Trailer Tuesday: Ein Tribut an Ennio Morricone
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Trailer Tuesday: Ein Tribut an Ennio Morricone

Luca Fontana
Zürich, am 07.07.2020
Ennio Morricone ist tot – der legendäre Filmkomponist verstummt. Seine Musik aber lebt weiter. An die wollen wir uns im heutigen Trailer Tuesday erinnern.

Der Maestro. So wurde Ennio Morricone immer genannt. Einfach, weil seine Musik tatsächlich meisterhaft war. Am 6. Juli 2020 ist der Filmkomponist nun für immer verstummt, im Alter von 91 Jahren.

Sergio Leone, der Regisseur der «Dollar»-Trilogie, sagte einst: «Morricone ist für mich mehr ein Drehbuchautor als ein Komponist. Seine Musik erzählt Dinge, für die ich ansonsten hätte Bilder einsetzen müssen.»

Diese Musik soll im heutigen Trailer Tuesday gewürdigt werden. Fünf seiner besten Kompositionen.

The Good, the Bad and the Ugly

Wer kennt sie nicht, diese treibende Titelmelodie, die mal geschrien, mal gepfiffen, mal gesummt und mal wie aus der Pistole geschossen wirkt: Aiaiaiaaaaaaaaah – daa-daa-daaa!

Kritiker beschrieben Morricones Filmmusik zu «Il buono, il brutto, il cattivo», so der Italo-Western im Original, als «Klapperschlange in einer Trommel». Denn der Maestro setzte nicht aufs traditionelle Orchester. Stattdessen sind da Maultrommeln, E-Gitarren, Harfen oder Panflöten. Irgendwo gar Kojotengeheule. Knallende Peitschen. Glocken. Alles, was du damals nicht in einem Western erwartet hättest.

Majestätischer und gleichsam romantischer geht dieser Wilde Westen zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs nicht. Im Film jagen ein Kopfgeldjäger, ein Bandit und ein mexikanischer Flüchtling auf einer Schnitzeljagd der Verlockung des gestohlenen Goldes hinterher. Bis zum Schluss, dem wohl epischsten Mexican-Dreimann-Standoff aller Zeiten – perfekt untermalt von Morricones Musik.

Kinostart: 23. Dezember 1966
Einspielergebnis: 25,3 Millionen Dollar

Once Upon a Time in the West

Ich weiss nicht, ob Ennio Morricones Musik zu «C'era una volta il West» weniger bekannt ist als «Il buono, il brutto, il cattivo». Meiner Meinung nach ist sie aber Morricones besseres Werk. Vielleicht sogar sein bestes.

Kein Wunder: Sergio Leone, der Regisseur, schenkte Ennio Morricone die «Freiheit eines Komponisten», wie es Journalist Marc Zollinger für die NZZ so treffend formuliert hat. Denn wo Filmkomponisten üblicherweise die Musik zum fertigen Bild schreiben, liess Leone seinen Maestro die Musik schreiben, bevor das Bild überhaupt entstanden ist – und spielte sie während des Drehs, um Cast und Crew zu inspirieren.

Und was für eine Inspiration das gewesen sein muss.

Unvergessen das wunderschöne, opernhafte Hauptthema, das zum ersten Mal erklingt, als die von Claudia Cardinale gespielte Jill alleine am Bahnhof im fiktiven Städtchen Sweetwater ankommt. Da ist diese bittersüsse Note, die Jills Hoffnung auf ein besseres Leben nicht besser einfangen könnte. Ein Schatz, diese Melodie.

Und dann natürlich das Thema des «Man With A Harmonica». Eiskalt läuft es einem den Rücken runter, wenn die Mundharmonika spielt. Sie ist ein Vorbote. Ein Vorbote für den nahenden Tod.

Gebracht wird er von Charles Bronsons Charakter, von den Bösen schlicht «Harmonika» genannt. Erst in der finalen Szene wird Harmonikas wahre Identität offenbart – und mit ihm die Bedeutung des Liedes vom Tod. Denn das Lied ist einzig Frank bestimmt, den von Henry Fonda gespielten kaltblütigen Mörder, dessen blutige Vergangenheit ihn endlich einholt.

Kinostart: 21. Dezember 1968
Einspielergebnis: Unbekannt

Cinema Paradiso

Für Ennio Morricone gab es zwei Regisseure, für deren Filme er stets die Musik schrieb: Sergio Leone und Giuseppe Tornatore. «Cinema Paradiso», im Original «Nuovo Cinema Paradiso», ist die erste Zusammenarbeit zwischen Morricone und Tornatore.

Über den Film könnte ich stundenlang reden. Ein Meisterwerk in jeder noch so kleinen Szene. Er verbindet nostalgische Sentimentalität mit Komödie und Pragmatismus. Er fragt sich, was Erwachsenwerden bedeutet und was Liebe ist. Oder ein gutes Leben. Aber vor allem ist «Cinema Paradiso» eine riesengrosse und emotionale Liebeserklärung ans Kino selbst, die 1989 mit dem Oscar für den «besten ausländischen Film» ausgezeichnet worden ist.

Morricones Musik zum Film ist eines seiner melodiösesten Werke. Traditionell, könnte man schon fast sagen. Gerade für den ansonsten eher experimentellen Morricone. Tatsächlich sind die Streicher hier besonders prominent. Nur hier und da werden sie vom Pianisten oder Flötisten unterbrochen.

Bekannt ist der Film aber vor allem für seine letzte Szene: Die Kuss-Montage-Szene, in welcher Salvatore (Jacques Perrin), ein erfolgreicher Regisseur, die Filmrolle seines alten und mittlerweile verstorbenen Freundes Alfredo (Philippe Noiret) abspielt. Alfredo, in den späten 1940er der Filmvorführer im alten Kino des sizilianischen Dorfes – eines der ersten Kinos des Landes – hat nämlich über all die Jahre sämtliche «obszönen» Szenen, die er auf Anordnung des Dorfpfarrers schneiden musste, behalten und für Salvatore aufbewahrt.

Ich glaube, es gibt keine von Morricone vertonte Szene, die mir mehr Tränen in die Augen zu treiben vermag, als diese hier. Morricone, deine Musik wird vermisst werden.

Kinostart: 17. November 1988
Einspielergebnis: 12,9 Millionen Dollar

The Untouchables

Chicago, 1930. Zu Zeiten der Prohibition – über ein Jahrzehnt lang ist die Produktion, der Import und der Transport von alkoholischen Getränken in den USA verboten – mordet, erpresst und betrügt Unterweltboss und Gangster Al Capone die Stadt. Und das in aller Öffentlichkeit. Aber wirklich was beweisen lässt sich nie.

Schliesslich gelingt es der Justiz doch, ihn dranzukriegen. Allerdings für etwas, was Al Capone selbst nie auf dem Schirm hatte: Steuerhinterziehung. «The Untouchables», der Film, erzählt die Geschichte jener Männer, die das unter Einsatz ihres Lebens bewerkstelligt haben. Allen voran der korruptionsresistente Eliot Ness, gespielt vom jungen Kevin Costner.

Morricones Musik für Brian De Palmas Film – eine der wenigen Hollywood-Produktionen Morricones – ist majestätisch und nuanciert zurückhaltend zugleich. In seinen heroischen Momenten donnert das Orchester mächtig und triumphierend. Al Capones Thema hingegen hat den lässigen Swing der 1930er-Jahre. Und das einsame Saxophon in Ness’ Thema spiegelt die Notlage des unpopulären Prohibitionsagenten perfekt. Nein, du wirst wohl keinen besser klingenden Gangsterfilm finden als «The Untouchables».

Kinostart: 5. Juni 1987
Einspielergebnis: 76,3 Millionen Dollar

The Hateful Eight

«The Hateful Eight» ist nicht Quentin Tarantinos bester Film. Vielleicht nicht mal einer seiner Top 3. Dafür aber hat der Film eine der besten musikalischen Untermalungen Ennio Morricones. Düster. Schwer. Voller Spannungsaufbau. Und das einzige Werk des Maestros, das je mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Viel zu spät, natürlich. Morricone ist zu diesem Zeitpunkt – die Verleihung fand 2016 statt – bereits 87 Jahre alt. Rührend: Die erste Person, die Morricone zum Oscar gratuliert, ist eine andere Legende der Filmmusik – John Williams.

Tatsächlich hat die beiden Männer, die gerade erst mit dem spanischen Asturien-Preis geehrt worden sind, eine tiefe Freundschaft verbunden. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – Morricone und Williams nicht immer einer Meinung gewesen sind. Trotzdem wussten sie, das Genie des anderen stets zu schätzen. So sehr sogar, dass Morricone sich in seiner Oscar-Dankesrede explizit bei Williams bedankt.

Kinostart: 25. Dezember 2015
Einspielergebnis: 155,8 Millionen Dollar


Das Lebenswerk des Maestros ist grösser als die mächtige Prärie in Sergio Leones Italo-Western. Dem gerecht zu werden? Ein Ding der Unmöglichkeit. Du kennst sicher noch Ennio-Morricone-Werke, die in diese Liste gehört hätten. Schreib sie in die Kommentare. Ich werde in jedes einzelne davon reinhören und schwelgen.

Ihr hoffentlich auch.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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