
Unbekannte Stabschrecken überraschen Biologen
Stabschrecken sind Meister der Tarnung. Deshalb ist es wenig erstaunlich, dass sie lange menschlichen Augen entgehen – selbst in gut untersuchten Gebieten.
Schätzungen zufolge leben bis zu 20 Millionen Insektenarten auf der Erde: Weit mehr als die bislang bekannten 1,2 Millionen Sechsbeiner, welche die Wissenschaft schon beschrieben hat. Selbst in gut untersuchten Regionen stossen Biologen noch auf grosse Insektenspezies, die den früheren Taxonomen entgangen sind. Ein Team um Braxton Jones von der University of Sidney beispielsweise stellt nun drei neue Stabschreckenarten vor, von denen eine wahrscheinlich bereits stark bedroht ist: Sie lebt im Mabi-Regenwald des australischen Bundesstaats Queensland, von dem nur noch kleine, zerstückelte Flächen übrig sind.
Stabschrecken ähneln grünen oder braunen Zweigen und sind daher in der Vegetation oft nur schwer auszumachen. Manche Arten unterscheiden sich optisch zudem oft nur durch die unterschiedliche Form ihrer Eier. Die Arbeitsgruppe untersuchte in ihrer Arbeit Vertreter der Gattung Anchiale, die an der australischen Ostküste weitverbreitet ist. Dazu glich sie Museumsexemplare untereinander ab, analysierte deren DNA und wertete Bilder von Naturbeobachterplattformen wie iNaturalist aus, wo Interessierte Fotos zahlreicher Tiere und Pflanzen hochladen und bestimmen lassen können.
Als eine der grossen Überraschungen kristallisierte sich dann heraus, dass eine oft von Liebhabern gehaltene Stabschrecke seit Jahrzehnten falsch identifiziert und mit einer verwandten Art verwechselt wurde. Stattdessen handelt es sich bei Anchiale robusta und der lange bekannten A. briareus um zwei verschiedene Spezies. Sie hatte sich also vor aller Augen verborgen. Gänzlich neu dagegen ist Anchiale mabiensis, welche der bislang ursprünglichste Vertreter dieser Gattung ist: Ihre Weibchen erreichen eine Länge von bis zu zwölf Zentimetern, die Männchen bleiben etwas kleiner. Die Eier der Tiere weisen einen Verschluss auf, dessen Form so noch bei keiner anderen Art von Stabschrecken oder damit verwandten Insekten beobachtet wurde.
Anchiale mabiensis kommt auf den Atherton Tablelands vor, die vor der Besiedlung durch Europäer weitgehend mit Regenwald bedeckt waren. Heute stehen davon nur noch wenige Hundert Hektar, die auf isolierte, inselartige Flecken verteilt sind. Sie werden durch Veränderungen des Mikroklimas und invasive Arten bedroht. Dabei ist ihre Artenvielfalt nur ansatzweise bekannt. Erst 2025 entdeckten Biologen hier eines der schwersten Insekten Australiens: die Stabschrecke Acrophylla alta mit einem Gewicht von bis zu 44 Gramm und einer Länge von 40 Zentimetern.
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