Marvel Television
Meinung

«VisionQuest»: Wie gut ist diese Serie denn bitte?!

Luca Fontana
23.10.2026

Eine künstliche Intelligenz auf der Suche nach ihrer Menschlichkeit. «VisionQuest» knüpft dort an, wo «WandaVision» aufgehört hat – und stellt schon in der ersten Folge überraschend tiefgründige Fragen über Identität, Erinnerung und Liebe.

Diese Serienkritik ist spoilerfrei zu «VisionQuest», nicht aber zu «Infinity War», «WandaVision» und «Agatha All Along». «VisionQuest» läuft seit dem 14. Oktober auf Disney+, mit zwei neuen Folgen pro Woche.

Da sitzt er also. Alleine in einem kleinen Kinosaal, irgendwo in seinem eigenen Bewusstsein. Vor ihm flimmern Erinnerungen über die Leinwand. An eine Frau, die er einst liebte. An ein Leben, das er einst führte. An einen Mann, der er einmal gewesen sein soll. Immer und immer wieder lässt Vision dieselben Szenen abspielen, als könnte er darin etwas entdecken, das ihm bisher entgangen ist.

Dabei kennt er die Aufnahmen längst. Jedes Bild. Jedes Wort. Jede noch so kleine Einzelheit. Schliesslich ist er eine künstliche Intelligenz, die sich alles merken und binnen Sekundenbruchteilen analysieren kann. Warum also schaut er sich diese Erinnerungen immer wieder an?

Wie oft Vision seine Erinnerungen auch abspielt: Er kennt zwar jedes Bild und jedes Wort, aber die Gefühle dahinter bleiben ihm fremd.
Wie oft Vision seine Erinnerungen auch abspielt: Er kennt zwar jedes Bild und jedes Wort, aber die Gefühle dahinter bleiben ihm fremd.
Quelle: Marvel Television

«Er kennt die Fakten», erklärt eine andere KI. «Aber er versucht, die Menschlichkeit darin zu verstehen.»

Und damit, finde ich, ist der Kern von «VisionQuest» schon wunderbar auf den Punkt gebracht. Denn Marvels neue Serie erzählt nicht einfach von einem Superhelden, der seine Vergangenheit verloren hat. Sondern von einem künstlichen Wesen, das zwar die Erinnerungen eines anderen besitzt, aber erst noch herausfinden muss, ob diese Erinnerungen überhaupt etwas mit ihm selbst zu tun haben.

Ein Körper, zwei Leben – und eine komplizierte Familiengeschichte

Um zu verstehen, weshalb Vision überhaupt vor diesem Filmprojektor sitzt, müssen wir etwas zurückspulen. Genauer gesagt ins Jahr 2015, als in «Avengers: Age of Ultron» ein künstliches Wesen entstand, dessen Körper ursprünglich vom grössenwahnsinnigen Ultron als perfekte Hülle für sich selbst vorgesehen war.

Daraus wurde bekanntlich nichts. Stattdessen erwachte Vision zum Leben, mit dem Mind Stone in seiner Stirn, den Überresten von Tony Starks KI J.A.R.V.I.S. in seinem Bewusstsein und den moralischen Vorstellungen jener Menschen, die ihn erschaffen hatten. Vision wurde ein Avenger. Lernte, eigene Entscheidungen zu treffen. Entwickelte Gefühle und verliebte sich schliesslich in Wanda Maximoff, die Scarlet Witch.

Bis Thanos ihm in «Avengers: Infinity War» den Mind Stone aus der Stirn riss und ihn tötete.

Wanda wiederum konnte diesen Verlust nicht überwinden. In «WandaVision» erschuf sie mithilfe ihrer Magie eine alternative Realität rund um das amerikanische Städtchen Westview, in der ihr geliebter Vision wieder lebte. Die beiden gründeten sogar eine Familie und bekamen zwei Söhne, Billy und Tommy. Nur existierten diese Versionen ausschliesslich innerhalb des sogenannten Hex, jenes magischen Einflussbereichs, mit dem Wanda Westview gefangen hielt.

Als sie den Hex schliesslich auflöste, verschwanden auch ihre Familie und ihr künstlich erschaffenes Leben. Allerdings hatte die Regierungsorganisation S.W.O.R.D. inzwischen den ursprünglichen, toten Körper Visions geborgen und wieder zum Leben erweckt. Ohne dessen ursprüngliche Persönlichkeit, aber mit der Fähigkeit, dessen Erinnerungen abzurufen. Das Ergebnis war ein vollständig weisser Vision, der nach einer Begegnung mit seinem magisch erschaffenen Gegenstück am Ende von «WandaVision» spurlos verschwand.

Bis jetzt.

Ein Haus voller künstlicher Intelligenzen

«VisionQuest» greift diesen Handlungsfaden auf und macht daraus etwas, das mich bereits in den ersten Minuten begeistert: eine Charakterstudie über ein Wesen, das verzweifelt versucht, seine eigene Identität zu verstehen.

Vision hat dafür in seinem Bewusstsein eine virtuelle Welt erschaffen. Ein Haus, in dem verschiedene künstliche Intelligenzen zusammenleben, die alle auf ihre Weise zu seiner Entwicklung beitragen sollen. Da sind etwa J.A.R.V.I.S., Tony Starks ehemaliger digitaler Assistent, und F.R.I.D.A.Y., seine Nachfolgerin. Dazu kommen E.D.I.T.H., die KI aus Starks technologisch aufgerüsteter Brille, und sogar die beiden Greifarmroboter aus seiner Werkstatt, die wir schon aus dem allerersten «Iron Man» kennen.

Willkommen in Visions Bewusstsein: Das Haus ist eine virtuelle Gedankenwelt, in der er versucht, aus den Erinnerungen seines früheren Ichs eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Willkommen in Visions Bewusstsein: Das Haus ist eine virtuelle Gedankenwelt, in der er versucht, aus den Erinnerungen seines früheren Ichs eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Quelle: Marvel Television

Alle besitzen ihre eigenen Persönlichkeiten, Aufgaben und Eigenheiten. Dabei erscheinen sie ausschliesslich als Menschen, weil Vision in seinem virtuellen Zuhause keine anderen Avatare erlaubt. Schliesslich versucht er, Menschlichkeit zu verstehen. Da wären blecherne Roboter und körperlose Computerstimmen vermutlich wenig hilfreich.

Das klingt zunächst wie ein nerdiger Vorwand, um längst vergessene Figuren aus dem MCU zurückzubringen. Zugegeben: Als Marvel-Fan macht es mir einen Heidenspass, diese alten Bekannten wiederzusehen. Doch dahinter steckt mehr. Viel mehr.

Das Haus ist nicht bloss eine digitale Spielerei. Es ist eine Metapher für Visions Bewusstsein, in dem unterschiedliche Aspekte seiner Persönlichkeit ein eigenes Gesicht bekommen. Sicherheit, soziale Kompetenz, Vergnügen und Vernunft. All das soll ihm helfen, jenem heldenhaften Vision ähnlicher zu werden, dessen Erinnerungen er besitzt.

J.A.R.V.I.S., F.R.I.D.A.Y. und Co. sollen Vision helfen, seine Menschlichkeit zu entdecken. Dass ausgerechnet künstliche Intelligenzen dafür zuständig sind, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
J.A.R.V.I.S., F.R.I.D.A.Y. und Co. sollen Vision helfen, seine Menschlichkeit zu entdecken. Dass ausgerechnet künstliche Intelligenzen dafür zuständig sind, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Quelle: Marvel Television

Nur liegt darin bereits ein grundlegender Widerspruch: Vision versucht herauszufinden, wer er eigentlich ist, hat aber die Antwort gewissermassen schon vorgegeben. Er will wieder jener Vision werden, der einst Wanda liebte, als Avenger kämpfte und schliesslich für seine Überzeugungen starb. Dabei scheint er gar nicht auf die Idee zu kommen, dass er vielleicht jemand ganz anderes sein könnte.

Oder sogar sein dürfte.

Ausgerechnet Ultron versteht, was Leben bedeutet

Am interessantesten wird dieses Konzept mit einem weiteren Bewohner des Hauses. Einem, der allerdings nicht frei herumlaufen darf, sondern in einem abgeschlossenen Zimmer gefangen gehalten wird.

Ultron.

Jep, genau jener grössenwahnsinnige, soziopathische Roboter, der einst die gesamte Menschheit auslöschen wollte. Wieder herrlich von James Spader verkörpert, diesmal sogar in Fleisch und Blut. Zumindest als menschlicher Avatar.

Ultron auf Balkonien. Von Ferien kann allerdings keine Rede sein: Er sitzt als Gefangener in Visions virtuellem Gedankenhaus fest. Das passt ihm überhaupt nicht.
Ultron auf Balkonien. Von Ferien kann allerdings keine Rede sein: Er sitzt als Gefangener in Visions virtuellem Gedankenhaus fest. Das passt ihm überhaupt nicht.
Quelle: Marvel Television

Vision hat in Sokovia offenbar eine Sicherheitskopie Ultrons entdeckt und in sein digitales Zuhause aufgenommen. Warum, bleibt zunächst unklar. Seine Funktion beschreibt er jedenfalls treffend mit einem einzigen Wort: Arschloch. Und Ultron tut alles, um diesem Titel gerecht zu werden.

Er manipuliert die anderen KIs, provoziert Vision und versucht, dessen mühsam aufgebautes digitales Gleichgewicht zu stören. Besonders, als er Erinnerungen an Wanda und die Kinder hervorkramt, die Vision offensichtlich lieber verdrängen würde. Dabei entwickelt sich zwischen den beiden ein Gespräch, das mir besonders gut gefallen hat.

Ultron spricht über seine Vorliebe für Hüte. Für ihn stehen sie sinnbildlich für Aufbruch, Abenteuer und den Beginn einer Reise. Vision hingegen bevorzuge steife Schuhe, die zwar hervorragend aussähen, aber kaum zum Reisen einlüden. Sie seien eher dafür gemacht, aufrecht und stolz herumzustehen. Genau das, findet Ultron, tue Vision: Er stehe auf der Stelle.

James Spader spielt Ultron, als wäre Raymond Reddington aus «The Blacklist» endgültig jede moralische Hemmung abhandengekommen. Dieser süffisante Ton, die beiläufige Boshaftigkeit – ich könnte dem Mann stundenlang zuhören.
James Spader spielt Ultron, als wäre Raymond Reddington aus «The Blacklist» endgültig jede moralische Hemmung abhandengekommen. Dieser süffisante Ton, die beiläufige Boshaftigkeit – ich könnte dem Mann stundenlang zuhören.
Quelle: Marvel Television

Eine herrliche Metapher. Denn tatsächlich verbringt Vision seine Zeit damit, Erinnerungen zu studieren, statt eigene Erfahrungen zu sammeln. Er versucht zu verstehen, wie sein früheres Ich Liebe empfand, anstatt selbst zu lieben. Er analysiert, was den ursprünglichen Vision zum Helden machte, statt eigene Entscheidungen zu treffen. Ausgerechnet Ultron, der einst die Menschheit vernichten wollte, scheint besser zu verstehen, dass Leben nicht bloss aus Wissen besteht. Es besteht aus Erfahrungen. Aus Fehlern. Aus Entscheidungen, deren Konsequenzen sich nicht immer berechnen lassen.

Also hilft er ein bisschen nach. Auf seine ganz eigene, psychopathische Art …

Zwei verlorene Seelen, die sich selbst nicht finden

Parallel dazu lernen wir Tommy kennen, einen jungen Mann, der sich mit seiner Freundin als Trickbetrüger durchs Leben schlägt. Ein Schwindler, der weniger vom Geld als vom Betrügen selbst fasziniert scheint. Warum er die Leute nicht einfach bestehle, fragt ihn seine Freundin irgendwann. Das wäre doch viel unkomplizierter.

Tommy widerspricht. Ein Dieb müsse möglichst unsichtbar bleiben, erklärt er. Ein Betrüger hingegen könne jeden Tag jemand anderes sein. Sich ständig neue Persönlichkeiten ausdenken, neue Rollen spielen und damit seine Opfer hinters Licht führen. Ist doch viel spannender! Seine Freundin sieht das anders. Wer dermassen damit beschäftigt sei, jemand anderes zu sein, statt sie oder er selbst, könne genauso gut unsichtbar bleiben.

Autsch. Das sitzt.

Tommy trägt die Erinnerungen zweier Leben in sich, ohne zu wissen, welches davon wirklich seines ist. Kein Wunder zerreisst ihn die Frage nach seiner Identität fast.
Tommy trägt die Erinnerungen zweier Leben in sich, ohne zu wissen, welches davon wirklich seines ist. Kein Wunder zerreisst ihn die Frage nach seiner Identität fast.
Quelle: Marvel Television

Denn Tommy ist niemand Geringeres als einer der beiden Söhne, die Wanda innerhalb des Hex erschaffen hatte. Nach dessen Auflösung gelangte seine Seele in den Körper eines anderen Jungen. Nur weiss Tommy nicht, was damals genau passiert ist. Er besitzt Erinnerungen an ein Leben, das er nie geführt hat, und sieht vor seinem geistigen Auge gleichzeitig Bilder von Wanda und Vision, ohne zu verstehen, wer diese Menschen sind.

Das führt dazu, dass er unter Panikattacken leidet, sobald ihn seine widersprüchlichen Erinnerungen überwältigen. Deshalb ist sein Gespräch mit der Freundin so gelungen. Denn plötzlich wird klar, dass Tommy nicht einfach ein charmanter Hochstapler ist. Er flüchtet vor seiner eigenen Identität, indem er ständig neue erfindet.

Das macht Tommy zum spannenden Gegenstück von Vision. Beide wissen nicht, wer sie eigentlich sind, gehen mit dieser Unsicherheit aber völlig unterschiedlich um: Vision klammert sich an die Erinnerungen seines früheren Ichs, weil er unbedingt wieder so werden möchte wie damals. Tommy hingegen flüchtet vor seinen Erinnerungen, indem er ständig in neue Rollen schlüpft. Wo Vision seine Vergangenheit zum Ideal erhebt, versucht Tommy, ihr zu entkommen.

Die menschlichste Geschichte erzählt eine Maschine

Marvel hat in den letzten Jahren mehr als genug Geschichten erzählt, die grosse Fragen aufwerfen, nur um sie irgendwann unter einem Berg aus Action und CGI zu begraben (hust, «Secret Invasion», hust). «VisionQuest» könnte es besser machen. Zumindest deuten die ersten vier Folgen darauf hin, dass die Serie tatsächlich etwas mit ihren philosophischen Fragen anzufangen weiss:

Was macht uns zu dem, wer wir sind? Unsere Erinnerungen? Unsere Erfahrungen? Oder die Entscheidungen, die wir treffen?

Vor allem erinnert mich «VisionQuest» an das Beste von «WandaVision». Dort ging es um eine Frau, die sich in ihrer Trauer eine eigene Realität erschuf, weil sie die wirkliche nicht mehr ertragen konnte. «VisionQuest» dreht diesen Gedanken gewissermassen um: Hier versucht ein künstliches Wesen, seine eigene Existenz zu begreifen, indem es sich an die Erinnerungen eines Lebens klammert, das es selbst nie geführt hat.

Ob die Serie diesen Gedanken konsequent verfolgt oder im üblichen Marvel-Spektakel versinkt, bleibt abzuwarten. Gelingt ihr Ersteres, könnte ausgerechnet eine künstliche Intelligenz eine der menschlichsten Geschichten erzählen, die Marvel je hervorgebracht hat.

Titelbild: Marvel Television

4 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


Filme und Serien
Folge Themen und erhalte Updates zu deinen Interessen

Meinung

Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

2 Kommentare

Avatar
later