Hintergrund

Warum der Kaffeepreis gestiegen ist und was Vicafe dagegen macht

Simon Balissat
29.11.2022

Die ersten Schlagzeilen gab es schon vor Monaten: Die tägliche Tasse Kaffee wird teurer. Der Grund: gestiegene Rohstoffpreise am Weltmarkt. Vor allem Hersteller billiger Kaffees mussten die Preise erhöhen. Wie Spekulanten, Wetter und Qualität der Bohnen den Kaffeepreis bestimmen. Ein Hintergrund.

«Migros und Coop erhöhen die Kaffeepreise», so berichtete SRF im Januar. Begründet wurde der Preisanstieg mit schlechtem Wetter in Brasilien. Weniger Angebot auf dem Markt bedeutet steigende Preise. Weil das südamerikanische Land das grösste Anbaugebiet für Kaffee ist, hat das Wetter dort entscheidenden Einfluss auf den weltweiten Kaffeepreis.

Das komplexe System um den Kaffeepreis

Hustet Brasilien, ist die Kaffeewelt krank? So einfach lässt sich das dann aber doch nicht erklären. Ich will der Sache auf den Grund gehen. Als Kaffee-Snob zahle ich nicht selten 80 Franken für ein Kilo Kaffee bei kleinen Röstereien (Kommentare, dass ich wahnsinnig bin, können unten abgegeben werden). Dort habe ich auch die Sicherheit, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde. Die meisten Röster kennen den Ursprung ihres Rohkaffees fast auf die Hektare genau. Ganz anders sieht das im Grosshandel aus, wo Kaffee eine Handelsware ist, wie Gold, Kupfer oder Zink.

Pascal Herzog klingt, wenn es um den Kaffeepreis geht, wie ein Banker. Spricht er vom Produkt Kaffee, fühlt man im Gespräch die Leidenschaft eines Barista. Ich treffe Pascal im stylisch eingerichteten Sitzungszimmer von Vicafe in Zürich, es fallen Begriffe wie «Fundamentals», «Futures» und «Arabica Kaffee». Er hat in St. Gallen Wirtschaft studiert und ist dann in den internationalen Kaffeehandel eingestiegen, woher der Bankerjargon stammt. Heute ist er Geschäftsleitungsmitglied bei Vicafe und dort auch für den Einkauf zuständig. «Das Wetter in Brasilien ist sicherlich entscheidend für den Preis von Arabica Kaffee. Genauso entscheidend sind aber auch Wirtschaftslage und Währung», sagt Herzog.

All diese externen Einflüsse bestimmen den weltweiten Börsenkurs für Kaffee der Sorte Arabica und – davon abgeleitet – Preise für verschiedene Qualitäten. Die sind vor allem für Grossimporteure, Nahrungsmittelmultis und Spekulanten interessant. Dort spielt der Weltmarkt, faire Löhne und nachhaltige Landwirtschaft sind kein Kriterium. Dazu zählen auch die im SRF Beitrag erwähnten Detailhändler, die ihren Kaffee so günstig anbieten, dass sie Preisschwankungen nicht abdämpfen können. Die Rechnung ist einfach: Kostet der Rohkaffee im Einkauf fast so viel wie das Endprodukt, bleibt am Schluss nichts mehr übrig, wie es bei den Massenanbietern von Kaffee passieren kann. Und dass die Produzenten überhaupt noch am Kaffee verdient haben, ist nicht garantiert.

Pascal Herzog und Ramon Schalch (2. und 3. v.L.) auf der Ciumenene Farm in Kenya.
Pascal Herzog und Ramon Schalch (2. und 3. v.L.) auf der Ciumenene Farm in Kenya.
Foto: ViCafe

Wenn Oscar den Preis bestimmt

Labels wie «Max Havelaar» geben den Konsumentinnen und Konsumenten eine gewisse Sicherheit, dass im Einkauf ein fairer Preis gezahlt wurde, wovon die Kaffeebauern profitieren, weil sie mehr Geld bekommen als ohne das Label. Noch fairer ist der Ansatz von Vicafe und anderen Kleinröstereien, welche direkt von der Plantage kaufen.

«Für Vicafe spielt der Börsenpreis fast keine Rolle», erklärt Pascal Herzog. Er macht die Geschäfte noch so, wie sie früher einmal liefen. «Wir gehen zu den Bauern und Bäuerinnen und fragen, welchen Preis sie für den Grünkaffee haben müssen. Dann gehen wir zu den Exporteuren und fragen das gleiche und so weiter. Der Bauer sagt zum Beispiel, er braucht 3 Dollar pro Pfund, der Exporteur 20 Cent und dann der Importeur noch einmal 20 Cent, so kommen wir auf den finalen Preis für den grünen, unverarbeiteten Kaffee, den wir dann rösten, verpacken und vermarkten.» Ein Preis, der in jedem Fall höher ist als der Börsenpreis. «Das nennt man einen Outright Preis. Wir kaufen den Kaffee nicht an der Börse oder über Auktionen, so wie das die grossen Händler machen.»

Trotzdem spielt auch beim Direktkontakt der Börsenpreis eine Rolle, gibt Pascal Herzog zu bedenken. «Wenn plötzlich alle kolumbianischen Kaffees immer teurer werden, dann verlangt unser Kaffeebauer Oscar in Kolumbien natürlich auch von uns mehr Geld. Zahlen wir das nicht, sucht er sich halt andere Partner, die den normalen kolumbianischen Preis zahlen.»

Vicafe musste den Preis ihrer Kaffees auch erhöhen. Dazu habe man ein unkonventionelles Modell gewählt, erklärt Pascal Herzog. «Wir machen das nicht nach Prozent der Marge, sondern über eine fixe Marge. Das heisst, statt eine Prozent-Marge, nehmen wir einen fixen Frankenbetrag pro Kilo. Damit verdienen wir nicht an steigenden Grünkaffeepreisen und für die Kundinnen und Kunden steigt der Preis weniger stark.» Im Video erklärt Pascal die Strategie gleich selbst.

Fairplay mit Risiko

Grund für den Preisanstieg sind auch die Verträge, die Vicafe mit den Partnerinnen und Partnern macht. Das sind keine längerfristigen Verträge, sondern Zusicherungen per Handschlag. Schlussendlich kann Vicafe so mittelfristig gut kalkulieren, da der ausgehandelte Preis für ein Jahr oder länger gilt. So erhalten die Bauern und Bäuerinnen das, was sie an Betriebskosten haben. Das sind faire Löhne, Miete, Unterhalt für Geräte und Farm. Schwankt der aktuelle Börsenpreis, ist das weniger schlimm, da die Betriebskosten gedeckt sind.

Das tönt nach einer Win-Win-Situation ohne Risiken. Zu schön, um wahr zu sein? Pascal lacht: «Natürlich gibt es Risiken bei unserem Geschäftsmodell. Wenn eine Ernte ausfällt, durch Umwelteinflüsse wie Krankheiten oder Wetter, dann haben wir kaum Zeit, um Alternativen zu suchen. Im Grosshandel spielt es keine Rolle, ob einer deiner tausend Lieferanten mal eine schlechte Ernte hat. Bei uns ist das substanziell.» Zum Glück passiere das selten und man könne für die beliebte Hausmischung im Fall der Fälle ein halbes Jahr überbrücken mit dem Grünkaffee, der an Lager ist. Bei Spezialitätenkaffee werde es schwieriger, da könnte unter Umständen das Lager nach ein paar Wochen leer sein.

Nachhaltigkeit, zu Ende gedacht

Wir haben vom Sitzungszimmer ins Lager gewechselt. In einer alten SBB-Werkstätte stapelt sich der Rohkaffee säckeweise, in einer Ecke brummt die Röstmaschine. «Nachhaltigkeit hört bei uns nicht bei der Bohne auf», sagt Vicafe Geschäftsführer Ramon Schalch und zeigt mir einen kleinen Kaffeesack von 30 Kilo. «Das ist ein Pilotprojekt in Tansania, wir stellen dort von 60-Kilo-Säcken auf 30-Kilo-Säcke um. Das entlastet die Spedition, da die Leute nur noch halb so schwer tragen müssen», erklärt Schalch. «Zudem wird alles lokal hergestellt, statt aus Übersee importiert. Sogar für die Aromaschutz-Säcke aus Kunststoff im Innern der Sisalsäcke haben wir eine lokale Lösung gefunden bei einer Fabrik, die sonst Moskitonetze herstellt.»

Aromaschutz-Sack, Made in Tansania
Aromaschutz-Sack, Made in Tansania
Foto: Simon Balissat

So unterstützt Vicafe das lokale Gewerbe, über die Kaffeebauern hinaus. «Da dürfen wir glaube ich sagen: So konsequent machen das nur ganz wenige Röstereien», fügt Pascal Herzog an. Vom Banker ist jetzt keine Spur mehr da, es spricht nur noch der Kaffeeliebhaber mit Herz für die Menschen auf den Kaffeeplantagen.

"Titelfoto: Simon Balissat"

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Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell. 


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