Was der Experte von Massagepistolen hält
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Was der Experte von Massagepistolen hält

Michael Restin
Zürich, am 25.02.2020
Bilder: Thomas Kunz
Sie haben Power, sehen professionell aus und sind längst nicht mehr nur bei Physiotherapeuten im Einsatz. «Massage Guns» erobern den Massenmarkt. Physiotherapie-Dozent Prof. Dr. Slavko Rogan spricht im Interview über Vorteile, Risiken und leere Versprechen.

Die Geräte brummen. Das Geschäft auch. Massagepistolen wie die Theragun («this is massage reinvented») oder der Hypervolt («built to reinvent the massage experience») kommen so gut an, dass etliche Hersteller ähnliche Modelle auf den Markt gebracht haben. Auch bei uns wird die Auswahl immer grösser. Die schlagbohrerartigen Dinger versprechen eine «ultimative Tiefenmassage» und allerlei positive Effekte. Echte Wunderwaffen also? Wer sich ein bisschen durchs Netz googelt oder Social-Media-Kanäle durchstöbert, könnte das glauben. Der Experte ordnet die Geräte differenzierter ein.

Was halten sie grundsätzlich von «Massage Guns»?
Prof. Dr. Slavko Rogan, Dozent im Fachbereich Physiotherapie an der Berner Fachhochschule Gesundheit:
Da muss ich zunächst etwas ausholen. In der Physiotherapie und im Bereich der Massage hat man schon immer mit Hilfsmitteln gearbeitet. Zum Beispiel mit dem Deuserstäbchen. Das ist ein Holz- oder Metallstab, mit dem man auch tiefere Punkte in der Muskulatur behandeln kann. Im Endeffekt ist so eine Massagepistole eine Weiterentwicklung des Deuserstabes. In den richtigen Händen ist das ein gutes Mittel. Man behandelt, findet einen Punkt und geht etwas tiefer. Das Prinzip ist also nichts Neues.

Die Geräte sind ziemlich kraftvoll und kommen auf bis zu 46 Schläge pro Sekunde. Was bewirkt eine Perkussionsmassage mit so hoher Frequenz?
Der Vorteil so eines Geräts ist, dass ich tiefer in die Muskulatur komme und nicht so viel Kraft brauche. Es werden sehr viele Reize auf die Muskulatur und das Gewebe gesetzt, damit die Muskulatur nachlassen kann oder wieder eine gewisse Spannung erhält. Das sind die Erfahrungswerte. Wissenschaftlich gibt es zur Wirksamkeit keine Erkenntnisse.

Die Liste der positiven Wirkungen, mit denen geworben wird, ist lang: Unter anderem sollen Muskelkater und Muskelsteifheit gelindert, die Regenerationszeit verkürzt, der Bewegungsumfang verbessert und der Heilungsprozess nach Muskelverletzungen beschleunigt werden.
Mit all den Versprechungen wollen die Hersteller einfach ihre Geräte verkaufen. Ich sehe ihren Hauptnutzen darin, Spannungen etwas zu lösen und die Durchblutung im entsprechenden Gebiet zu fördern. Bei Rückenschmerzen kann es zum Beispiel sein, dass bestimmte Muskeln eine sehr harte und schmerzhafte Spannung haben.

Welche Körperpartien sollte man nicht damit bearbeiten?
Im Bauch- und Kopfbereich sollte man Massagepistolen nicht einsetzen und an der Kniekehle ebenfalls vorsichtig sein. Wer eine kaufen will, sollte auf jeden Fall mit einem Physiotherapeuten Rücksprache halten. Der kann einem die Handhabung und Einsatzbereiche erklären.

Neben Modellen mit starrem Pistolengriff gibt es Geräte mit schwenkbarem Arm.
Neben Modellen mit starrem Pistolengriff gibt es Geräte mit schwenkbarem Arm.

Für die Geräte gibt es verschiedene Aufsätze. Bälle und tellerförmige für die grossflächige Behandlung sowie Gabeln und fingerähnliche, die sehr punktuell massieren. Was gibt es bei der Auswahl zu beachten?
Das ist vom Standpunkt des Therapeuten und seiner Herangehensweise abhängig. Ich würde kleinflächige Aufsätze benutzen, da ich gerne die Triggerpunkte finde und spezifisch behandle. Andere Kollegen sagen: Nein, man muss zuerst grossflächig aussenrum behandeln.

Die Geräte werden nicht nur von therapeutisch geschulten Personen benutzt.
Ein Physiotherapeut kann einen Laien anleiten, ihm eine Muskelkarte mitgeben und sagen: da sollst du therapieren, da nicht. Auf der Sehnenplatte an der Oberschenkelaussenseite gibt es zum Beispiel Punkte, die man sehr gut zeigen und gezielt bearbeiten kann.

Wie lange sollte man maximal auf einer Stelle bleiben? Der Hersteller Compex schreibt beispielsweise: nicht länger als 1 Minute.
Das ist von der Situation abhängig. Wenn ich einen Punkt behandle, merke ich irgendwann, dass sich die Verspannung löst und es besser wird. Ab diesem Moment kann man noch ein paar Sekunden weitermachen und sollte dann aufhören. Falls der Schmerz bei der Behandlung stärker wird, sollte man auf keinen Fall weitermachen.

Nach Faszienrollen und Rollen mit Vibrationskern sind die «Massage Guns» das nächste grosse Ding. Können Sie nachvollziehen, dass die Geräte so im Trend liegen?
Ich kann das nachvollziehen. Es sind Mittel, die man in der Therapie sehr gut nutzen kann und für fachgerecht angewiesene Laien stellen sie sicherlich eine Unterstützung dar. Aber sie ersetzen nicht die Therapie. Sie sind nur ein Zusatz. Viele Leute springen auf solche «Neuheiten» auf, dabei ist das Prinzip nichts Neues. Deshalb muss man das Ganze auch kritisch sehen.

Nur zu. Was wäre Ihre Kritik?
Ich habe im Bereich der Ganzkörpervibration geforscht. Da wird viel angepriesen, die Geräte sind teuer und können nicht leisten, was die Hersteller versprechen. Das ist bei den Massagepistolen genauso. Wenn die Hersteller etwas seriöser wären und einfach nur sagen würden, man kann sie zur Schmerzlinderung bei Muskelverspannungen einsetzen und die Durchblutung in dieser Region verbessern – das wäre für mich ehrlich.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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