«The Odyssey» / Universal Pictures
Meinung

Warum mich «The Odyssey» staunen lässt – und Marvel nicht mehr

Luca Fontana
5.8.2026

Warum berührt mich ein neuer Marvel-Trailer kaum noch, «The Odyssey» dafür umso mehr? Die Antwort hat erstaunlich wenig mit Superhelden zu tun.

Ich habe in den vergangenen Jahren ziemlich oft versucht, mir eine Frage zu beantworten, auf die ich längst eine Antwort zu haben glaubte: Warum lassen mich Marvel-Filme – und viele Blockbuster generell – nicht mehr so staunen wie früher?

Vermutlich liegt es am Alter, schrieb ich. Ich war Anfang zwanzig, als das Marvel Cinematic Universe Fahrt aufnahm. Damals freute ich mich auf jeden neuen Trailer, zerlegte jede Post-Credit-Szene und diskutierte mit Freunden darüber, was wohl als Nächstes kommen würde. Die einzelnen Filme fühlten sich an wie Etappen einer riesigen Reise, deren Ziel wir noch nicht kannten. Bis «Infinity War» und «Endgame» daraus endgültig ein popkulturelles Ereignis machten, bei dem man dabei gewesen sein musste, um wirklich zu verstehen, wie gross das alles einmal war.

Heute schaue ich den Trailer zu «Avengers: Doomsday» und sehe alles, was mein 20-jähriges Ich hätte ausrasten lassen: Explosionen. Superhelden. Dystopische Welten. Laserstrahlen. Ganze Städte und Landschaften, die vor meinen Augen entstehen und wieder zerfallen.

Und ich? Sitze da. Schaue zu. Und spüre erstaunlich wenig.

Lange habe ich mir das mit Superhelden-Fatigue erklärt, einer Art Übersättigung nach einer Dekade voller Superheldenfilme. Oder damit, dass Marvel nach «Endgame» tatsächlich den roten Faden verloren hat, der das MCU einst so unwiderstehlich machte. Oder aber mein Filmgeschmack hat sich auch einfach verändert. Das wäre schliesslich das Normalste der Welt – erst recht, wenn man sich beruflich jeden Tag mit Filmen beschäftigt und irgendwann zwangsläufig beginnt, anders hinzuschauen.

Dann habe ich Christopher Nolans «The Odyssey» gesehen und war mindestens genauso überwältigt wie Kollege Patrick Vogt in seiner Filmkritik. Plötzlich dachte ich: Vielleicht habe ich all die Jahre nach der falschen Antwort gesucht.

Wenn alles möglich ist, beeindruckt nichts mehr

Versteh mich nicht falsch: Das hier soll keine Abrechnung mit Marvel werden. Oder CGI. Im Gegenteil. Computergenerierte Bilder haben das Kino revolutioniert.

Als Steven Spielberg 1993 in «Jurassic Park» einen Tyrannosaurus Rex aus dem Regen treten liess, sahen wir etwas, das es so noch nie gegeben hatte. In «The Lord of the Rings» prallten zehntausende Krieger vor Minas Tirith aufeinander. «Pirates of the Caribbean» verwandelte Bill Nighy in einen Mann mit einem lebendigen Kraken im Gesicht. Und James Cameron wiederum entführte uns in «Avatar» durch die biolumineszierenden Wälder eines fremden Mondes und Jahre später in «The Way of Water» durch dessen Ozeane.

CGI sprengte die physischen Grenzen des Filmemachens.

Plötzlich musste eine antike Stadt nicht mehr gebaut werden, damit sie existieren konnte. Eine Armee brauchte keine zehntausend Statisten mehr. Raumschiffe konnten ultra-realistisch gegeneinander kämpfen, wie es 1977 in «Star Wars» noch nicht möglich war (ja, es gab Raumschiffkämpfe; du weisst, was ich meine). Was früher am Geld, an Material, Sicherheit oder schlicht den Gesetzen der Physik scheiterte, erschaffte man nun am Computer.

Und wir konnten gar nicht genug davon bekommen.

Das Problem ist nur: Mittlerweile haben wir viel davon gesehen. Zu viel. Genau darin liegt paradoxerweise das Problem. Eine fotorealistische Weltraumschlacht ist keine Sensation mehr. Eine explodierende Stadt auch nicht. Selbst wenn ein Superheld durch ein Wurmloch fliegt, während hinter ihm drei Multiversen kollabieren, denken wir nicht mehr automatisch: Wie zum Teufel haben die das gemacht?

Wir wissen es ja. Am Computer.

Vermutlich schüttet unser Gehirn auch darum beim Gucken der x-ten Pixel-vs.-Pixel-Schlacht weniger Dopamin aus als früher. Denn wenn Spektakel beliebig skalierbar ist, verliert es seinen Reiz. Das soll die Arbeit der tausenden Künstlerinnen und Künstler hinter diesen Bildern keineswegs kleinreden. Was sie leisten, ist teilweise absurd aufwendig. Aber für uns im Kinosaal ist die Grenze des Machbaren verschwunden. Und mit ihr ein Teil des Staunens.

Seit ich angefangen habe, mich beruflich damit auseinanderzusetzen, merke ich das besonders. Greenscreens erkenne ich inzwischen locker. Mein Auge ist darauf trainiert, den Unterschied zwischen der harten, kontrollierten Ausleuchtung eines Studios zu sehen – wenn Schauspielende gar nicht dort stehen, wo der Film behauptet – und dem weichen, unberechenbaren Licht eines echten Drehorts.

Schau dir die beiden Bilder aus «The Last of Us» unten einmal an. Im ersten wirkt es fast, als wären Figuren und Hintergrund zwei verschiedene Ebenen. Die Konturen der Schauspielenden sind hervorragend lesbar, obwohl hinter ihnen die Sonne tief steht und der Himmel beinahe ausbrennt. Gleichzeitig wirkt der Hintergrund wie eine gewaltige Kulisse, die zwar beeindruckend aussieht, mit den Figuren aber kaum interagiert. Es gibt kaum Übergänge, kaum Elemente zwischen ihnen und der Skyline.

Ein Greenscreen-Shot, wie er im Buche steht.
Ein Greenscreen-Shot, wie er im Buche steht.
Quelle: HBO

Im zweiten Bild passiert genau das Gegenteil. Die Landschaft greift in die Figuren hinein. Das Licht fällt ungleichmässig auf Kleidung und Haare, das Gras reflektiert Grün, der Himmel beeinflusst die gesamte Farbtemperatur der Szene. Selbst der Hügel wirkt nicht wie ein Hintergrund, sondern wie ein Ort, den die Figuren tatsächlich betreten könnten. Nichts daran ist perfekt oder kontrolliert. Genau daran erkennst du, dass nicht in einem Studio gedreht worden ist.

Gedreht vor Ort, der Hintergrund wurde nur ein bisschen erweitert.
Gedreht vor Ort, der Hintergrund wurde nur ein bisschen erweitert.
Quelle: HBO

Bei Produktionen mit LED-Wänden statt Greenscreens erkenne ich manchmal sogar die Grenzen des Studios: Figuren verteilen sich merkwürdig eng im Vordergrund, obwohl sich hinter ihnen angeblich eine kilometerweite Landschaft erstreckt. Ich könnte im unteren Bild aus «Avengers: Doomsday» sogar schwören, zu erkennen, wo das Set aufhört und wo die LED-Wand beginnt: etwa auf Hüfthöhe der Figuren.

Dazu kommt noch die saubere, fast schon harte Ausleuchtung, die alle Figuren sauber vom Hintergrund loslöst.
Dazu kommt noch die saubere, fast schon harte Ausleuchtung, die alle Figuren sauber vom Hintergrund loslöst.
Quelle: Marvel Studios

Hat man einmal angefangen, darauf zu achten, kann man es kaum mehr nicht sehen. Das Spektakel bleibt riesig und fühlt sich trotzdem klein an. Tatsächlich glaube ich, dass wir deshalb gerade gar keine Superhelden-Fatigue erleben, sondern vielmehr eine Ermüdung gegenüber einer bestimmten Art von Spektakel: jener, bei der unser Gehirn längst aufgehört hat, nach den Grenzen zu suchen. Weil es weiss, dass es keine gibt.

Und dann kommt «The Odyssey».

Wie Nolan Spektakel ohne Computer macht

Christopher Nolan ist seit Jahren dafür bekannt, so viel wie möglich tatsächlich vor der Kamera entstehen zu lassen. Nicht weil CGI per se schlecht wäre. Aber der Mann ist überzeugt, dass sich die physische Realität eines Bildes nicht vollständig simulieren lässt. Bei «The Odyssey» treibt er diese Philosophie beinahe ins Absurde.

Der Film wurde in 91 Drehtagen unter anderem in Marokko, Griechenland, Italien, Schottland und Island gedreht. Berge sind Berge. Höhlen sind Höhlen. Strände sind Strände. Das Meer ist tatsächlich das Meer. Und «The Odyssey» ist der erste Langfilm überhaupt, der vollständig auf 70-Millimeter-IMAX-Film gedreht wurde. Dafür wurden sogar neue, leisere IMAX-Kameras und ein spezielles schallgedämmtes Gehäuse entwickelt, damit erstmals auch Dialogszenen in diesem Format praktikabel aufgenommen werden konnten. Insgesamt liefen rund 640 Kilometer Film durch diese Kameras.

Und dann ist da dieses Schiff.

Die «Draken Harald Hårfagre» ist ein echtes Schiff auf hoher See, kein Nachbau in einem kontrollierten Studiobecken.
Die «Draken Harald Hårfagre» ist ein echtes Schiff auf hoher See, kein Nachbau in einem kontrollierten Studiobecken.
Quelle: Universal Pictures

Odysseus und seine Männer fahren im Film nicht auf irgendeiner Studiokonstruktion. Nolan liess die «Draken Harald Hårfagre» umbauen, das grösste moderne Wikingerschiff seiner Art: 35 Meter lang, aus Eichenholz gebaut, mit einem 24 Meter hohen Mast und einem 260 Quadratmeter grossen Segel. Für «The Odyssey» entfernte man die modernen Elemente und verwandelte das Schiff so in ein antikes griechisches Kriegsschiff. Teile seiner tatsächlichen Besatzung spielten sogar im Film mit – jemand muss das Ding ja fahren.

Das ist historisch übrigens keineswegs perfekt. Ein Wikingerschiff ist schliesslich kein mykenisches Schiff. Aber darum geht es Nolan offenbar auch gar nicht. Ihm geht es um etwas anderes: Es schwimmt. Es wiegt. Es knarzt. Es reagiert auf Wind, Wasser und Wellen.

Genau das spürt man.

Denn wenn Odysseus und seine Männer über das Meer fahren, bewegt sich unter ihren Füssen kein künstlicher Boden, während an einem grünen Hintergrund ein digitaler Sturm berechnet wird und Sprinkler Regen simulieren. Das Schiff segelt tatsächlich und wird von den Männern gesteuert, die man vor der Kamera sieht, kämpfend und ächzend, weil sich dessen Verhalten nicht Frame für Frame kontrollieren lässt. Und da steht eine 180 Kilo schwere IMAX-Kamera mittendrin.

Nolan selbst beschrieb diese Dreharbeiten auf See als etwas beinahe Ursprüngliches. Das passt. Denn plötzlich besitzt dieses riesige Hollywood-Spektakel wieder etwas, das modernen Blockbustern erstaunlich oft fehlt:

Widerstand.

Ein digitales Bild kann alles, ein physisches Bild muss sich alles verdienen

Genau das ist der Punkt: Die technische Arbeit hinter CGI mag enorm sein, aber die Grenzen sind es nicht mehr. Die Realität hingegen funktioniert anders. Ein Schiff kann kentern. Eine Welle kommt nicht auf Kommando. Wind wechselt die Richtung. Regen hört auf, wenn man ihn gerade braucht. Das Klettern über Geröll und Stapfen durch nassen Sand kostet Kraft. Eine IMAX-Kamera ist verdammt schwer, braucht Platz und zwingt die Crew, Lösungen zu finden. Und ein echter Berg lässt sich nicht drei Meter nach links verschieben, weil die Bildkomposition dann schöner wäre.

Kurz: Die Wirklichkeit widersetzt sich und macht Spektakel eben nicht beliebig skalierbar. Genau das spürt das Publikum, auch ohne zig Making-Ofs und Behind-the-Scenes geguckt zu haben. Ich glaube, genau das – dieser Widerstand – ist es, wonach wir uns wieder sehnen. Wonach ich mich wieder sehne. Denn er gibt Bildern einen Wert. Lässt sie weit mehr «kosten» als bloss Geld. Und plötzlich interessiert mich wieder diese eine Frage:

Wie zum Teufel haben die das gemacht?

Nimm den Ausschnitt unten aus «1917». Man hätte 80 Prozent der Soldaten locker mit dem Computer animieren können. Man hätte sie damit sogar verdoppeln können. Aber Regisseur Sam Mendes hat darauf verzichtet. Für ihn hiess noch grösser nicht einfach noch mehr Rechenleistung, sondern mehr Menschen, mehr Logistik, mehr Planung, mehr Risiko und mehr Improvisation. Die physische, sich widersetzende Welt setzt Grenzen – und gute Filmemacher müssen kreativ werden, um sie zu überwinden. Das Resultat? Einer der denkwürdigsten Shots der Kinogeschichte.

Das ist übrigens keine nostalgische Forderung nach einem Kino ohne Computer. Das wäre Unsinn. Schon «The Lord of the Rings» funktionierte gerade deshalb so gut, weil Peter Jackson Miniaturen, Masken, echte Landschaften, Motion Capture und CGI perfekt miteinander verschmolz. Das eine muss und soll das andere nie ersetzen. Nur hat Hollywood irgendwann vergessen, warum dieser Mix so wichtig ist.

CGI war einmal das Werkzeug, mit dem Filmschaffende die Realität erweiterten. Heute wird sie einfach ersetzt – manchmal sogar durch einen einzigen Prompt …

Darum fühlt sich «The Odyssey» so gross an

Kommen wir zurück zu «Avengers: Doomsday». Ich freue mich auf diesen Film. Wirklich. Ich liebe diese Figuren, habe einen beträchtlichen Teil meines Lebens damit verbracht, ihre Comics zu lesen, ihre Filme zu schauen und darüber zu schreiben. Wenn Doctor Doom auf der Leinwand steht und die Avengers sich wieder versammeln, wird mein innerer Teenager garantiert jubeln.

Aber Marvel kann heute hundertmal mehr auf der Leinwand zeigen als noch 2008 bei «Iron Man» – und trotzdem fühlt es sich für mich oft nach weniger an.

Vielleicht liegt das gar nicht daran, dass Superhelden ausgedient haben. Oder daran, dass ich älter geworden bin. Und auch nicht allein daran, dass Marvel nach «Endgame» erzählerisch seinen Kompass verloren hat. Vielleicht hat sich einfach verändert, was mich staunen lässt.

Denn das Unmögliche beeindruckt mich nicht mehr automatisch, nur weil jemand es digital darstellen kann. Ich will wieder spüren, dass jemand daran gescheitert sein könnte. Dass Wind, Wasser, Gewicht, Licht, Material oder schlicht die verdammte Physik irgendwann gesagt haben: Nein. Das geht nicht. Und dass jemand trotzdem eine Lösung gefunden hat.

Es mag nicht der visuell pompöseste Fall Trojas sein, aber der echteste – und ist für mich damit der spektakulärste.
Es mag nicht der visuell pompöseste Fall Trojas sein, aber der echteste – und ist für mich damit der spektakulärste.
Quelle: Universal Pictures

Genau deshalb ist «The Odyssey» für mich mehr als ein Triumph Christopher Nolans. Der Film ist auch eine Erinnerung daran, was Kino einmal so aufregend gemacht hat. Nicht die Grösse eines Bildes. Sondern der schier unmöglich scheinende, physische Aufwand, den es gekostet hat, dieses Bild überhaupt entstehen zu lassen.

CGI hat dem Kino einst die Grenzen genommen. Das war seine grosse Revolution. Es erlaubte Filmemachern, Welten zu erschaffen, die zuvor nur in ihren Köpfen existierten. Hoffentlich beginnt jetzt eine neue Phase. Eine, in der Grenzen wieder wertvoll werden. Denn wenn jedes erdenkliche Bild erzeugt werden kann, ist nicht mehr das Unmögliche das grösste Spektakel.

Sondern das Echte.

Titelbild: «The Odyssey» / Universal Pictures

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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