehen für Luxus, Status, Reichtum. Kaum jemand würde sie wohl mit dem Proletariat oder gar Anarchismus in Verbindung bringen. Dabei waren jurassische Uhrmacher zentrale Treiber der herrschaftslosen Ideologie.

Gerade dreht sich in Genf alles um Luxusuhren. An der «Watch and Wonders» – wobei sich mir das mit den Wundern noch nicht ganz erschlossen hat – stellen 38 prestigeträchtige Häuser ihre neuesten Statussymbole vor. Daneben wird in Panels diskutiert und informiert. Es geht um Corona, um neue Materialien und Blockchain. Worum es nicht geht? Anarchismus.

Uhrmachende Anarchisten

Dabei sind zumindest einige Uhrenhersteller ganz eng mit dem Anarchismus in der Schweiz verbunden. Da wäre zum Beispiel Longines mit dem weltweit ältesten eingetragenen Markenzeichen der Welt oder die Marke «TAG Heuer», die dieses Jahr an der Uhrenmesse vertreten ist. Beide wurden im Jura gegründet. Genauer gesagt in St. Imier, das noch heute als Uhrmachergemeinde bekannt ist. Es ist aber auch einer der zentralen Orte der Anarchismusgeschichte, was stark mit der Uhrenindustrie zusammenhängt.

Alles beginnt – wie so oft – zu Zeiten der Industrialisierung und fortschreitender Globalisierung. Oder genauer gesagt, kurz davor. Das kleine Dörfchen St. Imier im Berner Jura wandelt sich vom Landwirtschaftsdorf zum Industriestädtchen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Uhrmacherei in dem Tal. In Heimarbeit und kleinen Werkstätten führten Spezialisten – zum Beispiel Graveure, Régleure oder auch Guillocheure einzelne Arbeitsschritte aus. Dieses Etablissage-System führte zu einer enormen Produktionssteigerung gegenüber dem ganzheitlichen Ansatz im Herstellungsprozess. Wurden im Jahr 1810 in St. Imier noch 130 000 Uhren hergestellt, waren es 1846 schon 264 572 Uhren.

Die Longines-Manufaktur am Schüss-Ufer.
Die Longines-Manufaktur am Schüss-Ufer.

Auch mit dem Einzug der Fabriken ins Tal blieb die Heimarbeit erst einmal wichtiger Bestandteil der Uhrenproduktion. 1866 kaufte Ernest Francillon zwei angrenzende Grundstücke am Ufer des Flusses Schüss, die allgemein als «Les Longines» – die langen Wiesen – bekannt waren. Auf diesen Grundstücken errichtete er ein Jahr später die erste Manufaktur und übernahm die Standortbezeichnung für seine Firma. «Longines» war geboren.

Schlechte Arbeitsbedingungen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt das Tal von St. Imier Anschluss an das globale Transport- und Kommunikationsnetz. Erfindungen wie die Rotationspresse, die Eisenbahn oder der Telegraf beschleunigten diese Entwicklung. Die Produktion wurde mechanisiert und die Arbeit in den Fabriken immer mehr zentralisiert. Doch mit diesen Innovationen und der fortschreitenden Industrialisierung verschlechterten sich weltweit die Arbeitsbedingungen. Lange Tage, tiefe Löhne, Kinderarbeit, Willkür des Arbeitgebers. Der erste «Black Friday», ein ökonomischer Unglückstag, verschlimmerte die Lage 1866 noch weiter. Der Bankrott der Londoner Diskontbank Overend, Gurney and Co. führte zu einer weltweiten Finanzkrise, die auch in St. Imier zu Konkursen, Arbeitslosigkeit und einer daraus resultierenden Armut führten.

Die durch die Industrialisierung herbeigeführte Globalisierung führte aber auch dazu, dass sich Ideologien besser verbreiteten und sich Gleichdenkende aus der ganzen Welt zusammenschliessen konnten. So geschah es, dass zeitgleich mit dem Start der Longines-Manufaktur in St. Imier und in Sonvilier die ersten Sektionen der Internationalen Arbeiterbewegung (IAA) gegründet wurden. Die Bewegung hatte die Vereinigung und die Emanzipation der Arbeiterschaft zum Ziel und kann als frühe Art einer Gewerkschaft betrachtet werden. In den jurassischen Sektionen verbanden sich vor allem Arbeiter der Uhrenbranche mit antiautoritären Ideen, die etwas gegen ihre missliche Lage unternehmen wollten.

Marxismus gegen Anarchismus

Diese antiautoritären Tendenzen der jurassischen Sektionen waren aber keinesfalls unbestritten innerhalb der IAA. Die Sektionen und Mitglieder hatten ganz unterschiedliche sozialistische Ideologien. War lange der Mutualismus, also die gegenseitige ökonomische Unterstützung der Arbeiter, tonangebend, wurde 1869 der von Michail Bakunin geprägte kollektivistische Anarchismus zur stärksten Strömung. Er glaubte an eine herrschaftslose Ordnung und eine direkte Abschaffung des Staats und setzte sich dafür weltweit durch revolutionäre Aufstände ein. Karl Marx und Friedrich Engels, die Verfasser des «Kommunistischen Manifests» und führende Mitglieder der IAA verstanden diese Erstarkung als persönlichen Affront. Sie wollten ein «Diktat der Arbeiterklasse» und glaubten, dass die Arbeiter erst die Staatsmacht übernehmen mussten, bevor sich eine klassenlose Gesellschaft bilden konnte. So setzten sie an der Konferenz von London 1871 mehrere Beschlüsse durch, die sich gegen die anti-autoritären Strömungen stellten.

Michail Alexandrowitsch Bakunin, russischer Anarchist.
Michail Alexandrowitsch Bakunin, russischer Anarchist.

Als die jurassischen Sektionen davon Wind bekamen, beriefen sie einen Kongress in Sonvilier ein und beschlossen, die Juraföderation zu gründen, die vor allem aus Uhrenarbeitern in der Westschweiz bestand. Die neuen Statuten wurden von James Guillaume, Sohn eines Uhrenhändlers und Herausgeber der ersten Schweizer anarchistischen Zeitung, verfasst. Die Gründung brachte den heute als Leitspruch des anarchistischen Gedankenguts geltenden Satz hervor: «Die Zerstörung jeglicher politischer Macht ist die oberste Aufgabe des Proletariats.»

Im «Hôtel de la Balance» in Sonvilier wurde die Juraföderation gegründet.
Im «Hôtel de la Balance» in Sonvilier wurde die Juraföderation gegründet.

Diese ideologischen Unstimmigkeiten innerhalb der Arbeiterassoziation gipfelten im Streit zwischen Karl Marx und Michail Bakunin am Kongress von Den Haag 1872. Er endete damit, dass Bakunin und Guillaume aus der IAA geworfen wurden und ihre Energie danach in die Juraföderation steckten, wo sie mit ihren anarchistischen Ideen willkommen waren. Auch andere Teilnehmer des Kongresses von Den Haag reisten nach St. Imier, wo sie gemeinsam einen Gegenkongress veranstalteten. An diesem wurde die «Antiautoritäre Internationale» gegründet, in der sich alle antiautoritär denkenden Sektionen über Landesgrenzen hinweg zusammenschlossen. Jahrelang blieb der Jura das Zentrum der Anarchie.

Selbstverwaltung aller Lebensbereiche

Die Juraföderation arbeitete daran, einen Gegenentwurf zu allem Bürgerlichen zu gestalten. Sie riefen eine anarchistische Konsumgenossenschaft, eine Produktionsgenossenschaft und sogar eine eigene Krankenkasse ins Leben, in der schon Frauen ein Stimmrecht besassen. Schon Ende 1873 zog sich der geistige Ziehvater der Bewegung, Bakunin, schwer krank aus der anarchistischen Bewegung zurück und verliess die Juraföderation im Glauben, nichts mehr für sie tun zu können. 1878 siedelte James Guillaume nach Paris über und auch andere aktive Mitglieder zogen weg. Das unter anderem wegen der zweiten grossen Wirtschaftskrise, die 1873 mit dem Wiener Börsenkrach ihren Anfang nahm. Ausgelöst wurde sie vor allem durch eine Überproduktion der Industrie und Spekulationen mit den neu aufgekommenen Aktien. In ganz Europa emigrierten Menschen auf der Suche nach Arbeit.

Zurück zum Sozialismus

Aber nicht nur die Rahmenbedingungen, auch die Ausrichtung der Juraföderation änderte sich. Am Kongress in Bern 1876 wurde eine neue anarchistische Strategie ins Leben gerufen: die Propaganda der Tat. Durch Attentate und Aufstände sollten anarchistische Ideen und Forderungen verbreitet werden. Die neue gewaltbilligende Ausrichtung entsprach den jurassischen Uhrmachern nicht mehr. 1880 hielt die Juraföderation ihren letzten Kongress in Belgien ab und verschwand danach. Im selben Jahr wurde die Sozialdemokratische Partei, die Vorgängerin der heutigen SP, gegründet und erhielt rasch Zuwachs im Jura.

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Besser ging es den Uhrmachern nach dem Ende der Juraföderation nicht. In den USA wurde es durch Standardisierung von Einzelteilen Mitte des 19. Jahrhunderts möglich, Uhren in Serie zu produzieren, was deren Preise in die Tiefe trieb. Die Handarbeit in der Schweiz war nicht mehr konkurrenzfähig, die Uhrenindustrie ging beinahe zugrunde. Der eingeschlagene Weg hin zur maschinellen Produktion wurde weiter beschleunigt. Die Massenproduktion hielt Einzug im Jura und mit ihr Hunderte ungelernte Arbeiter und auch Arbeiterinnen. Denn diese waren mit weniger Lohn zufrieden als ihre männliche Kollegen. Die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich zunehmends. Zwischen 1884 und 1914 organisierten die Uhrenarbeiter 193 Streiks, um für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Die «Watch and Wonders» geht heute zu Ende, nach zehn Tagen Klotzen. Auch wenn dort nichts mehr von den anarchistischen und sozialistischen Anfängen der Uhrenindustrie zu spüren ist, sind sie es in St. Imier sehr wohl. Unweit der noch immer am Schüss-Ufer liegenden Longines-Fabrik befindet sich das 1984 gegründete Kulturzentrum «Espace Noir», das noch heute zu Teilen das anarchistische Gedankengut der Uhrmacher vertritt.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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