
Kritik
«A Knight of the Seven Kingdoms»: Wo ein Ritter noch träumen darf
von Luca Fontana

Eine einzige Schicht. In Echtzeit. «The Pitt» erzählt fünfzehn Stunden Notaufnahme am Stück – und macht daraus keine Spannungs-Spielerei, sondern eine Serie, die näher an die Realität rückt, als einem lieb ist.
Keine Sorge: Die folgende Serienkritik der ersten Staffel enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «The Pitt» läuft auf HBO Max.
Das ist sie also. Die Notaufnahme des Pittsburgh Trauma Medical Centers. Oder wie sie auch genannt wird: The Pitt – die Grube. Hier scheint Zeit eine andere Bedeutung zu haben. Monitore piepen unentwegt, Stimmen überlagern sich, Schritte hasten durch Gänge, die zu eng wirken für all das, was hier jeden Tag passiert. Menschen kommen herein mit Angst im Blick, mit Schmerzen, mit Hoffnung – und manchmal mit nichts davon mehr.
Genau da setzt «The Pitt» an. Die HBO-Serie nimmt dich an die Hand und führt dich mitten ins Chaos. Nicht für einen Moment oder für einen einzelnen Fall. Sondern für eine ganze Schicht. Fünfzehn Stunden lang.
In Echtzeit.
Aber von vorn: Über «The Pitt» wird seit Monaten gesprochen. In den USA gar als eine der besten neuen Serien überhaupt. Kein Wunder, Kritikerinnen und Kritiker überschütten sie mit Lob und rücken sie schon jetzt in die Nähe von Klassikern wie «Emergency Room» oder die frühen Staffeln von «Grey’s Anatomy».
Auch ihr habt in unserem Blogbeitrag zu den Lieblings-Serien der Redaktion darauf aufmerksam gemacht, obwohl «The Pitt» hierzulande gar nicht offiziell streambar war – trotz HBO-Deal mit Sky Show. Erst mit dem Start von HBO Max in der Schweiz ist die potenzielle Kult-Serie nun endlich auch bei uns angekommen, und die zweite Staffel läuft seit gerade mal zwei Wochen im Wochenrhythmus.
Worum geht es also? Im Zentrum steht Dr. Michael «Robby» Robinavitch, gespielt von Noah Wyle. Ja, derselbe Noah Wyle, den viele noch aus «Emergency Room» kennen. Doch wer hier auf Nostalgie hofft, wird schnell eines Besseren belehrt. Robby ist kein idealistischer Serienarzt, kein emotionaler Fixpunkt mit moralischer Überlegenheit. Er ist müde. Abgekämpft. Und vor allem gezeichnet von den Spuren, die die Covid-Pandemie in der Notaufnahme hinterlassen hat.
Aber Robby ist der Chef und der erfahrenste Arzt im Team. Von ihm wird erwartet, dass er funktioniert. Dass er Entscheidungen trifft, Verantwortung trägt und Ruhe ausstrahlt – auch dann, wenn ihm selbst längst die Kraft dazu fehlt. Zusammenbrechen ist keine Option. Nicht in dieser Notaufnahme. Nicht in dieser Schicht.
Der grosse Clou von «The Pitt» ist ja ihr radikales Konzept – irgendwo zwischen «24», «Emergency Room» und der nervlichen Daueranspannung von «The Bear». Die Serie erzählt nämlich von einer einzigen, fünfzehnstündigen Schicht in der Notaufnahme des fiktiven Pittsburgh Trauma Medical Centers. Fünfzehn Episoden in fünfzehn Stunden, von Schichtbeginn um 8 Uhr morgens bis Schichtende um 23 Uhr.

Das bedeutet: Es gibt kein Abkürzen und auch kein dramaturgisches Weglassen. Wir begleiten Ärztinnen, Pfleger und Assistenzen durch einen Arbeitstag, der sich auf dem schmalen Grat zwischen Routine und Kontrollverlust bewegt. Von Verkehrsunfällen über Schussverletzungen bis hin zu fast abgetrennten Beinen und psychischen Krisen. Manche Fälle lassen sich in den Griff kriegen. Andere nicht. Aber alles prasselt gleichzeitig auf dieses Team ein.
Ohne Verschnaufpause.
Genau hier unterscheidet sich «The Pitt» von klassischen Spitalserien. Es geht nicht um den spektakulärsten Fall der Woche oder ums medizinische Rätsel mit sauberem Abschluss. Es geht um Alltag unter Hochdruck. Um Entscheidungen, die im Vorbeigehen getroffen werden müssen. Um überfüllte Gänge, zu wenig Personal, zu viele Patientinnen. Und um ein System, das dauerhaft am Anschlag läuft.
«The Pitt» zeigt uns all das nicht nur, sondern zwingt uns regelrecht, auszuhalten, wie sich fünfzehn Stunden Wahnsinn am Stück anfühlen, wenn es keine Pausen gibt.
Was «The Pitt» ebenfalls besonders macht: Die Serie interessiert sich nicht nur für die Oberärztin oder den Arzt im Zentrum, sondern für das gesamte Gefüge um ihn herum. Pflegepersonal, Assistenzärztinnen, Medizinstudenten, Routiniers, Neulinge. Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben und sehr unterschiedlichem Handlungsspielraum. Nicht jede Entscheidung wird hier von oben getroffen.
Und nicht jeder Fehler lässt sich korrigieren.

Gerade die Pflege ist in dieser Serie kein Hintergrundrauschen. Sie ist Motor, Pufferzone und Frühwarnsystem in einem. Schliesslich sind es auch in der Realität oft die Pflegerinnen und Pfleger, die als Erste merken, wenn etwas kippt. «The Pitt» gibt ihnen den wohlverdienten Raum. Sie sind kompetent, genervt, erschöpft und manchmal auch zynisch. Vor allem aber unverzichtbar.
«Die Welt hat sich verändert. Die Menschen sind wütender, die Zündschnüre kürzer – und wir versuchen immer noch, einfach zu helfen», heisst es da.
Auch die Assistenzärzte, die die Feuertaufe ihres Lebens erfahren, stehen ständig unter Strom. Lernen passiert hier nicht im geschützten Rahmen, sondern unter Echtbedingungen, während die nächste Patientin schon wartet. Fehler bleiben da nicht theoretisch, sie haben unmittelbare Konsequenzen. Die Serie macht daraus kein Lehrstück. Sie zeigt allerdings, wie dünn die Linie zwischen Wachstum und Überforderung ist.

Was über allem schwebt, ohne je explizit ausgesprochen zu werden, ist der Nachhall der Pandemie. «The Pitt» ist keine Post-Covid-Serie, nein, aber sie ist unübersehbar von der Viruswelle gezeichnet. Denn sie fragt nicht nur, was die Kranken, sondern vor allem, was das Personal dafür bezahlt hat – und wie lange sich dieser Preis noch tragen lässt.
Genau deshalb fühlt sich «The Pitt» nie wie eine Wohlfühlserie an. Die Serie bietet keinen sicheren Raum, in dem medizinische Probleme sauber gelöst und emotional aufgefangen werden. Es gibt kaum dramaturgische Erleichterungen, kaum Feel-Good-Szenen. Stattdessen bleibt alles roh, unaufgeräumt und manchmal unangenehm nah.

Ja, auch das unterscheidet «The Pitt» von klassischen Spitalserien früherer Jahrzehnte. Wie gesagt: Es sind nicht die grossen Momente, die die Serie ausmachen, sondern die Summe der kleinen. Das ist es, was am meisten zermürbt.
Das Paradoxe: «The Pitt» hinterlässt zwar kein gutes Gefühl. Aber genau darum begeistert mich die Serie. Es gibt nicht immer ein Happy End, hinter dem ich mich bequem verstecken könnte. Stattdessen zwingt sie mich, diese eine Schicht mitzugehen – Schritt für Schritt, Stunde für Stunde und mit allem, was passiert, in Echtzeit.
Am Anfang wirkt vieles noch kontrollierbar. Die Abläufe sitzen, die Entscheidungen fallen routiniert. Doch je länger der Tag dauert, desto stärker zehren die Stunden und ständigen Tiefschläge an allen Beteiligten. Die Ärztinnen und Pfleger werden müder, gereizter, erschöpfter. Und irgendwann merke ich: Das geht mir genauso. Als Zuschauer. Die Serie lässt diese Erschöpfung nicht nur sehen, sie überträgt sie.
Wenn am Ende also etwas schmerzt, dann das Wissen, dass diese fünfzehn Stunden für mich wie ein Ausnahmezustand wirken, für die Menschen dort aber nichts Besonderes sind. Ja, nicht einmal aussergewöhnlich.
Sie sind Alltag.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
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